Katharsis oder Verstärkung? Objekte der Moral?

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Der Neandertaler
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Katharsis oder Verstärkung? Objekte der Moral?

Beitragvon Der Neandertaler » Mi 3. Okt 2018, 11:42

In Barcelona, Turin, Moskau und Dortmund sind kürzlich neue, exklusive Clubs eröffnet worden. Es ist eine Kette, die diese Clubs betreibt. Von der Google-Gemeinde werden diese Einrichtungen durchschnittlich mit 4,7 Sternchen ausgezeichnet. Die Besucher sind durchweg begeistert. Euphorisch schrieb kürzlich ein Besucher namens "HappyHappy":
    "Hier werden Wünsche war! Hat echt Spaß gemacht dort. Sehr freundliches Personal."
Keiner der Gäste stört sich daran, daß er es dort nur mit Robotern zu tun hat. Diese Puppen werden mit immer mehr künstlicher Intelligenz versehen ... mit allerlei Mechatronik. Sie kommen einem Nutzer daher täuschend echt vor - Lernerfahrungen mit menschenähnlichen Maschinen. Die Modelle sind möglichst realistisch echten Menschen nachempfunden. Eine hochgewachsene blonde und besonders exotisch aussehende Russin, namens Irina, ist vor allem bei Geschäftsleuten aus dem Nahen Osten gefragt. Ihr Service:
    Massagen, Lapdances und natürlich weitere persönliche Varianten.
In Turin ist eine derartige Einrichtung nach dreiwöchiger Betriebssamkeit kürzlich wieder geschlossen worden. Die zuständigen Behörden hegten Zweifel, ob Hygiene-Bestimmungen eingehalten werden, hieß es. Der, nun ja, etwas eigenwillige Anbieter sagte zu, das Säuberungssystem, was bemängelt wurde und nun zur Schließung führte, solle nun überprüft werden. Allerdings ist noch unklar, ob und wann das Geschäft wieder geöffnet werden kann. Medienberichten zufolge sollte in diesem Eta­b­lisse­ment eine halbe Stunde 80 Euro kosten. Dafür gab es sieben verschiedene, vorwiegend weibliche Modelle zur Auswahl, wobei der zahlende Kunde das Outfit seiner Außerwählten frei wählen darf:
    "Fitness" oder "Sekretärin"
In Freiberg am Neckar prüft zurzeit das Ordnungsamt etwas verwirrt, wie die Räume der Firma Charisma baurechtlich einzuordnen sind?
    ... als Vergnügungsstätte?
Man kann sich diese teuren Clubs auch sparen und gleich eines der angebotenen Puppen-Modelle kaufen. Und obwohl alle diese Modelle nicht gerade billig sind - sie kosten so um die 10.000 Euro, ergibt eine Suchanfrage bei Amazon mehr als 10.000 Treffer. Zahlreiche Rezensionen deuten zudem darauf hin, daß diese Puppen auch tatsächlich gekauft werden. Der schottischer Schachmeister und Computerexperte, David Levy, prognostiziert kühn, bereits im Jahr 2025 würden Roboter emotional empfindsamer sein. Levy sagte dem Magazin Scientific American, daß Menschen, die mit allen möglichen elektronischen Gimmicks aufwachsen, androide Roboter als etwas ganz Normales akzeptieren werden. Die ersten dieser Puppen werden bereits mit allerlei künstlicher Intelligenz versehen. Allerdings beschränkt sich diese bei den einschlägig angebotenen Modellen bisher lediglich auf den Kopf. Weltweit ist es immerhin ein 30-Milliarden-Dollar-Markt - trotzdem wird es ein Nischenmarkt bleiben. Nichtsdestrotz arbeitet die einschlägige Industrie mit großer Unbefangenheit und viel Erfindergeist. Mit der eingebauten KI sollen sie angeblich zu einigermaßen intelligentem Dirty Talk befähigt sein. Darüberhinaus sollen sie mit der Zeit die Persönlichkeit ihres Besitzers kennenlernen und entsprechend auf ihn reagieren. Etwa hat das Unternehmen Hanson Robotics in Hongkong den Roboter "Sophia" hergestellt, der Gesichter erkennen kann und tatsächlich eine realistische Gestik und Mimik drauf hat. "Sophia" führte 2017 bei den Vereinten Nationen eine kurze Konversation mit der UN-Vizegeneralsekretärin - woraufhin Saudi-Arabien ihr am 25. Oktober 2017 offiziell die Staatsbürgerschaft verliehen hat. Ansonsten verfügt keines der derzeitigen Markt-Modelle über eine ansatzweise menschliche Motorik - weder kann es laufen, noch beherrscht es irgendwelche irgendwelche Finger- oder Streichelfertigkeiten. Allerdings besticht ihr Aussehen. Das neueste Spitzenmodelle auf dem Markt, die um die 15 000 Dollar teure "Harmony", sieht sehr realistisch aus - unter Anderem kann der Käufer bei der Bestellung die Augenfarbe bestimmen. Gestik und Mimik:
    Augenbrauen heben, sowie Augen und Lippen bewegen, wenn sie redet. Es wirkt allerdings nicht synchron ... eher wie ein schnappender Fisch ... wie eine ultra-realistische Schaufensterpuppe, die zu viel getrunken hat.
Das Unternehmen wirbt:
    "Die verschiedenen Stellungen, die die Puppen können, sind vielfältig, nahezu alle im Kamasutra"
Wie so häufig bei neuen Technologien, gibt es auch bei diesem Thema (künstliche Bettgefährten - das hyperrealistische Sexmodell) bereits starke Meinungen. Kathleen Richardson, etwa, Professorin für Roboter- und KI-Ethik an der University of Leicester, führt geradezu einen Kreuzzug, sie will deren Verbot erreichen. Die bislang üblichen Modelle verführten zu verstärkten Geschlechterstereotypen. Mit ihren meist dicken Brüsten bedienten sie pornografische Phantasien - die Frau würde durch die Sexroboter noch mehr zur Ware und zum Objekt degradiert - Sex mit der Maschine würde sexuelle Belästigung befördern und Vergewaltiger anstacheln. Eine Studie von Forschern um Jamy Li von der niederländischen University of Twente zeigte, daß Testpersonen bereits erregt wurden, wenn sie den braven, eigentlich geschlechtslosen Roboter Nao an Stellen berührten, die beim Menschen als intim gelten:
    schnellerer Herzschlagt - sie schwitzen und erröten.
      Frage:
        wären nicht Dildos und Vibratoren für Frauen etwas, was umgekehrt die Männer langfristig überflüßig machen würde?
Aldebaran Robotics SAS, Hersteller des 1,20 Meter großen humanoiden Roboters "Pepper" – mit seinem weißer Plastikkörper, Kulleraugen und Stupsnäschen, verbietet den Käufern sexuelle Aktivitäten mit "Pepper". Der Wirtschaftsinformatiker und Maschinenethiker Oliver Bendel von der Fachhochschule Nordwestschweiz findet das Angebot im Dortmunder Bordoll irritierend:
    eine ohne Intimbehaarung, nur einen Meter mädchenkleine Manga-Puppe - nur die großen Brüste weichen vom Kinderschema ab. Wie ist das zu bewerten?
      ... werden hier etwa Pädophile bedient?
Die häufigsten Kunden im Bordoll seien allerdings junge, schüchterne Männer mit Angst vor realen Sexualkontakten, so heißt es. Die Psychologin Yuefang Zhou von der Universität Potsdam sagt, daß "Lernerfahrungen mit menschenähnlichen Maschinen ein unangepasstes Sexualverhalten reduzieren" kann, "allerdings könnte auch das Gegenteil der Fall sein und der Umgang mit einem scheinbar kindlichen Roboter könnte pädophile Gedanken verstärken." Manchen Kaufinteressenten mag es zudem locken, daß Harmonys Silikonvagina automatisch feucht werden kann.
Oliver Bendel:
    "Das Thema ist bereits da - wir sollten uns damit beschäftigen."
    Zusatzfrage:
      "Wie vergewaltigt man eine Maschine, die per Definition immer verfügbar ist ... verfügbar sein muß?
      Müßte man ihr also einen Widerstands-Modus einbauen, der dann gebrochen werden könnte?"
        Wäre doch für irgendwelche IT-Werkstätten ein Zukuftsentwicklungsfeld.
    Und so widerlich man das finden mag:
      wäre das unmoralisch?
    "Ich teile Ihre Meinung nicht, ich werde aber bis zu meinem letzten Atemzug kämpfen, daß Sie Ihre Meinung frei äußern können." (Voltaire)

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