Spenderorgan-Mangel: Vorstoss Widerspruchslösung

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Vongole
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Re: Spenderorgan-Mangel: Vorstoss Widerspruchslösung

Beitragvon Vongole » Mi 5. Sep 2018, 16:16

Kritikaster hat geschrieben:(05 Sep 2018, 10:54)

Ich werbe ja auch dafür, sich mit dem Thema zu befassen, lehne aber entsprechenden Druck/Zwang ab. Und letztgenannter Punkt wiegt für mich eben besonders schwer.


Ich kann deine ganzen Argumente nachvollziehen, habe aber eine Frage:
Hast du mal erlebt oder gehört, welcher Druck auf Angehörige eines Patienten ausgeübt wird, der sich zu Lebzeiten eben nicht mit dem Thema auseinander gesetzt hat, sei es aus Desinteresse oder auch Angst?
Um genau das zu vermeiden, trage ich meinen Spenderausweis immer bei mir.
Ich denke, die Widerspruchsregelung macht es Menschen leichter, sich zu entscheiden. Haben sie wie immer auch geartete Zweifel, stimmen sie einfach mit "Nein, ich will das nicht".
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Billie Holiday
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Re: Spenderorgan-Mangel: Vorstoss Widerspruchslösung

Beitragvon Billie Holiday » Mi 5. Sep 2018, 16:29

Alana4 hat geschrieben:(05 Sep 2018, 16:32)

ALLE Eventualitäten kann und will ich gar nicht bedenken.
Ich stehe dazu: wenn irgend möglich, sollen meine Hinterbliebenen gefragt werden.
Aber......ich werde über den Fall "muss schnell gehen nach Unfall" nochmal nachdenken.
Wenn aber noch der Hauch eines Lebens in mir ist nach einem Unfall z.Bsp.- dann sollte doch von denen, die vor Ort sind (Rettungsdienst, Polizei....) in meiner Tasche das Zettelchen mit den "Notfall-Anruf-Nummern" meiner Lieben gefunden werden. Nach dem Organspendeausweis müsste ja auch erst gesucht werden. Und irgendeiner meiner Leute wird schon ans Handy gehen. ;)


Warum sollte der Empfang eines Spenderorgans an eine solche Bedingung geknüpft sein? Dann könnte verdammt viel von Bedingungen abhängig gemacht werden. "Konsequenz" wenn es ums eigene Leben geht? Eher nicht.

Und....wenn du tot bist, gehört dir gar nichts mehr. ;)


Dennoch hätte mich die Antwort interessiert. Im Sinne von ich will haben, aber nicht geben und die Gründe dafür.

Bis zum letzten Atemzug gehört mir alles, was in mir so rumflattert, deshalb entscheide ich allein, ob und was ich spende. Meine Kinder wissen das und auch, wo meine Urne hinsoll. Skrupel oder Trauer, die meine Ausweidung verhindern oder verzögern, werden durch solch eine klare Aussage verhindert.
Wer mich beleidigt, bestimme ich.
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Re: Spenderorgan-Mangel: Vorstoss Widerspruchslösung

Beitragvon Kritikaster » Mi 5. Sep 2018, 17:05

Vongole hat geschrieben:(05 Sep 2018, 17:16)

Ich kann deine ganzen Argumente nachvollziehen, habe aber eine Frage:
Hast du mal erlebt oder gehört, welcher Druck auf Angehörige eines Patienten ausgeübt wird, der sich zu Lebzeiten eben nicht mit dem Thema auseinander gesetzt hat, sei es aus Desinteresse oder auch Angst?
Um genau das zu vermeiden, trage ich meinen Spenderausweis immer bei mir.
Ich denke, die Widerspruchsregelung macht es Menschen leichter, sich zu entscheiden. Haben sie wie immer auch geartete Zweifel, stimmen sie einfach mit "Nein, ich will das nicht".

Gehört habe ich das wiederholt, vor allem von einer meiner Schwestern, die im Krankenhaus arbeitet. Daher auch meine Aussage:
Ich halte es allerdings für fragwürdig, bei zuvor nicht erfolgter Einwilligungserklärung des Verstorbenen überhaupt Angehörige diese Entscheidung treffen zu lassen.

Die Schwierigkeit, über andere zu entscheiden, habe ich noch nicht im Zusammenhang mit Organspende erlebt, wohl aber anlässlich der Frage nach Umsetzung der Patientenverfügung meines Vaters. Von daher glaube ich, mir eine ungefähre Vorstellung davon machen zu können, unter welchem Druck auf der anderen Seite Ärzte stehen müssen, für die es nach dem Ableben eines geeigneten Spenders schnell gehen muss, die Organentnahme vorzunehmen.

Dass ich selbst meinen Organspenderausweis bei mir trage, habe ich hier bereits deutlich gemacht. Ich kann mich bloß überhaupt nicht mit der Idee anfreunden, dass es bei diesem Thema letztlich darauf hinaus laufen soll, Schweigen als Zustimmung zu werten oder einen gesellschaftlichen Anspruch gegenüber dem Individuum zu postulieren, sich mit der Thematik befassen zu MÜSSEN.
Der am höchsten entwickelte Sinn ist der Unsinn. (Peter E. Schumacher)
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Re: Spenderorgan-Mangel: Vorstoss Widerspruchslösung

Beitragvon Moses » Mi 5. Sep 2018, 17:23

Ich selbst habe auch einen Organspende Ausweis (ehemaliger Motorradfahrer)

Bei der Frage, ob zukünftig eine klares "Nein" erforderlich sein soll um nicht als Organspender zu dienen bedingt, nach meiner Auffassung, eine Abwägung der Interessen. Auf der einen Seite, Patienten die auf ein Spenderorgan angewiesen sind zum Überleben und auf der anderen Seite der potentielle Spender, der sich dann aktiv mit diesem Thema auseinandersetzen muss um sein "Nein" auszudrücken - oder wie Kritikaste schrieb: der
"gesellschaftlichen Anspruch gegenüber dem Individuum"

Ich glaube hier sollte die Diskussion ansetzen. Ich für meinen Teil neige die Wage zum Empfänger, ich finde dessen Interesse wiegt schwerer.
Der Herr gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich nicht hinnehmen kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.
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Re: Spenderorgan-Mangel: Vorstoss Widerspruchslösung

Beitragvon Kritikaster » Mi 5. Sep 2018, 17:45

Moses hat geschrieben:(05 Sep 2018, 18:23)

Ich selbst habe auch einen Organspende Ausweis (ehemaliger Motorradfahrer)

Bei der Frage, ob zukünftig eine klares "Nein" erforderlich sein soll um nicht als Organspender zu dienen bedingt, nach meiner Auffassung, eine Abwägung der Interessen. Auf der einen Seite, Patienten die auf ein Spenderorgan angewiesen sind zum Überleben und auf der anderen Seite der potentielle Spender, der sich dann aktiv mit diesem Thema auseinandersetzen muss um sein "Nein" auszudrücken - oder wie Kritikaste schrieb: der
"gesellschaftlichen Anspruch gegenüber dem Individuum"

Ich glaube hier sollte die Diskussion ansetzen. Ich für meinen Teil neige die Wage zum Empfänger, ich finde dessen Interesse wiegt schwerer.

Für mich selbst habe ich die Frage - wohlgemerkt: auf absolut freiwilliger Basis (!), wie es sich m. E. gehört - ähnlich gewertet wie Du und mit einer positiven Willenserklärung bekundet.

Wenn ich in diesem Strang lese, dass offenbar selbst Eltern bereit wären, sich über den erklärten Willen ihrer Kinder hinweg zu setzen, um deren Organe zur Entnahme frei zu geben, dann steigert das nicht gerade mein Vertrauen, dass bei unbeteiligten Dritten die Hemmungen, ein solches "Nein" zu ignorieren, in jedem Fall stärker ausgeprägt wären.
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Re: Spenderorgan-Mangel: Vorstoss Widerspruchslösung

Beitragvon JJazzGold » Mi 5. Sep 2018, 18:36

McKnee hat geschrieben:(05 Sep 2018, 12:51)

Es spricht alles für eine Verantwortung von Kliniken und Politik, die NICHT zu Lasten der Rechte der Menschen, also Eingriffe in ihren höchstpersönlichen Lebensbereiche, gehen darf.



Viele Aufgaben, die bisher wohl eher versäumt wurden. Kein Wort von einer Abkehr der bisherigen Praxis der eigenverantwortlichen und freiwilligen Organspende.

Ja, sie wird auch bei einer vom Staat mit der Geburt oder spätestens dem 15. Lebensjahr an geltenden und bestimmten Organspende bleiben. Es gibt aber keinen Grund dafür, da die Ursachen der derzeitigen Probleme anders gelagert sind, von demokratischen Prinzipien abzuweichen.

Es ist bezeichnend, dass Spahn erst in die Offensive ging, dann andere Ursachen eingestehen musste und nun gefühlt gar nicht mehr über die Abkehr von der freien und selbstbestimmten Entscheidung zur Organspende geredet wird.

http://www.spiegel.de/gesundheit/diagno ... 25902.html

Ca. 30% der Menschen in Deutschland sind registrierte Organspender. Dagegen kommt es zu weniger als 800 (!) Organspenden jährlich. Dabei steht Deuschland im Vergleich mit anderen Ländern gar nicht so schlecht da, glaubt man Eurotransplant.





https://www.mdr.de/nachrichten/politik/ ... g-100.html

Ich bleibe dabei. Das Widerspruchsverfahren sit ein massiver und unnötiger Eingriff in den Persönlichkeitsbereich der Menschen, der das Versagen des Gesundheitswesens und der Politik kompensieren und davon ablenken soll.

100% registrierte Organspender würden rein mathematisch ca. 2400 Oraganspenden ausmachen. Auch nur eine Deckung von 25% des Bedarfs.


Ich meine zwar, darüber in B5 aktuell gehört zu haben, aber dieser Artikel fasst das Gehörte zusammen.

http://www.goettinger-tageblatt.de/Nach ... nde-Reform

Da können wir uns auf eine lebhafte Debatte einstellen. Ich vermute, dass die Bundestagsdebatte nahezu jeden hier vorhandenen Standpunkt spiegeln wird. Ob dabei letztendlich überhaupt etwas herauskommt?
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Re: Spenderorgan-Mangel: Vorstoss Widerspruchslösung

Beitragvon H2O » Mi 5. Sep 2018, 18:39

Kritikaster hat geschrieben:(05 Sep 2018, 18:45)

Für mich selbst habe ich die Frage - wohlgemerkt: auf absolut freiwilliger Basis (!), wie es sich m. E. gehört - ähnlich gewertet wie Du und mit einer positiven Willenserklärung bekundet.

Wenn ich in diesem Strang lese, dass offenbar selbst Eltern bereit wären, sich über den erklärten Willen ihrer Kinder hinweg zu setzen, um deren Organe zur Entnahme frei zu geben, dann steigert das nicht gerade mein Vertrauen, dass bei unbeteiligten Dritten die Hemmungen, ein solches "Nein" zu ignorieren, in jedem Fall stärker ausgeprägt wären.


Das wäre aber nach unserem gemeinsamen Verständnis eine Straftat. Dagegen hilft Vorbeugen so gut wie möglich, aber ganz verhindern kann Straftaten niemand. Hilft nix, wir müssen damit leben, daß wir um das Gute und göttliche Gerechtigkeit immer kämpfen müssen... und dabei immer weiter das Gute tun.
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Re: Spenderorgan-Mangel: Vorstoss Widerspruchslösung

Beitragvon Heinerich » Mi 5. Sep 2018, 18:40

Ich selbst bin Organspender und habe, aus meinem Werteverständnis heraus, Organentnahmen zugestimmt. Wobei mir gleichgültig ist, ob ein möglicher Empfänger reich ist, einer anderen Nation oder sonstwas angehört. Es reicht -für mich- vollkommen, dass er ein "Mensch" ist.

Ich will gar nicht umfänglich über den "Ausruf" von Herrn Spahn urteilen, weil es ja letztlich nichts anderes, als ein hingeworfener Satz ist. M.W.n. existiert ja keinerlei weitere Differenzierung, was denn dann in einer solchen Regelung genau drin stehen würde.
Ob es nur Gleichgültigkeit ist oder Bequemlichkeit oder ein "Ausweichen" sich mit der eigenen Endlichkeit zu beschäftigen? Oder vielleicht auch eine Facette einer Entsolidarisierung, die ich innerhalb unserer Gesellschaft zu erkennen glaube?
Letzteres würde ja nicht dadurch verändert, wenn meinen Organen die grundsätzliche Verfügbarkeit, bis zu einem ausdrücklichen Widerspruch, zugeschrieben würde. Es wäre lediglich ein potemkinsches Mäntelchen vor einer Form der Gleichgültigkeit, den Mitmenschen gegenüber. Provokativ geschrieben wird das "Haben" wollen/können, in den Vordergrund geschoben, indem die Diskussion auf die Verlängerung eines Lebens reduziert wird. Der (tote) Körper (wie immer man das definiert), wird damit zu einer Ware, die genutzt werden kann, um die Quantität einer Lebenszeit zu erhöhen. Die bewuste Spende verlöre damit, in meinen Augen, an "Wert".
Ich habe, nach meinem Herzinfarkt, einen Mann kennengelernt, der ein Herz erhalten hatte. Er lebte also weiter. In tiefer Dankbarkeit übrigens, gegenüber dem Spender, den er gar nicht kannte. Er meinte, dass dies seine Einstellung gegenüber anderen und auch gegenüber "Gesellschaft" zutiefst und massiv verändert habe. Ob dies auch der Fall gewesen wäre, wenn eine Organspende beinahe selbstverständlich wäre? So, als würde man sich ein neues Auto anschaffen, mit dem man halt schneller, weiter besser irgendwo ankommt?

Ich bin gegen die Idee, die Herr Spahn zum Besten gegeben hat. Ich bin sehr dafür, dass wir uns offener, breiter und umfassender über Solidarität/Nächstenliebe, teilen und geben, statt nehmen und horten austauschen.
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Re: Spenderorgan-Mangel: Vorstoss Widerspruchslösung

Beitragvon Raskolnikof » Mi 5. Sep 2018, 18:48

Alana4 hat geschrieben:Ich stehe dazu: wenn irgend möglich, sollen meine Hinterbliebenen gefragt werden.

Auch wenn es dir jetzt weh tut Alana4, diese Denkweise empfinde ich als recht egoistisch. Du bist grundsätzlich bereit, deine Organe nach deinem Ableben bzw. Hirntot Menschen, denen ein Überleben nur mit einer Organspende möglich ist zu spenden. Das ist lobenswert! Nicht schön finde ich es allerdings die letzte Entscheidung hierüber deinen Angehörigen zu überlassen. Es sind deineOrgane, um die es da geht und du solltest ganz allein darüber entscheiden ob die nach deinem Ableben totkranken Menschen zur Verfügung gestellt werden sollen. Warum machst du dir die Entscheidung da so schwer? Bist du dir in deiner Entscheidung, Organspender zu sein vielleicht gar nicht so sicher und hoffst im Geheimen, dass sich im Falle eines Falles deine Angehörigen gegen eine Organentnahme entscheiden?
Wie ich eingangs schon sagte, wäre dies dann von dir recht egoistisch gedacht. Mit diesem Gedanken transformierst du letztlich die Verantwortung dieser Frage auf deine Angehörigen nach dem Motto "Sollen die sich doch Gedanken darüber machen. Ich habe ja meine grundsätzliche Einwilligung zur Organentnahme gegeben und damit meinen guten Willen bekundet".

Nein, so geht das nicht!
Stell dir vor die Liebe deines Lebens geht an dir vorbei
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Re: Spenderorgan-Mangel: Vorstoss Widerspruchslösung

Beitragvon Trutznachtigall » Mi 5. Sep 2018, 18:50

Im erweiterten Zusammenhang möchte ich den bereits 1978 in Schweden erschienenen, prophetischen Roman "Der moderne Tod" empfehlen.

https://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/der-moderne-tod.html
ڿڰۣ--☸ڿڰۣ--☸ڿڰۣ--☸ڿڰۣ--☸ڿڰۣ--☸ڿڰۣ--☸ڿڰۣ--☸ڿڰۣ--☸ڿڰۣ--☸ڿڰۣ
Die Natur ist ein unendlich geteilter Gott. (Friedrich Schiller)
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Re: Spenderorgan-Mangel: Vorstoss Widerspruchslösung

Beitragvon H2O » Mi 5. Sep 2018, 19:35

Heinerich hat geschrieben:(05 Sep 2018, 19:40)

Ich selbst bin Organspender und habe, aus meinem Werteverständnis heraus, Organentnahmen zugestimmt. Wobei mir gleichgültig ist, ob ein möglicher Empfänger reich ist, einer anderen Nation oder sonstwas angehört. Es reicht -für mich- vollkommen, dass er ein "Mensch" ist.

Ich will gar nicht umfänglich über den "Ausruf" von Herrn Spahn urteilen, weil es ja letztlich nichts anderes, als ein hingeworfener Satz ist. M.W.n. existiert ja keinerlei weitere Differenzierung, was denn dann in einer solchen Regelung genau drin stehen würde.
Ob es nur Gleichgültigkeit ist oder Bequemlichkeit oder ein "Ausweichen" sich mit der eigenen Endlichkeit zu beschäftigen? Oder vielleicht auch eine Facette einer Entsolidarisierung, die ich innerhalb unserer Gesellschaft zu erkennen glaube?
Letzteres würde ja nicht dadurch verändert, wenn meinen Organen die grundsätzliche Verfügbarkeit, bis zu einem ausdrücklichen Widerspruch, zugeschrieben würde. Es wäre lediglich ein potemkinsches Mäntelchen vor einer Form der Gleichgültigkeit, den Mitmenschen gegenüber. Provokativ geschrieben wird das "Haben" wollen/können, in den Vordergrund geschoben, indem die Diskussion auf die Verlängerung eines Lebens reduziert wird. Der (tote) Körper (wie immer man das definiert), wird damit zu einer Ware, die genutzt werden kann, um die Quantität einer Lebenszeit zu erhöhen. Die bewuste Spende verlöre damit, in meinen Augen, an "Wert".
Ich habe, nach meinem Herzinfarkt, einen Mann kennengelernt, der ein Herz erhalten hatte. Er lebte also weiter. In tiefer Dankbarkeit übrigens, gegenüber dem Spender, den er gar nicht kannte. Er meinte, dass dies seine Einstellung gegenüber anderen und auch gegenüber "Gesellschaft" zutiefst und massiv verändert habe. Ob dies auch der Fall gewesen wäre, wenn eine Organspende beinahe selbstverständlich wäre? So, als würde man sich ein neues Auto anschaffen, mit dem man halt schneller, weiter besser irgendwo ankommt?

Ich bin gegen die Idee, die Herr Spahn zum Besten gegeben hat. Ich bin sehr dafür, dass wir uns offener, breiter und umfassender über Solidarität/Nächstenliebe, teilen und geben, statt nehmen und horten austauschen.


Den Minister Spahn habe ich noch nie von Nahem gesehen oder gar mit ihm gesprochen. Der Mann will ein bestehendes Problem lösen: Es gibt offenbar weitaus mehr auf ein noch brauchbares menschliches Organ wartende Schwerkranke als durch versterbende Organspender verfügbar gemachte Organe. Da vermutet der Mann viel Gleichgültigkeit und Unkenntnis auf der Seite möglicher Organspender, und ersucht nach Wegen, diesen schlechten Zustand zu bessern. Anstatt ihn also ab zu bürsten, könnten wir Mitbürger ihm Vorschläge machen, wie er dabei weiter kommt, ohne die Gefühle vieler Mitbürger zu verletzen.

Ich bin sicher, daß Gefühle wie Mitmenschlichkeit und Achtung vor dem Leben fast alle Organspender leiten, wenn sie der Organentnahme im Todesfall zustimmen. Meine Nächstenliebe geht aber nicht so weit wie Ihre. Ich möchte schon wissen, daß alles Erdenkliche geschieht, daß meine brauchbaren Reste nicht als Handelsware in Umlauf gebracht werden, auf dem Wege dann bevorzugt zahlungsfähigen Empfängern zugeteilt werden. Und ich bestehe darauf, daß Organempfänger ihrerseits zustimmen, im Todesfall ihre Organe zur Verfügung zu stellen. Denn eine solche größere Operation ist immer lebensgefährlich... und da könnte dieser Fall rascher eintreten, als wir uns alle das wünschen.

Die Frage bleibt also: Wie können wir auf menschlich und rechtlich vertretbare Art und Weise den Mangel an Spenderorganen verringern?
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Re: Spenderorgan-Mangel: Vorstoss Widerspruchslösung

Beitragvon McKnee » Mi 5. Sep 2018, 19:51

H2O hat geschrieben:(05 Sep 2018, 20:35)

Die Frage bleibt also: Wie können wir auf menschlich und rechtlich vertretbare Art und Weise den Mangel an Spenderorganen verringern?


Noch einmal mein Hinweis, dass das Problem in wesentlichen Teilen gar nicht bei der Spendebereitschaft und der Anzahl der Organspender liegt, sondern bei der Überforderungen der Kliniken.

Es gibt also keinen nachvollziehbaren Grund, an der bisherigen Freiwilligkeit etwas zu ändern. Vielmehr müssen jene ihre Hausaufgaben machen, denen wir unsere Organe anvertrauen und jene, denen wir unsere Stimme gegeben haben.
Der Hauptgrund für Stress ist der tägliche Kontakt mit Idioten.

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Re: Spenderorgan-Mangel: Vorstoss Widerspruchslösung

Beitragvon Heinerich » Mi 5. Sep 2018, 20:22

McKnee hat geschrieben:(05 Sep 2018, 20:51)
Noch einmal mein Hinweis, dass das Problem in wesentlichen Teilen gar nicht bei der Spendebereitschaft und der Anzahl der Organspender liegt, sondern bei der Überforderungen der Kliniken.

Nach meinen bisherigen Infos ist es so, dass zwar nicht alle Organe, die zur Transplantation zur verfügung stehen, auch verpflanzt werden können aber eben auch, bezogen auf wartende Empfänger, zuwenig Spender da sind. ;)
Wir hätten es also mit 2 Problemen zu tun.

McKnee hat geschrieben:(05 Sep 2018, 20:51)Vielmehr müssen jene ihre Hausaufgaben machen, denen wir unsere Organe anvertrauen und jene, denen wir unsere Stimme gegeben haben.

Hmmm ....
Ich habe mehrere Jahre im Uniklinikum Essen gearbeitet. Diejenigen, die Transplantationen vornehmen und die ich kennenlernen durfte, sehe ich nicht als Problem.
Im Prinzip auch nicht unbedingt die Stellen, die über eine Transplantation entscheiden.
Kliniken sind heute Wirtschaftsbetriebe. Nach den "Marktgesetzen" entscheiden diese, was wann gemacht wird, um zu einem gewünschten betriebswirtschaftlichen Ergebnis zu kommen.
Solange dies so weiter aufrecht erhalten wird, sind immer "Ungerechtigkeiten" da. Wenn die konventionale Behandlung eines Leberschadens 250.000 € "bringen kann", warum sollte dann eine Transplantation (ca. 200.000 €) durchgeführt werden?
M.E. gibt es Bereiche, die von "Privatisierung" und Marktwirtschaft "befreit" werden müssten/sollten.
Und am Ende und wenn ich zukünftige (Fehl-)Entwicklungen sehe/erahne, bleiben nicht viele Bereiche, in denen marktwirtschaftliches Handeln, ohne übergeordnete ethische Ziele, nachhaltig sein könnte.
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Re: Spenderorgan-Mangel: Vorstoss Widerspruchslösung

Beitragvon McKnee » Mi 5. Sep 2018, 20:36

Heinerich hat geschrieben:(05 Sep 2018, 21:22)

Nach meinen bisherigen Infos ist es so, dass zwar nicht alle Organe, die zur Transplantation zur verfügung stehen, auch verpflanzt werden können aber eben auch, bezogen auf wartende Empfänger, zuwenig Spender da sind. ;)
Wir hätten es also mit 2 Problemen zu tun.




Es scheint ein wenig anders zu sein

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Re: Spenderorgan-Mangel: Vorstoss Widerspruchslösung

Beitragvon H2O » Mi 5. Sep 2018, 20:37

McKnee hat geschrieben:(05 Sep 2018, 20:51)

Noch einmal mein Hinweis, dass das Problem in wesentlichen Teilen gar nicht bei der Spendebereitschaft und der Anzahl der Organspender liegt, sondern bei der Überforderungen der Kliniken.

Es gibt also keinen nachvollziehbaren Grund, an der bisherigen Freiwilligkeit etwas zu ändern. Vielmehr müssen jene ihre Hausaufgaben machen, denen wir unsere Organe anvertrauen und jene, denen wir unsere Stimme gegeben haben.


Diesen Durchblick durch die gegebene Lage habe ich nicht bundesweit. Ich weiß nur, daß ein naher Angehöriger in Berlin bei schwindenden Kräften sehnsüchtig seit Jahren auf eine Nierentransplantation wartet. An Kliniken, die sich darauf verstehen, ist da kein Mangel. Deshalb glaube ich doch eher an den Mangel an verfügbaren Spenderorganen, der den Minister zu solchen Vorschlägen treibt.

Darin sollten wir ihn unterstützen, anstatt ein solches Thema zu zerreden!
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Re: Spenderorgan-Mangel: Vorstoss Widerspruchslösung

Beitragvon McKnee » Mi 5. Sep 2018, 21:00

H2O hat geschrieben:(05 Sep 2018, 21:37)

Darin sollten wir ihn unterstützen, anstatt ein solches Thema zu zerreden!


Wer zerredet das Thema?

Es sind doch Fakten, dass die Kliniken das Problem sind. Das schließt alle Kliniken ein, denn es geht offensichtlich um die zentrale Vergabe. Es ist ja nicht so, dass die Kliniken ihre Organe im eigenen Kühlhaus lagern.

Spahn hat das Problem übrigens in einem Interview im MoMa bestätigt und gesagt, er habe nur eine Diskussion anstoßen wollen.

Wenn du dir den Gesetzentwurf in den wesentlichen Aspekten anschaust, geht es da auch nicht um den angeblichen Spendermangel.

Ich ziehe hier nicht gegen die Organspende zu Felde. Ich ziehe hier gegen die Umstellung zum Widerspruchsverfahren und seinen Konsequenzen zu Felde. Ich fordere, dass man erst die strukturellen und organisatorischen Mißstände behebt, bevor man in die Persönlichkeitsrechte eingreift.
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Re: Spenderorgan-Mangel: Vorstoss Widerspruchslösung

Beitragvon Heinerich » Mi 5. Sep 2018, 21:35

McKnee hat geschrieben:(05 Sep 2018, 21:36)
Es scheint ein wenig anders zu sein
viewtopic.php?p=4291653#p429165

Ähhhh.....
Dann verstehe ich irgendwas nicht so ganz ....
Ich hatte dies hier, im Hinterkopf:
McKnee hat geschrieben:(04 Sep 2018, 07:26)
Interessant ist auch die Tatsache, die von Spahn heute früh im MoMa bestätigt wurde, dass es mehr Spender gibt, als die Kliniken aktuell "bearbeiten" können.
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Re: Spenderorgan-Mangel: Vorstoss Widerspruchslösung

Beitragvon McKnee » Mi 5. Sep 2018, 21:42

Heinerich hat geschrieben:(05 Sep 2018, 22:35)

Ähhhh.....
Dann verstehe ich irgendwas nicht so ganz ....
Ich hatte dies hier, im Hinterkopf:


Es geht nicht nur um das Interview.

Ein schnell gefundener Teil der Berichterstattung bringt das Problem auf den Punkt und der sagt eindeutig, behebt erst einmal diese Probleme, bevor ihr ein Widerspruchsverfahren einführt. Schafft Vertrauen, auch in die Effizienz und die Zahl der Spender wird über 30% steigen, ohne dass ihr in die Persönlichkeitsrechte eingreifen müsst.

Fördert den Willen der Menschen zur Organspende und geht nicht diesen einfachen Weg, der mehr Probleme mit sich bringt, als Lösungen.
Der Hauptgrund für Stress ist der tägliche Kontakt mit Idioten.

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Re: Spenderorgan-Mangel: Vorstoss Widerspruchslösung

Beitragvon Misterfritz » Mi 5. Sep 2018, 21:53

Raskolnikof hat geschrieben:(05 Sep 2018, 19:48)

Auch wenn es dir jetzt weh tut Alana4, diese Denkweise empfinde ich als recht egoistisch. Du bist grundsätzlich bereit, deine Organe nach deinem Ableben bzw. Hirntot Menschen, denen ein Überleben nur mit einer Organspende möglich ist zu spenden. Das ist lobenswert! Nicht schön finde ich es allerdings die letzte Entscheidung hierüber deinen Angehörigen zu überlassen. Es sind deineOrgane, um die es da geht und du solltest ganz allein darüber entscheiden ob die nach deinem Ableben totkranken Menschen zur Verfügung gestellt werden sollen. Warum machst du dir die Entscheidung da so schwer? Bist du dir in deiner Entscheidung, Organspender zu sein vielleicht gar nicht so sicher und hoffst im Geheimen, dass sich im Falle eines Falles deine Angehörigen gegen eine Organentnahme entscheiden?
Wie ich eingangs schon sagte, wäre dies dann von dir recht egoistisch gedacht. Mit diesem Gedanken transformierst du letztlich die Verantwortung dieser Frage auf deine Angehörigen nach dem Motto "Sollen die sich doch Gedanken darüber machen. Ich habe ja meine grundsätzliche Einwilligung zur Organentnahme gegeben und damit meinen guten Willen bekundet".

Nein, so geht das nicht!
Das ist allerdings sehr richtig!
Gerade die Angehörigen direkt nach dem Tod damit zu belasten, ist schon heftig, zumal, wenn man das grundsätzlich vorher eh' schon entschieden hat - es sei denn, man hasst seine Angehörigen. Dann sollte man aber damit rechnen, dass sie keine Entscheidung treffen werden, mit der man zufrieden wäre - wenn man als Toter je diesen Zustand erreichen könnte.
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Re: Spenderorgan-Mangel: Vorstoss Widerspruchslösung

Beitragvon H2O » Mi 5. Sep 2018, 22:26

McKnee hat geschrieben:(05 Sep 2018, 22:00)

Wer zerredet das Thema?

Es sind doch Fakten, dass die Kliniken das Problem sind. Das schließt alle Kliniken ein, denn es geht offensichtlich um die zentrale Vergabe. Es ist ja nicht so, dass die Kliniken ihre Organe im eigenen Kühlhaus lagern.

Spahn hat das Problem übrigens in einem Interview im MoMa bestätigt und gesagt, er habe nur eine Diskussion anstoßen wollen.

Wenn du dir den Gesetzentwurf in den wesentlichen Aspekten anschaust, geht es da auch nicht um den angeblichen Spendermangel.

Ich ziehe hier nicht gegen die Organspende zu Felde. Ich ziehe hier gegen die Umstellung zum Widerspruchsverfahren und seinen Konsequenzen zu Felde. Ich fordere, dass man erst die strukturellen und organisatorischen Mißstände behebt, bevor man in die Persönlichkeitsrechte eingreift.


Wenn Sie in allen Punkten Recht hätten, also unzureichende apparative Ausstattung
und mangelhaft vorbereitete Klinken als beherrschende Knackepunkte in der Transplantationsmedizin bei ausreichend vielen Spenderorganen, dann ist dieser Minister für mich ein Provokateur und Armleuchter. Das mag ich wirklich nicht glauben. Wenn das heraus kommen sollte, dann kann ich ihm nur den Rücktritt wegen politischer Dummheit empfehlen.

Nichts spricht aber dagegen, an der Lösung dieser Probleme gleichzeitig zu arbeiten. Denn "erfaßter Spender" heißt ja hoffentlich noch nicht gleich "Organ verfügbar". Und niemandem ist geholfen, wenn Menschen und Maschinen bereit stehen, aber keine Organe in entsprechender Zahl.

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