Umgang mit psychischen Erkrankungen.

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Umgang mit psychischen Erkrankungen.

Beitragvon odiug » Mi 11. Apr 2018, 07:39

Also eine aufgeregte Diskussion über psychisch auffällige Menschen, birgt auch ganz erhebliche Gefahren.
Ich erinnere nur an den Fall Mollath.
Wenn wir jeden Querulanten nun als potentiellen Terroristen betrachten wollen, dann werden wir ein Problem bekommen, das weit über die hysterische Islamdiskussion hinaus geht.
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Re: Anschlag Münster

Beitragvon Polibu » Mi 11. Apr 2018, 07:54

Viel wichtiger wäre es die Ursachen für die psychischen Erkrankungen zu beseitigen. Diese Krankheiten haben Ursachen. Und die müssen beseitigt werden.

Aber das ist gesellschaftlich natürlich ausgeschlossen. Wie viele Scheidungskinder haben später psychische Probleme? Und das ist jetzt nur ein Beispiel.
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Re: Anschlag Münster

Beitragvon think twice » Mi 11. Apr 2018, 08:06

Polibu hat geschrieben:(11 Apr 2018, 08:54)

Viel wichtiger wäre es die Ursachen für die psychischen Erkrankungen zu beseitigen. Diese Krankheiten haben Ursachen. Und die müssen beseitigt werden.

Aber das ist gesellschaftlich natürlich ausgeschlossen. Wie viele Scheidungskinder haben später psychische Probleme? Und das ist jetzt nur ein Beispiel.

Ui, das ist ja mal ne Erkenntnis....
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Re: Anschlag Münster

Beitragvon Unité 1 » Mi 11. Apr 2018, 08:08

odiug hat geschrieben:(11 Apr 2018, 08:39)

Also eine aufgeregte Diskussion über psychisch auffällige Menschen, birgt auch ganz erhebliche Gefahren.
Ich erinnere nur an den Fall Mollath.
Wenn wir jeden Querulanten nun als potentiellen Terroristen betrachten wollen, dann werden wir ein Problem bekommen, das weit über die hysterische Islamdiskussion hinaus geht.

Das wäre eine schlechte Idee, ja. Genauso wie die Pathologisierung von Querulanten als psychisch krank. Man ist allerdings nicht gezwungen stigmatisierend zu diskutieren. So richtig verstehe ich nicht, wie du überhaupt darauf kommst.

Polibu hat geschrieben:Viel wichtiger wäre es die Ursachen für die psychischen Erkrankungen zu beseitigen. Diese Krankheiten haben Ursachen. Und die müssen beseitigt werden.

So einfach ist das.
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Re: Anschlag Münster

Beitragvon Marmelada » Mi 11. Apr 2018, 09:02

odiug hat geschrieben:(11 Apr 2018, 08:39)

Also eine aufgeregte Diskussion über psychisch auffällige Menschen, birgt auch ganz erhebliche Gefahren.
Ich erinnere nur an den Fall Mollath.
Wenn wir jeden Querulanten nun als potentiellen Terroristen betrachten wollen, dann werden wir ein Problem bekommen, das weit über die hysterische Islamdiskussion hinaus geht.
Auch dein Beitrag zeigt, dass die Aufmerksamkeit notwendig wäre, denn psychisch Kranke sind nicht zwangsläufig auffällig oder Querulanten und umgekehrt. Dass keine "Debatte" im Sinne von Stigmatisierung (die ist auch jetzt schon vorhanden) und einem neuen Feindbild (Storch-Twitter: "Danke Psychos, einsperren!!elfelf!!") stattfinden soll, wird auch im SPON-Kommentar herausgestellt. "Und natürlich darf es nicht darum gehen, psychisch kranke Menschen zu stigmatisieren - oder Verständnis für Gewalttäter mit solchen Erkrankungen zu wecken."

Nach dem Suizid-Pilot fand etwas ähnliches wie eine "Debatte" über psychische Erkrankungen statt. Es wurde vermeldet, er habe mal unter Depressionen gelitten und der Eindruck erweckt, Depressive neigten zu solchen Taten. :dead: Das ist natürlich Schwachsinn, denn dieser Pilot hatte offenkundig eine narzisstische Störung zu den angeblichen Depressionen dazu.

Diese Art "Debatte" also nicht.

Im SPON-Kommentar werden die Punkte genannt, die einer Debatte wert wären. Zum einen gesamtgesellschaflich die Enttabuisierung. Außerdem der praktische Teil, Prävention und Theraplätze beispielsweise. Der Täter von Münster hatte Kontakt zum Sozialpsychiatrischen Dienst. Es könnte natürlich sein, dass diejenigen, die dort zuständig waren, sich als unfähig erwiesen haben. Andererseits weiß ich, dass die Sozialpsychiatrischen Dienste völlig überlastet sind. Die Zahl der psychischen Erkankungen steigt nämlich immer weiter an (was ebenfalls bei SPON Erwähnung findet: "Psychische Krankheiten sind ein Massenphänomen, auch in Deutschland - und darüber könnten, ja sollten wir diskutieren."), kurioserweise ändert sich dadurch nichts am Tabu-Status. Selbst wenn derartige Fälle wie Münster oder Heidelberg künftig ausbleiben sollten (ich fürchte eher nicht), wäre es notwendig, die gesamtgesellschaftliche Scheißegal-Haltung sowie die der Politik dazu zu ändern. Denn auch dann findet viel Leid im Verborgenen statt. Und wem es dann immer noch egal wäre, der sollte den volkswirtschaftlichen Schaden bedenken.
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Re: Anschlag Münster

Beitragvon aleph » Mi 11. Apr 2018, 09:53

odiug hat geschrieben:(11 Apr 2018, 08:39)

Also eine aufgeregte Diskussion über psychisch auffällige Menschen, birgt auch ganz erhebliche Gefahren.
Ich erinnere nur an den Fall Mollath.
Wenn wir jeden Querulanten nun als potentiellen Terroristen betrachten wollen, dann werden wir ein Problem bekommen, das weit über die hysterische Islamdiskussion hinaus geht.

sehe ich auch so. Amoklauf ist eher atypisch
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Re: Anschlag Münster

Beitragvon Unité 1 » Mi 11. Apr 2018, 10:06

Marmelada hat geschrieben:(11 Apr 2018, 10:02)

Im SPON-Kommentar werden die Punkte genannt, die einer Debatte wert wären. Zum einen gesamtgesellschaflich die Enttabuisierung. Außerdem der praktische Teil, Prävention und Theraplätze beispielsweise. Der Täter von Münster hatte Kontakt zum Sozialpsychiatrischen Dienst. Es könnte natürlich sein, dass diejenigen, die dort zuständig waren, sich als unfähig erwiesen haben. Andererseits weiß ich, dass die Sozialpsychiatrischen Dienste völlig überlastet sind. Die Zahl der psychischen Erkankungen steigt nämlich immer weiter an (was ebenfalls bei SPON Erwähnung findet: "Psychische Krankheiten sind ein Massenphänomen, auch in Deutschland - und darüber könnten, ja sollten wir diskutieren."), kurioserweise ändert sich dadurch nichts am Tabu-Status. Selbst wenn derartige Fälle wie Münster oder Heidelberg künftig ausbleiben sollten (ich fürchte eher nicht), wäre es notwendig, die gesamtgesellschaftliche Scheißegal-Haltung sowie die der Politik dazu zu ändern. Denn auch dann findet viel Leid im Verborgenen statt. Und wem es dann immer noch egal wäre, der sollte den volkswirtschaftlichen Schaden bedenken.

Und das wird es nicht ohne öffentliche Diskussionen geben. Ein existierender problematischer Zustand reicht leider selten aus, dass er als angehungswürdig erachtet wird. Die öffentliche Debatte ist notwendig, um das Thema ins Bewusstsein zu heben. Dass selbst eine Amokfahrt dafür nicht ausreicht, ist erschreckend. Aber vermutlich beißt sich hier die Katze in den Schwanz: Aufgrund der Tabuisierung des Themas wird die Enttabuisierung vermieden. Und so wird es weiterhin Wartezeiten von einem halben Jahr bei Psychiatern geben, werden weiterhin Hilfesuchende auf andere Psychotherapeuten verwiesen, die ebenfalls keine Patienten mehr aufnehmen, usw.
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Re: Anschlag Münster

Beitragvon Marmelada » Mi 11. Apr 2018, 10:29

aleph hat geschrieben:(11 Apr 2018, 10:53)

sehe ich auch so. Amoklauf ist eher atypisch
Um "typisch" geht es nicht. Und letztes Jahr fand in Heidelberg genau so eine Fahrt wie in Münster statt, aber mit "nur" einem Toten. Der Suizid-Pilot, die Schulschießereien. Dann kann man nur hoffen, dass es sich nicht weiter häuft, bis sich die Ignoranz gegenüber dem zugrundeliegenden Komplex mit viel verborgenem Leid auflöst.

Unité 1 hat geschrieben:Und das wird es nicht ohne öffentliche Diskussionen geben. Ein existierender problematischer Zustand reicht leider selten aus, dass er als angehungswürdig erachtet wird. Die öffentliche Debatte ist notwendig, um das Thema ins Bewusstsein zu heben. Dass selbst eine Amokfahrt dafür nicht ausreicht, ist erschreckend. Aber vermutlich beißt sich hier die Katze in den Schwanz: Aufgrund der Tabuisierung des Themas wird die Enttabuisierung vermieden. Und so wird es weiterhin Wartezeiten von einem halben Jahr bei Psychiatern geben, werden weiterhin Hilfesuchende auf andere Psychotherapeuten verwiesen, die ebenfalls keine Patienten mehr aufnehmen, usw.
Richtig. Wer eine psychische Krankheit diagnostiziert hat, für den steht noch längst keine sofortige Hilfe bereit. Ich will nicht wissen, wieviele unbeachtete Einzelsuizide sich schon auf Wartelisten ereignet haben. Wenn sich die auffälligen Fälle häufen, wovon ich ausgehe, wird der Einstieg in die Bewusstwerdung sicher erstmal mit Hysterie eingehen: Sperrt sie alle ein! Aber im Anschluss hofffentlich auch darüber hinaus, denn vorher wird es die Politik nicht interessieren.
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Beitragvon Unité 1 » Mi 11. Apr 2018, 10:46

Marmelada hat geschrieben:(11 Apr 2018, 11:29)

Richtig. Wer eine psychische Krankheit diagnostiziert hat, für den steht noch längst keine sofortige Hilfe bereit. Ich will nicht wissen, wieviele Einzelsuizide sich schon auf Wartelisten ereignet haben. Wenn sich solche Fälle häufen, wovon ich ausgehe, wird der Einstieg in die Bewusstwerdung sicher erstmal mit Hysterie eingehen: Sperrt sie alle ein! Aber im Anschluss hofffentlich auch darüber hinaus, denn vorher wird es die Politik nicht interessieren.

Das werden etliche sein. :| Wer von sich aus Psychiater oder Psychotherapeuten aufsucht, dem wird es entsprechend schlecht gehen. Auch für psychisch Kranke gilt die Hemmschwelle der Tabuisierung. Sicher ist nicht jeder ein Notfall, so einige werden es aber sein. Die offenen und geschlossenen Einrichtungen sind ja auch hart überlastet...

Ich fürchte, dass du mit deiner Befürchtung recht hast. Die Entsolidarisierung und die damit einhergehende Vereinzelung steigert die Wahrscheinlichkeit von Amokläufen und -fahrten. Und wenn es ein Thema wird, über das tatsächlich länger diskutiert wird, als die übliche Medienaufmerksamkeitsspanne hergibt, dann wird es wohl den Tenor der Repression haben. Aus dem gleichen Grund, weswegen ich skeptisch bin, was darüberhinausgehende Handlungen betrifft: Es gibt keine Lobby. Irgendsoein Spens Jahn wird sich in jedem Fall finden, der das Thema zur eigenen Profilierung nutzen wird. Aber vielleicht haben wir ja Glück und es landet jemand irgendwann mal im Gesundheitsministerium, der nicht nur sein eigenes Fort- oder späteres Auskommen im Sinn hat und Entscheidungen trifft, die nicht abhängig von der Stimmung in der Bevölkerung sind.
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Beitragvon Alexyessin » Mi 11. Apr 2018, 11:14

Unité 1 hat geschrieben:(11 Apr 2018, 11:46)

Das werden etliche sein. :| Wer von sich aus Psychiater oder Psychotherapeuten aufsucht, dem wird es entsprechend schlecht gehen. Auch für psychisch Kranke gilt die Hemmschwelle der Tabuisierung. Sicher ist nicht jeder ein Notfall, so einige werden es aber sein. Die offenen und geschlossenen Einrichtungen sind ja auch hart überlastet...

Ich fürchte, dass du mit deiner Befürchtung recht hast. Die Entsolidarisierung und die damit einhergehende Vereinzelung steigert die Wahrscheinlichkeit von Amokläufen und -fahrten. Und wenn es ein Thema wird, über das tatsächlich länger diskutiert wird, als die übliche Medienaufmerksamkeitsspanne hergibt, dann wird es wohl den Tenor der Repression haben. Aus dem gleichen Grund, weswegen ich skeptisch bin, was darüberhinausgehende Handlungen betrifft: Es gibt keine Lobby. Irgendsoein Spens Jahn wird sich in jedem Fall finden, der das Thema zur eigenen Profilierung nutzen wird. Aber vielleicht haben wir ja Glück und es landet jemand irgendwann mal im Gesundheitsministerium, der nicht nur sein eigenes Fort- oder späteres Auskommen im Sinn hat und Entscheidungen trifft, die nicht abhängig von der Stimmung in der Bevölkerung sind.


Das Problem fängt mEn von der eigenen Selbstbetrachtungsfähigkeit an und hört bei den gesundheitlichen Vorsorgestellen auf. Da ich selbst direkt betroffen war und auch in meinem engsten Familienkreise psychische Erkrankungen auftauchen kenn ich sowohl die Problematik selbst überhaupt den Antrieb finden zu können wie eben auch die Schwierigkeit einen Therapieplatz zu bekommen.
Teilweise dauert es selbst in Akutpraxen, die ja wirklich für die schnelle Erstversorgung bis zu 6 Wochen das du überhaupt eine Sprechhalbestunde bekommst. Das ist aber zu lange. Viel zu lange.
Der neue Faschismus wird nicht sagen: Ich bin der Faschismus. Er wird sagen: Ich bin kein Nazi, aber...
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Re: Anschlag Münster

Beitragvon odiug » Mi 11. Apr 2018, 11:45

Unité 1 hat geschrieben:(11 Apr 2018, 11:06)

Und das wird es nicht ohne öffentliche Diskussionen geben. Ein existierender problematischer Zustand reicht leider selten aus, dass er als angehungswürdig erachtet wird. Die öffentliche Debatte ist notwendig, um das Thema ins Bewusstsein zu heben. Dass selbst eine Amokfahrt dafür nicht ausreicht, ist erschreckend. Aber vermutlich beißt sich hier die Katze in den Schwanz: Aufgrund der Tabuisierung des Themas wird die Enttabuisierung vermieden. Und so wird es weiterhin Wartezeiten von einem halben Jahr bei Psychiatern geben, werden weiterhin Hilfesuchende auf andere Psychotherapeuten verwiesen, die ebenfalls keine Patienten mehr aufnehmen, usw.

Ich frage mich, wie eine solche Diskussion aussehen soll :?:
AfD Storch hat sich ja schon öffentlich zu Wort gemeldet ... und das wird auch das Niveau der öffentlichen Debatte bestimmen, wenn sich jeder Haus- Hof- Küchenpsychologe dazu öffentlich äußert.
Der Fall Mollath war ja ein abschreckendes Beispiel.
Der Mann war gezwungen, sein gesamtes Privatleben öffentlich zu rechtfertigen ...
Ich gebe ja zu, gehässig wie ich bin, einer Storch wünsche ich das ja mal insgeheim ... aber wo hört das auf :?:
Der Missbrauch von Medikamenten, weil das Göre ein wenig Hyperaktiv in der Schule ist, sollte uns auch zu denken geben.
Ich bin einfach skeptisch, was die Normierung des menschlichen Verhaltens betrifft und die Pathologisierung der Betroffenen.
Wir sollten uns hüten, jeden, der etwas aus der Norm fällt gleich zu einem Fall für den Psychiater zu machen, vor allem, weil dies auch einen massiven Einschnitt in die Grundrechte der Menschen zur Folge hat.
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Re: Umgang mit psychischen Erkrankungen.

Beitragvon Unité 1 » Mi 11. Apr 2018, 11:49

Alexyessin hat geschrieben:(11 Apr 2018, 12:14)

Das Problem fängt mEn von der eigenen Selbstbetrachtungsfähigkeit an und hört bei den gesundheitlichen Vorsorgestellen auf. Da ich selbst direkt betroffen war und auch in meinem engsten Familienkreise psychische Erkrankungen auftauchen kenn ich sowohl die Problematik selbst überhaupt den Antrieb finden zu können wie eben auch die Schwierigkeit einen Therapieplatz zu bekommen.
Teilweise dauert es selbst in Akutpraxen, die ja wirklich für die schnelle Erstversorgung bis zu 6 Wochen das du überhaupt eine Sprechhalbestunde bekommst. Das ist aber zu lange. Viel zu lange.

Wie Menschen mit Schief- oder Notlagen umgehen, ist nochmal ein anderes Thema. Bei bestimmten Erkankungen ist eine fehlende Krankheitseinsicht selbst ein Symptom. Oder man selbst hält Suizidgedanken für normal, denn man kennt es ja nicht anders und spricht nicht darüber. Auch hierfür ist eine öffentliche und offene, auf Stigmatisierungen verzichtende Diskussion hilfreich. Es schafft auch ein Bewusstsein für Betroffene.
Dem Mangel an Psychiatern, Kliniken und Therapieplätzen wird so aber nicht abgeholfen.
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Re: Umgang mit psychischen Erkrankungen.

Beitragvon Alexyessin » Mi 11. Apr 2018, 11:56

Unité 1 hat geschrieben:(11 Apr 2018, 12:49)

Wie Menschen mit Schief- oder Notlagen umgehen, ist nochmal ein anderes Thema. Bei bestimmten Erkankungen ist eine fehlende Krankheitseinsicht selbst ein Symptom. Oder man selbst hält Suizidgedanken für normal, denn man kennt es ja nicht anders und spricht nicht darüber. Auch hierfür ist eine öffentliche und offene, auf Stigmatisierungen verzichtende Diskussion hilfreich. Es schafft auch ein Bewusstsein für Betroffene.
Dem Mangel an Psychiatern, Kliniken und Therapieplätzen wird so aber nicht abgeholfen.


Da hilft nur politischer Druck - aber genau das auszuhalten ist oft die Schwäche von psychisch erkrankten Menschen.
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Re: Anschlag Münster

Beitragvon Unité 1 » Mi 11. Apr 2018, 12:09

odiug hat geschrieben:(11 Apr 2018, 12:45)

Ich frage mich, wie eine solche Diskussion aussehen soll :?:
AfD Storch hat sich ja schon öffentlich zu Wort gemeldet ... und das wird auch das Niveau der öffentlichen Debatte bestimmen, wenn sich jeder Haus- Hof- Küchenpsychologe dazu öffentlich äußert.
Der Fall Mollath war ja ein abschreckendes Beispiel.
Der Mann war gezwungen, sein gesamtes Privatleben öffentlich zu rechtfertigen ...
Mollath ist ein denkbar schlechtes Beispiel, der wurde ja pathologisiert. Ein Ding am Wandern zu haben, qualifiziert noch nicht zur psychischen Erkrankung.
Was schon mal in keine öffentliche Diskussion gehört, ist die mediale Ausschlachtung des Privatlebens psychisch Erkrankter. Was auf jeden Fall dazu gehört, ist z.B. das numerische Verhältnis von Patienten und Psychiater. Von Therapieanfragen und -plätzen. Von der Existenz und Verbreitung psychischer Erkrankungen, die kein Grund zur Scham sind, sondern welche zur Inanspruchnahme von Hilfe darstellen können. Hängt halt vom Leidensdruck ab. Und von der Krankheit.
Auch in diesem Forum liest du regelmäßig, dass Depressive sich nicht so haben sollen. Anderen ginge es doch schlechter und man selbst war ja auch mal traurig. Das übersetzt sich in: du übertreibst, reiß dich zusammen. Und führt in der Folge dazu, dass andere eben schweigen und sich evtl. nicht so ernst nehmen, wie es nötig wäre.
Das ist zwar mitunter aus Gehässigkeit geboren, aber gelegentlich auch aus gutmeinender Unwissenheit. Das muss so nicht sein.

Ich gebe ja zu, gehässig wie ich bin, einer Storch wünsche ich das ja mal insgeheim ... aber wo hört das auf :?:
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Hä? Der Anlass war die Amokfahrt in Münster. Der ist nicht nur aus der Norm gefallen, er hatte erhebliche psychische Probleme. Du vermengst hier Dinge, die so nicht zusammengehören.
Lass uns das mal trennen:
Der Missbrauch von Medikamenten, weil das Göre ein wenig Hyperaktiv in der Schule ist, sollte uns auch zu denken geben.
Das kann allerdings auch medizinisch indiziert sein. Ich stimme dir insoweit zu, dass nicht jedes träumerisches oder unruhiges Verhalten ein Zeichen von Krankheit ist und medikamentös behandelt werden muss. Die meisten sind es nicht. Zu der Vielzahl an Diagnosen und Verschreibungen trägt das Menschenbild der Leistungsfähigkeit bei, der Mensch muss eine funktionierende Maschine sein und sich durchsetzen. (Der Konformitätsdruck ist m.E. Ergebnis eines pervertierten Verständnisses von Freiheit. Aber das sollte woanders diskutiert werden.) Also ja, das sollte uns zu denken geben und kann doch Bestandteil einer öffentlichen Debatte sein.

Ich bin einfach skeptisch, was die Normierung des menschlichen Verhaltens betrifft und die Pathologisierung der Betroffenen.
Wir sollten uns hüten, jeden, der etwas aus der Norm fällt gleich zu einem Fall für den Psychiater zu machen, vor allem, weil dies auch einen massiven Einschnitt in die Grundrechte der Menschen zur Folge hat.

Was heißt hier Normierung? Wir reden von tatsächlich psychisch Kranken, nicht von schrulligen Kauzen. Ist doch völlig egal, wie wer drauf ist, solange der- oder diejenige nicht darunter leidet oder andere in Gefahr bringt.
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Re: Umgang mit psychischen Erkrankungen.

Beitragvon Unité 1 » Mi 11. Apr 2018, 12:14

Alexyessin hat geschrieben:(11 Apr 2018, 12:56)

Da hilft nur politischer Druck - aber genau das auszuhalten ist oft die Schwäche von psychisch erkrankten Menschen.

Also ich erwarte von keinem psychisch Erkrankten, dass der sich ins Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit stellt. Wie Marmelada schon schrieb, alleine aus reinem Eigeninteresse wäre es für die Gesellschaft sinnvoll, sich mit dem Thema öffentlich zu befassen, wenn schon keine Empathie vorhanden ist.
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Re: Anschlag Münster

Beitragvon 3x schwarzer Kater » Mi 11. Apr 2018, 12:18

Polibu hat geschrieben:(11 Apr 2018, 08:54)

Viel wichtiger wäre es die Ursachen für die psychischen Erkrankungen zu beseitigen. Diese Krankheiten haben Ursachen. Und die müssen beseitigt werden.



Die liegen meistens in der Erziehung.
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Re: Umgang mit psychischen Erkrankungen.

Beitragvon Alexyessin » Mi 11. Apr 2018, 12:23

Unité 1 hat geschrieben:(11 Apr 2018, 13:14)

Also ich erwarte von keinem psychisch Erkrankten, dass der sich ins Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit stellt. Wie Marmelada schon schrieb, alleine aus reinem Eigeninteresse wäre es für die Gesellschaft sinnvoll, sich mit dem Thema öffentlich zu befassen, wenn schon keine Empathie vorhanden ist.


Natürlich. Aber das wird halt "unter dem Tisch" gehalten. In dem Punkt sind uns die USA wirklich vorraus.
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Re: Umgang mit psychischen Erkrankungen.

Beitragvon immernoch_ratlos » Mi 11. Apr 2018, 22:30

Nun mich wundert das alles nicht.

Um festzustellen was los ist, muss man sich nur den geradezu manischen Verlauf der "Diskussion" Münster ansehen. Dort habe ich z.B. über Erkenntnisse zum internen Beitrag "Erweiterter Suizid verlinkt. Nur das interessiert hier offensichtlich nur ganz wenige.

Wenn von den vielen Selbsttötungen dann "unter 0,2 bis 0,3 pro 100 000 Einwohner – im Gegensatz zu rund 12 bis 13 pro 100 000 Einwohner bei herkömmlichem Freitod" erkannt werden, dann ist doch wohl klar, das Phänomen "Erweiterter Suizid" ist wohl kaum präventiv zu behandeln.

Wer letztendlich der Auslöser für dieses Verhalten ist, und wann und wie so etwas eintritt, gehört ganz offensichtlich in die Rubrik "unabwendbar - schicksalhaft" für die Opfer. Wie das bei nicht menschengemachten Naturereignissen hingenommen werden muss.

Das steht im krassen Gegensatz zu religiösen und allgemein politischen Taten, die auf nachvollziehbare Gründe zurückführbar sind.

In einer Welt wie heute, sind psychische Erkrankungen etwas so normales, wie es körperliche Erkrankungen sind, wenn man täglich quasi in Abwässer baden würde. Wie soll irgendwer "normal" bleiben, wenn es durchaus unterschiedliche "Normalitäten" gibt ? Wer gerade noch in einer halbwegs "heilen Welt" zu leben glaubt, wird morgen - übermorgen ? von Schicksalsschlägen überrascht und nicht jeder ist in der Lage, diese Beeinträchtigungen schadlos zu überstehen :(

Neben diesen sinnlich noch erfassbaren Beeinträchtigungen, entgeht heute niemand mehr den zahlreichen "chemisch - biologischen Angriffen" die aus ganz "normalen Alltagsgegenständen", mit solchen Stoffen "angereicherter Nahrung und auch sonst "künstlich veränderter Umwelt" auf jeden (standortabhängig) einwirken. Da wären z.B. Medikamente, die man Kindern in immer größer werdender Gruppen verabreicht um sie "anzupassen". Oder auch Hormone die in den unterschiedlichsten Mischungsverhältnissen z.B. "Rhein - ab" im Trinkwasser und oder in tierischer Nahrung "verabreicht" werden. Allen Betroffenen - Säuglingen, Kinder - Erwachsenen. Wer weiß den schon mit Bestimmtheit zu sagen was das alles anrichtet ? Erste Studien dazu verschwinden recht rasch - immerhin so tragen wenigstens diese Erkenntnisse nicht auch noch zur Verunsicherung bei.... :thumbup:

Was dann am Ende geschieht, ist nichts als ein schlecht geführter und noch schlechter ausgestatteter "Reparaturbetrieb" der kaum in der Lage ist auch nur oberflächlich zu heilen, was längst ein Massenphänomen ist :dead:
"Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Mauern und die anderen Windmühlen." (aus China)
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Re: Anschlag Münster

Beitragvon Marmelada » Fr 13. Apr 2018, 12:55

odiug hat geschrieben:(11 Apr 2018, 12:45)

...
Wir sollten uns hüten, jeden, der etwas aus der Norm fällt gleich zu einem Fall für den Psychiater zu machen, vor allem, weil dies auch einen massiven Einschnitt in die Grundrechte der Menschen zur Folge hat.
Um die Erleichterung von Zwangseinweisungen geht es nicht. Dass du davon ausgehst, psychische Kranke fielen automatisch für die Umwelt sichtbar aus der Norm, hat übrigens etwas mit der Tabuisierung psychischer Krankheiten zu tun. Der Volksmund hört "psychische Krankheit" und assoziiert Irre, die irre Dinge tuend durch die Gegend ziehen...

Die Überlebenden von Münster, die jetzt wegen der Traumatisierung psychologischer Hilfe bedürfen (nein, damit ist kein Zwangsaufenthalt in der Psychiatrie gemeint) können sich auf Wartelisten einstellen, bevor diesbezüglich etwas Regelmäßiges zustande kommt, was über die Abgabe von Psychopharmaka durch den Hausarzt hinausgeht. Um solche Dinge geht es.
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Re: Umgang mit psychischen Erkrankungen.

Beitragvon Occham » Sa 14. Apr 2018, 14:04

psychisch kranke Menschen gehören in eine Arbeitstherapie, um die Arbeitsverweigerer von den tatsächlich Kranken zu trennen.
Die beste Lösung eines Problems ist meist die Einfachste.

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