gesellschaftliche Trivialität oder tiefdenkende Rhetorik?

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Der Neandertaler
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gesellschaftliche Trivialität oder tiefdenkende Rhetorik?

Beitragvon Der Neandertaler » Sa 9. Dez 2017, 20:15

    "Du siehst, warum die freien Künste so genannt werden:
      weil sie eines freien Mannes würdig sind"
Dies schrieb Lucius Annaeus Seneca, genannt Seneca der Jüngere, in seinem 88. Brief und meinte damit die "septem artes liberales" - die sieben freien Künste, welche in der Spätantike und im Mittelalter gelehrt wurden. Sie waren theoretisch geprägt und wurden unterteilt in einen sprachlichen Zweig (Trivium): Grammatik inkl. Literatur, Rhetorik inkl. Recht und Ethik und Dialektik inkl. Logik sowie in einen Quadrivium-Zweig: Geometrie inkl. Geographie und Naturgeschichte, Arithmetik, Astronomie/Astrologie und Musik.

Friedrich Nietzsche meinte später, daß sich tiefdenkende Menschen im Umgang mit anderen als Komödianten vorkommen müssen, weil sie, um verstanden zu werden, da und dort immer erst gegen eine Oberfläche anheucheln müssen. Benjamin Disraeli vermutete sogar, der tiefe Denker hege immer den Verdacht, daß er oberflächlich sei.

À propos Komödianten:
    Mir sind Leute, die über ihre eigene Witze und Possen selber am meisten und am lautesten lachen, sowieso sehr suspekt ... besonders wenn sie es noch nicht mal zu merken scheinen. Ein Dieter Hildebrandt ist mir lieber als ein Mario Barth. Ein Urban Priol oder Volker Pispers ist mir lieber als ein Harald Schmidt.
Peter Sirius erweiterte es insofern, daß ein Witz der Schaum an der Oberfläche ist, wohingegen Humor als Perle aus der Tiefe kommt.

Auch gerade in Bezug auf und in Politik scheint nahezu Banalität vorzuherrschen. Helmut Schmidt (Gott hab ihn selig) ist oder war mir allemal lieber als Ronald Pofalla je sein kann.
    Will man uns absichtlich dumm halten? Oder hat sich unser Wissen ... unser Verlangen nach Wissen - nach Bescheidwissen - unserem Humor angepaßt?
Beides ist schwer vorstellbar. Denn einerseits mischt sich der mündige Bürger vermehrt in politische Fragen ein - meist zu spät, andererseits: wenn es so sein sollte, daß Politik die Gesellschaft absichtlich dumm halten wollte, ... der Schuß ist wohl nach hinten losgegangen. Stichwort: Wutbürger oder Facharbeitermangel, etc.
    Wollen wir - jeder Einzelne - uns weniger mit solchen Fragen beschäftigen ... mit Sachen, die uns nicht direkt betreffen, oder möchte Politik tatsächlich die Gesellschaft ... das Individuum dumm halten?
Albert Einstein konnte nicht nur in verständlichen Worten seine Relativitätstheorie erklären, er hatte auch sonst noch einiges Logisches beizutragen. Er war nämlich der Überzeugung, daß man Probleme niemals mit derselben Denkweise lösen kann, durch die sie entstanden sind.

Aber egal wo man hinschaut, immer scheint Oberflächlichkeit und scheinen teilweise Platitüden die Oberhand zu gewinnen. Luc de Clapiers, Marquis de Vauvenargues, war der tragenden Meinung, es gäbe wohl mehr oberflächlichen Geist in der großen Welt als in den unteren Gesellschaftsschichten. Und oben genannter Peter Sirius behauptete sogar, daß es Menschen gibt, die jeden Tag in einer neuen Auflage erscheinen - deren Geist aber immer Ferien hat.
    Ist diese Art der "Vollkommenheit" unserer gesellschaftlichen Trivialität geschuldet?
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Re: gesellschaftliche Trivialität oder tiefdenkende Rhetorik?

Beitragvon Progressiver » Sa 9. Dez 2017, 21:07

Wenn bestimmte Politiker die Bevölkerung für dumm verkaufen wollen, dann gehören da immer zwei Seiten dazu. Auf der einen Seite die Politiker selbst, die das -absichtlich oder unabsichtlich- tun. Andererseits liegt es aber auch an den Wählern selbst, wenn sie sich unter Umständen hemmungslos verarschen lassen.

Was die Politiker betrifft: Da lief vor ein paar Tagen eine Reportage über das wahre Ausmaß des Spendensumpfs eines Helmut Kohls. Ich bin mir sicher, dass selbst dieser Politiker sich nur deswegen übers Gesetz gestellt hatte, weil er in seiner eigenen Interpretation dachte, die von ihm angenommenen Spendengelder und die von ihm betriebene Politik wären gut für die Partei und das Land. Auf der anderen Seite stehen aber die Medien und die Wähler. Gerade letztere halte ich für zu bequem, um sich ein eigenes Bild zu machen. Wer schaut denn genauer hin, wenn ein Politiker mit einer Affaire seine Arbeit verbockt? Und wie viele machen sich schon die Mühe, wenigstens die Parteiprogramme zu überfliegen?

Als Politiker muss man, wie gesagt, die Leute entweder informieren oder Stimmung machen, um gewählt zu werden. Aber wahrscheinlich gibt es da auch genug, die ganz froh sind, dass sie nur alle vier oder fünf Jahre sich zur Wahl stellen müssen. Die Wähler wiederum haben meiner Einschätzung nach in vielen Fällen gar kein Interesse, sich politisch so weiterzubilden, dass die Politiker sie als mündigen Wähler wahrnehmen können. Das beste Beispiel ist hierzulande die derzeitige Situation in Deutschland zu nennen: Es kracht und knarzt an allen Ecken und Enden. Am Ende wird aber dennoch Merkel Bundeskanzlerin. Merkel deshalb, weil sie eine unpolitische Kanzlerin ist, die die Bürger in der Regel mit politischen Fragen verschont. Aber ob das ewig so weitergeht? Und ob diese Abrüstung in politischen Fragen nicht am Ende schlecht für die ganze Demokratie ist? Schließlich hat es bei der Bundestagswahl 2017 dazu geführt, dass die Uninformierten und Fundamentalprotestler die AfD gewählt hatten, obwohl so mancher von ihnen selbst nichts Gutes erwarten könnte. Aber da wären wir ja wieder bei den Wählern, die sich bitteschön informieren sollten, bevor sie irgendeine Partei wählen, die ihnen selbst entweder gar nichts bringt oder aber eine Politik betreibt, die etwas völlig gegenteiliges bewirkt. Natürlich gibt es da auch richtige Rassisten etc. Wenn die abgehängten Wähler sich jedoch tiefergehend informieren würden, um sich ihrer eigenen Lage und derjenigen der Gesamtgesellschaft bewusst zu werden, sähe die politische Landschaft anders aus.

Die dritte Partei in diesem Spiel sind dann noch die Medien. Viele der Reportagen, die den Wählern die Augen öffnen könnten, laufen zu Zeiten, in denen ein normaler Berufstätiger unter der Woche schon schlafen muss. Andererseits würde ich auch hier die Schuld bei den Fernsehzuschauern suchen. Wenn die Durchschnittswähler in der Masse zu den Hauptsendezeiten lieber "Bauer sucht Frau" auf RTL gucken wollen oder irgendeine Spielshow oder Helene Fischer in den Öffentlich-Rechtlichen, dann ist das auch ihre Schuld, denn sonst hätten die Spartensender Arte und Phoenix viel mehr Zuschauer. Beziehungsweise: Was im Abendprogramm auf Phoenix läuft, das würde ansonsten ab 20.15 Uhr in der ARD oder im ZDF gesendet.
"Skepsis ist der erste Schritt auf dem Weg zur Philosophie." (Denis Diderot)

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