"Kulturelle Identität" - Was steckt dahinter?

Moderator: Moderatoren Forum 8

Benutzeravatar
Chajm
Beiträge: 2141
Registriert: Mi 4. Jun 2008, 12:27
Wohnort: Tel Aviv

Re: "Kulturelle Identität" - Was steckt dahinter?

Beitragvon Chajm » So 26. Nov 2017, 14:09

Bleibtreu hat geschrieben:(26 Nov 2017, 14:05)

Eben, dass ich mich dazu bekenne und damit identifiziere saekulare Juedin zu sein, ist doch kein Bekenntnis zu einer Menschen verachtenden Ideologie, wie bei RechtsKnallern und Salafisten, die ich ja ausdruecklich ablehne - oder? :)

Tja - die einen sagen so, die anderen sagen so! ;)
"Where no counsel is, the people fall, but in the multitude of counselors there is safety."
Benutzeravatar
Dark Angel
Moderator
Beiträge: 14175
Registriert: Fr 7. Aug 2009, 07:08
Benutzertitel: From Hell

Re: "Kulturelle Identität" - Was steckt dahinter?

Beitragvon Dark Angel » So 26. Nov 2017, 14:10

Selina hat geschrieben:(26 Nov 2017, 12:00)

Es geht weder um irgendeine "kulturelle Identität" oder gar eine "deutsche Identität", sondern schlicht um die "Identität Mensch", wie hier ein User sinngemäß sagte. Falls man überhaupt von "Identität" in diesem Zusammenhang sprechen sollte.

Die "Identität Mensch" gibt es nicht. Man identifiziert sich nich "als etwas", sondern man identifiziert sich "mit etwas" oder "durch etwas". "Identität Mensch" würde bedeuten, alle Menschen sind gleich.
Gegen die menschliche Dummheit sind selbst die Götter machtlos.

Moralische Entrüstung ist der Heiligenschein der Scheinheiligen
Slawe
Beiträge: 11
Registriert: Fr 24. Nov 2017, 11:53

Re: "Kulturelle Identität" - Was steckt dahinter?

Beitragvon Slawe » So 26. Nov 2017, 14:12

Jedes Völkchen hat doch seine kulturelle Identität. Und auch die verschiedenen Bewegungen kann man in Gruppen unterteilen die eine kulturelle Identität haben.
Man braucht nur nach Polen zu fahren, das ist ziemlich krasser Unterschied.
Auch die Deutschen haben sowas, die Mehrheit ist sehr weltoffen und spielt das Sozialamt. Erinnert mich doch leicht an Faschismus was da so einige produzieren wird, und ich rede nicht von der AfD.
Benutzeravatar
Bleibtreu
Moderator
Beiträge: 7449
Registriert: Mi 27. Feb 2013, 11:58
Benutzertitel: freigeist
Wohnort: Tel Aviv // Paris

Re: "Kulturelle Identität" - Was steckt dahinter?

Beitragvon Bleibtreu » So 26. Nov 2017, 14:14

Chajm hat geschrieben:(26 Nov 2017, 14:09)

Tja - die einen sagen So, die anderen sagen sO! ;)

You made my day, mein Herzl! :D
•Wer fuer alles offen ist, kann nicht ganz dicht sein. // Moderatorin fuer Forum 2
https://www.shabak.gov.il/english/Pages/index.html#=2
Concordia - Integritas - Industria
Benutzeravatar
Dark Angel
Moderator
Beiträge: 14175
Registriert: Fr 7. Aug 2009, 07:08
Benutzertitel: From Hell

Re: "Kulturelle Identität" - Was steckt dahinter?

Beitragvon Dark Angel » So 26. Nov 2017, 14:21

Selina hat geschrieben:(25 Nov 2017, 20:10)

Für mich ist es einfach nur menschenfeindlich, wenn sich die einen über die anderen erheben und sagen "seht her, unsere Kultur ist die wahre, die gute, die einzigartige und ihr habt ja noch nicht mal eine Renaissance gehabt und könnt überhaupt nicht mitreden" oder sowas in der Art. Das ist alles überheblicher Mist. Ohne Augenhöhe und Respekt vor dem Anderen geht gar nichts; das Kritisieren anderer Kulturen von oben herab bringt nur Verdruss und neue Aversionen.

Und schon wieder verschwurbelst du deskriptiv und normativ miteinander.
Die eine Kultur hat eine Periode/Epoche der Renaissance und Aufklärung "durchgemacht", eine andere Kultur nicht. Aus dieser Veränderung von Sichtweisen und Erkenntnissen ergibt sich zwangsläufig eine Veränderung des Welt- und Menschenbildes und daraus wiederum eine veränderte Sichtweise auf die rechtliche Stellung des Menschen in einer Gesellschaft.
Das ist Nennung von kulturellen Unterschieden, somit deskriptiv und nicht wertend, wie du wieder absichtlich falsch unterstellst.
Gegen die menschliche Dummheit sind selbst die Götter machtlos.

Moralische Entrüstung ist der Heiligenschein der Scheinheiligen
Benutzeravatar
Sextus Ironicus
Beiträge: 737
Registriert: Mo 13. Nov 2017, 14:04
Benutzertitel: Normativer Minimalismus
Wohnort: Südwest

Re: "Kulturelle Identität" - Was steckt dahinter?

Beitragvon Sextus Ironicus » So 26. Nov 2017, 14:44

Bleibtreu hat geschrieben:(26 Nov 2017, 14:05)

Eben, dass ich mich dazu bekenne und damit identifiziere saekulare Juedin zu sein, ist doch kein Bekenntnis zu einer Menschen verachtenden Ideologie, wie bei RechtsKnallern und Salafisten, die ich ja ausdruecklich ablehne - oder? :)



Wahnsinn, wie weit fortgeschritten der Zwang zur Ablegung eines Bekenntnisses, zum Zwang vorauseilender Distanzierung schon ist. Man sollte den alten Habermas zu einer Woche Internetforenlesezwang verurteilen, auf dass er seine Schnapsidee eines "herrschaftsfreien Diskurses" in die Tonne kloppt. Denn der Diskurszutritt scheint längst nicht mehr in der Kompetenz in einer Sache zu liegen, sondern man muss seine moralische Wertmarke am Eingang vorweisen.

Und im Konkreten reicht dann schon ein einzelner Diskussionskünstler aus, um dafür zu sorgen.

Müsste man es in einem Kalauer ausdrücken, der digitales Zeitalter und Renaissance in einem Neologismus zusammenfasst: Boticella Moralia.
… habe ich mich sorgsam bemüht, menschliche Tätigkeiten nicht zu verlachen, nicht zu beklagen und auch nicht zu verdammen, sondern zu begreifen. (Spinoza)
Slawe
Beiträge: 11
Registriert: Fr 24. Nov 2017, 11:53

Re: "Kulturelle Identität" - Was steckt dahinter?

Beitragvon Slawe » So 26. Nov 2017, 14:46

Mich wurde mal interessieren, wo soll das "erheben über etwas" anfangen?
Wenn sich zwei unterschiedliche Kulturen treffen, gibt es logischerweise Spannungen. Dann wird jede Kultur der anderen sowas unterstellen, dass sie sich für wichtiger halten.
Vergleicht man die türkische Kultur mit der der Deutschen. Sehr unterschiedlich, angefangen bei der Religion, und Nationalstolz bis zum täglichen Verhalten. Warum kritisiert man dann nur deutsche Patrioten für Vaterlandliebe, obwohl die Mehrheit der Türken sehr nationalistisch und religiös geprägt ist?
Jeder Mensch hat ne kulturelle Identität auch ne Selina. Sie sieht sich als Menschenfreund, beruft sich auf den Holocaust und gehört damit auch nen Kollektiv. Für sie ist das Kultur, das sie dann ihre Kultur über andere stellt, schade aber so ist es nun mal.
Benutzeravatar
Billie Holiday
Beiträge: 13968
Registriert: Mi 11. Jun 2008, 10:45
Benutzertitel: Mein Glas ist halbvoll.
Wohnort: Schleswig-Holstein, meerumschlungen

Re: "Kulturelle Identität" - Was steckt dahinter?

Beitragvon Billie Holiday » So 26. Nov 2017, 15:36

Slawe hat geschrieben:(26 Nov 2017, 14:46)

Mich wurde mal interessieren, wo soll das "erheben über etwas" anfangen?
Wenn sich zwei unterschiedliche Kulturen treffen, gibt es logischerweise Spannungen. Dann wird jede Kultur der anderen sowas unterstellen, dass sie sich für wichtiger halten.
Vergleicht man die türkische Kultur mit der der Deutschen. Sehr unterschiedlich, angefangen bei der Religion, und Nationalstolz bis zum täglichen Verhalten. Warum kritisiert man dann nur deutsche Patrioten für Vaterlandliebe, obwohl die Mehrheit der Türken sehr nationalistisch und religiös geprägt ist?
Jeder Mensch hat ne kulturelle Identität auch ne Selina. Sie sieht sich als Menschenfreund, beruft sich auf den Holocaust und gehört damit auch nen Kollektiv. Für sie ist das Kultur, das sie dann ihre Kultur über andere stellt, schade aber so ist es nun mal.


Es geht um die Deutschen, um nichts anderes.
Wer mich beleidigt, bestimme ich.
K. Kinski
Benutzeravatar
Sextus Ironicus
Beiträge: 737
Registriert: Mo 13. Nov 2017, 14:04
Benutzertitel: Normativer Minimalismus
Wohnort: Südwest

Re: "Kulturelle Identität" - Was steckt dahinter?

Beitragvon Sextus Ironicus » So 26. Nov 2017, 15:46

Unité 1 hat geschrieben:(25 Nov 2017, 17:17)


Doch, auch folternde Sadisten sind Menschen - deren bestialische Neigung ist (leider) eine menschliche, wenn auch glücklicherweise seltene. Bei all berechtigtem und nachvollziehbarem Abscheu sollte das nicht vergessen werden.


Sie sind vielleicht sogar nirgends so sehr Mensch in dem Sinne, als sich hier der Unterschied zu den anderen Tieren dieses Planeten sehr nachdrücklich zeigt

Unité 1 hat geschrieben:(25 Nov 2017, 17:17)
Solidarität ist zwar gemäß eines argentinischen Arztes die Zärtlichkeit der Völker, aber dem würde ich nicht folgen. Solidarität ist Ausdruck der Vernunft, keiner der Leidenschaft. (Obschon Leidenschaften auch sponte Solidarisierungen wecken können, stimmt schon.) Zur Institutionalisierung taugt sie aber nicht als affektive.


Ich wollte damit nur ausdrücken, dass die Leidenschaften, die mit der Zugehörigkeit zu einer Kultur verbunden sind, auch in diese Richtung wirken können, nicht nur in Richtung Krieg. Man nimmt beispielsweise Glaubensbrüder aus irgendwelchen fremden Ländern explizit aus diesen Gründen bei sich auf.

Unité 1 hat geschrieben:(25 Nov 2017, 17:17)
Identität drückt auch mMn nach eine Beziehung aus, nämlich die von sich zur Mit- und Umwelt. Die ist allerdings nicht schon immer vorhanden, sondern bildet sich aus. Erst die Existenz anderer bringt die Sinnhaftigkeit des Konzeptes von Identität hervor, das Ich verliert an Bedeutung ohne Bezugspunkt zum Er/Sie. Das ist meiner Ansicht nach zuvorderst psychologisch bedingt - die Abgrenzung von der Familie und die Entdeckung der Eigenständigkeit und darüber die Vermittlung der Zugehörigkeit. Identität ist hier zweischneidig, sie trennt, um verbinden zu können. Ich bin mir nicht sicher, ob sich hier wirklich sinnvoll zwischen kulturell vermittelt oder bedingunsgmäßig angelegt unterscheiden lässt. Zumindest scheint es mir der Verweis auf kulturelle Vermittlung zu weit gegriffen zu sein.


Ich sehe lediglich in der Praxis keine außerkulturelle Vermittlungsinstanz. Wir sind als Individuen aus meiner Sicht immer schon eingebettet in einen soziokulturellen Kontext - der in sich nicht starr ist. Die Vermittlung innerhalb dieses soziokulturellen Kontextes erfolgt durch unterschiedlichste Institutionen (bei der Familie angefangen).

Unité 1 hat geschrieben:(25 Nov 2017, 17:17)
Deinen letzten Absatz kann ich nicht nachvollziehen. Nationen waren (und sind) Katalysator kollektiver Identitäten und ich bin mir sicher, jeder Patriot (von Nationalisten brauchen wir hier nicht sprechen) verstünde diese als kulturelle. Und zwar eine sehr speziell kulturelle, eben eine typische polnische, französische oder deutsche. Das Konstrukt Nation aber ist vom täglichen Leben meilenweit entfernt, weit entfernter als das Menschsein als universaler Bezugspunkt. Letzter begegnet einem ständig, sofern man nicht ein isoliertes Emeritendasein fristet. Die Interaktion mit Menschen führt das Abstrakte täglich konkret vor Augen, freilich ohne die abstrakten universalen Ideale dahinter zu offenbaren. Also sind doch im Gegenteil Erfahrungen und Gefühle die nachvollziehbare, im Sinne von durch Reflektion erfahrbare Grundlage der Universalität.


Ja, mit den Nationen betreten wir auch schon das politische Feld. Historisch ist aus meiner Sicht "Nation" im Sinne eines Nationalstaates erst einmal die Institution gewesen, die uns aus dem Clanwesen und dem Recht des Stärkeren herausgeführt hat. Da würde ich die Erschöpfung von 1648 als "Erweckungserlebnis" bezeichnen. Und Nationalstaaten bilden natürlich auch kollektive Identitäten, befördern diese "Wir-Intentionalitäten" die auch auf der Mikroebene konstitutiv für die Überlebenssicherung sind. Allerdings halte ich persönlich die kulturelle Identität für den weiteren Begriff, die über das Nationale hinausgeht. Die positive Funktion des Nationalstaates liegt für mich historisch gesehen darin, dass er die Institutionen hervorgebracht, kulturelle Identität wirksam zu schützen. Dass er aber, wenn das Nationale in bestimmten Vermischungen oder Hervorhebungen von Elementen der kulturellen Identität, über alles andere triumphiert, zur wirkungsmächtigen Negativkraft wird, liegt wohl ebenfalls in der "Natur" seiner Sache, die wie alles menschliche Leben ambivalent ist - Stefan Zweig hat im Einleitungskapitel seiner Autobiografie ein eindrucksvolles Zeugnis für das Aufkommen des Nationalen und der Folgen gegeben.

So, und dann haben wir dieses Positive und Negative, an dem sich der Streit entzündet. Hier schlage ich mich mit Skeptikern oder Pragmatikern wie Marquard oder auch Rorty (trotz anderer Wahrheitsauffassungen als Rorty) dann gegen Foucault & Co. auf die Seiten der Kompensationsvertreter. Für mich ist er unterm Strich, in wohlständigen halbwegs rechtsstaatlichen Verhältnissen aus strukturellen Gründen der bessere Garant von Freiheit und kultureller Identität. Das hat für mich persönlich nichts mit irgendwelcher Symbolik zu tun, sondern mit der besseren Funktionalität kleiner Einheiten. Und ich glaube, um auf deinen letzten Satz zu antworten, dass es gerade Gefühle und Erfahrungen sind, die dem universalen zuwiderlaufen. Für mich ist nicht ein Abstraktum Mensch der Bezugspunkt. Die Person, als die ich in dieser Kultur agiere, als die ich anerkannt bin, konstituiert sich für mich in einer konkreten Umgebung aus den dort geltenden Normen heraus, nicht gegenüber oder aus einem abstrakten Ideal. Wenn alle eine Identität Mensch hätten, löst sich Identität in einem Nichts auf, unser Sprechen darüber wäre sinnlos, es wüsste keiner, was es ist (wenn alle Abi haben, hat keiner eins).

Unité 1 hat geschrieben:(25 Nov 2017, 17:17)
Im Gegensatz zu kulturellen Identitäten, die gänzlich abstrakt sind. Die Universalität sehe ich aber auch nicht als Kontrapunkt, sondern als komplementär an. Und muss es ja auch, sonst tappte ich in dieselbe Falle der potentiellen Entmenschlichung, indem ich Anhängern kultureller Identitäten ihr Menschsein abspräche (denn das sei ausschließlich universell).


Kulturelle Identitäten sind vollkommen konkret. Die Tatsache der potenziellen Entmenschung anderer hebt das nicht auf. Die Erkenntnis dieser Potenzialität ist lediglich die Aufforderung, damit vernünftig umzugehen.

Übrigens unterläuft für mich das Konzept Identität Mensch auch jede Integrationsanstrengung, da im Zweifelsfall immer diese der kulturellen Identität als normativ vorrangig gegenübergesetzte Identität alle praktischen Bemühungen letztendlich aushebeln würde. Sie zementiert einen absoluten Relativismus und versucht die totale Negation der Negation. Aber die wäre nur zu einem hohen Preis zu haben, der für mich persönlich nicht mehr zu kompensieren wäre.

Unité 1 hat geschrieben:(25 Nov 2017, 17:17)
Und ich würde meinen, dass im Gegenteil die Vergewisserung des Ich im Anderen erst zur Verantwortlichkeit führt. Sonst wäre sie nur beliebig und willkürlich, auf Sympathien und nicht auf Einsicht gegründet.


Den Satz muss ich nochmal mitnehmen. Ich habe das "Divinisierungs"projekt des Anderen von Levinas nie verstanden, vielleicht weil ich einfach instinktiv rebelliere.
… habe ich mich sorgsam bemüht, menschliche Tätigkeiten nicht zu verlachen, nicht zu beklagen und auch nicht zu verdammen, sondern zu begreifen. (Spinoza)
PeterK
Beiträge: 5209
Registriert: Di 31. Mai 2016, 10:06

Re: "Kulturelle Identität" - Was steckt dahinter?

Beitragvon PeterK » So 26. Nov 2017, 18:57

Dark Angel hat geschrieben:(26 Nov 2017, 14:10)
Die "Identität Mensch" gibt es nicht. Man identifiziert sich nich "als etwas", sondern man identifiziert sich "mit etwas" oder "durch etwas".

Naja. Es gibt die Identität eines Individuums - hier eines Menschen. Das entspricht im Wesentlichen einer Identifizierung (im Sinne der Gleichsetzung) "als jemand".
Benutzeravatar
Sextus Ironicus
Beiträge: 737
Registriert: Mo 13. Nov 2017, 14:04
Benutzertitel: Normativer Minimalismus
Wohnort: Südwest

Re: "Kulturelle Identität" - Was steckt dahinter?

Beitragvon Sextus Ironicus » So 26. Nov 2017, 19:25

Ein "Jemand" geworden zu sein, also eine Person, geschieht nicht aus sich heraus, sondern immer in Abhängigkeit von anderen. Und in der Folge der Fähigkeit "ich" sagen zu können, zu verstehen, was damit gemeint ist, wenn jemand "ich" sagt, versteht jemand auch die Bedeutung von "wir". Das ist die Voraussetzung dafür, zum moralischen Akteur werden zu können. Und dieses Wir ist immer konkret.
… habe ich mich sorgsam bemüht, menschliche Tätigkeiten nicht zu verlachen, nicht zu beklagen und auch nicht zu verdammen, sondern zu begreifen. (Spinoza)
PeterK
Beiträge: 5209
Registriert: Di 31. Mai 2016, 10:06

Re: "Kulturelle Identität" - Was steckt dahinter?

Beitragvon PeterK » So 26. Nov 2017, 19:39

Sextus Ironicus hat geschrieben:(26 Nov 2017, 19:25)
Und in der Folge der Fähigkeit "ich" sagen zu können, zu verstehen, was damit gemeint ist, wenn jemand "ich" sagt, versteht jemand auch die Bedeutung von "wir".

Und wenn "jemand" versteht, dass er ein Teil vieler "wir" ist, dann hat er "es" verstanden.
Benutzeravatar
Dark Angel
Moderator
Beiträge: 14175
Registriert: Fr 7. Aug 2009, 07:08
Benutzertitel: From Hell

Re: "Kulturelle Identität" - Was steckt dahinter?

Beitragvon Dark Angel » So 26. Nov 2017, 19:40

PeterK hat geschrieben:(26 Nov 2017, 18:57)

Naja. Es gibt die Identität eines Individuums - hier eines Menschen. Das entspricht im Wesentlichen einer Identifizierung (im Sinne der Gleichsetzung) "als jemand".

Identität bezieht sich immer auf eine ganz konkrete Person - das bin ICH - und somit entspricht Identiät gerade keiner Gleichsetzung, sondern einer Abgrenzung zwecks Unterscheidbarkeit. ==> Das bin ICH/so bin ICH und das bist DU/so bist DU.
Menschen identifizieren sich nicht "als (irgend)jemand", sondern sie entwickeln - mittels Selbstreflektion - eine Identität als einzigartiges und unverwechselbares Individuum. Daher auch der Begriff Selbstbewusstsein.
Gegen die menschliche Dummheit sind selbst die Götter machtlos.

Moralische Entrüstung ist der Heiligenschein der Scheinheiligen
Benutzeravatar
Bleibtreu
Moderator
Beiträge: 7449
Registriert: Mi 27. Feb 2013, 11:58
Benutzertitel: freigeist
Wohnort: Tel Aviv // Paris

Re: "Kulturelle Identität" - Was steckt dahinter?

Beitragvon Bleibtreu » So 26. Nov 2017, 19:44

Sextus Ironicus hat geschrieben:(26 Nov 2017, 19:25)

Ein "Jemand" geworden zu sein, also eine Person, geschieht nicht aus sich heraus, sondern immer in Abhängigkeit von anderen. Und in der Folge der Fähigkeit "ich" sagen zu können, zu verstehen, was damit gemeint ist, wenn jemand "ich" sagt, versteht jemand auch die Bedeutung von "wir". Das ist die Voraussetzung dafür, zum moralischen Akteur werden zu können. Und dieses Wir ist immer konkret.

Eben, das sehe ich genauso. Ein Linker, ein Liberaler, Christ, Rechter oder wo immer jemand seine kulturelle/n Identitaet/en angenommen hat, definiert sich ja gerade in Abgrenzung zu anderen kulturellen Identitaeten und Konzepten. Wenn ich einen Blick in den AFD Strang werfe, dann lese ich das lebendig gewordene AnschauungsMaterial unterschiedlicher kultureller Identitaeten, die sich gegenseitig an den Hals springen. Ueberall im Forum, bei allen moeglichen Themen, ist das klar erkennbar. Und auch die GruppenBildung - "wir" gegen die "anderen" wird deutlich sichtbar. Da tritt das individuelle zurueck und die jeweilige kulturelle Identitaet/Zugehoerigkeit in den Vordergrund. :D
•Wer fuer alles offen ist, kann nicht ganz dicht sein. // Moderatorin fuer Forum 2
https://www.shabak.gov.il/english/Pages/index.html#=2
Concordia - Integritas - Industria
Benutzeravatar
Dark Angel
Moderator
Beiträge: 14175
Registriert: Fr 7. Aug 2009, 07:08
Benutzertitel: From Hell

Re: "Kulturelle Identität" - Was steckt dahinter?

Beitragvon Dark Angel » So 26. Nov 2017, 19:45

PeterK hat geschrieben:(26 Nov 2017, 19:39)

Und wenn "jemand" versteht, dass er ein Teil vieler "wir" ist, dann hat er "es" verstanden.

Ist immer noch der gleiche Quatsch wie vorhin.
Menschen sind Individuen, sie sind nicht Teil vieler. Das "WIR" wird durch Kooperation/Zusammenschluss und das Gefühl von Zusammengehörigkeit erst geschaffen und zwar durch ganz bewusstes Handeln jedes Einzelnen/durch ganz bewusste Interaktion.
Meschen besitzen weder Schwarmintelligenz noch Schwarmbewusstsein - sie besitzen Selbstbewusstsein und treffen ihre Entscheidungen selbstbestimmt.
Gegen die menschliche Dummheit sind selbst die Götter machtlos.

Moralische Entrüstung ist der Heiligenschein der Scheinheiligen
PeterK
Beiträge: 5209
Registriert: Di 31. Mai 2016, 10:06

Re: "Kulturelle Identität" - Was steckt dahinter?

Beitragvon PeterK » So 26. Nov 2017, 20:00

Dark Angel hat geschrieben:(26 Nov 2017, 19:40)
Identität bezieht sich immer auf eine ganz konkrete Person - das bin ICH - und somit entspricht Identiät gerade keiner Gleichsetzung ...

Pardon, aber das ist IMO so nicht richtig.

Ich weiß, dass Ihr Jungs und Mädels von der "Buddeltruppe" gern mal fünfe gerade sein lasst ;). Aber: Identität bedeutet - in Bezug auf eine Person - die völlige Übereinstimmung mit dem, was sie ist oder als was sie bezeichnet wird.
Slawe
Beiträge: 11
Registriert: Fr 24. Nov 2017, 11:53

Re: "Kulturelle Identität" - Was steckt dahinter?

Beitragvon Slawe » So 26. Nov 2017, 20:10

Billie Holiday hat geschrieben:(26 Nov 2017, 15:36)

Es geht um die Deutschen, um nichts anderes.


Habe wohl was vergessen. Ich meinte natürlich Türken in Deutschland. Es sei denn, du siehst diese Gruppe nicht als Mitglieder der Gesellschaft. Musst nur mal fragen welche Identität sie haben, wirst oft genug zu hören bekommen:"Bin Türke."
Stell die Frage nen Deutschen, und du kriegst alles mögliche zu hören, je nach Alter der Person.

Was die Türken angeht, oder Deutschtürken, ooodeeer Deutsche mit Migrationshintergrund. Such dir was aus. :D
Diese Menschen, haben eine kulturelle Identität, obwohl sie in Deutschland leben. Sie fühlen oft eine starke Verbundenheit mit der Heimat. Außerdem kannst du auch bei Türken die hier geboren wurden beobachten, dass sie Türkisch können.

Was die "reinen" Deutschen angeht. Die haben auch eine Kultur, alles deutsche ist böse. Sicher nicht die Mehrheit aber schon ein beachtlicher Teil. Die Doppelmoral ist dabei sehr erstaunlich. Andere Völker die in Deutschland leben, dürfen sich ganz normal dazu bekennen, dass sie ihre Heimat lieben. Auch gibt es kaum Probleme wenn so manch einer sehr rassistisch dabei vorgeht. Auf der anderen Seite wird ein Deutscher dafür manchmal schwer bezahlen müssen, Jobverlust, Sachbeschädigung, Ausgrenzung usw.. Und weißt du was, das ist auch ein Teil der kulturellen Identität. Somit ist es auch kein Begriff der Rechten.
Menschen kann man in größere oder kleinere Grüppchen unterteilen. Je nach dem welche Interessen und Ansichten sie vertreten, werden sie Gleichgesinnte suchen.
Benutzeravatar
Bleibtreu
Moderator
Beiträge: 7449
Registriert: Mi 27. Feb 2013, 11:58
Benutzertitel: freigeist
Wohnort: Tel Aviv // Paris

Re: "Kulturelle Identität" - Was steckt dahinter?

Beitragvon Bleibtreu » So 26. Nov 2017, 20:19

Slawe hat geschrieben:(26 Nov 2017, 20:10)
[...] Menschen kann man in größere oder kleinere Grüppchen unterteilen. Je nach dem welche Interessen und Ansichten sie vertreten, werden sie Gleichgesinnte suchen.

So ist es. Ich erklaere mir diese Verhaltensweise als eine Art UeberlebensMechanismus. Wenn du alleine fuer etwas stehst, hast du wesentlich schlechtere Karten, als wenn du dies mit Gleichgesinnten zusammen tust. So entstehen auch InteressensGemeinschaften und Parteien. Selbst RadikalIndividualisten wie wurzellose Kosmopoliten, suchen die Gemeinschaft von Ihresgleichen, statt von Menschen, die ihren Ansichten kontraer gegenueber stehen.
•Wer fuer alles offen ist, kann nicht ganz dicht sein. // Moderatorin fuer Forum 2
https://www.shabak.gov.il/english/Pages/index.html#=2
Concordia - Integritas - Industria
Benutzeravatar
Dark Angel
Moderator
Beiträge: 14175
Registriert: Fr 7. Aug 2009, 07:08
Benutzertitel: From Hell

Re: "Kulturelle Identität" - Was steckt dahinter?

Beitragvon Dark Angel » So 26. Nov 2017, 20:30

PeterK hat geschrieben:(26 Nov 2017, 20:00)

Pardon, aber das ist IMO so nicht richtig.

Ich weiß, dass Ihr Jungs und Mädels von der "Buddeltruppe" gern mal fünfe gerade sein lasst ;). Aber: Identität bedeutet - in Bezug auf eine Person - die völlige Übereinstimmung mit dem, was sie ist oder als was sie bezeichnet wird.

Und immer noch falsch!
"Identität läßt sich als die Antwort auf die Frage verstehen, wer man selbst oder wer jemand anderer sei. Identität im psychologischen Sinne beantwortet die Frage nach den Bedingungen, die eine lebensgeschichtliche und situationsübergreifende Gleichheit in der Wahrnehmung der eigenen Person möglich machen" [...]
"Identität ist ein Akt sozialer Konstruktion: Die eigene Person oder eine andere Person wird in einem Bedeutungsnetz erfaßt. Die Frage nach der Identität hat eine universelle und eine kulturell-spezifische Dimensionierung. Es geht immer um die Herstellung einer Passung zwischen dem subjektiven "Innen" und dem gesellschaftlichen "Außen", also um die Produktion einer individuellen sozialen Verortung. Die Notwendigkeit zur individuellen Identitätskonstruktion verweist auf das menschliche Grundbedürfnis nach Anerkennung und Zugehörigkeit. Es soll dem anthropologisch als "Mängelwesen" bestimmbaren Subjekt eine Selbstverortung ermöglichen, liefert eine individuelle Sinnbestimmung, soll den individuellen Bedürfnissen sozial akzeptable Formen der Befriedigung eröffnen."
Quelle
Gegen die menschliche Dummheit sind selbst die Götter machtlos.

Moralische Entrüstung ist der Heiligenschein der Scheinheiligen
PeterK
Beiträge: 5209
Registriert: Di 31. Mai 2016, 10:06

Re: "Kulturelle Identität" - Was steckt dahinter?

Beitragvon PeterK » So 26. Nov 2017, 21:39

Dark Angel hat geschrieben:(26 Nov 2017, 20:30)
"Identität läßt sich als die Antwort auf die Frage verstehen, wer man selbst oder wer jemand anderer sei.

Das ist schwammig formuliert. Ich neige eher dem ersteren Teil ("wer man selbst ...") und Du wohl eher dem zweiteren ("oder wer jemand anderer ...") zu.

OT: Geht's den Händen besser?

Zurück zu „8. Gesellschaft“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast