Was ist eigentlich "Kultur"?

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Bielefeld09
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon Bielefeld09 » Sa 25. Nov 2017, 19:26

unity in diversity hat geschrieben:(25 Nov 2017, 19:07)

Wir erwarten noch special guests.

Na denn, sollen sie kommen.
Der " Kulturbegriff" scheint aber auch " Solche " zu includieren. :)
Sorry Mods, es ist nie persönlich gemeint. Ihr habt immer recht. Sorry :( :p
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon Sextus Ironicus » Sa 25. Nov 2017, 22:05

Bleibtreu hat geschrieben:(25 Nov 2017, 18:58)

Es gibt keine Sieger und auch keine SiegerEhrungen - egal wer in einem Strang das letzte Wort hat.Wer in Foren unter der Praemisse siegen zu wollen diskutiert, hat nicht verstanden wie Foren und Menschen funktionieren. :)


Eben.
… habe ich mich sorgsam bemüht, menschliche Tätigkeiten nicht zu verlachen, nicht zu beklagen und auch nicht zu verdammen, sondern zu begreifen. (Spinoza)
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon Occham » So 26. Nov 2017, 09:03

Kultur wird auch von den ökonomischen Gegebenheiten geprägt. In einem armen Land herrscht mehr Religion. Man betet quasi dafür das man keinen Hungertod stirbt. In einer reichen Ökonomie ist es vermutlich der Rechtsstaat.
Die beste Lösung eines Problems ist meist die Einfachste.
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon unity in diversity » So 26. Nov 2017, 09:38

Occham hat geschrieben:(26 Nov 2017, 09:03)

Kultur wird auch von den ökonomischen Gegebenheiten geprägt. In einem armen Land herrscht mehr Religion. Man betet quasi dafür das man keinen Hungertod stirbt. In einer reichen Ökonomie ist es vermutlich der Rechtsstaat.

Religionen sind Relikte aus der Steinzeit.
Wo das Wissen endete, begann der Aberglaube.
In gebildeten Nationen, bewahrt man die Erinnerung an das dunkle Zeitalter, auf das es sich nicht wiederholen möge.
Man besucht Wallfahrtsorte mit dem prickelnden Gefühl, einer temporären Reise in die Vergangenheit.
Man kann jederzeit in das hier und jetzt zurückkehren.
Für jedes Problem gibt es zwei Lösungsansätze:
Den Falschen und den Unsrigen.
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon Sextus Ironicus » So 26. Nov 2017, 10:20

unity in diversity hat geschrieben:(26 Nov 2017, 09:38)

Religionen sind Relikte aus der Steinzeit.
Wo das Wissen endete, begann der Aberglaube.
In gebildeten Nationen, bewahrt man die Erinnerung an das dunkle Zeitalter, auf das es sich nicht wiederholen möge.
Man besucht Wallfahrtsorte mit dem prickelnden Gefühl, einer temporären Reise in die Vergangenheit.
Man kann jederzeit in das hier und jetzt zurückkehren.


Sehe ich eher umgekehrt: Religion ist wie das aus der Neugier entstehende Wissen "Entlastung vom Absoluten" (Blumenberg) Religion endet also immer dort, wo an die Stelle von Glaubenssätzen nach und nach Wissen tritt. Die Reste von Religion, die bleiben, sind im Idealfall so eine Mischung aus Traditionspflege, Wellness, Therapie usw., sie zählt also zu den Sitten und Gebräuchen, aber, und das ist der entscheidende Punkt, ihre absolute normative Kraft ist gebrochen. Das war der Erfolg der Aufklärung (Kollateralschäden inbegriffen).
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon unity in diversity » So 26. Nov 2017, 10:33

Sextus Ironicus hat geschrieben:(26 Nov 2017, 10:20)

Sehe ich eher umgekehrt: Religion ist wie das aus der Neugier entstehende Wissen "Entlastung vom Absoluten" (Blumenberg) Religion endet also immer dort, wo an die Stelle von Glaubenssätzen nach und nach Wissen tritt. Die Reste von Religion, die bleiben, sind im Idealfall so eine Mischung aus Traditionspflege, Wellness, Therapie usw., sie zählt also zu den Sitten und Gebräuchen, aber, und das ist der entscheidende Punkt, ihre absolute normative Kraft ist gebrochen. Das war der Erfolg der Aufklärung (Kollateralschäden inbegriffen).

Eccezionale Zusammenfassung des eccezionalen Geschehens, in diesem Faden.
Es soll aber Foristen geben, die dich noch toppen können.
Ich lege schon mal Knabberzeug bereit, wegen der zunehmenden Spannung.
Für jedes Problem gibt es zwei Lösungsansätze:
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon Sextus Ironicus » So 26. Nov 2017, 11:54

unity in diversity hat geschrieben:(26 Nov 2017, 10:33)

Es soll aber Foristen geben, die dich noch toppen können.


Das wäre ja dann das "richtige" Gewinnen im Sinne einer persönlichen Horizontwerweiterung.
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 27. Nov 2017, 09:16

Bleibtreu hat geschrieben:(24 Nov 2017, 15:12)

Da stimme ich dir zu - nur steht das im Widerspruch dazu eine kulturelle Identitaet abzulehnen. Entweder akzeptiere ich meine Wurzeln oder ich lehne sie ab, weil ich ein "wurzelloser Kosmopolit" sein will. Beides, mit und ohne Wurzeln, geht schlecht. :)


Schau dir nur zum Beispiel die Biographie von Karl Kraus an. "Distanz zu den eigenen Wurzeln" bis hin zur katholischen Taufe auf der einen und auf der anderen Seite das Bewusstsein, dass er innerhalb dieser teils doch sehr antisemitisch geprägten k&k-Welt zwischen Wien, Prag, Krakau und Budapest eben doch wegen seines Jüdischseins zum Anderssein verurteilt war. Die Hypothese ist, dass kreative Geister wie Karl Kraus ihre Kreativität eben gerade aus diesem Bewusstsein der Ambilavenz, der eigenen völligen Widersprüchlichkeit und vor allem der Abgegrenztheit, der Auseinandersetzung damit schöpften. Es ist schlicht nicht mehr aus der Welt zu schaffen, dass diese Art von Intellektualität wie bei Kraus mit einem Jüdischsein innerhalb einer überwiegend nichtjüdischen Welt zusammengedacht wird. Und es ist auch - denke ich mal - völlig legitim, dies gewissermaßen als allgemeingültige Parabel zu denken.
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 27. Nov 2017, 10:04

Zunder hat geschrieben:(24 Nov 2017, 15:00)

Genau.
Es gab gar keine Wirtschaftskrise und keine ökonomisch bedingten Spannungen zwischen den reicheren Teilrepubliken und der serbischen Zentralregierung.



Das tragische an den Jugoslawien-Kriegen besteht gerade darin, dass ethnische, religiöse Spannungen über Dekaden hinweg nicht in größerem Maße zu Konflikten führten, dann aber innerhalb kürzester Zeit instrumentalisiert werden konnten. Auch wenn es im Hintergrund selbstverständlich auch um anderes ging. Wie auch bei vielen anderen jüngeren militärischen Konflikten.

Was kann man daraus anderes schlussfolgern, als gegen Identitäts-Ideologien anzukämpfen. Je mehr Albanierinnen mit Serben und Kroatinnen mit Slowenen Kinder produzieren, je durchmischter desto besser. Je mehr sie über Kultur, Wirtschaft, Wissenschaft nachdenken und je weniger über ihre nationale, ethnische, religiöse Identität, desto bessser.

Es geht genau darum: Offenzulegen, dass diese Identitätsfragen immer nur von den eigentlichen Drahtziehern instrumentalisiert werden. Dass man der Dumme ist und bleibt, wenn man darauf eingeht.
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon Sextus Ironicus » Mo 27. Nov 2017, 10:20

schokoschendrezki hat geschrieben:(27 Nov 2017, 10:04)

Was kann man daraus anderes schlussfolgern, als gegen Identitäts-Ideologien anzukämpfen. Je mehr Albanierinnen mit Serben und Kroatinnen mit Slowenen Kinder produzieren, je durchmischter desto besser. Je mehr sie über Kultur, Wirtschaft, Wissenschaft nachdenken und je weniger über ihre nationale, ethnische, religiöse Identität, desto bessser.


Ja, sollte man meinen. Aber gerade Serben und Kroaten haben gezeigt, dass es letztendlich nicht funktioniert hat. Daraus entsteht eine andere kulturelle Identität ohne einen Autamatismus der totalen Nicht-Abgrenzung oder der Bereitschaft zur gewaltfreien Lösung von Konflikten. Der einzige halbwegs stabile Garant sind geteilte Interessen und Ziele - auch die EU begann als Wirtschftsgemeinschaft.

Aber netter Gedanke. Wenn die Sunniten dann mit den Wahabiten und den Schiiten sich "mischen" würden, dann wäre nach dieser Idee von dir alles gut. Übrigens: Damit der Islam gerettet werden kann, spricht man von Islam und Islamismus, bei "Kultur" haut man gleich die ganze Kultur in die Pfanne, obwohl Kultur/kulturelle Identität als Begriffe viel breiter gefasst sind als eine Religion.
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 27. Nov 2017, 10:32

Sextus Ironicus hat geschrieben:(27 Nov 2017, 10:20)
Aber netter Gedanke. Wenn die Sunniten dann mit den Wahabiten und den Schiiten sich "mischen" würden, dann wäre nach dieser Idee von dir alles gut.

Nee. Falsch verstanden. Wenn sie nix dabei fänden, wäre das ein Symptom dafür, dass - vielleicht nicht alles gut - aber sehr vieles sehr viel besser wäre als es ist.
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 27. Nov 2017, 10:45

"Desintegriert euch" heißt übrigens das künslterische Konzept, die Position und hieß auch ein Kongress am Gorki-Theater, der von vorwiegend jüdischen Berliner Künstlern veranstaltet wurde. Und dieses Konzept führt noch einmal ganz explizit deutlich und unmissversändlich die Begriffe "Jüdischsein" und "Kosmopolitimus" zusammen.
Man könnte auch sagen: Seht her, hier sind wir. Jung. Jüdisch. Radikal. Und wir machen Kunst. Kunst die aufrütteln will, die traditionelle Sehgewohnheiten auf das Jüdischsein heute und auf die Koordinaten der jüdisch-deutschen Beziehung aufbricht. So verspielt wie poetisch, so schrill wie provokant. Sasha Marianna Salzmann erklärt das Motto:

"Desintegration ist eine Forderung, die wir stellen. Also wir reden nicht mehr über Shoah, Israel, Antisemitismuserfahrung. Wir machen Kunst. Wir reden über das, was unser Leben heute im 21. Jahrhundert in Deutschland ausmacht und lassen uns nicht mehr stigmatisieren. Es ist aber eben auch eine Forderung, die tiefer greift und alle möglichen Communitys einlädt, sich zu distanzieren von den Zuschreibungen, die nicht ihre eigenen sind.

http://www.deutschlandfunkkultur.de/radikale-juedische-kulturtage-am-maxim-gorki-theater-ein.1079.de.html?dram:article_id=400893
Und diese Zuschreibungen werden explizit benannt: Religion, Ethnie, Nation. Eine radikale jüdische kosmopolitische Kultur, die sich auch an alle anderenn Communities richtet.
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon Selina » Mo 27. Nov 2017, 10:48

schokoschendrezki hat geschrieben:(27 Nov 2017, 10:45)

"Desintegriert euch" heißt übrigens das künslterische Konzept, die Position und hieß auch ein Kongress am Gorki-Theater, der von vorwiegend jüdischen Berliner Künstlern veranstaltet wurde. Und dieses Konzept führt noch einmal ganz explizit deutlich und unmissversändlich die Begriffe "Jüdischsein" und "Kosmopolitimus" zusammen.

http://www.deutschlandfunkkultur.de/radikale-juedische-kulturtage-am-maxim-gorki-theater-ein.1079.de.html?dram:article_id=400893
Und diese Zuschreibungen werden explizit benannt: Religion, Ethnie, Nation. Eine radikale jüdische kosmopolitische Kultur, die sich auch an alle anderenn Communities richtet.


:thumbup: Genau. Die Veranstaltung hatte ich ja auch hier verlinkt vor zirka 14 Tagen. Interessierte (bis auf dich) nur keinen hier.
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon Sextus Ironicus » Mo 27. Nov 2017, 10:50

schokoschendrezki hat geschrieben:(27 Nov 2017, 10:32)

Nee. Falsch verstanden. Wenn sie nix dabei fänden, wäre das ein Symptom dafür, dass - vielleicht nicht alles gut - aber sehr vieles sehr viel besser wäre als es ist.


Selber falsch verstanden ;)

Kultur, kulturelle Identität ist politisierbar, radikalisierbar - alle als solche erkannten Differenzen können zur Durchsetzung von Interessen zweckrationalisiert werden. Am Ende sind deine Kinder eines Serben und einer Kroatin noch immer formal serbisch oder kroatisch, das Kind des Schiiten und der Sunnitin immer noch islamisch. Für mich ist das alles praxisfremd, es geht ums Hier und Jetzt und das Problemlösen: Umgang mit Konflikten, die sich aus Differenzen ergeben.

Dann schau dich mal hier im Forum um, wie Menschen schon im Virtuellen mit Differenzen umgehen. Hier geht es um nichts, als seinen Horizont zu erweitern, und trotzdem scheint bei vielen eine ausgeprägte Bereitschaft vorhanden, den anderen zu denunzieren, ihm seine Diskurswürdigkeit abzusprechen. Und du erwartest, dass das in Lebensfragen plötzlich verschwindet? Ich nicht, jedenfalls solange ich nicht in einer Art Wiedertäuferrepublik lebe.
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon Selina » Mo 27. Nov 2017, 11:16

Fest steht, dass im damaligen Jugoslawien die meisten Serben und Kroaten friedlich miteinander gelebt haben. Erst die Ab- und Aufspaltung der jugoslawischen Teilrepubliken, deren Selbstständigmachung einschließlich sehr schneller und sehr wohlwollender Anerkennung durch den Westen haben die Konflikte aufbrechen und sich in hohem Maße zuspitzen lassen. So etwas heute zu sagen, ist natürlich verpönt. Schon klar. Für mich sind das ganz klare Beispiele dafür, wie greifbar negativ die Folgen dieses einseitigen Betonens von "kultureller Identität" sind, statt ein gutes Miteinander der Menschen des einstigen Vielvölkerstaates zu fördern. An der Aufrechterhaltung eines so großen Staatsgebildes (mit möglicherweise völlig anderer politischer und staatlicher Perspektive) hatte der Westen natürlich kein Interesse, als der Eiserne Vorhang fiel.
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon Sextus Ironicus » Mo 27. Nov 2017, 11:19

Ein Feuerzeug! Ein Königreich für ein Feuerzeug zum Abfackeln der Strohmänner. Sind Raucher hier?
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 27. Nov 2017, 11:26

Sextus Ironicus hat geschrieben:(27 Nov 2017, 10:50)

Selber falsch verstanden ;)

Kultur, kulturelle Identität ist politisierbar, radikalisierbar - alle als solche erkannten Differenzen können zur Durchsetzung von Interessen zweckrationalisiert werden. Am Ende sind deine Kinder eines Serben und einer Kroatin noch immer formal serbisch oder kroatisch, das Kind des Schiiten und der Sunnitin immer noch islamisch. Für mich ist das alles praxisfremd, es geht ums Hier und Jetzt und das Problemlösen: Umgang mit Konflikten, die sich aus Differenzen ergeben.

Dann schau dich mal hier im Forum um, wie Menschen schon im Virtuellen mit Differenzen umgehen. Hier geht es um nichts, als seinen Horizont zu erweitern, und trotzdem scheint bei vielen eine ausgeprägte Bereitschaft vorhanden, den anderen zu denunzieren, ihm seine Diskurswürdigkeit abzusprechen. Und du erwartest, dass das in Lebensfragen plötzlich verschwindet? Ich nicht, jedenfalls solange ich nicht in einer Art Wiedertäuferrepublik lebe.


Nun befinden wir uns allerdings auch in einem Thread zu Fragen der Kultur. Eine Künstler-Aktion wie die unter dem Titel "Desintegriert Euch" des Gporki-Theaters ist kein zielführender realpolitischer Maßnahmenkatalog sondern - eben das - eine provokante und auch provozieren wollende - Künstler-Aktion. Denn vor der Neueinrichtung von Strukturen stehen Infragestellungen bestehender Strukturen.

Und auch in Städten wie dem mazedonischen Skopje, nur als Beispiel, sind es Kunstaktionen, in denen demonstrativ ethnische AlbanierInnen mit slawo-MazedonierInnen auftreteten und sich dafür als Huren beschimpfen lassen.

Und die jüdische Künstlerin Patti Smith sah sich (wie Jimi Hendrix, Jesus Christ and grandma too) als "NIgger".
Zuletzt geändert von schokoschendrezki am Mo 27. Nov 2017, 11:42, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon Sextus Ironicus » Mo 27. Nov 2017, 11:39

schokoschendrezki hat geschrieben:(27 Nov 2017, 11:26)

Nun befinden wir uns allerdings auch in einem Thread zu Fragen der Kultur. Eine Künstler-Aktion wie die unter dem Titel "Desintegriert Euch" des Gporki-Theaters ist kein zielführender realpolitischer Maßnahmenkatalog sondern - eben das - eine provokante und auch provozieren wollende - Künstler-Aktion. Denn vor der Neueinrichtung von Strukturen stehen Infragestellungen bestehender Strukturen.


Riesenseufzer :(

Wenn der kleine Punker an der Straßenecke sitzt, vor sich einen Hut und ein Schild mit der Aufschrift: "Essen für den Frieden", ist das auch eine Künstleraktion, die bestehende Strukturen infrage stellt.
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon Bleibtreu » Mo 27. Nov 2017, 11:39

schokoschendrezki hat geschrieben:(27 Nov 2017, 10:45)

"Desintegriert euch" heißt übrigens das künslterische Konzept, die Position und hieß auch ein Kongress am Gorki-Theater, der von vorwiegend jüdischen Berliner Künstlern veranstaltet wurde. Und dieses Konzept führt noch einmal ganz explizit deutlich und unmissversändlich die Begriffe "Jüdischsein" und "Kosmopolitimus" zusammen.

http://www.deutschlandfunkkultur.de/radikale-juedische-kulturtage-am-maxim-gorki-theater-ein.1079.de.html?dram:article_id=400893
Und diese Zuschreibungen werden explizit benannt: Religion, Ethnie, Nation. Eine radikale jüdische kosmopolitische Kultur, die sich auch an alle anderenn Communities richtet.

Ist immer noch widerspruechlicher Schmonzes, wenn du behauptest ein Jude wuerde explizit juedisch sein ablehnen, sie aber immer noch als juedisch bezeichnest. Und dass die ueblichen Verdaechtigen wie JudenFummler einen ideellen Orgasmus bekommen, wenn einige Juden dazu aufrufen wuerden das Juedischsein abzulegen, ist nun wirklich nicht verwunderlich! :D

Wenn ich allerdings den Artikel lese, stellt sich deren Kosmopolitismus ganz anders dar, als das von DIR immer wieder postulierte Hinweg mit diesem ganzen Identitätszeug!. Ich habe also mit meiner Vermutung zu den juedischen Kosmopoliten richtig gelegen: "Oder liegt es moeglicherweise daran, dass gar nicht jeder Kosmopolit gegen kulturelle Zugehoerigkeit ist; dass das nur DEINE persoenliche Sparte ist?" Diese Juden leugnen nicht ihre kulturelle Identitaet oder wollen sie ablegen oder rufen gar andere dazu auf. Sondern diese jungen Juden aus Berlin, den USA und Israel rebellieren dagegen, von anderen nicht nur oder vorrangig ueber die Shoah definiert zu werden. DAS ist etwas ganz anderes, als seine juedische Identitaet/Kultur in die Tonne kloppen zu wollen! Es sei denn Leute sind der Ansicht, Juden wuerden sich selbst generell und vorrangig ueber die Shoah definieren, statt primaer ueber ihre juedische Kultur. DIESE Meinung ist dann allerdings klar antisemitisch! :cool:

2 Zitate aus deinem verlinkten Artikel, um es zu verdeutlichen:
Der künstlerische Leiter des Studio Я, Tobias Herzberg, sagt:
"Wir sind jetzt mittlerweile die dritte Generation nach der Shoah. Und die ist mittlerweile natürlich radikal diversifiziert, weil neue Menschen da sind, die sich nicht mehr ausschließlich mit einer Identität beschäftigen wollen, die auf Vergangenem fußt. Die eine Selbstverortung vornehmen wollen, eine Befragung. Wer sind wir und was haben wir zu sagen? [...]

Brumlik: Fokus Minderheitskultur
Einer, der das Treiben der jungen jüdischen Generation aus der Perspektive dessen betrachtet, der noch ganz andere Schlachten in diesem Lande geschlagen hat, ist Micha Brumlik, Senior Professor am Zentrum für Jüdische Studien Berlin-Brandenburg. Er berichtet von vergangenen Zeiten:

"Wir hatten in diesem Alter noch darum zu kämpfen, dass die Tatsache der Shoah überhaupt gesellschaftlich bekannt wurde und entsprechend politisch diskutiert wurde."

Das sei heute anders:
"Jedenfalls fällt mir auf, dass diese jüngere Generation sich das nicht zum Hauptthema gemacht hat, sondern dass sie sich vor allem als eine von mehreren Minderheitskulturen in dieser Einwanderungsgesellschaft unter dem Stichwort Diversität positionieren wollen. Im Sinne einer weiteren Emanzipation. Kultureller und persönlicher Art, nicht politischer."
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 27. Nov 2017, 12:34

Sextus Ironicus hat geschrieben:(27 Nov 2017, 11:39)

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War das jetzt eine Frage oder eine Behauptung?

Dass Menschen, die sich gegen die zunehmend identitären europäischen Mehrheitsgesellschaften wehren, vielfach noch auf der Suche nach geeigneten Formen des Widerstands sind, ist doch klar. Skopje ist inzwischen überall. Ebenso wie es klar ist, dass sie mit Denunzierungsversuchen klarkommen werden. Und dass man bei dieser Suche sich auf historische Personen wie Karl Kraus besinnt, ist jetzt auch nicht so verwunderlich. ("Am Chauvinismus ist nicht so sehr die Abneigung gegen die fremden Nationen als die Liebe zur eigenen unsympathisch.")
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