Was ist eigentlich "Kultur"?

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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon schokoschendrezki » Di 14. Nov 2017, 10:52

Die genetische Varianz des Menschen speist sich zu etwa 15 Prozent aus Populationsunterschieden und zu etwa 85 Prozent aus Individualunterschieden. Und mit der "Kultur" verhält es sich aus meiner Sicht nicht grundlegend anders. Sprich: Es ist nur unwesentlich wahrscheinlicher, dass mir mein deutscher Nachbar "nahe" ist als irgendjemand von irgendwo auf der Welt. (Und wirklich: der reale Nachbar mag vor allem Blondinen und dicke Autos. Mein Geschmack geht in eine ganz andere Richtung. Ich wüsste absolut nicht, worüber ich mich mit dem unterhalten sollte, auch wenn wir die gleiche Sprache sprechen). Mit einem Syrer vor einiger Zeit im Krankenhaus als Bettnachbar bin ich auf Englisch sofort ins gespräch gekommen und wir haben lange interessante Unterhaltungen gehabt.
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon Sextus Ironicus » Di 14. Nov 2017, 11:04

Ich weiß nicht genau, wofür das ein Beispiel sein soll, denn sowohl diese Feindschaft gegen die Lebensweise des Nachbarn als auch die positive Neugier für den Syrer sind ja ein Teil der verinnerlichten Kultur. Der virile, blondinen- und dickschlittenliebende Nachbar ist halt ein hier nicht so hoch im Kurs stehendes Lebensmodell. Aber die genetische Varianz wäre auch nicht das Thema. Eher dann schon Ontogenese - hier gibt es (auch innerkulturell) die interessanteren Unterschiede.
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon schokoschendrezki » Di 14. Nov 2017, 11:10

Sextus Ironicus hat geschrieben:(14 Nov 2017, 11:04)

Ich weiß nicht genau, wofür das ein Beispiel sein soll, denn sowohl diese Feindschaft gegen die Lebensweise des Nachbarn als auch die positive Neugier für den Syrer sind ja ein Teil der verinnerlichten Kultur. Der virile, blondinen- und dickschlittenliebende Nachbar ist halt ein hier nicht so hoch im Kurs stehendes Lebensmodell. Aber die genetische Varianz wäre auch nicht das Thema. Eher dann schon Ontogenese - hier gibt es (auch innerkulturell) die interessanteren Unterschiede.


Die Genetik war auch nur eine Art Metapher, ein Analogon zu dem, was ich kulturell wahrnehme. Und von Feindschaft war auch nicht die Rede. Nur von fehlender Gemeinsamkeitsbasis (abgesehen von der Sprache). Es sind keine ausgeprägten Vorlieben sondern einfach nur persönliche Erfahrungen, dass die Wahrscheinlichkeit solcher Gemeinsamkeiten sich nicht oder so gut wie nicht erhöht, wenn ich weiß, dass ich einen Landsmann vor mir sitzen habe.

Und Neugier ist ein absolut universalistisches, humanes Merkmal, dass man als Individuum völlig unabhängig von irgendwelchen Zugehörigkeiten hat oder nicht hat.
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon Sextus Ironicus » Di 14. Nov 2017, 12:00

schokoschendrezki hat geschrieben:(14 Nov 2017, 11:10)

Die Genetik war auch nur eine Art Metapher, ein Analogon zu dem, was ich kulturell wahrnehme. Und von Feindschaft war auch nicht die Rede. Nur von fehlender Gemeinsamkeitsbasis (abgesehen von der Sprache). Es sind keine ausgeprägten Vorlieben sondern einfach nur persönliche Erfahrungen, dass die Wahrscheinlichkeit solcher Gemeinsamkeiten sich nicht oder so gut wie nicht erhöht, wenn ich weiß, dass ich einen Landsmann vor mir sitzen habe.

Und Neugier ist ein absolut universalistisches, humanes Merkmal, dass man als Individuum völlig unabhängig von irgendwelchen Zugehörigkeiten hat oder nicht hat.


Wenn Neugier das ist, dann ist ihr Umfang und die Objekte, auf die sie sich richtet, zu 100 % von der Zugehörigkeit zu einer Kultur abhängig. Jede Erfindung und Entdeckung war immer das Ergebnis, die Summe dessen, wonach man in einem Kulturraum überhaupt fragen konnte.

Aber ich sehe natürlich, dass das moderne Individuum hierzulande, durch die Aufmerksamkeit und die konzentrierten Mittel, mit denen man es päppelt, glaubt, alles liege im Individuum, das sowohl souveräner Schöpfer als auch Zentralgestirn, um das sich alles dreht, in einem sei. Das ist sehr deutsch (und amerikanisch), in Asien begegnet einem das ebenso selten wie in Afrika. Was logisch ist, die haben eine andere Kultur, die andere Prioritäten und Schwerpunkte setzt (oder auch muss), ein anderes Erbe, ein anderes kollektives Gedächtnis, andere oder anders geprägte Religionen.
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon schokoschendrezki » Di 14. Nov 2017, 12:38

Sextus Ironicus hat geschrieben:(14 Nov 2017, 12:00)

Wenn Neugier das ist, dann ist ihr Umfang und die Objekte, auf die sie sich richtet, zu 100 % von der Zugehörigkeit zu einer Kultur abhängig. Jede Erfindung und Entdeckung war immer das Ergebnis, die Summe dessen, wonach man in einem Kulturraum überhaupt fragen konnte.

Aber ich sehe natürlich, dass das moderne Individuum hierzulande, durch die Aufmerksamkeit und die konzentrierten Mittel, mit denen man es päppelt, glaubt, alles liege im Individuum, das sowohl souveräner Schöpfer als auch Zentralgestirn, um das sich alles dreht, in einem sei. Das ist sehr deutsch (und amerikanisch), in Asien begegnet einem das ebenso selten wie in Afrika. Was logisch ist, die haben eine andere Kultur, die andere Prioritäten und Schwerpunkte setzt (oder auch muss), ein anderes Erbe, ein anderes kollektives Gedächtnis, andere oder anders geprägte Religionen.


Sorry, Unsinn. Jede neue ostasiatische Touristengruppe in Europa widerlegt die These von der Populationsabhängigkeit von "Neugier". Dass die gewissermaßen für ihre ganze Familie "mitfotografieren" steht ja noch mal auf einem anderen Blatt. Das ist Familien- und Gemeinschaftssinn.

Die Firma Merck hat 2016 die erste internationale Neugier-Studie veröffentlicht, bei der u.a. auch China einbezogen war. Es gibt nachweislich keinen wesentlichen Unterschied beim "Neugier-Index" etwa zwischen Deutschland, USA und China. Lediglich die prozentuale Zusammensetzung (Wissbegier, Offenheit, Kreativität, Stresstoleranz) der Faktoren unterscheidet sich ein wenig. (https://curiosity.merck.de/docs/Curiosity_Full-Report_German.pdf). Es sind diese dämlichen nicht aus der Welt zu schaffenden Erzählungen wie "Schwarze haben Rhythmus im Blut". Es bestätigt sich (für mich) immer wieder: Die individuelle Varianz ist auch kulturell wesentlich höher als die zwischen den Populationen. Man ist im wesentlichen der, der man ist und nicht der, zu dem man gemacht wird.
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon Sextus Ironicus » Di 14. Nov 2017, 12:53

schokoschendrezki hat geschrieben:(14 Nov 2017, 12:38)

Sorry, Unsinn. Jede neue ostasiatische Touristengruppe in Europa widerlegt die These von der Populationsabhängigkeit von "Neugier". Dass die gewissermaßen für ihre ganze Familie "mitfotografieren" steht ja noch mal auf einem anderen Blatt. Das ist Familien- und Gemeinschaftssinn.

Die Firma Merck hat 2016 die erste internationale Neugier-Studie veröffentlicht, bei der u.a. auch China einbezogen war. Es gibt nachweislich keinen wesentlichen Unterschied beim "Neugier-Index" etwa zwischen Deutschland, USA und China. Lediglich die prozentuale Zusammensetzung (Wissbegier, Offenheit, Kreativität, Stresstoleranz) der Faktoren unterscheidet sich ein wenig. (https://curiosity.merck.de/docs/Curiosity_Full-Report_German.pdf). Es sind diese dämlichen nicht aus der Welt zu schaffenden Erzählungen wie "Schwarze haben Rhythmus im Blut". Es bestätigt sich (für mich) immer wieder: Die individuelle Varianz ist auch kulturell wesentlich höher als die zwischen den Populationen. Man ist im wesentlichen der, der man ist und nicht der, zu dem man gemacht wird.


Die ostasiatische Gruppe entdeckt vielleicht den Dom oder die unterirdische Toilette im Bahnhof. Ich rede aber von theoretischer Neugier: Ein Einstein ist mit seinen Entdeckungen nur aus seiner Zeit und seiner Kultur zu verstehen. Dass jemand der ist, der er ist, ist eine für unsere Kultur durchaus passende metaphorische Ausdrucksweise, die allerdings bis vor ein paar Jahrzehnten für den Gottesnamen stand. Und im wissenschaftlichen Zeitalter, wo man weiß, was es mit dem Wachstum des Gehirns, mit der Onotgenese auf sich hat, wirkt man ist, der man ist, geradezu frivol :)

Dass der Rhythmus im Blut und solche Dinge nur metaphorisches Sprechen sind, ist ja klar. Es ist eine kulturelle Geschichte.

Und übrigens: Schon mal Kaspar Hauser gehört? Was dann aber etwas von der Kultur wegführen würde.
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon schokoschendrezki » Di 14. Nov 2017, 13:26

Sextus Ironicus hat geschrieben:(14 Nov 2017, 12:53)

Die ostasiatische Gruppe entdeckt vielleicht den Dom oder die unterirdische Toilette im Bahnhof. Ich rede aber von theoretischer Neugier: Ein Einstein ist mit seinen Entdeckungen nur aus seiner Zeit und seiner Kultur zu verstehen.

Einen Einstein wird es (vermutlich) auch in den klassischen westlichen Forschungsnationen nicht so schnell nochmal geben. Das dürfte aber an den Fragestellungen sowie an der allgemeinen und vor allem weltweiten Ökonomisierung von Wissenschaft liegen.

Ansonsten: Ich habe auf diese internationale Neugier-Studie verwiesen, nach der es in China eben nicht signifikant weniger Neugierde gibt als in D oder USA. Und es gibt noch zig weitere aktuelle Artikel, die darüber berichten, dass China gegenwärtig sich anschickt, die USA als Forschungsland Nr. 1 zu überholen. Und natürlich bezieht das auch theoretische Forschung mit ein. Wissen kann man nur mehr oder weniger pyramidenhaft aufschichten.
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon zollagent » Di 14. Nov 2017, 13:28

schokoschendrezki hat geschrieben:(14 Nov 2017, 13:26)

Einen Einstein wird es (vermutlich) auch in den klassischen westlichen Forschungsnationen nicht so schnell nochmal geben. Das dürfte aber an den Fragestellungen sowie an der allgemeinen und vor allem weltweiten Ökonomisierung von Wissenschaft liegen.

Ansonsten: Ich habe auf diese internationale Neugier-Studie verwiesen, nach der es in China eben nicht signifikant weniger Neugierde gibt als in D oder USA. Und es gibt noch zig weitere aktuelle Artikel, die darüber berichten, dass China gegenwärtig sich anschickt, die USA als Forschungsland Nr. 1 zu überholen. Und natürlich bezieht das auch theoretische Forschung mit ein. Wissen kann man nur mehr oder weniger pyramidenhaft aufschichten.

Nun ja, ein Herr Steven Hawking dürfte in seiner Bedeutung für die Forschung einem Herrn Einstein nicht wirklich nachstehen.
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon Sextus Ironicus » Di 14. Nov 2017, 13:34

schokoschendrezki hat geschrieben:(14 Nov 2017, 13:26)

Einen Einstein wird es (vermutlich) auch in den klassischen westlichen Forschungsnationen nicht so schnell nochmal geben. Das dürfte aber an den Fragestellungen sowie an der allgemeinen und vor allem weltweiten Ökonomisierung von Wissenschaft liegen.

Ansonsten: Ich habe auf diese internationale Neugier-Studie verwiesen, nach der es in China eben nicht signifikant weniger Neugierde gibt als in D oder USA. Und es gibt noch zig weitere aktuelle Artikel, die darüber berichten, dass China gegenwärtig sich anschickt, die USA als Forschungsland Nr. 1 zu überholen. Und natürlich bezieht das auch theoretische Forschung mit ein. Wissen kann man nur mehr oder weniger pyramidenhaft aufschichten.


Ok, pyramidenförmig aufschichten, damit kann ich leben. Aber selbst wenn in zwei Ländern gleichmäßig aufgeschichtet wäre, genügend Neugier da, fehlt u.U. etwas. China ist ein schönes Beispiel. Die können ihre ganzen Devisenreserven in Forschung stecken, sie werden solange nicht ähnlich innovativ sein, solange sie ihre absoluten und zur völligen Unselbstständigkeit erziehenden streng hierarchischen Beziehungsstrukturen nicht ändern. Solange das neueingestellte Genie nicht klüger als schon der nächste Vorgesetzte sein darf, so lange wird das nichts.

Schönes Beispiel für zwei völlig unterschiedliche, vollkommen unterschiedliche Kulturansätze.
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon schokoschendrezki » Di 14. Nov 2017, 14:28

Sextus Ironicus hat geschrieben:(14 Nov 2017, 13:34)

Ok, pyramidenförmig aufschichten, damit kann ich leben. Aber selbst wenn in zwei Ländern gleichmäßig aufgeschichtet wäre, genügend Neugier da, fehlt u.U. etwas. China ist ein schönes Beispiel. Die können ihre ganzen Devisenreserven in Forschung stecken, sie werden solange nicht ähnlich innovativ sein, solange sie ihre absoluten und zur völligen Unselbstständigkeit erziehenden streng hierarchischen Beziehungsstrukturen nicht ändern. Solange das neueingestellte Genie nicht klüger als schon der nächste Vorgesetzte sein darf, so lange wird das nichts.

Schönes Beispiel für zwei völlig unterschiedliche, vollkommen unterschiedliche Kulturansätze.

Ich würde sagen: Schönes Beispiel wie man sich in Europa zum zweiten mal absolut gründlich in seiner oberflächlichen Überheblichkeit irrren kann. Das erstemal wars Ende des 19. Anfang des 20. Jahrhundert mit der kulturarroganten Sicht auf die USA. Und man kann die Betrachtung übrigens auch umkehren: Wer nicht ein tägliches Update seiner Weltsicht durchführt, wird ganz sicher auch wissenschaftlich zurückbleiben. Es gibt nicht den geringsten Grund, "unselbstständige" Wissenschaftler - wie im Juni dieses Jahres in China - mit einem Weltraum-Röntgenteleskop auszustatten, um schwarze Löcher und Gammablitze zu erforschen. Die "Kulturforscher" werden sich noch mal ziemlich die Augen reiben. Auch die heutigen werden's noch erleben.
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon schokoschendrezki » Di 14. Nov 2017, 14:45

zollagent hat geschrieben:(14 Nov 2017, 13:28)

Nun ja, ein Herr Steven Hawking dürfte in seiner Bedeutung für die Forschung einem Herrn Einstein nicht wirklich nachstehen.

Einen solchen "Rangvergleich" lehnt Hawking (zurecht) ab. Fakt ist: Er führte (u.a.) die Theorien Einsteins fort und wendete sie (und die Ergebnisse der QT) zum Beispiel auf die Physik Schwarzer Löcher an und postulierte dabei Hawking-Strahlung. Bei allem Respekt ... es ist eine bedeutsame Fortführung aber nicht die Umwälzung des Beginns der Modernen Physik. Auch Forschungen zur theoretischen Physik finden heute in in großen Anlagen wie dem CERN statt. Das sind andere Bedingungen. Der Fortschritt ist systematischer, planbarer aber auch aufwändiger und komplexer.
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon Selina » Di 14. Nov 2017, 14:50

Sextus Ironicus hat geschrieben:(14 Nov 2017, 12:53)

Die ostasiatische Gruppe entdeckt vielleicht den Dom oder die unterirdische Toilette im Bahnhof.


So richtig witzig ist das nicht. Zumal du das ja wirklich genau so zu meinen scheinst.
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon Selina » Di 14. Nov 2017, 14:57

Senexx hat geschrieben:(08 Sep 2017, 00:20)

Ich möchte lediglich die Frage klären, was die Gemeinde hier unter "Kultur" versteht.


Kultur ist Vielfalt, Freiheit, Gelassenheit, Toleranz, Miteinander-reden-Können, niemanden im Regen stehenlassen, Altes im Neuen bewahren, Neugier, Offenheit, Verspieltheit, Naivität, Großzügigkeit, Schokotorte (selbst gemachte).
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon Sextus Ironicus » Di 14. Nov 2017, 17:50

Selina hat geschrieben:(14 Nov 2017, 14:50)

So richtig witzig ist das nicht. Zumal du das ja wirklich genau so zu meinen scheinst.


Natürlich meine ich das so - weil das, was ich mit "Entdeckungen" ansprach nichts mit der Ebene zu tun hatte, auf der sich das Beispiel mit der Reisegruppe bewegt hat. Ein einstein, ein Hawking und auch jeder normale Tüftler, Bastler, Theoretiker, der im Zuge der theoretischen Neugier "entdeckt", folgt dem, was in seiner Kultur an Vorwissen usw. aber auch an Möglichkeiten vorhanden ist. Dass Einstein oder Hawking zu einer ganz bestimmten Zeit in einer ganz bestimmten Kultur (westlich, analytisch geprägt) auftauchen und nicht im Mittleren Osten oder in Amazonien hat kulturelle Gründe. Und wenn man aus dieser Tatsache und den bestehenden kulturellen Unterschieden keine moralische Tatsache und keine moralischen Unterschiede oder gar irgendwie biologischen Ableitungen macht, sondern eine, die sich eben aus den Bedingungen und den Möglichkeiten ergeben hat, dann ist das völlig rational. Wo wäre das Problem?
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon Sextus Ironicus » Di 14. Nov 2017, 17:53

Selina hat geschrieben:(14 Nov 2017, 14:57)

Kultur ist Vielfalt, Freiheit, Gelassenheit, Toleranz, Miteinander-reden-Können, niemanden im Regen stehenlassen, Altes im Neuen bewahren, Neugier, Offenheit, Verspieltheit, Naivität, Großzügigkeit, Schokotorte (selbst gemachte).


Das ist eine rein romantische, ideelle, individualistische Behauptung, die in einer Kultur wie der unseren entsteht. Mit einem wissenschaftlichen Kulturbegriff hat das nichts zu tun. Ein Poesiealbum ist eben kein Sachbuch.
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon Cat with a whip » Di 14. Nov 2017, 18:24

Kultur ist rechten Verschwörungsspinnern in den Arsch zu treten.
BERLIN taz | Die Verleihung eines Medienpreises an den ehemaligen RBB-Radiomoderator Ken Jebsen, der seit Jahren in verschwörungstheoretischen Kreisen unterwegs ist, wird nicht wie geplant im Berliner Kino Babylon stattfinden. Das bestätigte die Senatsverwaltung für Kultur am Dienstag der taz.

Damit ist der Wunsch von Kultursenator Klaus Lederer (Linke) in Erfüllung gegangen. Der hatte am Montag auf Facebook geschrieben: „Ich bin entsetzt, dass ein Kulturort in Berlin diesem Jahrmarkt der Verschwörungsgläubigen und Aluhüte eine Bühne bietet. Vom Geschäftsführer des Kinos Babylon würde ich mir angesichts dessen die Courage wünschen, zu sagen: Als Plattform für diesen Wahnsinn stehen wir nicht zur Verfügung.“


http://www.taz.de/Querfront-Preisverlei ... /!5463066/
"Die Erde ist ein Irrenhaus. Dabei könnte das bis heute erreichte Wissen der Menschheit aus ihr ein Paradies machen." Joseph Weizenbaum
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon Adam Smith » Di 14. Nov 2017, 18:27

Sextus Ironicus hat geschrieben:(14 Nov 2017, 17:53)

Das ist eine rein romantische, ideelle, individualistische Behauptung, die in einer Kultur wie der unseren entsteht. Mit einem wissenschaftlichen Kulturbegriff hat das nichts zu tun. Ein Poesiealbum ist eben kein Sachbuch.


Kultur ist all das was vom Menschen stammt.
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon Sextus Ironicus » Di 14. Nov 2017, 18:43

Cat with a whip hat geschrieben:(14 Nov 2017, 18:24)

Kultur ist rechten Verschwörungsspinnern in den Arsch zu treten.


http://www.taz.de/Querfront-Preisverlei ... /!5463066/


Einen Staats- oder Sozialkundeunterricht, der den Schulabgängern solche theoretischen Überzeugungen vermittelt, könnte man als indikativ für die Ursachenforschung nach den Bedingungen, die zum Pisaknick führen, heranziehen.
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon Selina » Di 14. Nov 2017, 19:10

Sextus Ironicus hat geschrieben:(14 Nov 2017, 17:53)

Das ist eine rein romantische, ideelle, individualistische Behauptung, die in einer Kultur wie der unseren entsteht. Mit einem wissenschaftlichen Kulturbegriff hat das nichts zu tun. Ein Poesiealbum ist eben kein Sachbuch.


Ach? Hier geht es um einen "wissenschaftlichen Kulturbegriff"? Alles klar. Welchen von den vielen wissenschaftlichen Kulturbegriffen bevorzugst du denn?

https://de.wikipedia.org/wiki/Kultur_(B ... %C3%A4rung)

Die Frage des Threaderstellers war: "Ich möchte lediglich die Frage klären, was die Gemeinde hier unter 'Kultur' versteht." Und da ich schon viel zum Kulturbegriff geschrieben hatte in einem Kultur-Thread, der vor diesem hier eröffnet wurde, hab ich hier mal genau diese Anfangsfrage beantwortet. Eigentlich alles klar verständlich.
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon Selina » Di 14. Nov 2017, 19:16

Sextus Ironicus hat geschrieben:(14 Nov 2017, 17:50)

Natürlich meine ich das so - weil das, was ich mit "Entdeckungen" ansprach nichts mit der Ebene zu tun hatte, auf der sich das Beispiel mit der Reisegruppe bewegt hat. Ein einstein, ein Hawking und auch jeder normale Tüftler, Bastler, Theoretiker, der im Zuge der theoretischen Neugier "entdeckt", folgt dem, was in seiner Kultur an Vorwissen usw. aber auch an Möglichkeiten vorhanden ist. Dass Einstein oder Hawking zu einer ganz bestimmten Zeit in einer ganz bestimmten Kultur (westlich, analytisch geprägt) auftauchen und nicht im Mittleren Osten oder in Amazonien hat kulturelle Gründe. Und wenn man aus dieser Tatsache und den bestehenden kulturellen Unterschieden keine moralische Tatsache und keine moralischen Unterschiede oder gar irgendwie biologischen Ableitungen macht, sondern eine, die sich eben aus den Bedingungen und den Möglichkeiten ergeben hat, dann ist das völlig rational. Wo wäre das Problem?


Mir ging es lediglich um deinen Satz "Die ostasiatische Gruppe entdeckt vielleicht den Dom oder die unterirdische Toilette im Bahnhof". Den finde ich überheblich. Oder hab ich ihn nur falsch verstanden?
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