Was ist eigentlich "Kultur"?

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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 20. Nov 2017, 10:11

Nur mal zum Vergleich: Was ist eigentlich "Sprudel"?
In Deutschland darf rechtlich als Sprudel nur Mineralwasser bezeichnet werden und nur dann, wenn es unter Kohlendioxidzusatz abgefüllt wurde oder es sich um einen Sauerbrunnen handelt, bei dem das Wasser natürlicherweise einen so hohen Kohlensäuregehalt hat, dass es bei Druckentlastung sprudelt. Sauerbrunnen oder Säuerlinge sind Mineralwässer, die natürlicherweise mehr als 250 mg/l Kohlendioxid enthalten und keine weitere Behandlung erfahren haben; ausgenommen ist weiterer Kohlendioxidzusatz.

Köstlich!
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon Provokateur » Mo 20. Nov 2017, 10:19

schokoschendrezki hat geschrieben:(20 Nov 2017, 09:40)

Nee. Nee nee nee! Ich bin schon aktiv in einigen Kulturbereichen tätig. Zum Beispiel als Nachdichter von Lyrik aus dem Ungarischen. Nicht im Entferntesten, nicht im Allermindesten geschieht das aus irgendeinem identitären Verhältnis zu irgendwas. Ich bin gegenüber Ungarn, dem Ungarischen als Kultur ebenso kritisch eingestellt wie gegenüber Berlin als Stadt, in der ich wohne. Mich interessiert nur und ausschließlich die Qualität eines künstlerischen Textes. Dichte Leuten, die das so oder ähnlich sehen, bitte nicht solch einen Scheiß an wie Antipathie gegenüber irgendeiner anderen Stadt. Damit mögen sich Fußballfans beschäftigen. Wir bestimmt nicht!


Du bestätigst mich, indem du deine Kultur von der Kultur einer Gruppe "Fußballfans" abgrenzt. Du fühlst dich durch meinen Beitrag in deiner kulturellen Identität bedroht und reagierst mit Abwehr.
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 20. Nov 2017, 10:29

Provokateur hat geschrieben:(20 Nov 2017, 10:19)

Du bestätigst mich, indem du deine Kultur von der Kultur einer Gruppe "Fußballfans" abgrenzt. Du fühlst dich durch meinen Beitrag in deiner kulturellen Identität bedroht und reagierst mit Abwehr.



Na ... gut. Das Argument ist offen gestanden so nicht ganz abweisbar. Ich hab* immerhin "Wir" geschrieben. Und dennoch ist das Festhalten an kritischer Distanz und Abstand kein Gruppenbekenntnis sondern lediglich eine nüchtern feststellbare Gemeinsamkeit.
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon Selina » Mo 20. Nov 2017, 10:30

Sextus Ironicus hat geschrieben:(20 Nov 2017, 09:32)

Ja, das ist dann ein ehrliches Statement über das, was du nicht verstehst. Und ja, du stellst den Begriff der Kultur, den wir deskriptiv zu fassen versuchen, unter normativen Vorbehalt, wie ich dir auch am Beispiel mit dem Film erläutert habe, und wie dir einige andere auch erklärt haben. Ich zuletzt mit dem Gedanken von Boghossian, der genau das beschreibt, was du tust. Daher wäre es schlicht unsinnig, deine threadfremde Frage zu beantworten. Aus diesem Grunde zeigt sich übrigens auch über alle theoretischen Aspekte hinaus, dass die Habermas'sche Vorstellung des herrschaftsfreien Diskurs auch in der Praxis völlig an den Gegebenheiten menschlichen Lebens vorbeigeht.

So, damit geht die Frage an den Threaderöffner: Ist mit den Beiträgen, die zum Begriff der Kultur Stellung nehmen, die Frage beantwortet?


Mein gesamter Beitrag von 8.40 Uhr lautete aber so (ich zitiere mich ausnahmsweise mal selbst und fette die Stellen, zu denen mich ebenfalls eine Antwort interessieren würde):

Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wovon du sprichst. Meinst du vielleicht, ich diskutiere nicht "deskriptiv" darüber, was Kultur ist, sondern nur "normativ"? Ja, dann siehst du das eben so. Ich für meinen Teil habe beschrieben, was Lebenswirklichkeit der meisten Menschen ist, nämlich ständig mit einer Menge internationaler Einflüsse im Alltag, in der Freizeit und im Beruf konfrontiert zu sein, was schon lange zur Normalität geworden und nicht mehr wegzudenken ist. Wozu auch? Diese Internationalisierungs-Prozesse werden immer weiter fortschreiten, das ist der Lauf der Dinge. Und ich erlaubte mir, lediglich zu fragen, warum Kultur so vorranging diskutiert wird und so einen hohen Stellenwert in der Diskussion einiger Leute hat. Als Beispiel führte ich die Neue Rechte an, deren Thesen im Forum ebenfalls vertreten werden von einigen wenigen Usern, die in Variationen sagen, dass die "kulturelle Identität des Volkes" vor "fremden Einflüssen" geschützt werden müsse. Das hat auch nichts mit Strang-Schredderei zu tun. Wenn, dann ist es höchstens eine Ergänzung zum bisher Gesagten. Alles Fragen, die man durchaus diskutieren könnte unter der Strang-Überschrift. Denn die Kern-Frage, was Kultur ist, wurde ja bereits von mehreren Usern beantwortet. Auch ich gab dazu zwei konkrete Antworten weiter oben.
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon Sextus Ironicus » Mo 20. Nov 2017, 10:49

Selina hat geschrieben:(20 Nov 2017, 10:30)



Auch ich gab dazu zwei konkrete Antworten weiter oben.


Und es wurde dir erklärt, warum sie falsch sind (was nichts mit (d)einer politischen Einstellung zu tun hat).
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 20. Nov 2017, 10:59

Sextus Ironicus hat geschrieben:(19 Nov 2017, 23:35)
Ich fasse also ganz "einfach" und unkompliziert zusammen: Du hast begriffen, dass du deine eigene Aussage verwerfen musst, weil nur eine der beiden wahr sein kann - und deine ist es nicht. Und nun hängst du dich entweder an diejenigen, denen du dich politisch oder moralisch verwandt fühlst, um alle die Fragen, die zum Beispiel ich dir gestellt habe, nicht beantworten zu müssen. Paul Boghossian hat in seinem Büchlein "Die Angst vor der Wahrheit" nach den Gründen für die Faszination der Verallgemeinerung von sozialen Konstruktionen gefragt und vermutet, dass sie uns die Macht geben, "jeden Erkenntnisanspruch einfach zurückzuweisen, wenn wir die Werte, auf denen er beruht, nicht zufällig teilen." Ja, das erscheint mir sehr passend ...

Mir nicht. Man kann nicht für die Anerkennung von Faktizität plädieren und gleichzeitig von Fakten sprechen, die (angeblich) auf "Werten" beruhen. Die Erde kreist um die Sonne. Völlig gleichgülitg, an welche Werte der glaubt, der das aus Himmelsbeobachtungen schlussfolgert.
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon Selina » Mo 20. Nov 2017, 11:00

Provokateur hat geschrieben:(20 Nov 2017, 09:29)

Tatsache ist: Das ist so. Fraglich ist: Wie wird das wahrgenommen? Ich sage: Intern läuft ständig der Abgleich "So bin ich - so bin ich nicht", was dazu führt, dass sich Kulturen entwickeln und verändern. Menschen wollen anders sein als andere (siehe negative Städtepartnerschaften wie Hamburg-Bremen, Hannover-Braunschweig, Magdeburg-Halle und, wie immer weit vorne, Düsseldorf-Köln), und aus diesem Bedürfnis heraus generiert sich Kultur.
Kultur bedeutet Identität, Identität bedeutet Selbst. Nimm jemandem seine Kultur oder bedrohe sie auch nur, und du bedrohst sein Selbst.


Wer bedroht denn wessen Kultur? Wer nimmt sie jemandem weg? Und wie äußert sich das? Ich sehe nur eine Bereicherung darin, wenn Leute aus Lateinamerika, Syrien, Russland und Irland zusammen Theater spielen und musizieren, wenn ich internationale Belletristik lese und mir französische und englische Filme anschaue. Und ich sehe andererseits auch die gravierenden Unterschiede in den sozialen Verhältnissen auf dem Globus, diese krassen Zustände in den Ländern der dritten Welt im Vergleich zum Wohlstandsleben in Mitteleuropa etcpp. Da ist die gefühlte und echte Bedrohungslage doch eher genau umgekehrt. Dass mir irgendwer die Kultur wegnehmen wolle, kann ich nicht sehen. Höchstens, dass man nach bestimmten aktuellen Kinofilmen (etwa Low-Budget-Produktionen und Regiefilme) länger suchen muss, weil die weniger beworben werden können und nicht in den großen Filmpalästen gespielt werden. Aber als Bedrohung hab ich das dennoch nie empfunden. Die Kultur (auch im weiteren Sinne, also im Sinne von allem Menschengemachten) ist international und wird es immer sein, da is nix wegzunehmen. Eher ständig was Neues "dazuzugeben".
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 20. Nov 2017, 11:02

Es sind ganz einfach soziale Strukturen, die die Menschen dazu bringen, sich ihnen unterzuordnen. Es gibt leider sehr viele Menschen, die - um ein Beispiel zu geben - es einfach nicht aushalten, sich nicht vegetarisch zu ernähren, wenn eine Mehrheit ihrer Mitmenschen genau das praktiziert. Sie können nicht heraustreten. Isoliert dastehen. Sie halten das nicht aus.
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon Selina » Mo 20. Nov 2017, 11:10

Sextus Ironicus hat geschrieben:(20 Nov 2017, 10:49)

Und es wurde dir erklärt, warum sie falsch sind (was nichts mit (d)einer politischen Einstellung zu tun hat).


Das klingt immer so, als spräche der Lehrer zu seiner Schülerin. Das wird aber nichts mehr mit mir :D Diesem Alter bin ich entwachsen und ich hatte auch noch nie ein Problem mit meinem Kultur-Verständnis, das viele Leute in meinem Umfeld teilen. Das klappt schon alles recht gut, keine Sorge. Ich bin eher für Pro und Kontra und für echte Kontroverse ohne formalistische Ausweichmanöver über die Sinnhaftigkeit von Warum-Fragen. Und das Ganze natürlich auch mit sichtbaren "politischen Einstellungen". Dafür ist es ja ein Politik-Forum.
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon Sextus Ironicus » Mo 20. Nov 2017, 11:24

schokoschendrezki hat geschrieben:(20 Nov 2017, 10:59)

Mir nicht. Man kann nicht für die Anerkennung von Faktizität plädieren und gleichzeitig von Fakten sprechen, die (angeblich) auf "Werten" beruhen. Die Erde kreist um die Sonne. Völlig gleichgülitg, an welche Werte der glaubt, der das aus Himmelsbeobachtungen schlussfolgert.


Die Kollegin verweigert sich letzterem aber beim Kulturbegriff. Sie setzt 1:1 um, was ich zitiert habe: "jeden Erkenntnisanspruch einfach zurückzuweisen, wenn wir die Werte, auf denen er beruht, nicht zufällig teilen." Wäre Kultur ein sich selbst ewig fortschreibendes Buch, würde sie immer die Seiten rausreißen, die nach ihrem Werteverständnis falsch wären. Und man kann das so reduzierte Buch nur als "wahr" darstellen, wenn das Normative Vorrang vor dem Ontologischen hat. Da führt nichts vorbei, aus dieser Nummer ist kein Entkommen.
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon Selina » Mo 20. Nov 2017, 11:26

schokoschendrezki hat geschrieben:(20 Nov 2017, 11:02)

Es sind ganz einfach soziale Strukturen, die die Menschen dazu bringen, sich ihnen unterzuordnen. Es gibt leider sehr viele Menschen, die - um ein Beispiel zu geben - es einfach nicht aushalten, sich nicht vegetarisch zu ernähren, wenn eine Mehrheit ihrer Mitmenschen genau das praktiziert. Sie können nicht heraustreten. Isoliert dastehen. Sie halten das nicht aus.


Ja, das stimmt natürlich. Das hat wohl auch mit der Sozialisation des Einzelnen zu tun. Wer ein Leben lang ausschließlich in irgendwelchen Gruppen gelebt und gearbeitet hat, wird sicher Probleme haben, wenn plötzlich mal keine Gruppe mehr da ist. Ich finde da eine gewisse Ausgewogenheit ganz gut: Ab und zu springt man halt mal mit der Gruppe am Volleyballnetz herum und dann wiederum liest man still für sich ein Buch oder schaut aus dem Fenster oder bereitet die nächste Vorlesung vor. Der Witz an diesen Kultur-Gruppen-Identitäts-Diskussionen ist ja auch schon der Vorgang des Schreibens in solch einem Forum. Der geht zumeist völlig isoliert von der Außenwelt vonstatten, ganz ohne Gruppenumarmung.
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon Provokateur » Mo 20. Nov 2017, 11:31

Selina hat geschrieben:(20 Nov 2017, 11:00)

Wer bedroht denn wessen Kultur? Wer nimmt sie jemandem weg? Und wie äußert sich das? Ich sehe nur eine Bereicherung darin, wenn Leute aus Lateinamerika, Syrien, Russland und Irland zusammen Theater spielen und musizieren, wenn ich internationale Belletristik lese und mir französische und englische Filme anschaue. Und ich sehe andererseits auch die gravierenden Unterschiede in den sozialen Verhältnissen auf dem Globus, diese krassen Zustände in den Ländern der dritten Welt im Vergleich zum Wohlstandsleben in Mitteleuropa etcpp. Da ist die gefühlte und echte Bedrohungslage doch eher genau umgekehrt. Dass mir irgendwer die Kultur wegnehmen wolle, kann ich nicht sehen. Höchstens, dass man nach bestimmten aktuellen Kinofilmen (etwa Low-Budget-Produktionen und Regiefilme) länger suchen muss, weil die weniger beworben werden können und nicht in den großen Filmpalästen gespielt werden. Aber als Bedrohung hab ich das dennoch nie empfunden. Die Kultur (auch im weiteren Sinne, also im Sinne von allem Menschengemachten) ist international und wird es immer sein, da is nix wegzunehmen. Eher ständig was Neues "dazuzugeben".


Ja, das bist du. Das ist deine Kultur.

Dann gibt es noch den Jupp aus dem Ruhrgebiet. Seine Kultur besteht darin, Donnerstags beim Skat in der Kneipe "Steigerklause" um Pfennigbeträge ("Ah ja, dat sin ja getz ZENT!") zu spielen, sich dabei 14-21 Pils zu kippen und dabei Kette zu rauchen (der Wirt lässt die Skatrunde gewähren - es handelt sich fast um seine einzigen Kunden). Das ist sein einziges Hobby. Er liest keine internatinale Belletristik. Bei französischen Filmen schaltet er weg, wenn er an den anderen Abenden vor dem Fernseher vergammelt. Seine Frau hat in vor Jahren verlassen, mit der Gesundheit geht es bergab, die schmale Rente reicht, wenn auch nicht gut.

Fremdes macht ihm Angst. Als es noch die Mark gab, hatte er noch seine Frau. Er hatte Arbeit, wurde gebraucht. "Et waren auch nich so viele Ausländers überall", murmelt er Donnerstags seinen Skatbrüdern zu, "und die, da die waren, waren oke. Isch hab ja nix gegen die Ausländers, aber die, die heute kommen, liegen uns auf die Tasche. Können nix malochen, hängen den ganzen Tach rum und liechen uns uf de Täsch."

Früher war alles besser, und es gibt nur eine Partei, die ernsthaft den Anspruch vertritt, früher zurückzubringen. Das ist die AfD. Jupp glaubt denen, wenn sie sagen, dass früher alles besser war, denn Jupp kennt früher - im Gegensatz zur Zukunft, die kennt Jupp nicht.

Das ist er. Das ist seine Kultur. Ist seine Kultur weniger wert als deine?
Harry riss sich die Augen aus dem Kopf und warf sie tief in den Wald. Voldemort schaute überrascht zu Harry, der nun nichts mehr sehen konnte.
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon Selina » Mo 20. Nov 2017, 11:36

Sextus Ironicus hat geschrieben:(20 Nov 2017, 11:24)

Die Kollegin verweigert sich letzterem aber beim Kulturbegriff. Sie setzt 1:1 um, was ich zitiert habe: "jeden Erkenntnisanspruch einfach zurückzuweisen, wenn wir die Werte, auf denen er beruht, nicht zufällig teilen." Wäre Kultur ein sich selbst ewig fortschreibendes Buch, würde sie immer die Seiten rausreißen, die nach ihrem Werteverständnis falsch wären. Und man kann das so reduzierte Buch nur als "wahr" darstellen, wenn das Normative Vorrang vor dem Ontologischen hat. Da führt nichts vorbei, aus dieser Nummer ist kein Entkommen.


Wenn ich nicht auf jeden deiner Sätze antworte, hat das nichts mit meinem "Werteverständnis" zu tun, sondern mit dem, was mich interessiert und was nicht. Nicht ein einziger User hier antwortet auf jeden Satz eines jeden Users, der sich zufällig gerade im selben Gesprächsstrang befindet und der mal eine Replik schreibt. Im Übrigen habe ich auch nicht dieses starre Richtig-Falsch-Verständnis, das mir bei dir auffällt. Was der eine für sich als "richtig" erkennt, muss es für den anderen noch lange nicht sein. Und was jemand mit großem Fleiß immerzu als "falsch" abtut, muss es aus anderer Perspektive durchaus nicht sein. Kommt immer aufs Koordinatensystem an.
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon Selina » Mo 20. Nov 2017, 11:43

Provokateur hat geschrieben:(20 Nov 2017, 11:31)

Ja, das bist du. Das ist deine Kultur.

Dann gibt es noch den Jupp aus dem Ruhrgebiet. Seine Kultur besteht darin, Donnerstags beim Skat in der Kneipe "Steigerklause" um Pfennigbeträge ("Ah ja, dat sin ja getz ZENT!") zu spielen, sich dabei 14-21 Pils zu kippen und dabei Kette zu rauchen (der Wirt lässt die Skatrunde gewähren - es handelt sich fast um seine einzigen Kunden). Das ist sein einziges Hobby. Er liest keine internatinale Belletristik. Bei französischen Filmen schaltet er weg, wenn er an den anderen Abenden vor dem Fernseher vergammelt. Seine Frau hat in vor Jahren verlassen, mit der Gesundheit geht es bergab, die schmale Rente reicht, wenn auch nicht gut.

Fremdes macht ihm Angst. Als es noch die Mark gab, hatte er noch seine Frau. Er hatte Arbeit, wurde gebraucht. "Et waren auch nich so viele Ausländers überall", murmelt er Donnerstags seinen Skatbrüdern zu, "und die, da die waren, waren oke. Isch hab ja nix gegen die Ausländers, aber die, die heute kommen, liegen uns auf die Tasche. Können nix malochen, hängen den ganzen Tach rum und liechen uns uf de Täsch."

Früher war alles besser, und es gibt nur eine Partei, die ernsthaft den Anspruch vertritt, früher zurückzubringen. Das ist die AfD. Jupp glaubt denen, wenn sie sagen, dass früher alles besser war, denn Jupp kennt früher - im Gegensatz zur Zukunft, die kennt Jupp nicht.

Das ist er. Das ist seine Kultur. Ist seine Kultur weniger wert als deine?


Sehr gut beschrieben. Nö, Jupps Kultur ist natürlich nicht weniger wert als meine. Hab ich nie behauptet. Ich kann es nur einfach nicht nachvollziehen, wenn einigen Deutschen angeblich das Fremde immer solche Angst macht. Und mal ehrlich: Der Jupp hat doch höchstens Angst vor dem Alleinesein und davor, dass seine Olle nie mehr meckert, wenner wieder mal besoffen nach Hause kommt und dat janze Geld is wech.
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon Sextus Ironicus » Mo 20. Nov 2017, 11:51

Selina hat geschrieben:(20 Nov 2017, 11:36)

Wenn ich nicht auf jeden deiner Sätze antworte, hat das nichts mit meinem "Werteverständnis" zu tun, sondern mit dem, was mich interessiert und was nicht. Nicht ein einziger User hier antwortet auf jeden Satz eines jeden Users, der sich zufällig gerade im selben Gesprächsstrang befindet und der mal eine Replik schreibt. Im Übrigen habe ich auch nicht dieses starre Richtig-Falsch-Verständnis, das mir bei dir auffällt. Was der eine für sich als "richtig" erkennt, muss es für den anderen noch lange nicht sein. Und was jemand mit großem Fleiß immerzu als "falsch" abtut, muss es aus anderer Perspektive durchaus nicht sein. Kommt immer aufs Koordinatensystem an.



https://www.youtube.com/watch?v=jVfkYZmXHAg
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon Provokateur » Mo 20. Nov 2017, 12:00

Selina hat geschrieben:(20 Nov 2017, 11:43)

Sehr gut beschrieben. Nö, Jupps Kultur ist natürlich nicht weniger wert als meine. Hab ich nie behauptet. Ich kann es nur einfach nicht nachvollziehen, wenn einigen Deutschen angeblich das Fremde immer solche Angst macht. Und mal ehrlich: Der Jupp hat doch höchstens Angst vor dem Alleinesein und davor, dass seine Olle nie mehr meckert, wenner wieder mal besoffen nach Hause kommt und dat janze Geld is wech.


Der Jupp hat ja nix mehr. Außer Skat, Kippen und "en schönet Pilzken". Wenn jetzt einer daherkommt und sagt: "Was brauchen wir Kultur? Es gibt keine Kultur!" macht er eine einfache Rechnung auf:
"Meine Kultur = Skat, Kippen und Pils
Mensch X sagt: Kultur gibt es nicht
Skat, Kippen und Pils gibt es nicht
Skat, Kippen und Pils soll es nicht mehr geben"

Er reagiert dann mit Abwehr. Das ist doch zumindest nachvollziehbar, oder?
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon Dark Angel » Mo 20. Nov 2017, 12:01

Selina hat geschrieben:(19 Nov 2017, 22:56)

Ob warum oder wie oder weshalb und wozu, ist doch völlig schnurz. Fragen sind nun mal bedeutsam für alles, für das Kindsein, das Erwachsenwerden, für das Lernen, den wissenschaftlichen Fortschritt und sogar auch für die Erkenntnisse und möglichen Einsichten in solch einem Forum. Die Betonung liegt auf dem Fragen. Und bevor du Fragen an dich mit Gegenfragen beantwortest, Engelchen, denk einmal nach, warum du dir bei solchen vergleichsweise einfachen Fragen so einen Knoten ins Knie machst. Bleib doch mal locker und sag uns, warum du so furchtbar gerne über Kultur redest, über eine Kultur, die alles umfasst und über allem steht.

Warum-Fragen sind eben keine einfachen Fragen, weil es eben keine einfachen, eindeutigen Antworten gibt. Es gibt nur Weil-Antworten (Begründungen), die neue Fragen nach sich ziehen, die wiederum neue Begründungen fordern - bis in die Unendlichkeit. Was ist daran so schwer zu verstehen?
Ich habe dir gezeigt, dass DEIN Antwort-/Begründungsansatz nur neue Fragen nach dem "Warum" aufwirft.
Du fragst "warum wir über Kultur diskutieren - darüber, was Kultur ist und diese ausmacht".
Ja - warum soll man dieses Thema denn NICHT diskutieren?
Diese Frage kannst du genau so wenig beantworten, kannst genauso wenig bergründen "warum nicht", wie ich die Frage nach dem "warum diskutieren?" beantworten kann - ohne, dass sich weitere "Warum-Fragen" ergeben.

Für dich ist schon negativ konnotiert, wenn es Menschen/Gruppen von Menschen gibt, die sich mit der Kultur, in die sie hinein geboren wurden, durch die sie geprägt wurden, identifizieren und diese Kultur schützen und bewahren wollen.
Du fragst nach dem "Warum" das so ist, willst eine Begründung dafür haben, verweigerst dich aber gleichzeitig der Gegenfrage "warum nicht?"
Du willst gar keine Antworten, du willst nur Begründungen für ganz bestimmte Handlungen haben.
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon Dark Angel » Mo 20. Nov 2017, 12:15

schokoschendrezki hat geschrieben:(19 Nov 2017, 23:02)

Es gibt einen ganz einfachen Grund, weshalb Warum-Fragen nicht einfach (wie zu Beispiel Dawkins behauptet) durch Wie-Fragen zu ersetzen sind: Eine Wie-Frage setzt einen kausalen Zusammenhang bereits voraus, während eine Warum-Frage defensiv zunächst mal überhaupt die Existenz eines Kausalzusammenhangs nachfragt und nur bei Bejahung dieser Frage eine Erklärung fordert. Die Frage, warum die Banane krumm ist, setzt richtigerweise voraus, dass es möglicherweise gar keine Erklärung dafür gibt, weil etwa die exakte Geradheit nur ein Sonderfall mit geringer Wahrscheinlichkeit von angenähert 1/2pi ist. (Auch wenn es in Realität tatsächlich einen Grund für die regelmäßige Gekrümmtheit von Bananen gibt).

Warum-Fragen sind IMMER Fragen nach einem Grund und solche Fragen können NICHT abschließend beantwortet werden. ==> infiniter Regress - es gibt keine Letztbegründung, weil es eben auch keinen "Urgrund" gibt, aus dem sich alle anderen Gründe ableiten lassen bzw auf dem alle anderen Gründe aufbauen.
Dein Bananebeispiel ist für die Tonne. Fakt ist wenn gefragt wird, "warum ist die Banane krumm?", wird eine Begründung/die Nennung eines Grundes (eine Weil-Antwort) erwartet. Diesem genannten Grund liegt aber wiederum ein Grund zugrunde, der wiederum eine Weil-Antwort erfordert usw usf - unendlich viele.
"Es gibt keinen Grund" ist keine (abschließende) Antwort auf deine "Warum-Frage". Auch die führt zum infiniten Regress oder zum Abbruch der Frage und damit zu einem Dogma.
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon Dark Angel » Mo 20. Nov 2017, 12:28

Selina hat geschrieben:(20 Nov 2017, 08:40)

Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wovon du sprichst. Meinst du vielleicht, ich diskutiere nicht "deskriptiv" darüber, was Kultur ist, sondern nur "normativ"? Ja, dann siehst du das eben so. Ich für meinen Teil habe beschrieben, was Lebenswirklichkeit der meisten Menschen ist, nämlich ständig mit einer Menge internationaler Einflüsse im Alltag, in der Freizeit und im Beruf konfrontiert zu sein, was schon lange zur Normalität geworden und nicht mehr wegzudenken ist.

Du diskutierst normativ und merkst es nicht einmal.
Du nutzt dazu das schlechte Argument der voreiligen Verallgemeinerung, indem du deine eigene kleine Lebensrealität verallgemeinerst (als allgemeingültig betrachtest) und damit zum "Sollen" - zum Normativ - für die gesamte Gesellschaft erhebst.
Du ignorierst permanent, dass sich anderen Menschen eine andere Lebensrealität bietet.
Mir zum Bleistift - meine ist sehr gegensätzlich. Da ist auf der einen Seite die problemlose Integration, das Miteinaner, das Zugehörigkeits- und Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb der Gemeinde, in der es niemanden interessiert, ob der Betreffende Migrationshintergrund hat oder nicht und auf der anderen Seite steht die extrem negative Erfahrung der sexuellen Belästigung/des sexuellen Übergriffs durch "Kulturbereicherer".
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon Dark Angel » Mo 20. Nov 2017, 12:37

schokoschendrezki hat geschrieben:(20 Nov 2017, 09:28)

Ja. Nur Kulturwissenschaftler beschäftigen sich ebensowenig mit der Frage "was ist Kultur" wie sich Mathematiker mit der Frage "Was sind Zahlen" beschäftigen. Die befassen sich mit konkreten Fragestellungen. Also zum Beispiel mit der Frage "Was sind komplexe Zahlen". Wie lässt sich die Definition komplexer Zahlen verallgemeinern? (Die Antwort lautet: Quaternionen). Und wenn wir das jetzt mal auf die Kultur-Frage zurückbeziehen ... einen Erkenntnisgewinn werden wir hier nur erlangen, wenn wir über die allgemeine Frage "Was ist Kultur" (die Antwort ist klar: alles Menschengemachte und nicht Naturgegebene) hinausgehen. Und da wir uns in einem politischen Forum befinden, wäre der politische Aspekt der ganzen Fragestellung schon mal hervorragend geeignet, diese Konkretisierung mit Leben zu erfüllen.

Archäologen und Kulturwissenschaftler stellen die Fragen "um welche Kultur handelt es sich", "wie (durch welche Merkmale) unterscheiden sich Kulturen voneinander?", "Was sind die Spezifica einer ganz bestimmten Kultur?"
Und um diese Fragen beantworten zu können, muss zunächst die Frage beantwortet werden "was ist Kultur überhaupt?" und dazu muss zumindest ein Grundkonsens erlangt werden. Archäologen und Kulturwissenschaftler sind sich allerdings auch darüber einig - im Gegensatz zu einigen Schwätzern hier - dass Politik ein Merkmal von Kultur ist bzw eine bestimmte Politik ein spezifisches Merkmal einer bestimmten Kultur ist. Politik ist kulturell begründet, aber du und Selina macht daraus "Kultur ist politisch" bis hin zu das Private ist politisch.
Gegen die menschliche Dummheit sind selbst die Götter machtlos.

Moralische Entrüstung ist der Heiligenschein der Scheinheiligen

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