Was ist eigentlich "Kultur"?

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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon Sextus Ironicus » Fr 17. Nov 2017, 16:18

schokoschendrezki hat geschrieben:(17 Nov 2017, 15:25)

Den Fingerzeig habe ich wohl verstanden ... :) Aber die Kausalrichtung ist umgekehrt. Gruppen werden, noch bevor man ihnen misstrauisch begegnet, immer schon vor einen ideologischen Karren gespannt: Vor dem Misstrauen gegenüber "Klassenbewusstsein" steht die Erfahrung des realen Sozialismus. Vor dem Misstrauen gegenüber Religionszugehörigkeit stehen Mittelalter, Inquisition und später die Ehe zwischen der protestantischen Ethik und dem Geist des Kapitalismus. Vor dem Misstrauen gegenüber Nationenzugehörigkeit steht der Nationalismus samt seinen Auswüchsen. Irgendwann ist Schluss und die Ablehnung von Gruppenzugehörigkeit könnte sich noch als sozusagen vorgreifende Inanspruchnahme und Besetzung der individualistischen Position erweisen, die (noch) mit humanistischem Inhalt ausgefüllt werden kann, bevor sie von der rabiaten Ökonomisierung ausgefüllt wird.


Mhm, ich würde das nicht rundum als vor ideologischen Karren spannen bezeichnen. Gruppen sind erst einmal schlicht eine anthropologische Geschichte, oder nicht? Das menschliche Erfolgsmodell basiert ja auf Kooperation (die Tomasello als Ursprung für die Moral setzt). Und im innersten Zirkel braucht man für die hierzu erforderliche Loyalität (mir gefällt dieser Begriff Michael Walzers besser als Moral) wenig ideologiefähige Beschreibung. Je weiter wir uns nach außen bewegen in dieser konzentrischen Anordnung, desto dichter werden die Beschreibungen (nach Walzers Modell), und je dichter die Beschreibungen desto stärker spielen Machtfragen (und damit Ideologiefragen) für die Durchsetzung/Erzwingung von Loyalität eine Rolle. Aber umgekehrt scheint es mir auch so, als würde die Ausmerzung von Gruppenzugehörigkeit aufgrund des Umstands ihrer Abgrenzungsbedürfnisse nicht nur alle Loyalitäten auflösen, sondern auch das größte Kapital zerstören, das erfolgreiche Gesellschaften/Gruppen aufweisen, nämlich das Vertrauen. Was man auch daran ablesen kann, dass Vertreter von sehr universalistischen Modellen eine umfassende Verrechtlichung von gesellschaftlichen Beziehungen anstreben, wobei, wie Rorty vor 25 Jahren schon festgestellt hat mit Blick auf seine Gesellschaft, nur noch Identitätspolitik betrieben wird, aber die sozialen, die ökonomischen Aspekte außen vor bleiben. Was kein Wunder ist angesichts derjenigen, die da zugange sind. Würde man Marx alte Lumpenproletariatsdefinition aufgreifen und modifizieren, müsste man diese Identitätspolitiker dem oberen Lumpenproletariat zuordnen. :D

Was die Ausfüllung individualistischer Positionen mit humanistischen Inhalten angeht, so hab ich mir neulich mal notiert: Einem Gedanken der Aufklärung zufolge ist der Mensch von Natur aus dumm und roh, aber erziehbar. Man braucht, selbst als möglicher Zweifler oder notorischer Pessimist, diese Vorstellung nicht in Bausch und Bogen zu verdammen, sie nicht grundsätzlich als Ammenmärchen abtun. Jedoch ließe sich die rein behavioristische Pointe der Hoffnung präzisieren und wieder auf ihre anthropologische Ebene stellen, indem man »erziehbar« durch »korrumpierbar« ersetzt.

Nach dem Ende des Wohlstands kehrt der Mensch wieder zu seinen Ursprüngen zurück.

Dann wird also entleert werden :D
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon Sextus Ironicus » Fr 17. Nov 2017, 18:28

Selina hat geschrieben:(17 Nov 2017, 11:49)

"Kulturzugehörigkeitswahn", ja, das beschreibt es perfekt, was ich oben gemeint hatte.


Bevor du überhaupt Mama oder Papa denken kannst, gehörst du schon zu einer Kultur. Alles, was du wirst, insbesondere in der Zeit in der sich dein Gehirn entwickelt, ist immer schon kulturell vermittelt, bevor es Gegenstand deines Nachdenkens werden kann. Ob Händeschütteln oder Rentenversicherung, ob Geschwindigkeitsbegrenzung oder Minirock, verganes Essen oder Rauchen, Weintrinken oder Robbenessen, du bewegst dich immer in einem ganz bestimmten kulturellen Horizont. Dass der nicht hermetisch abgeriegelt ist in einer von Mobilität geprägten Welt, ist dabei eine Binsenweisheit.

Dein Kulturbegriff ist ein vollkommen reduktionistischer, ein normativer, ein heilsgeschichtlicher. Er muss nicht empirisch belegt werden, sondern geglaubt werden. Aus genau diesem Grund hat sich die Kirche gegen Aufklärung und Wissenschaft gewehrt. Sie wusste, dass ihre naturrechtliche und normengestützte Weltsicht nicht zu halten war.
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon Selina » Fr 17. Nov 2017, 18:48

Sextus Ironicus hat geschrieben:(17 Nov 2017, 18:28)

Bevor du überhaupt Mama oder Papa denken kannst, gehörst du schon zu einer Kultur. Alles, was du wirst, insbesondere in der Zeit in der sich dein Gehirn entwickelt, ist immer schon kulturell vermittelt, bevor es Gegenstand deines Nachdenkens werden kann. Ob Händeschütteln oder Rentenversicherung, ob Geschwindigkeitsbegrenzung oder Minirock, verganes Essen oder Rauchen, Weintrinken oder Robbenessen, du bewegst dich immer in einem ganz bestimmten kulturellen Horizont. Dass der nicht hermetisch abgeriegelt ist in einer von Mobilität geprägten Welt, ist dabei eine Binsenweisheit.

Dein Kulturbegriff ist ein vollkommen reduktionistischer, ein normativer, ein heilsgeschichtlicher. Er muss nicht empirisch belegt werden, sondern geglaubt werden. Aus genau diesem Grund hat sich die Kirche gegen Aufklärung und Wissenschaft gewehrt. Sie wusste, dass ihre naturrechtliche und normengestützte Weltsicht nicht zu halten war.


Meine Intentionen sind ganz andere. Selbstverständlich leben wir immer in bestimmten kulturellen Zusammenhängen, lernen oft in Gruppen (Elternhaus, Geschwister, Schulklasse, Seminar an der Hochschule etcpp), das ist ne Binse. Ich finde halt nur, dass diese Diskussion, die seit einigen Jahren über Kulturen und den "Kampf der Kulturen" geführt werden, immer auch gleichzeitig etwas mit Abgrenzung und Zensuren-Verteilen (um im Schulbild zu bleiben) zu tun haben. Hier kann man es seit Wochen nachlesen. Aber die verschiedenen Kulturen sind nun mal, wie sie sind, sie durchdringen sich global immer mehr und wenns gut läuft, befruchten sie auch einander. Und es gibt auch eine bestimmte "Kultur des Kapitals", die künstliche Grenzen errichtet, zwischen Arm und Reich, zwischen Leuten mit und ohne Chancen, zwischen Regionen mit Prosperität und abgehängten dahindämmernden Regionen usw.usf. Diese scheinbar kulturellen Widersprüche sind in Wahrheit also zutiefst ökonomische, die mit der jetzigen Form des Kapitalismus zu tun haben. Mit einem der vielen Kulturbegriffe kannst du diese Prozesse nicht adäquat beschreiben.
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon Sextus Ironicus » Fr 17. Nov 2017, 19:36

Selina hat geschrieben:(17 Nov 2017, 18:48)

Meine Intentionen sind ganz andere. Selbstverständlich leben wir immer in bestimmten kulturellen Zusammenhängen, lernen oft in Gruppen (Elternhaus, Geschwister, Schulklasse, Seminar an der Hochschule etcpp), das ist ne Binse. Ich finde halt nur, dass diese Diskussion, die seit einigen Jahren über Kulturen und den "Kampf der Kulturen" geführt werden, immer auch gleichzeitig etwas mit Abgrenzung und Zensuren-Verteilen (um im Schulbild zu bleiben) zu tun haben. Hier kann man es seit Wochen nachlesen. Aber die verschiedenen Kulturen sind nun mal, wie sie sind, sie durchdringen sich global immer mehr und wenns gut läuft, befruchten sie auch einander. Und es gibt auch eine bestimmte "Kultur des Kapitals", die künstliche Grenzen errichtet, zwischen Arm und Reich, zwischen Leuten mit und ohne Chancen, zwischen Regionen mit Prosperität und abgehängten dahindämmernden Regionen usw.usf. Diese scheinbar kulturellen Widersprüche sind in Wahrheit also zutiefst ökonomische, die mit der jetzigen Form des Kapitalismus zu tun haben. Mit einem der vielen Kulturbegriffe kannst du diese Prozesse nicht adäquat beschreiben.


Nein, Begriffe sind nicht die Sache selbst, da stimme ich zu. Es gibt Tomaten und das Wort Tomate. Zum Kampf der Kulturen hatte ich auch schon geschrieben - Huntington hatte civilisation und nicht culture gesagt, aber leider machen wir im Deutschen die Differenzierung nicht analog zum Englischen. "Eine Kultur des Kapitals" gibt es auch nicht, das ist eine politische Metapher, mit der auf einen bestimmten, innerhalb der kulturellen Institutionen ablaufenden Prozess verwiesen wird. Und Prozesse des Abgrenzens und der Zensuren (sprich: des moralischen Urteilens) gibt es in allen Kulturen. Und um mein Anliegen noch einmal klar zu machen: Eigentlich möchte ich den Begriff der Kultur vor dem Zugriff des Politischen retten bzw. ihn nicht darauf reduzieren. Und alle, vom Nationalisten über den Liberalen bis zum Genderisten und Kommunisten, sind scharf darauf, zur Durchsetzung ihrer politischen Interessen Zugriff auf den Kulturbegriff zu bekommen. Aber Kultur ist viel mehr - sofern man sich nicht die Losung "Das Private ist politisch" zu eigen macht. Politik ist ein Teilbereich der Kultur.
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon Selina » Fr 17. Nov 2017, 20:02

Sextus Ironicus hat geschrieben:(17 Nov 2017, 19:36)

Nein, Begriffe sind nicht die Sache selbst, da stimme ich zu. Es gibt Tomaten und das Wort Tomate. Zum Kampf der Kulturen hatte ich auch schon geschrieben - Huntington hatte civilisation und nicht culture gesagt, aber leider machen wir im Deutschen die Differenzierung nicht analog zum Englischen. "Eine Kultur des Kapitals" gibt es auch nicht, das ist eine politische Metapher, mit der auf einen bestimmten, innerhalb der kulturellen Institutionen ablaufenden Prozess verwiesen wird. Und Prozesse des Abgrenzens und der Zensuren (sprich: des moralischen Urteilens) gibt es in allen Kulturen. Und um mein Anliegen noch einmal klar zu machen: Eigentlich möchte ich den Begriff der Kultur vor dem Zugriff des Politischen retten bzw. ihn nicht darauf reduzieren. Und alle, vom Nationalisten über den Liberalen bis zum Genderisten und Kommunisten, sind scharf darauf, zur Durchsetzung ihrer politischen Interessen Zugriff auf den Kulturbegriff zu bekommen. Aber Kultur ist viel mehr - sofern man sich nicht die Losung "Das Private ist politisch" zu eigen macht. Politik ist ein Teilbereich der Kultur.


Das ist schon klar, dass es keine "Kultur des Kapitals" gibt, hier dienen die Anführungszeichen, die ich setzte, der Ironisierung. Wenn schon, dann müsste es "Unkultur des Kapitals" heißen :D Die Aussage "Politik ist ein Teilbereich der Kultur" kann man so und so bewerten. Nimmst du den weiteren Kulturbegriff, könnte man sie gelten lassen. Der engere Kulturbegriff schließt dagegen die Politik nicht mit ein.
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon unity in diversity » Fr 17. Nov 2017, 20:52

Selina hat geschrieben:(17 Nov 2017, 20:02)

Das ist schon klar, dass es keine "Kultur des Kapitals" gibt, hier dienen die Anführungszeichen, die ich setzte, der Ironisierung. Wenn schon, dann müsste es "Unkultur des Kapitals" heißen :D Die Aussage "Politik ist ein Teilbereich der Kultur" kann man so und so bewerten. Nimmst du den weiteren Kulturbegriff, könnte man sie gelten lassen. Der engere Kulturbegriff schließt dagegen die Politik nicht mit ein.

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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon Sextus Ironicus » Fr 17. Nov 2017, 21:56

Selina hat geschrieben:(17 Nov 2017, 20:02)

Das ist schon klar, dass es keine "Kultur des Kapitals" gibt, hier dienen die Anführungszeichen, die ich setzte, der Ironisierung. Wenn schon, dann müsste es "Unkultur des Kapitals" heißen :D Die Aussage "Politik ist ein Teilbereich der Kultur" kann man so und so bewerten. Nimmst du den weiteren Kulturbegriff, könnte man sie gelten lassen. Der engere Kulturbegriff schließt dagegen die Politik nicht mit ein.


Den engeren Kulturbegriff in dem Sinne gibt es nicht. Alles Handeln, alle Institutionen sind Teil der Kultur. Es gibt kein "Außen" der Kultur. Unser GG in seinen Maximen ist ebenso ein Ausdruck der Kultur wie die Art, wie wir einander im Leben jenseits des Politischen begegnen und uns die hand geben zur Begrüßung oder dabei die Hände vorm Körper falten. Und "Unkultur" ist ein moralisches Urteil auf Basis deiner Moral/Wertvorstellungen. Das ist erneut so ein Beispiel, wo etwas, was (nicht) sein soll, angeblich (nicht) ist. Das ist wieder Theologie, säkulare halt.
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon Selina » Fr 17. Nov 2017, 22:55

Sextus Ironicus hat geschrieben:(17 Nov 2017, 21:56)

Den engeren Kulturbegriff in dem Sinne gibt es nicht. Alles Handeln, alle Institutionen sind Teil der Kultur. Es gibt kein "Außen" der Kultur. Unser GG in seinen Maximen ist ebenso ein Ausdruck der Kultur wie die Art, wie wir einander im Leben jenseits des Politischen begegnen und uns die hand geben zur Begrüßung oder dabei die Hände vorm Körper falten. Und "Unkultur" ist ein moralisches Urteil auf Basis deiner Moral/Wertvorstellungen. Das ist erneut so ein Beispiel, wo etwas, was (nicht) sein soll, angeblich (nicht) ist. Das ist wieder Theologie, säkulare halt.


Naja, da biste schon etwas frei in der Interpretation meiner Worte. Ich finde einfach, du überbetonst die Rolle der Kultur.
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon PeterK » Fr 17. Nov 2017, 23:05

Sextus Ironicus hat geschrieben:(17 Nov 2017, 21:56) Alles Handeln, alle Institutionen sind Teil der Kultur.

Das ist - bezogen auf das Handeln - falsch.
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon Sextus Ironicus » Sa 18. Nov 2017, 00:40

Selina hat geschrieben:(17 Nov 2017, 22:55)

Naja, da biste schon etwas frei in der Interpretation meiner Worte. Ich finde einfach, du überbetonst die Rolle der Kultur.


Kannst du mal ein Beispiel für menschliches Handeln geben, das außerhalb eines kulturellen Kontextes vollzogen werden kann?
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon Sextus Ironicus » Sa 18. Nov 2017, 00:41

PeterK hat geschrieben:(17 Nov 2017, 23:05)

Das ist - bezogen auf das Handeln - falsch.


Dann lässt sich das begründen. Alles, was falsch ist, ist falsch aus einem Grund.
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon Selina » Sa 18. Nov 2017, 01:03

Sextus Ironicus hat geschrieben:(18 Nov 2017, 00:40)

Kannst du mal ein Beispiel für menschliches Handeln geben, das außerhalb eines kulturellen Kontextes vollzogen werden kann?


Alles menschliche Handeln hat selbstverständlich auch etwas mit Kultur im weiteren Sinne zu tun. Mein Ansatz ist nur ein anderer: Ich glaube nicht, dass die Kultur alleine über den Fortschritt oder Rückschritt in einer Gesellschaft entscheidet, sondern dass dafür viele Faktoren zusammenkommen müssen. Beispiel: In Verhältnissen, wo die Leute keine Zeit mehr haben, ihre Arbeitskraft zu reproduzieren, werden sie "auf Verschleiß gefahren". In Verhältnissen, wo sie sich quasi arm arbeiten, nutzt ihnen die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Kultur gar nichts. Höchstens für den Moment, wo man ihnen einredet, sie seien in dieser oder jener "kulturellen" Gruppe oder Verbindung stark und selbstbewusst und könnten mit ihr auch politisch und damit schließlich auch ökonomisch und sozial etwas für sich erreichen, erfüllt diese Kultur-Bezogenheit mal einen kurzlebigen Zweck. Bis die Leute dann merken, dass sie da irgendjemandem mächtig auf den Leim gegangen sind. Weil sich nichts ändert für sie, sich ihr Leben nicht verbessert. Im Gegenteil.
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon 3x schwarzer Kater » Sa 18. Nov 2017, 01:12

Selina hat geschrieben:(17 Nov 2017, 22:55)

Naja, da biste schon etwas frei in der Interpretation meiner Worte. Ich finde einfach, du überbetonst die Rolle der Kultur.


ich beobachte eure Diskussion schon ein Weilchen. Mein Eindruck. Du verlierst in der Diskussion. Nicht weil du Unrecht hast, sondern weil du dich einfach nicht auf das einlässt, was andere sagen ... er hingegen schon ...

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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon Selina » Sa 18. Nov 2017, 08:19

3x schwarzer Kater hat geschrieben:(18 Nov 2017, 01:12)

ich beobachte eure Diskussion schon ein Weilchen. Mein Eindruck. Du verlierst in der Diskussion. Nicht weil du Unrecht hast, sondern weil du dich einfach nicht auf das einlässt, was andere sagen ... er hingegen schon ...

Meine Meinung ....


Ja, so etwas kann durchaus vorkommen bei stark divergierenden Ansichten, dass der Eindruck entsteht, man rede aneinander vorbei oder einer ließe sich nicht genügend auf den anderen ein. Das gibt es an anderen Stellen im Forum ebenfalls. Wie ist denn deine Meinung zum Thema? Welchen der verschiedenen Kulturbegriffe bevorzugst du und warum?
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon 3x schwarzer Kater » Sa 18. Nov 2017, 08:48

Selina hat geschrieben:(18 Nov 2017, 08:19)

Ja, so etwas kann durchaus vorkommen bei stark divergierenden Ansichten,


Sich den Kulturbegriff deskriptiv oder normativ zu nähern sind ja keine divergierenden Ansichten sondern nur verschiedene Sichtweisen auf ein und das selbe Thema. Durchaus auch sehr hilfreich seine eigene Einstellung zu dem Thema zu reflektieren. Er hat das ja erkannt und dir auch erklärt. Das wäre ja mal was, was man einfach so annehmen könnte und von da aus auch mal weiterdiskutieren könnte, wenn man einfach mal darüber nachdenkt.
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon Selina » Sa 18. Nov 2017, 09:25

3x schwarzer Kater hat geschrieben:(18 Nov 2017, 08:48)

Sich den Kulturbegriff deskriptiv oder normativ zu nähern sind ja keine divergierenden Ansichten sondern nur verschiedene Sichtweisen auf ein und das selbe Thema. Durchaus auch sehr hilfreich seine eigene Einstellung zu dem Thema zu reflektieren. Er hat das ja erkannt und dir auch erklärt. Das wäre ja mal was, was man einfach so annehmen könnte und von da aus auch mal weiterdiskutieren könnte, wenn man einfach mal darüber nachdenkt.


Ich gehe einfach von einer Beschreibung des Ist-Zustandes aus. Das ist dann wohl eher "deskriptiv". Das "normative Annähern" ans Thema wird mir nur immer unterstellt; ich widersprach da schon mehrfach. Da existiert halt überall eine große Vielfalt an ausländischen Einflüssen und Gegebenheiten, die nicht mehr wegzudenken sind aus unserem Leben. Kulturen verschmelzen und vermischen sich. Und das überall rund um den Globus. Das ist nunmal objektiv so und hat nichts damit zu tun, was sich der eine oder andere zum Thema so denkt. Schau dir die Universitäten, Kliniken, künstlerischen Einrichtungen und Institute an, dort ist die Internationalisierung schon lange an der Tagesordnung. Ich glaube nicht, dass dort einer wieder zurück will in die 50er oder 60er Jahre. Aber du hast meine Frage nicht beantwortet: Welchen Kulturbegriff bevorzugst du selbst?
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon Dark Angel » Sa 18. Nov 2017, 09:37

Selina hat geschrieben:(18 Nov 2017, 01:03)

Alles menschliche Handeln hat selbstverständlich auch etwas mit Kultur im weiteren Sinne zu tun. Mein Ansatz ist nur ein anderer: Ich glaube nicht, dass die Kultur alleine über den Fortschritt oder Rückschritt in einer Gesellschaft entscheidet, sondern dass dafür viele Faktoren zusammenkommen müssen. Beispiel: In Verhältnissen, wo die Leute keine Zeit mehr haben, ihre Arbeitskraft zu reproduzieren, werden sie "auf Verschleiß gefahren". In Verhältnissen, wo sie sich quasi arm arbeiten, nutzt ihnen die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Kultur gar nichts. Höchstens für den Moment, wo man ihnen einredet, sie seien in dieser oder jener "kulturellen" Gruppe oder Verbindung stark und selbstbewusst und könnten mit ihr auch politisch und damit schließlich auch ökonomisch und sozial etwas für sich erreichen, erfüllt diese Kultur-Bezogenheit mal einen kurzlebigen Zweck. Bis die Leute dann merken, dass sie da irgendjemandem mächtig auf den Leim gegangen sind. Weil sich nichts ändert für sie, sich ihr Leben nicht verbessert. Im Gegenteil.

Alles was du beschreibst IST Kultur. Ist Bestandteil einer ganz bestimmten Kultur.
Du machst nur immer wieder den gleichen Fehler - du wertest, du unterliegst immer wieder dem Sein-Sollen-Fehlschluss.
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon Selina » Sa 18. Nov 2017, 10:00

Nein, ich werte nicht. Ich beschreibe. Aber selbstverständlich beschreibe ich die Verhältnisse und Gegebenheiten auf eine andere Art und Weise, als das etwa sehr konservative oder gar rechtspopulistische Menschen tun. Einen völlig neutralen Kulturbegriff, der nichts mit den jeweils herrschenden Verhältnissen zu tun hat, gibt es nicht. Je nach Sozialisation, Interessenlage und je nach sozialer Stellung wird jeder den Kulturbegriff anders erläutern. Fast nichts ist so stark interpretierbar wie der Kulturbegriff. Daher stürzen sich ja Leute jeglicher Couleur so intensiv und voller Begeisterung auf diesen Begriff. Im Moment ist er allerdings eines der Lieblingsthemen der Neuen Rechten. Warum? Weil man mit dem Kulturbegriff Ab- und Ausgrenzung betreiben kann. Interessant ist die folgende Beschreibung eines ganz bestimmten Kulturverständnisses. Nur zur Verdeutlichung:

Zitat:

Die AfD bekennt sich zur deutschen Leitkultur. Diese fußt auf den Werten des Christentums, der Antike, des Humanismus und der Aufklärung. Sie umfasst neben der deutschen Sprache auch unsere Bräuche und Traditionen, Geistes- und Kulturgeschichte. Damit eng verbunden sind unser liberaler Rechtsstaat, unsere Wertschätzung von Bildung, Kunst und Wissenschaft sowie die soziale Marktwirtschaft als Ausdruck menschlicher Kreativität und Schaffenskraft. Die Ideologie des Multikulturalismus gefährdet alle diese kulturellen Errungenschaften. „Multi-Kultur“ ist Nicht-Kultur. Sie löst die Gemeinschaft auf und befördert die Entstehung von Parallelgesellschaften. Dauerhafte existierende Parallelgesellschaften führen sehr oft zu innenpolitischen Konflikten und können letztlich sogar den Zerfall eines Staates bewirken. Die AfD wird nicht zulassen, dass Deutschland aus falsch verstandener Toleranz sein kulturelles Gesicht verliert.

https://www.afd.de/wp-content/uploads/s ... 210717.pdf
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon 3x schwarzer Kater » Sa 18. Nov 2017, 10:15

Selina hat geschrieben:(18 Nov 2017, 09:25)

Ich gehe einfach von einer Beschreibung des Ist-Zustandes aus. Das ist dann wohl eher "deskriptiv".


Den beurteilst du aber und das geht ja primär über eine rein deskriptive Betrachtung hinaus.

Aber du hast meine Frage nicht beantwortet: Welchen Kulturbegriff bevorzugst du selbst?
.

Das steht auch nicht zur Debatte. Ich bin auch nur zufällig hier reingekommen. Mich interessiert die Diskussion wenig. Zumindest nicht in der Art wie sie hier diskutiert wird oder wie sie der Threaderöffner ins Spiel gebracht hat.
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Re: Was ist eigentlich "Kultur"?

Beitragvon Dark Angel » Sa 18. Nov 2017, 10:20

Selina hat geschrieben:(18 Nov 2017, 10:00)

Nein, ich werte nicht. Ich beschreibe. Aber selbstverständlich beschreibe ich die Verhältnisse und Gegebenheiten auf eine andere Art und Weise, als das etwa sehr konservative oder gar rechtspopulistische Menschen tun. Einen völlig neutralen Kulturbegriff, der nichts mit den jeweils herrschenden Verhältnissen zu tun hat, gibt es nicht.

Doch du wertest, du beschreibst nicht. Du begehst nicht nur Sein-Sollen-Fehlschlüsse, sondern auch informelle und du greifst immer wieder auf Argumentum ad hominem zurück - "das sagen rechtspopulistische Menschen (wobei DU festlegst, wer rechtspopulistisch ist) und was die sagen, das muss falsch sein"
Es gibt sehr wohl einen neutralen Kulturbegriff und genau diesen Kulturbegriff benutze ich und habe ich versucht diesen zu erläutern und diesen Kulturbegriff benutzt der User Sextus Ironicus und versucht ihn dir zu erläutern.
Du gehst mit keiner Silbe darauf ein, sondern leierst dein Mantra runter und bedienst dich dabei aller schlechten Argumente, deren sich man nur bedienen kann.
Es gibt nichts außerhalb von Kultur! Das, was du angeblich beschreibst, die "herrschenden Verhältnisse" sind Bestandteil einer Kultur und zwar einer ganz bestimmten. "Herrschende Verhältnisse existieren nicht azßerhalb von Kultur und bestimmen diese auch nicht, sondern sind Bestandteil dieser Kultur und haben sich IN dieser Kultur überhaupt erst entwickelt.
Niemand hat bestritten, dass Kulturen externe Einflüsse aufnehmen und miteinander wechselwirken, aber Kulturen vermischen sich nicht, sie werden zu keinem Einheitsbrei, sondern behalten immer ihre Spezifica, die auf unterschiedlichen Usprüngen und Wurzeln basieren.
Wir sprechen hier darüber was Kultur ist, also kannst du dein Strohmannargument mit der "Leitkultur" mal langsam in die Tonne treten.
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