Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

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schokoschendrezki
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 11. Dez 2017, 15:55

Sextus Ironicus hat geschrieben:(11 Dec 2017, 14:39)

Woher beziehst du nicht gemacht? Er sagt ja vorne:



Dass diese politischen Planungsphantasien tatsächlich Unsinn sind, ist ja gerade auch mein Punkt, wenn ich mich dagegen wehre, dass Politik bis ins Allerprivateste vordringt und mir aus hypermoralischen Gründen alle diese vermeintlichen Werte mittels Verrechtlichung aufs Auge drücken will. Und mit seinem letzten Satz, den du zitierst, tut er das, was auch Neurowissenschaftler über ein oder anderthalb Jahrzehnte so großspurig taten: Sie wollen die Prozesse, die sie beschreiben, selbst interpretieren. Reckwitz geht hier direkt von dem, was ist, was stattfindet, was fabriziert wird, in eine Rechtfertigung über. Man sieht ja an seiner Literaturliste: Er hat eigentlich nichts aus den Naturwissenschaften gelesen, keine Psychologie, keine Verhaltensbiologie, keine Neurowissenschaftler, einfach nichts. Und lies mal nicht bloß die Vokabel "homogen", lies auch mal "keine rationale Ordnung, keine egalitäre Gesellschaft, keine balancierte Persönlichkeitsstruktur" (keine Ahnung, was er sich unter letzterem vorstellt). Er muss also die Konsequenzen, die man aus seiner Beschreibung, die Wertungen, die Interpretation usw. schon seinen Lesern überlassen. Seine Aufgabe ist es, uns zu klären, was stattfindet, nicht uns zu sagen: Das ist das Schicksal, nehmt es hin. Denn diejenigen, die da fabrizieren, könnten ja auch einen an der Waffel haben (ums mal zuzuspitzen).


Zwischen "sozial fabriziert" und "nicht gemacht" besteht für mich kein Widerspruch. Ab einer gewissen Mindestmenge von Individuen ist das sozial Fabrizierte für den Einzelnen nicht mehr (bewusst) "gemacht", auch wenn es natürlich immer noch durch die Tätigkeit von Menschen geschieht. Ein System ist mehr als die Summe seiner Bestandteile.

Wie er das mit der "balancierten Persönlichkeitsstruktur" (parallel zu Ordnung und Gesellschaft) meinte, ist mir auch nicht ganz klar.

"Verrechtlichung" sehe ich, ganz im Gegenteil als Distanz-Phänomen. Vor dem Recht sind erstens alle gleich und zweitens ist Recht immer ausformulierter Text. Man kann ihn lesen und sich daran halten (oder nicht). Ganz und gar anders als diffuse moralische Appelle oder kulturelle "Werte".
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon Sextus Ironicus » Mo 11. Dez 2017, 16:04

schokoschendrezki hat geschrieben:(11 Dec 2017, 15:55)

Zwischen "sozial fabriziert" und "nicht gemacht" besteht für mich kein Widerspruch. Ab einer gewissen Mindestmenge von Individuen ist das sozial Fabrizierte für den Einzelnen nicht mehr (bewusst) "gemacht", auch wenn es natürlich immer noch durch die Tätigkeit von Menschen geschieht. Ein System ist mehr als die Summe seiner Bestandteile.


Hieße aber in der Summe, dass die Angewohnheiten von 30 % der Menschen zu 100 % die Wirklichkeit konstruieren.
Mal abgesehen davon, dass die traditionellen Lebenssichten ja über solche Prozesse plötzlich auch zu wirkmächtigen Singularitäten aufsteigen könnten.
Mich überzeugt die Beschreibung, aber weder das Fatalistische noch das Notwendige. Es folgt ganz bestimmten Logiken, ganz bestimmten Machstrukturen, einem ganz bestimmten Menschenbild. Und letzteres ist das Entscheidende, weil es vollkommen prekär und defizitär ist.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 11. Dez 2017, 16:09

Sextus Ironicus hat geschrieben:(11 Dec 2017, 16:04)

Hieße aber in der Summe, dass die Angewohnheiten von 30 % der Menschen zu 100 % die Wirklichkeit konstruieren.

Warum denn das? Auch mal angenommen, die Prozentzahlen stimmen in etwa: Den "Valorisierungen" stehen mehr oder minder gleichbedeutend die "Entwertungen" gegenüber. Das ist eine ganz zentrale These des Buchs. Die vorgefundene 100% soziale Realität wird von beiden Phänomen gleichermaßen geprägt. Also auch gleichermaßen von den (wenns stimmt) 30 und 70 Prozent.
Zuletzt geändert von schokoschendrezki am Mo 11. Dez 2017, 16:09, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon Sextus Ironicus » Mo 11. Dez 2017, 16:09

schokoschendrezki hat geschrieben:(11 Dec 2017, 15:55)


"Verrechtlichung" sehe ich, ganz im Gegenteil als Distanz-Phänomen. Vor dem Recht sind erstens alle gleich und zweitens ist Recht immer ausformulierter Text. Man kann ihn lesen und sich daran halten (oder nicht). Ganz und gar anders als diffuse moralische Appelle oder kulturelle "Werte".


Zur Erinnerung: "We should never doubt that nationalizing the moral life is the first step toward totalitarianism." Das sagt Kenneth Minogue in "The Servile Mind", und da hat er einfach Recht. Und aus dieser Sklavenmoralität heraus entstehen Gesetze übers Essen oder Rauchen bis hin zum Verbot der Sterbehilfe.

Aber das nur nebenbei: wie kommst du auf deinen letzten Satz? Alles, was Reckwitz beschreibt, dreht sich um fabrizierte kulturelle Werte?!
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon Uffzach » Mo 11. Dez 2017, 16:41

relativ hat geschrieben:(11 Dec 2017, 15:54)

Das was du Thematisiert hast hat schon lange nix mehr mit dem Threadthema zu tun, da nutzt dir auch die etwas flache Herleitung zum Ende nix mehr. ;)


Nein nein. Recht und Ordnung ist das einzige, was als verbindendende Kultur wirken kann. Nur vom Staat kann diese kommen, wenn - und nur wenn - er diese auch durchsetzt.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon Sextus Ironicus » Mo 11. Dez 2017, 16:53

Uffzach hat geschrieben:(11 Dec 2017, 16:41)

Nein nein. Recht und Ordnung ist das einzige, was als verbindendende Kultur wirken kann. Nur vom Staat kann diese kommen, wenn - und nur wenn - er diese auch durchsetzt.


Großer Seufzer. Noch so ein Servile Mind-Vertreter. :rolleyes:

Der Staat ist dazu da, Recht durchzusetzen und die Ordnung aufrecht zu erhalten. Wie das geschieht, in welchem Umfang und mit welchen Mitteln, das ist sicher ein Teil der Kultur. Nähme man aber jetzt deine Maßstäbe, wäre Nordkorea der Idealstaat.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon Dark Angel » Mo 11. Dez 2017, 17:26

schokoschendrezki hat geschrieben:(11 Dec 2017, 13:31)

Ersteinmal haben in einem System mit Pressefreiheit die Medien keine "Aufgabe".

Da irrst du aber gewaltig -Verehrtester.
Gerade in einem System der Pressefreiheit haben Medien (sogar mehrere) Aufgaben bzw Funktionen.

"Funktionen der Medien in einer demokratischen Gesellschaft I und II"Medien tragen sowohl zur Stabilität des politischen Systems als auch zum stetigen Wandel der Gesellschaft aufgrund aktueller Entwicklungen bei. Dies geschieht, indem Medien über alle wichtigen Bereiche der Gesellschaft, d. h. insbesondere Politik, Wirtschaft sowie Kultur und Soziales
so vollständig, sachlich und verständlich wie möglich informieren,
in freier und offener Diskussion zur Meinungsbildung beitragen und
mit Kritik und Kontrolle durch investigativen (nachforschenden und aufdeckenden) Journalismus begleiten."

Quelle


Zur Meinungsbildung beitragen ist etwas anderes als eine Meinung (die Meinung der Journalisten) vorgeben.

schokoschendrezki hat geschrieben:(11 Dec 2017, 13:31)Die Medien können Comic-Serien oder Nacktfotos oder sonsterwas produzieren. Der öffentlich-rechtliche Bereich lediglich hat den Auftrag einer Grundversorgung.

Und wieder befindest du dich ganz gewaltig im Irrtum ==> siehe oben:
"so vollständig, sachlich und verständlich wie möglich informieren"

Nix da mit "Grundversorgung"!

"Da die Bürger/innen in einer Demokratie mitbestimmen können und sollen, müssen sie über die wichtigen politischen Abläufe und Inhalte informiert werden. Es gibt jedoch viele politische Ereignisse, die oftmals sehr komplex sind und auch abseits der Öffentlichkeit in speziellen Gremien stattfinden. Medien können darauf aufmerksam machen und die verschiedenen Positionen erläutern bzw. den Beteiligten Raum für Erläuterungen bieten. Damit eröffnen sich zugleich Möglichkeiten der Kontrolle und Kritik, da Vorgehensweisen und Inhalte politischer Vorgehensweisen hinterfragt werden."
gleiche Quelle


Also wieder nix mit "Grundversorgung"

schokoschendrezki hat geschrieben:(11 Dec 2017, 13:31)]Berechtigterweise müsste man von einer Deutungshoheitsinanspruchnahme sprechen, wenn es irgendwelche Kartellstrukturen gäbe.

Und genau solche kartellähnlichen Strukturen gibt es:
Der Kommunikationswissenschaftler em. Prof. Hans Mathias Kepplinge kommt bei seinen Untersuchungen zu dem Schluss, dass Journalisten Meinungen verbreiten (statt, wie es ihre Aufgabe ist, "vollständig, sachlich und verständlich" zu informieren) und damit entfernen sie sich immer mehr von ihren Lesern.

„Alle Journalisten verfolgen den ganzen Tag die Gewichtung und Bewertung des aktuellen Geschehens durch ihre Kollegen bei anderen Medien. Das verbindet die Kollegen untereinander und beschleunigt die Meinungsbildung im Journalismus insgesamt bzw. in unterschiedlichen Lagern.
Wegen der intensiven und schnellen Ko-Orientierung entstehen im Journalismus gemeinsame Überzeugungen, die sich wechselseitig bestätigen und zu Wahrheitsansprüchen verdichten, an denen sich die Sichtweisen der Bevölkerung messen lassen müssen.
Für viele Journalisten handelt es sich nicht um Meinungen zu, sondern um Tatsachenaussagen über Phänomene: für sie »ist« z.B. die Kernenergie unkontrollierbar.“
Quelle: "Totschweigen und Skandalisieren: Was Journalisten über ihre eigenen Fehler denken", Hans Mathias Kepplinger, Herbert von Halem Verlag 2017


Kepplinger bezeichnet solche Strukturen als "journalistische Filterbubble" in welcher sich Journalisten sich im Besitz der Wahrheit wähnen und wer sie nicht teilt, muss irren. Zweifler darf es nicht geben, die werden mit Nationalisten und/oder Fremdenfeinden gleichgesetzt. Kepplinger legt in seinem Buch dar, dass einzelne Störfälle beginnen, die Gesellschaft zu verändern und ihre Funktionsfähigkeit anzugreifen.
Dies führt letztendlich dazu - so Kepplinger - dass Journalisten ihre Meinung "faktenbereinigt" äußern:

„Fast alle berichteten schwerpunktmäßig über die Ansichten von Experten, die ähnliche Meinungen vertraten wie die Journalisten in ihren Meinungsbeiträgen. Die aktuellen Nachrichten und Berichte dieser Blätter bestätigten nun mit anderen Worten die Sichtweisen der Journalisten durch die Experten, die sie zu Wort kommen ließen."
Siehe Quelle oben.


Nunja - diese Art Journalismus ist tatsächlich das Beanspruchen der Deutungshoheit.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon Uffzach » Mo 11. Dez 2017, 17:29

Sextus Ironicus hat geschrieben:(11 Dec 2017, 16:53)

Großer Seufzer. Noch so ein Servile Mind-Vertreter. :rolleyes:

Falsches Gleis. Die Alternative wäre ein Nebeneinander von Subkulturen, also Multikulti ohne Verbindendes. Es kommt also darauf an wie man den Rahmen setzt für 'verbindende Kultur'. Im Titel ist der Rahmen durch das wort 'deutsch' gesetzt, bezieht sich also auf Deutschland und da kann dann also das Verbindende nur vom deutschen Staat kommen und vom Staat als Instanz der Rationalität kommt notwendigerweise Recht und Ordnung.

Sextus Ironicus hat geschrieben:Der Staat ist dazu da, Recht durchzusetzen und die Ordnung aufrecht zu erhalten. Wie das geschieht, in welchem Umfang und mit welchen Mitteln, das ist sicher ein Teil der Kultur. Nähme man aber jetzt deine Maßstäbe, wäre Nordkorea der Idealstaat.

Das Thema hier ist nicht der Staat, sondern 'eine verbindende Deutsche Kultur'. Nordkorea hat sicher eine verbindende Kultur, aber keine deutsche, und ob Recht und Ordnung kann ich nicht beurteilen.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon Dark Angel » Mo 11. Dez 2017, 17:39

schokoschendrezki hat geschrieben:(11 Dec 2017, 13:42)

Die Kausalrichtung ist in beiden Fällen genau anderstherum. Der Mensch ist in erster Linie von den ihn umgebenden Gegebenheiten geprägt. Kaum jemand wird sich freiwillig "entwurzeln". Den Du Kosmopolit nennst, ist es, versucht aber, damit zurechtzukommen, es zu akzeptieren oder sogar ins Positive zu wenden.

Falsch! Der Mensch ist durch seine Biologie, durch die Evolution geprägt und NICHT durch die ihn "umgebenden Gegebenheiten".
Genau das ist ja der Trugschluss, dem ihr Sozialkonstruktivisten aufsitzt.
Der Mensch ist ein Rudeltier und entsprechend hat er evolutionär eine Sozialverhalten entwicklet, welches Rudeltieren entspricht.
Und natürlich entwurzeln sich so genannte Kosmopoliten freiwillig, indem sie jede Zugehörigkeit leugnen, einer "fluiden Indentität" das Wort reden und Bindungen (zu und in einer Gemeinschaft) ablehnen.
Darum sind Kosmopoliten (Vertreter des Sozialkontruktivismus) auch so leicht manipulierbar und ideologisch indoktrinierbar - und sie merken das nicht einmal.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon Sextus Ironicus » Mo 11. Dez 2017, 18:37

Uffzach hat geschrieben:(11 Dec 2017, 17:29)

Falsches Gleis. Die Alternative wäre ein Nebeneinander von Subkulturen, also Multikulti ohne Verbindendes. Es kommt also darauf an wie man den Rahmen setzt für 'verbindende Kultur'. Im Titel ist der Rahmen durch das wort 'deutsch' gesetzt, bezieht sich also auf Deutschland und da kann dann also das Verbindende nur vom deutschen Staat kommen und vom Staat als Instanz der Rationalität kommt notwendigerweise Recht und Ordnung.


Das Thema hier ist nicht der Staat, sondern 'eine verbindende Deutsche Kultur'. Nordkorea hat sicher eine verbindende Kultur, aber keine deutsche, und ob Recht und Ordnung kann ich nicht beurteilen.


Ob Nordkorea eine hat oder nicht, ist egal. Weil die Menschen im Zweifelsfall gewaltsam verbunden würden.

Und auf dem falschen Gleis sitzt du. Als Ordnungsmacht hat der Staat einige Schutzfunktionen, aber ganz sicher nicht die Aufgabe, eine verbindende Kultur herzustellen. Je stärker eine solche verbindende Kultur auf der Basis des Vertrauens von Menschen entsteht, wächst, sich wandelt und entwickelt, desto weniger bedarf es der Ordnungsmacht des Staates (mal etwas vereinfachend ausgedrückt). Was die Paternalisten heute auf den Plan ruft, ist der Versuch, immer mehr neue "Verbindungen" im Wege der Verrechtlichung ganz natürlicher alltäglicher Beziehungen durchzusetzen und Moralen zu dekretieren, die in sich ebenso Unfug sind wie gegen die Interessen der Mehrzahl der Menschen gerichtet.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon Occham » Mo 11. Dez 2017, 18:55

Dark Angel hat geschrieben:(11 Dec 2017, 17:39)

Falsch! Der Mensch ist durch seine Biologie, durch die Evolution geprägt und NICHT durch die ihn "umgebenden Gegebenheiten".

Redet Evolution nicht von Anpassung an die Gegebenheiten? Irgendwo ist dir hier ein Denkfehler untergekommen.
Die beste Lösung eines Problems ist meist die Einfachste.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon Dark Angel » Mo 11. Dez 2017, 19:19

Occham hat geschrieben:(11 Dec 2017, 18:55)

Redet Evolution nicht von Anpassung an die Gegebenheiten? Irgendwo ist dir hier ein Denkfehler untergekommen.

Evolution redet gar nicht, die ist nämlich kein Mensch.
Evolution ist ein deskriptiver Begriff und zwar für den Entwicklungsprozess vom Einfachen zum Komplexen.
Gegen die menschliche Dummheit sind selbst die Götter machtlos.

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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon Uffzach » Mo 11. Dez 2017, 19:34

Sextus Ironicus hat geschrieben:(11 Dec 2017, 18:37)
Ob Nordkorea eine hat oder nicht, ist egal. Weil die Menschen im Zweifelsfall gewaltsam verbunden würden.

Und auf dem falschen Gleis sitzt du. Als Ordnungsmacht hat der Staat einige Schutzfunktionen, aber ganz sicher nicht die Aufgabe, eine verbindende Kultur herzustellen.

Kann man so sehen. Ich sehe den Staat jedoch als kreative ratio ohne den das irrationale Kollektiv in Chaos und Willkür abgleitet. Kein Nachtwächterstaat, sondern ein
rationaler Konstrukteur.


Sextus Ironicus hat geschrieben: Je stärker eine solche verbindende Kultur auf der Basis des Vertrauens von Menschen entsteht, wächst, sich wandelt und entwickelt, desto weniger bedarf es der Ordnungsmacht des Staates (mal etwas vereinfachend ausgedrückt). Was die Paternalisten heute auf den Plan ruft, ist der Versuch, immer mehr neue "Verbindungen" im Wege der Verrechtlichung ganz natürlicher alltäglicher Beziehungen durchzusetzen und Moralen zu dekretieren, die in sich ebenso Unfug sind wie gegen die Interessen der Mehrzahl der Menschen gerichtet.

Kann man so sehen. Ich seh's nicht so. Ordnung kann auf vielerlei Weise hergestellt werden. individuelle Freiheit vorzugaukeln ist dabei auch ein Mittel zum Zweck.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon schokoschendrezki » Di 12. Dez 2017, 00:37

Dark Angel hat geschrieben:(11 Dec 2017, 17:39)
Der Mensch ist ein Rudeltier und entsprechend hat er evolutionär eine Sozialverhalten entwicklet, welches Rudeltieren entspricht.

Nur wird dieses Sozialverhalten mehr und mehr von gesellschaftlichen Prozessen überblendet.

Die zentrale These des Buchs "Die Gesellschaft der Singularitäten", das wir nun schon in mehreren Beiträgen diskutiert haben, ist, dass es
eine Zäsur zwischen dem früheren Industriekapitalismus und den mehr und mehr voherrschenden postmodernen Gesellschaften in der sogenannten westlichen Welt gibt. Und das Wesen dieses Wandels besteht in einem zunehmenden Primat des Besonderen gegenüber dem Allgemeinen. Sagt ja schon der Titel. Und dass die aktuellen Tendenzen zur (Wieder)Kommunitarisiserung (in Form von Entwertungen) nur eine (hilflose) Reaktion auf diese unvermeidliche Entwicklung ist. Aus einem anderen Buch zur gleichen Frage:
Unter diesem Gesichtspunkt erscheint uns der Prozess der Vorgeschichte der modernen Welt nicht nur als eine fortschreitende Auflösung vorgegebenen Gemeinwesens, sondern zugleich auch als Neukonstruktion von Gemeinschaftlichkeit. Kommunitarisierung, wenn wir sie so nennen wollen, ist in der europäischen Geschichte nur die andere Seite von Individualisierung.

Das wurde 2003 geschrieben. Heute, und das ist vielleicht der entscheidende Punkt bei Reckwitz, hat diese Singularisierung neuerlich nochmal an Fahrt aufgenommen. Und im letzten Abschnitt bezeichnet er die Hoffnung auf eine tatsächliche Wieder-Kommunitarisierung als Illusion.

Aus deiner Sicht - soweit ich dich verstanden habe - wird diese Singularisierung immer wieder als Ergebnis willentlicher Entscheidungen einer Gruppe von Menschen dargestellt. Das ist aber überhaupt nicht der Fall. Reckwitz sieht die ganze analysierte Entwicklung auch mitnichten durchweg positiv. Ich übrigens auch nicht. Aber sie findet statt. Sie wird nicht "inszeniert" oder "konstruiert" sondern sie ist.

Die ganze soziologische Argumentation überzeugt mich weit eher als deine biologistische Sicht auf den Menschen als "Rudeltier". Und zig Rezensenten des besprochenen Buches auch. Die Tatsache, auf die User S.I. hingewiesen hat, dass es im Quellenanhang kein naturwissenschaftliches Material gibt, ist kein Manko, sondern spricht, ganz im Gegenteil, für dieses Buch. Weil sie der sozialen und kulturellen Überformung des Menschen als biologisches Wesen Rechnung trägt und eine Reduzierung auf biologische Funktionen vermeidet.
Zuletzt geändert von schokoschendrezki am Di 12. Dez 2017, 07:35, insgesamt 2-mal geändert.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon schokoschendrezki » Di 12. Dez 2017, 00:55

Und zu den Medien nochmal: Man könnte dem von dir zitierten bpb-Artikel mehere Artikel entgegensetzen, in denen davon die Rede ist, es sei Aufgabe der Bürger die nach dem demokratischen Prinzip der Gewaltenteilung freie Presse zur Informationsbeschaffung zu nutzen. Die Funktion oder Rolle der Medien ist dann einfach die Feststellung und Analyse funktionierender (oder auch nicht fuktionierender) Informationskreisläufe und nicht eine zugewiesene "Aufgabe". Wer sollte die auch zuweisen, wenn die Medien als vierte Gewalt unabhängig zu sein haben?
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon schokoschendrezki » Di 12. Dez 2017, 07:34

Dark Angel hat geschrieben:Falsch! Der Mensch ist durch seine Biologie, durch die Evolution geprägt und NICHT durch die ihn "umgebenden Gegebenheiten".
Genau das ist ja der Trugschluss, dem ihr Sozialkonstruktivisten aufsitzt.
Der Mensch ist ein Rudeltier und entsprechend hat er evolutionär eine Sozialverhalten entwicklet, welches Rudeltieren entspricht.
Und natürlich entwurzeln sich so genannte Kosmopoliten freiwillig, indem sie jede Zugehörigkeit leugnen, einer "fluiden Indentität" das Wort reden und Bindungen (zu und in einer Gemeinschaft) ablehnen.
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Der Mensch als Art Homo Sapiens der Gattung Homo ist in seinen Eigenschaften ganz sicher durch die Evolution geprägt. Wie denn auch sonst. Als Individuum jedoch werde ich in eine konkrete Lebenswelt hineingeboren, an der ich anteilig zwar nicht nichts aber im Verhältnis doch relativ wenig ändern kann. Mein Entscheidungsraum besteht im Wesentlichen darin, ein sinnvolles Verhältnis zu diesen Gegebenheiten zu finden. Das ist die ganz normale Alltagserfahrung. Ich will gerne noch einmal darüber nachdenken. Mein wichtigster vorläufiger Einwand besteht darin, dass es nicht egal ist, ob ich als Mensch vorrangig mit existenziellen Problemen zu tun habe oder nicht. Ob Futtersuche und Nachkommenschafterzeugung Morgen für Morgen das allererste ist, woran ich zu denken habe. In dem Falle will ich gern glauben, dass ich ein Sozialverhalten als Rudeltier entwickeln werde. Ist dem aber wirklich so hier in Mitteleuropa?

"Sozialkonstruktivismus" ... das ist doch der Glauben daran, man könne sich eine Lebenswelt "konstruieren". Das glaube ich überhaupt nicht! Man kann ein sinnvolles persönliches Verhältnis zu einer vorgefundenen sozialen Lebenswelt finden und in einem Mikrobereich (der nur ein kleiner Teil davon ist) mikroskopische Veränderungen versuchen, herbeizuführen. Die Lebenswelt, in die ich hineingeboren wurde, war eine kollektivistische und ist mittlerweile eine, die mehr und mehr einerseits Singularitäten und andrerseits Abwertungsreaktionen darauf produziert. Ich habe daran keinen Anteil. Ich versuche lediglich, mich darin zurechtzufinden. Die meiner Persönlichkeit adäquateste Seite in diesem Gegensatzpaar zu finden. Ich konstruiere dabei ganz bestimmt nix oder so gut wie nix außer meinem persönlichen Verhältnis zu dieser widersprüchlichen Lebenswelt.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon Sextus Ironicus » Di 12. Dez 2017, 08:53

schokoschendrezki hat geschrieben:(12 Dec 2017, 00:37)


Das wurde 2003 geschrieben. Heute, und das ist vielleicht der entscheidende Punkt bei Reckwitz, hat diese Singularisierung neuerlich nochmal an Fahrt aufgenommen. Und im letzten Abschnitt bezeichnet er die Hoffnung auf eine tatsächliche Wieder-Kommunitarisierung als Illusion.



Da verlässt er den Boden der Theorie und wechselt ins Fach der Auguren. Der letzte Teil ist ganz schwach, da kommt zum Tragen, dass er den "kommunitaristischen Essenzialismus", wie er es nennt, als eine Gegenreaktion versteht und lediglich mit romantischen Modellen wie Herder oder geschichtsphilosophischen Ansätzen nach Hegel und Kojève gleichsetzt und so tut, als sei das alles (plus der böse Nationalismus, der als das Böse natürlich nicht fehlen darf). Aber seine gelungene Systemschau krankt einfach daran, dass er wie früher marxistische Geschichtsphilosophen völlig unpsychologisch und unanthropologisch vorgeht. Und er ist natürlich wie du ganz ungewollt hegelianisch: Was ist, ist vernünftig, was vernünftig ist, ist auch. Das scheint die Botschaft.

Dröselt man sein konstruktivistisches Vokabular ein wenig auf, sieht man, was ich meine.

Wolfgang Ullrich hat darauf hingewiesen, dass diese reine Werteethik, die Reckwitz ja auch vertritt, dazu führt, dass materielle Werte in immaterielle Werte umgewandelt werden. Das zieht sich durch den gesamten Reckwitz, denn die Basis seiner spätmodernen Mittelschicht ist ja keine Tugend oder keine Ethik, sondern das Materielle. Erst über das das Materielle bilden sich Werte (da müsste es vor allem den Linken hier, so sie echt sind, die Zehennägel nach oben biegen). Ullrich weist deshalb in seiner Wertekritik drauf hin, dass sich die Gesellschaft damit in doppelter Hinsicht spalte. Die Wohlständigen haben nicht nur die Kohle, sie können diese auch unterm Primat der Werte in Moral umwandeln. Werte, so Ullrich, ersetzen die Moral. Und damit sind die weniger Wohlständigen doppelt abgehängt: Materiell und moralisch, da man sich die rein an Werte gekoppelte Moral gar nicht leisten kann und eine Tugendmoral, die es nicht in den Stand eines Wertes, des Reckwitzschen Besonderen schaffe, eben obsolet ist.

Und am schönsten kann man den Einzelnen in seiner leeren Werteorientierung anhand von Reckwitz schöner Figur des "performativen Subjektivismus" vorführen. Es geht darum, seine Werteorientierung darzustellen, der Wert an sich liegt nicht im Handeln sondern in der Performativität. Früher sagte man: schön daherreden, nur dass das heute werteveredelt ist. Mit dieser Strategie betreibt übrigens das ZPS seinen Ablasshandel. Die helfen ja niemanden, sondern performen Werte und rufen andere zur Teilnahme durch Spenden auf. Das ist wie in Südostasien im Theravada-Buddhismus, wo man auch gutes Karma kaufen kann. Performativer Subjektivismus ist demnach primär ein Akt des Schauspiels, eine Art "heilige Wandlung" von schnödem Mammon in Werte, durch die man sich vom gemeinen Fußvolk abgrenzt. So präzise Reckwitz den Vorgang für alle Lebenslagen beschreibt, so geschichtsblind ist er, so unpsychologisch. Er ist wie der Seher im Asterix, der die Zukunft auch aus den fehlenden Eingeweiden von totem und gegrillten Tier liest. Natürlich stellen seine Werte auch ein Stück verbindende Kultur her, aber dadurch, dass er Psychologie außer Acht lässt, bleibt halt nur die durch Plappern ins Ideelle, Werthafte veredelte Kohle. Mich würde interessieren, was die sozial orientierte Linke zu einem solchen Ideal sagt.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon Occham » Di 12. Dez 2017, 09:52

Dark Angel hat geschrieben:(11 Dec 2017, 19:19)

Evolution redet gar nicht, die ist nämlich kein Mensch.
Evolution ist ein deskriptiver Begriff und zwar für den Entwicklungsprozess vom Einfachen zum Komplexen.

Jedenfalls war deine Aussage, Anpassung an die Gegebenheiten seie falsch. Ein Obdachloser hat nämlch andere Verhaltensweisen als eine reiche Person, warum? Weil sich jedes Wesen an die Gegebenheiten anpassen muss, der Lebensbewältigung wegen und so entsteht auch Kultur, man passt sich kollektiv zur Lebensbewältigung an die Gegebenheiten an.
Die beste Lösung eines Problems ist meist die Einfachste.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon Dark Angel » Di 12. Dez 2017, 10:21

schokoschendrezki hat geschrieben:(12 Dec 2017, 00:37)

Nur wird dieses Sozialverhalten mehr und mehr von gesellschaftlichen Prozessen überblendet.

Nein - wird es nicht!
Menschliches Sozialverhalten IST biologisch (evolutionär) bedingt.
Es sind Menschen die gesellschaftliche Prozesse in Gang bringen und gestalten, NICHT umgekehrt.

schokoschendrezki hat geschrieben:(12 Dec 2017, 00:37)Die zentrale These des Buchs "Die Gesellschaft der Singularitäten", das wir nun schon in mehreren Beiträgen diskutiert haben, ist, dass es
eine Zäsur zwischen dem früheren Industriekapitalismus und den mehr und mehr voherrschenden postmodernen Gesellschaften in der sogenannten westlichen Welt gibt. Und das Wesen dieses Wandels besteht in einem zunehmenden Primat des Besonderen gegenüber dem Allgemeinen.

Mag ja sein, dass das die zentrale These des Buches ist. Eine These ist auch nur eine unbewiesene Behauptung.
Diese These muss sich an der Realität überprüfen lassen, das funktioniert aber nicht, wenn man Biologie, evolutionäre Psychologie und Neurowissenschaften ausblendet und sich auf Sozialkonstruktivismus und Postkonstruktivismus beschränkt, wie das gegenwärtig in den Sozial- und Kulturwissenschaften üblich ist.
Und genau das ist Reckwitz - Soziologe und Kulturwissenschaftler.

schokoschendrezki hat geschrieben:(12 Dec 2017, 00:37)Sagt ja schon der Titel. Und dass die aktuellen Tendenzen zur (Wieder)Kommunitarisiserung (in Form von Entwertungen) nur eine (hilflose) Reaktion auf diese unvermeidliche Entwicklung ist. Aus einem anderen Buch zur gleichen Frage:

Das wurde 2003 geschrieben. Heute, und das ist vielleicht der entscheidende Punkt bei Reckwitz, hat diese Singularisierung neuerlich nochmal an Fahrt aufgenommen. Und im letzten Abschnitt bezeichnet er die Hoffnung auf eine tatsächliche Wieder-Kommunitarisierung als Illusion.

Du verstehst Aussagen auch immer nur so wie du sie verstehen willst.
Ich denke mal User Sextus Ironikus hat recht kritische Sichtweisen zu Reckwitz Thesen geliefert, hat hinterfragt, kommt teilweise zu anderen Schlüssen als Reckwitz.
DU liest nur heraus, was dir gerade in den Kram passt. Nun 30% "abgehobene, um den eigenen Nabel kreisende Individualisten" sind immer noch eine Minderheit gegenüber den restlichen 70% - angeblich hilflosen - Kommunitaristen.
Auch wenn Reckwitz der Meinung sein mag, die "die Hoffnung auf eine tatsächliche Wieder-Kommunitarisierung [sei eine] Illusion.", ist da evtl der Wunsch der Vater des Gedanken.
Den gegenwärtigen Trend, allen möglichen Quatsch nachzuahmen und auf Instagram oder Fratzenbuch zu teilen, als Singularität - als das Besondere - darzustellen, ist schon ziemlich seltsam. Das nur als Beispiel

schokoschendrezki hat geschrieben:(12 Dec 2017, 00:37)Aus deiner Sicht - soweit ich dich verstanden habe - wird diese Singularisierung immer wieder als Ergebnis willentlicher Entscheidungen einer Gruppe von Menschen dargestellt. Das ist aber überhaupt nicht der Fall. Reckwitz sieht die ganze analysierte Entwicklung auch mitnichten durchweg positiv. Ich übrigens auch nicht. Aber sie findet statt. Sie wird nicht "inszeniert" oder "konstruiert" sondern sie ist.

Natürlich handelt es sich dabei um eine willentliche Entscheidung - um was denn sonst?
Wer oder was sollte denn Menschen dazu zwingen, irgendwelchen Modererscheinungen, irgendeinem Zeitgeist oder irgendeiner Denkrichtung zu folgen, wenn nicht aus eigener Entscheidung?
Natürlich wird sie von Menschen inszeniert, fabriziert - was denn sonst?
Solche gesellschaftlichen Erscheinungen/Prozesse fallen doch nicht vom Himmel oder entstehen aus dem Nichts.
Die sind nicht - puff - mal eben da.

schokoschendrezki hat geschrieben:(12 Dec 2017, 00:37)Die ganze soziologische Argumentation überzeugt mich weit eher als deine biologistische Sicht auf den Menschen als "Rudeltier". Und zig Rezensenten des besprochenen Buches auch. Die Tatsache, auf die User S.I. hingewiesen hat, dass es im Quellenanhang kein naturwissenschaftliches Material gibt, ist kein Manko, sondern spricht, ganz im Gegenteil, für dieses Buch. Weil sie der sozialen und kulturellen Überformung des Menschen als biologisches Wesen Rechnung trägt und eine Reduzierung auf biologische Funktionen vermeidet.

Aaah - darauf habe ich gewartet - da isse wieder, die Leugnung und Abwertung der biologischen (evolutionären) Determiniertheit und Bedingtheit des Menschen als "Biologismus".
Der Mensch ist derjenige der Kultur überhaupt erst schafft und er wird NICHT "kulturell überformt". Das ist Unsinn in höchster Potenz. Biologie Ist und bleibt bestimmend für die Natur des Menschen und erst dann - ein ganzes Stück weit später - kommt eine kulturelle Prägung hinzu.
Doch, es ist sehr wohl ein Manko und zwar ein sehr großes, dass im Buch keine naturwissenschaftlichen Quellen hinzu gezogen wurden, darum ergibt sich ein vollkommen einseitiges und vor allem unvollständiges Bild.
Gegen die menschliche Dummheit sind selbst die Götter machtlos.

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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon Dark Angel » Di 12. Dez 2017, 10:37

schokoschendrezki hat geschrieben:(12 Dec 2017, 07:34)

Der Mensch als Art Homo Sapiens der Gattung Homo ist in seinen Eigenschaften ganz sicher durch die Evolution geprägt. Wie denn auch sonst.

Falsch! Der Mensch ist NICHT "in seinen Eigenschaften ganz sicher durch die Evolution geprägt", sondern durch evolutionäre Prozesse überhaupt erst entstanden. Seine Eigenschaften sind biologisch determiniert und biologisch bedingt.
Die Biologie hat das Primat!

schokoschendrezki hat geschrieben:(12 Dec 2017, 07:34)] Als Individuum jedoch werde ich in eine konkrete Lebenswelt hineingeboren, an der ich anteilig zwar nicht nichts aber im Verhältnis doch relativ wenig ändern kann.

Und diese konkrete Lebenswelt ist Kultur und damit ein Produkt menschlicher Tätigkeit, meschlicher Kreativität und Schöpferkraft, welche wiederum ihre Grundlage in der Biologie hat.
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