Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

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Tom Bombadil
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon Tom Bombadil » Mo 11. Dez 2017, 12:06

schokoschendrezki hat geschrieben:(11 Dec 2017, 11:55)

Das ist ein höchst interessantes Thema. Und von "müssen" ist gar nicht die Rede. Sie tuns einfach.

"Muss" als unausweichliche Folge der Weltpolitik. Aber ich finde es interessant, dass Verständnis für das Verhalten von Muslimen im Westbalkan und Nordkaukasus aufgebracht wird, während man für Deutsche, die mit der sich immer schneller drehenden Welt nicht klarkommen, nur Hohn und Spott übrig hat.

Nötig wäre die Schaffung eines neuen welteinigenden Grundgedankens. Über alle Nationen und Religionen hinweg.

Wer soll so etwas erschaffen?
The tree of liberty must be refreshed from time to time with the blood of patriots and tyrants. It is its natural manure.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon krone » Mo 11. Dez 2017, 12:09

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Sextus Ironicus
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon Sextus Ironicus » Mo 11. Dez 2017, 12:25

schokoschendrezki hat geschrieben:(11 Dec 2017, 11:55)

Nötig wäre die Schaffung eines neuen welteinigenden Grundgedankens. Über alle Nationen und Religionen hinweg.


Genau diese Unmöglichkeit, bzw. die Auflösung dessen beschreibt doch Reckwitz. Es ist doch genau das Allgemeine, das sich in der Gesellschaft der Singularitäten auflöst, und "Valorisierung" des Besonderen ist ja nichts als eine unendliche Kultur des Plapperns, des sozialen Konstruierens, nach dem Vorbild des Marktes. Der Grundgedanke ist darin längst enthalten: Alles kann ver-wertet, zu etwas Besonderem werden. Aber dazu muss das Individuum alle anderen Bindungen über Bord werfen, sonst wird das nichts.
… habe ich mich sorgsam bemüht, menschliche Tätigkeiten nicht zu verlachen, nicht zu beklagen und auch nicht zu verdammen, sondern zu begreifen. (Spinoza)
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon Dark Angel » Mo 11. Dez 2017, 12:45

schokoschendrezki hat geschrieben:(11 Dec 2017, 11:57)

Ja Gott. Verbietet irgendjemand einem anderen, seine Meinung schreibend oder sagend zu äußern? Oder umgekehrt, sich einer geäußerten Meinung anzuschließen? In der nächsten Tankstelle lag sogar illegalerweise seinerzeit ein Sarrazin-Buch zum Verkauf aus, ohne dass das den Betreibern verboten wurde.

Niemandem ist es verboten seine Meinung zu äußern.
Aufgabe der Medien (Presse, Funk, TV) zu informieren - und zwar neutral, vorurteilfrei - und nicht meinungsbildend zu agieren.
Genau dieser Informationsaufgabe kommen sie Medien nicht (mehr) nach, stattdessesn agieren sie meinungsbildend - heißt sie beanspruchen die Deutungshoheit darüber, welche Meinung politisch korrekt und damit akzeptabel ist (ihre natürlich) und welche nicht - nennt sich auch indoktrinieren.
Gegen die menschliche Dummheit sind selbst die Götter machtlos.

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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon Dark Angel » Mo 11. Dez 2017, 12:55

Sextus Ironicus hat geschrieben:(11 Dec 2017, 12:25)

Genau diese Unmöglichkeit, bzw. die Auflösung dessen beschreibt doch Reckwitz. Es ist doch genau das Allgemeine, das sich in der Gesellschaft der Singularitäten auflöst, und "Valorisierung" des Besonderen ist ja nichts als eine unendliche Kultur des Plapperns, des sozialen Konstruierens, nach dem Vorbild des Marktes. Der Grundgedanke ist darin längst enthalten: Alles kann ver-wertet, zu etwas Besonderem werden. Aber dazu muss das Individuum alle anderen Bindungen über Bord werfen, sonst wird das nichts.

Nun - in diesem Zusammenhang frage ich mich, ob diejenigen, die als "Abgehängte" bezeichnet werden, wirklich die "Abgehängten" sind, weil sie sich gegen Entwurzelung, gegen das Überbordwerfen jeglicher Bindungen zur Wehr setzen oder ob das im Gegenteil diejenigen sind, die die menschliche Natur (Neurobiologie, evolutionäre Psychologie etc) anerkennen statt zu leugnen und entsprechend dieser Natur leben - also eigentlich die Realisten sind.
Während die anderen, die sich Kosmopoliten nennen, die Verfechter des Sozialkonstruktivismus, die alles zu entwerten suchen, der Entwurzelung und Bindungsfreieheit das Wort reden, eigentlich "Abgehobene" sind, die jeglicher "Bodenhaftung" und jeglichen Realitätsbezugs verlustig gegangen sind.
Nunja - wer hoch steigt, der kann (sehr) tief fallen.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon Sextus Ironicus » Mo 11. Dez 2017, 13:12

Dark Angel hat geschrieben:(11 Dec 2017, 12:55)

Nun - in diesem Zusammenhang frage ich mich, ob diejenigen, die als "Abgehängte" bezeichnet werden, wirklich die "Abgehängten" sind, weil sie sich gegen Entwurzelung, gegen das Überbordwerfen jeglicher Bindungen zur Wehr setzen oder ob das im Gegenteil diejenigen sind, die die menschliche Natur (Neurobiologie, evolutionäre Psychologie etc) anerkennen statt zu leugnen und entsprechend dieser Natur leben - also eigentlich die Realisten sind.
Während die anderen, die sich Kosmopoliten nennen, die Verfechter des Sozialkonstruktivismus, die alles zu entwerten suchen, der Entwurzelung und Bindungsfreieheit das Wort reden, eigentlich "Abgehobene" sind, die jeglicher "Bodenhaftung" und jeglichen Realitätsbezugs verlustig gegangen sind.
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Ja, das steht im Reckwitz auch irgendwo, der letzte Satz. Man zockt beim Werten auch immer, und da sind Aufstiegshöhe und Fallhöhe unter Umständen enorm.

Abgehängt ist als neutraler Ausdruck schon richtig, denn aus Sicht der Zeitgeistdefinierer ist das so, ohne dass damit natürlich die Frage nach Vernunft oder Sinn des Prozesses beantwortet wäre. Reckwitz' Blick ist überwiegend rein systemisch und nicht psychologisch, und in diesem Falle fand ich das sehr hilfreich, weil man mit ihm versteht, was stattfindet und wie das abläuft. Eine moralische Rechtfertigung oder Ablehnung ist sein Auftrag nicht gewesen. Da hat er überwiegend einen guten Job gemacht. Die Werteseite kann man wie gesagt bei Ullrich kurz und knackig nachlesen, die Überforderungsseite dieser Wertespieler hat Ehrenberg in seinen beiden Büchern in epischer Breite dargestellt - wobei man lustigerweise sagen muss, dass selbst noch der Burnout, der sich aus der Erschöpfung ergibt, wiederum als Besonderes ver-wertbar ist, siehe Miriam Meckel oder Tim Mälzer, die den Burnout mit ihren Schriften und Bekenntnissen auch ins Besondere gehoben haben.

Werte, so sieht man, sind die neue Realität. :D
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 11. Dez 2017, 13:31

Dark Angel hat geschrieben:(11 Dec 2017, 12:45)

Niemandem ist es verboten seine Meinung zu äußern.
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Genau dieser Informationsaufgabe kommen sie Medien nicht (mehr) nach, stattdessesn agieren sie meinungsbildend - heißt sie beanspruchen die Deutungshoheit darüber, welche Meinung politisch korrekt und damit akzeptabel ist (ihre natürlich) und welche nicht - nennt sich auch indoktrinieren.

Ersteinmal haben in einem System mit Pressefreiheit die Medien keine "Aufgabe". Die Medien können Comic-Serien oder Nacktfotos oder sonsterwas produzieren. Der öffentlich-rechtliche Bereich lediglich hat den Auftrag einer Grundversorgung. (Auch wenn er den zunehmend nicht mehr wahnimmt). Und es gibt den besonders aus dem anglo-amerikanischen Bereich kommenden Usus, zwischen Information und Meinungsäußerung zu trennen. Aber selbst bei den verbliebenen, nach diesem klassischen Prinzip arbeitenden Medien ist selbstverständlich auch Meinungsäußerung angesagt. Sonst müsste man sie ja nicht von neutraler Information trennen sollen.

Berechtigterweise müsste man von einer Deutungshoheitsinanspruchnahme sprechen, wenn es irgendwelche Kartellstrukturen gäbe. Wenn Banken genötigt würden, neuen Medien keine Kredite zu geben oder wenn Distributoren genötigt würden, bestimmte Presseerzeugnisse nicht zu verteilen. Nix dergleichen ist jedoch der Fall. So wie - innerhalb der Verfassung - jeder 'ne Partei gründen kann, so kann auch jeder 'ne Zeitung gründen, in einem Internetblog schreiben, was er oder sie will usw. usf. Das Bestehen auf irgendeinem Problem "Deutungshoheit" läuft dann letztendlich darauf hinaus, es zu verbieten, dass das, was ein Herr x schreibt von einem Herrn y als schlüssig wahrgenommen wird.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 11. Dez 2017, 13:38

Sextus Ironicus hat geschrieben:(11 Dec 2017, 12:25)

Genau diese Unmöglichkeit, bzw. die Auflösung dessen beschreibt doch Reckwitz. Es ist doch genau das Allgemeine, das sich in der Gesellschaft der Singularitäten auflöst, und "Valorisierung" des Besonderen ist ja nichts als eine unendliche Kultur des Plapperns, des sozialen Konstruierens, nach dem Vorbild des Marktes. Der Grundgedanke ist darin längst enthalten: Alles kann ver-wertet, zu etwas Besonderem werden. Aber dazu muss das Individuum alle anderen Bindungen über Bord werfen, sonst wird das nichts.


Das ist - logisch gesehen - ein erst mal nicht ganz unberechtigter Gedanke. Auch wenn das Faktische das eine und das Notwendige das andere ist. Wir hatten in einer früheren Phase der Diskussion die Frage der Rechtsordnung als Basis für individuelle Freiheit als liberales Grundprinzip. Auch ich sehe gegenwärtig keinen Weg, dieses Grundprinzip als einigenden Gedanken bei religiösen Menschen (gleich welcher Religion) zu popularisieren. Ja. Aber genau das oder etwas in der Art meinte ich schon.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 11. Dez 2017, 13:42

Dark Angel hat geschrieben:(11 Dec 2017, 12:55)

Nun - in diesem Zusammenhang frage ich mich, ob diejenigen, die als "Abgehängte" bezeichnet werden, wirklich die "Abgehängten" sind, weil sie sich gegen Entwurzelung, gegen das Überbordwerfen jeglicher Bindungen zur Wehr setzen oder ob das im Gegenteil diejenigen sind, die die menschliche Natur (Neurobiologie, evolutionäre Psychologie etc) anerkennen statt zu leugnen und entsprechend dieser Natur leben - also eigentlich die Realisten sind.
Während die anderen, die sich Kosmopoliten nennen, die Verfechter des Sozialkonstruktivismus, die alles zu entwerten suchen, der Entwurzelung und Bindungsfreieheit das Wort reden, eigentlich "Abgehobene" sind, die jeglicher "Bodenhaftung" und jeglichen Realitätsbezugs verlustig gegangen sind.
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Die Kausalrichtung ist in beiden Fällen genau anderstherum. Der Mensch ist in erster Linie von den ihn umgebenden Gegebenheiten geprägt. Kaum jemand wird sich freiwillig "entwurzeln". Den Du Kosmopolit nennst, ist es, versucht aber, damit zurechtzukommen, es zu akzeptieren oder sogar ins Positive zu wenden.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon Sextus Ironicus » Mo 11. Dez 2017, 13:54

Dark Angel hat geschrieben:(11 Dec 2017, 12:55)

Nun - in diesem Zusammenhang frage ich mich, ob diejenigen, die als "Abgehängte" bezeichnet werden, wirklich die "Abgehängten" sind, weil sie sich gegen Entwurzelung, gegen das Überbordwerfen jeglicher Bindungen zur Wehr setzen oder ob das im Gegenteil diejenigen sind, die die menschliche Natur (Neurobiologie, evolutionäre Psychologie etc) anerkennen statt zu leugnen und entsprechend dieser Natur leben - also eigentlich die Realisten sind.
Während die anderen, die sich Kosmopoliten nennen, die Verfechter des Sozialkonstruktivismus, die alles zu entwerten suchen, der Entwurzelung und Bindungsfreieheit das Wort reden, eigentlich "Abgehobene" sind, die jeglicher "Bodenhaftung" und jeglichen Realitätsbezugs verlustig gegangen sind.
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Noch einmal einen Extra-Satz dazu: Ich würde das nicht primär als aktive Entwertung sehen, sondern überwiegend als sekundäre Folge einer "Umwertung aller Werte". Da dies im Zuge des reinen Konstruktivismus erfolgt, wären Verhaltensbiologie oder Entwicklungspsychologie nur störend. Das Individuum agiert rein wertegebunden, wertegesteuert, in ihm verwirklicht sich dann Nietzsches Übermensch tatsächlich. Ein vermeintlich allen Grundlagen enthobenes ätherisches Wertewesen.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 11. Dez 2017, 14:00

Sextus Ironicus hat geschrieben:(11 Dec 2017, 13:12)
Ja, das steht im Reckwitz auch irgendwo, der letzte Satz. Man zockt beim Werten auch immer, und da sind Aufstiegshöhe und Fallhöhe unter Umständen enorm.

Der letzte Abschnitt, weil sehr gut und genau formuliert und den Kern auf den Punkt gebracht:
Allerdings: Politische Planungsfantasien einer durchgreifenden Steuerung sozialer und kultureller Prozesse, wie sie die industrielle Moderne prägten, prallen an einer Gesellschaft der Singularitäten ab. Ihre elementare Dynamik bezieht diese nicht aus der Politik - die höchstens indirekt beeinflusst, aber nicht dirigiert - sondern aus dem hyperkulturellem Dreieck, das die Ökonomie der Singularitäten, die Kulturmaschine der digitalen Technologien und der singularistische Lebensstill der neuen Mittelklasse bilden. Und wenn nicht alles täuscht, wird diese Entfesselung der Gesellschaft der Singularitäten in Zukunft erst noch Fahrt aufnehmen, zumal auf globaler Ebene. Die sozialen Asymmetrien und kulturellen Heterogenitäten, welche dieser Strukturwandel der Moderne potenziert, seine nichtplanbare Dynamik von Valorisierungen und Entwertungen, seine Freisetzung positiver und negativer Affekte, lassen Vorstellungen einer rationalen Ordnung, einer egalitären Gesellschaft, einer homogenen Kultur [fett, weil direkt zum Strangthema] und einer balancierten Persönlichkeitsstruktur, wie sie manche noch hegen mögen, damit als das erscheinen, was sie sind: pure Nostalgie.

Sprich: Die "Gesellschaft der Singularitäten" wird nicht gemacht. Zum Beispiel von denen, die sie gern so hätten. Sondern sie ist. Und der Gegenentwurf kann durchaus gewollt sein. Aber machbar ist letzendlich auch er nicht. Nostalgie, Realitätsverweigerung oder Akzeptanz von Realität ist die Frage. Nicht irgendein ideologischer Vorsatz.

Und "Valorisierung" heißt "Wertsicherung". Heißt, einer Entwertung eine Aufwertung entgegenzusetzen. Entwertung und Valorisierung finden ständig und gegeneinander statt. Bei Sextus steht, wenn ichs richtig in Erinnerung habe, fast immer nur "Valorisierung" im Vordergrund.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon Sextus Ironicus » Mo 11. Dez 2017, 14:39

schokoschendrezki hat geschrieben:(11 Dec 2017, 14:00)

Der letzte Abschnitt, weil sehr gut und genau formuliert und den Kern auf den Punkt gebracht:

Sprich: Die "Gesellschaft der Singularitäten" wird nicht gemacht. Zum Beispiel von denen, die sie gern so hätten. Sondern sie ist. Und der Gegenentwurf kann durchaus gewollt sein. Aber machbar ist letzendlich auch er nicht. Nostalgie, Realitätsverweigerung oder Akzeptanz von Realität ist die Frage. Nicht irgendein ideologischer Vorsatz.

Und "Valorisierung" heißt "Wertsicherung". Heißt, einer Entwertung eine Aufwertung entgegenzusetzen. Entwertung und Valorisierung finden ständig und gegeneinander statt. Bei Sextus steht, wenn ichs richtig in Erinnerung habe, fast immer nur "Valorisierung" im Vordergrund.


Woher beziehst du nicht gemacht? Er sagt ja vorne:

Die Singularitäten sind nicht kurzerhand objektiv oder subjektiv vorhanden, sondern durch und durch sozial fabriziert.


Dass diese politischen Planungsphantasien tatsächlich Unsinn sind, ist ja gerade auch mein Punkt, wenn ich mich dagegen wehre, dass Politik bis ins Allerprivateste vordringt und mir aus hypermoralischen Gründen alle diese vermeintlichen Werte mittels Verrechtlichung aufs Auge drücken will. Und mit seinem letzten Satz, den du zitierst, tut er das, was auch Neurowissenschaftler über ein oder anderthalb Jahrzehnte so großspurig taten: Sie wollen die Prozesse, die sie beschreiben, selbst interpretieren. Reckwitz geht hier direkt von dem, was ist, was stattfindet, was fabriziert wird, in eine Rechtfertigung über. Man sieht ja an seiner Literaturliste: Er hat eigentlich nichts aus den Naturwissenschaften gelesen, keine Psychologie, keine Verhaltensbiologie, keine Neurowissenschaftler, einfach nichts. Und lies mal nicht bloß die Vokabel "homogen", lies auch mal "keine rationale Ordnung, keine egalitäre Gesellschaft, keine balancierte Persönlichkeitsstruktur" (keine Ahnung, was er sich unter letzterem vorstellt). Er muss also die Konsequenzen, die man aus seiner Beschreibung, die Wertungen, die Interpretation usw. schon seinen Lesern überlassen. Seine Aufgabe ist es, uns zu klären, was stattfindet, nicht uns zu sagen: Das ist das Schicksal, nehmt es hin. Denn diejenigen, die da fabrizieren, könnten ja auch einen an der Waffel haben (ums mal zuzuspitzen).
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon Uffzach » Mo 11. Dez 2017, 14:49

odiug hat geschrieben:(10 Dec 2017, 18:34)

Gut ... das ist aber ein formaler Fehler von Merkel, angesichts der Mehrheitsverhältnisse im damaligen Bundestag.
Aber prinzipiell gebe ich dir da sogar recht, dieser formale Fehler zeigt ein zumindest fragwürdiges Demokratieverständnis über die Rolle des Parlaments der Bundesregierung ... ist aber kein Rechtsbruch ... deswegen ist Merkel nicht kriminell.
Und natürlich kann man dir auch den Europäischen Gerichtshof entgegenhalten:

http://www.focus.de/politik/deutschland ... 00677.html


Nochmal zur Wiederholung: ich akzeptiere ja die Eintrittsklausel für die einmalige Aufnahme von Flüchtlingen aus Ungarn. Der Rechtsbruch den Merkel begangen hat liegt in der anschließenden Passivität gegenüber der massenhaften illegalen Einwanderung über die folgenden Monate hinweg. Hier hat Merkel als Regierungschef die Aufgaben des Staates zur Sicherung seiner Grenzen gegen illegalen Zutritt auf das Staatsgebiet Deutschland vorsätzlich nicht erfüllt. Eine Amtsenthebung wäre notwendigerweise die angemessene Konsequenz gewesen, wenn sich irgendjemand im BT gefunden hätte, der dagegen vorgegangen wäre. Der Umstand, dass niemand auch aus der Opposition seine Stimme dagegen erhoben hat, validiert den Vorwurf der diesbzgl. gegen die seinerseits im BT vertretenen Parteien erhoben wird. Es handelte sich de facto um eine gemeinschaftlich begangene Verschwörung von CDU/CSU, SPD, Grünen und Linken gegen den deutschen Staat und seine Bürger. Denn es ist Aufgabe des deutschen Staates sein Staatsgebiet vor illegalem Eindringen zu schützen zum Schutz seiner Bürger.

Recht und Ordnung kann die Kultur sein, die verbindend wirkt. Wird der Staat allerdings durch die Regierenden selbst unterminiert, dann entfällt notwendigerweise der Zusammenhalt in der Gesellschaft der Staatsbürger.
Zuletzt geändert von Uffzach am Mo 11. Dez 2017, 15:08, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon relativ » Mo 11. Dez 2017, 15:07

Uffzach hat geschrieben:(11 Dec 2017, 14:49)

Nochmal zur Wiederholung: ich akzeptiere ja die Eintrittsklausel für die einmalige Aufnahme von Flüchtlingen aus Ungarn. Der Rechtsbruch den Merkel begangen hat liegt in der anschließenden Passivität gegenüber der massenhaften illegalen Einwanderung über die folgenden Monate hinweg. Hier hat Merkel als Regierungschef die Aufgaben des Staates zur Sicherung seiner Grenzen gegen illegalen Zutritt auf das Staatsgebiet Deutschland vorsätzlich nicht erfüllt. Eine Amtsenthebung wäre notwendigerweise die angemessene Konsequenz gewesen, wenn sich irgendjemand im BT gefunden hätte, der dagegen vorgegangen wäre. Der Umstand, dass niemand auch aus der Opposition seine Stimme dagegen erhoben hat, validiert den Vorwurf der diesbzgl. gegen die seinerseits im BT vertretenen Parteien erhoben wird. Es handelt sich de facto um eine gemeinschaftlich begangene Verschwörung von CDU/CSU, SPD, Grünen und Linken gegen den deutschen Staat und seine Bürger. Denn es ist Aufgabe des deutschen Staates sein Staatsgebiet vor illegalem Eindringen zu schützen zum Schutz seiner Bürger.

Sorry , aber ob der vorrauszusehenden Ausnahmesituation hier von Illegal zu sprechen ist für mich in der Sitaution Sackhaarspalterrei, vor allem wenn man noch, wie du es ja tust, die einmalige Aufnahme der Flüchtlinge aus Ungarn akzeptiert. denn diese Reaktion war ja Auslöser, weiterer Flüchtlingswellen aus der Türkei,Syrien und anderen Regionen der Erde
Was man der Politik und auch Frau Merkel vorwerfen kann und auch muss ist, daß sie dieses Thema Jahrzehntelang verpennt haben, weil man damit eben keine Wahlen gewinnt.
Bei der damaligen Situation hätte nur ein gemeinsames handeln der EU geholfen, die Schließung der Grenzen hätte die Probleme, ja nur exponentiell in die äußeren EU Länder verlagert.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon Uffzach » Mo 11. Dez 2017, 15:12

relativ hat geschrieben:(11 Dec 2017, 15:07)

Sorry , aber ob der vorrauszusehenden Ausnahmesituation hier von Illegal zu sprechen ist für mich in der Sitaution Sackhaarspalterrei, vor allem wenn man noch, wie du es ja tust, die einmalige Aufnahme der Flüchtlinge aus Ungarn akzeptiert. denn diese Reaktion war ja Auslöser, weiterer Flüchtlingswellen aus der Türkei,Syrien und anderen Regionen der Erde
Was man der Politik und auch Frau Merkel vorwerfen kann und auch muss ist, daß sie dieses Thema Jahrzehntelang verpennt haben, weil man damit eben keine Wahlen gewinnt.


Es geht hier nicht darum, was man Merkel als Parteipolitikerin vorwerfen kann, sondern es geht darum, was man Merkel als Oberhaupt der staatlichen Exekutive vorwerfen muss und wofür sie zur Rechenschaft gezogen werden müsste: Sie hat ihre Aufgabe des Schutzes des Staatsgebietes vorsätzlich nicht erfüllt.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon relativ » Mo 11. Dez 2017, 15:20

Uffzach hat geschrieben:(11 Dec 2017, 15:12)

Es geht hier nicht darum, was man Merkel als Parteipolitikerin vorwerfen kann, sondern es geht darum, was man Merkel als Oberhaupt der staatlichen Exekutive vorwerfen muss und wofür sie zur Rechenschaft gezogen werden müsste: Sie hat ihre Aufgabe des Schutzes des Staatsgebietes vorsätzlich nicht erfüllt.

Was sie Tat war eine Abwägung der Möglichkeiten, von Vorrsatz, oder sogar Heimatverrat zu sprechen ist völliger Humbug.
Auch rechtlich ist die Lage nicht so eindeutig wie du sie hier darstellen möchtest.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon Uffzach » Mo 11. Dez 2017, 15:30

relativ hat geschrieben:(11 Dec 2017, 15:20)

Was sie Tat war eine Abwägung der Möglichkeiten, von Vorrsatz, oder sogar Heimatverrat zu sprechen ist völliger Humbug.
Auch rechtlich ist die Lage nicht so eindeutig wie du sie hier darstellen möchtest.


Klar, als die Flüchtlinge aus Ungarn aufgenommen waren, hat sie abgewogen, ob sie zulässt, dass dies als Einladung zum illegalen Grenzübertritt missverstanden werden kann, indem sie die Einmaligkeit gar nicht hervorhebt und die Grenzen offenlässt, oder ob sie die Einmaligkeit hervorhebt und die Sicherung der Staatsgrenzen veranlasst. Sie hat sich für ersteres entschieden und damit ihr Amt missbraucht und Schaden für Deutschland und seine Bürger verursacht.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon relativ » Mo 11. Dez 2017, 15:43

Uffzach hat geschrieben:(11 Dec 2017, 15:30)

Klar, als die Flüchtlinge aus Ungarn aufgenommen waren, hat sie abgewogen, ob sie zulässt, dass dies als Einladung zum illegalen Grenzübertritt missverstanden werden kann, indem sie die Einmaligkeit gar nicht hervorhebt und die Grenzen offenlässt, oder ob sie die Einmaligkeit hervorhebt und die Sicherung der Staatsgrenzen veranlasst. Sie hat sich für ersteres entschieden und damit ihr Amt missbraucht und Schaden für Deutschland und seine Bürger verursacht.

Das ist Quatsch, sie hat keine Einladung ausgesprochen, sondern es wurde weiterhin gesagt das Dublin 3 zählt , nur war der mittlerweile ein zahnloser Tiger, weil sich keine EU Land der Flüchtlingsroute mehr daran halten wollte, noch konnte.
Die Ereignisse waren nunmal Aussergewöhnlich. Da von einer absichtlich herbeigeführten Sitaution seitens Merkel/Politik zu palavern ist einfach nur hirnrissig.
Naja Schaden ja, aber mom. auch nicht mehr als der nicht fertiggestellte Berliner Flughafen.
Was man Merkel vorwerfen kann ist, daß sie wohl nicht mit dem unsolidarischen Verhalten einiger EU Länder ob dieser Krise gerechnet hat. Was man der deutschen Politik, aber nicht nur ihr, insgesamt vorwerfen kann ist, daß sie sich in den Jahren davor, bei den europäischen Flüchtlingsproblem immer schön einen schlanken Fuss gemacht haben und bei dem Problem, mehr oder weniger, die EU Mittelmeerstaaten im Stich gelassen haben.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon Uffzach » Mo 11. Dez 2017, 15:51

relativ hat geschrieben:(11 Dec 2017, 15:43)

Das ist Quatsch, sie hat keine Einladung ausgesprochen,...

Man muss nicht explizit eine Einladung aussprechen, wenn das gesamte Verhalten eine Einladung impliziert und man davon ausgehen muss, dass diese angenommen wird.

Aber nochmal, auch wenn dir das wichtigste die Person Merkel als solche zu sein scheint: der eigentlich Punkt hier ist ihr Amtsmissbrauch gegen den deutschen Staat und seine Bürger, denn das Thema ist hier 'Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?' und diese gibt es sicherlich nicht, wenn Recht und Ordnung von denen, die Recht und Ordnung vertreten müssten, mit Füßen getreten werden.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon relativ » Mo 11. Dez 2017, 15:54

Uffzach hat geschrieben:(11 Dec 2017, 15:51)

Man muss nicht explizit eine Einladung aussprechen, wenn das gesamte Verhalten eine Einladung impliziert und man davon ausgehen muss, dass diese angenommen wird.

Aber nochmal, auch wenn dir das wichtigste die Person Merkel als solche zu sein scheint: der eigentlich Punkt hier ist ihr Amtsmissbrauch gegen den deutschen Staat und seine Bürger, denn das Thema ist hier 'Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?' und diese gibt es sicherlich nicht, wenn Recht und Ordnung von denen, die Recht und Ordnung vertreten müssten, mit Füßen getreten werden.

Das was du Thematisiert hast hat schon lange nix mehr mit dem Threadthema zu tun, da nutzt dir auch die etwas flache Herleitung zum Ende nix mehr. ;)
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