Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 4. Dez 2017, 14:08

Und im Übrigen. Ich habe das auch weiter oben schon geschrieben. Ein Bezug auf die "Rechtsordnung" bedeutet weit mehr als nur die Beachtung der Paragraphen des Strafgesetzbuches. Auch die Verfassung mit ihren allgemeinen Prinzipien ist Teil der Rechtsordnung. Es müsste doch eigentlich klar sein, dass Entitäten, die sich dem Grundgesetz verpflichtet fühlen (egal ob Einzelindividuen oder soziale Gruppen) durchaus verschieden aber keine herummäandernden Spukwesen sein können.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 4. Dez 2017, 14:11

Selina hat geschrieben:(04 Dec 2017, 11:28)

Interessant im Zusammenhang mit Böckenförde finde ich auch das (sorry für OT):

Zitat:

Im Jahr 2009 publizierte Böckenförde vor dem Hintergrund der globalen Wirtschaftskrise seit 2007 den kapitalismuskritischen Text "Woran der Kapitalismus krankt", in dem er den modernen Kapitalismus im Anschluss an Hans Freyers Theorie des gegenwärtigen Zeitalters als sekundäres System beschreibt, vom „inhumanen Charakter“ des Kapitalismus spricht und dafür plädiert, die Katholische Soziallehre „aus ihrem Dornröschenschlaf auf(zu)wecken“.

https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst-Wol ... f%C3%B6rde


Es kann für diesen scheinbar fehlenden gesellschaftlichen Term alles mögliche herangezogen werden. Religion, Sport, nationale Kulturtraditionen. Hauptsache irgendein Kitt. Wenn das mal nicht brandgefährlich ist.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 4. Dez 2017, 14:25

Sextus Ironicus hat geschrieben:(04 Dec 2017, 12:47)

Es war nie so aktuell wie jetzt. Du hast hier oder im Nachbarthread die Entwicklung des Zerfalls (Achtung: ich sage ZERfall und nicht VERfall) in der modernen Gesellschaft beschrieben. Unter fluiden Identitäten, die sich je nach der ebenso fluiden Wertewelt richten, wobei Werte jederzeit wieder entwertet werden können, in dieser allen allgemeinen Beindungen entzogenen Welt der Einzelnen gibt es über ein immer dichter geknüpftes Netz rechtlicher Vorschriften für den Umgang keine gesamtgesellschaftliches Bindeglied mehr. Was sich bisher aus dem Inneren der Gesellschaft entwickelt hat, was immer ein langsamer Prozess ist, wird nun immer stärker dekretiert werden müssen, weil die multiplen, fluiden Grüppchen ihre jeweiligen Ansprüche und Bedürfnisse ja nur auf dem Rechtsweg und nicht mehr auf dem Weg gesellschaftlicher Prozesse durchsetzen können. Denn wie oben gesagt wurde: Es verbindet nur die Einhaltung der Gesetze, also müssen die entsprechenden Gesetze auch her, um die multiplen Identitäten und Werte und ihre möglichen und unmöglichen Beziehungen abzubilden.

Aber es muss doch gar nicht alles immer neu geregelt werden. Die Religionsfreiheit - als Beispiel - gilt ganz allgemein. Und sowohl mit der wachsenden Zahl von Muslimen in Deutschland als auch bei der theoretisch möglichen Entstehung einer ganz neuen Religion entsteht keineswegs die Notwendigkeit, extra nochmal einen neuen Absatz zum Prinzip der Religionsfreiheit abzufassen. Auch das Verbot von Mord und Gewaltanwendung sieht für Muslime keinen Deut anders aus als für Christen oder Nichtgläubige.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon Sextus Ironicus » Mo 4. Dez 2017, 14:47

schokoschendrezki hat geschrieben:(04 Dec 2017, 13:54)

Im Augenblick zumindest in Europa oder zumindest in der EU ist der demokratische Staat dort am stärksten bedroht, wo es in einem demokratischen System auf demokratischem Weg zu forcierten Homogenisierungen der Gesellschaft gekommen ist: In Polen und Ungarn. Sollte einem das nicht zu denken geben?


Sollte es, wie ich schon mehrfach betont habe, denn in diese Richtung löst sich der Liberalismus auf, wenn nicht die reinen fluid-identitären reinen Gesetzesbefolger gewinnen, sondern deren autoritär orientierte Gegner. Mal davon abgesehen, dass Polen und Ungarn ihre Regierungen in freien Wahlen mit eindeutigen Mehrheiten gewählt haben. Daran zumindest ist nichts auszusetzen, ob einem die Richtung nun passt oder nicht.

schokoschendrezki hat geschrieben:(04 Dec 2017, 13:54)
Das Böckenförde-Diktum ist vor allem eines: Eine Tautologie. Kein Ding der Welt kann die Voraussetzungen herbeiführen, unter denen es einmal neu entstanden ist.


Es ist auch nicht von herbeiführen die Rede, sondern von garantieren, und was garantiert werden soll, ist vor allem ein Versprechen: Freiheit. Die ist aber nicht bedingungslos und voraussetzungslos zu haben. Man muss verstehen, was eigentlich diesen freiheitlichen Staat im Innersten wirklich zusammenhält.

schokoschendrezki hat geschrieben:(04 Dec 2017, 13:54)
Das Problem ist nur, dass dieses Diktum quasi als Universalbrechstange benutzt wird, um allen möglichen Scheiß als Forderung in die Gesellschaft hineinzutragen. Es ist, wie zigfach richtig festgestellt wurde, ein Sonntagsreden-Argument. Es hat dieses Potenzial zu dieser "Genau. So ist es. Der sagt es"-Beipflichtung.


Diese Beipflichtungen zu "allem möglichen Scheiß" finde ich hier in jedem Thread, das überzeugt mich eher nicht als Argument. Böckenfördes Sprüchlein ist eine Einladung, über das nachzudenken, was den Nationalstaat in seiner jetzt in Auflösung begriffenen Form einmal ausgemacht hat, was seine Grundlagen waren, was durch ihn ermöglicht wurde. Also auch darüber, weswegen manche Gesellschaften erfolgreicher als andere sind, was so als "soziales Kapital" vorhanden sein muss, um nach innen und außen ein Gleichgewicht zu haben. Recht ist ein wichtiger Teil, aber nicht der einzige. Normen lassen sich in Rechts-, Moral- und Sittennormen unterteilen. Sitten sind keine universal gültigen Normen, wer im weißen Anzug zur Beerdigung kommt, wird nicht zu Rechenschaft gezogen. Rechtsnormen sind für ihren Geltungsbereich von der Intention her allgemeingültig, Moralnormen universell angelegt, aber sie sind das Problem beim stabilitätsbildenden Normenmix. Je stärker versucht wird, Moralnormen gegen die Interessen der Beteiligten durchzusetzen, oder sie gar zu verrechtlichen und nicht dem freien gesellschaftlichen Spiel der Kräfte zu überlassen, desto illiberaler wird eine Gesellschaft.

Die Situation für den Liberalismus ähnelt also dem Spaß, den Nietzsche einst so ausdrückte: In der Einsamkeit frisst sich der Einsame selbst auf, in der Vielsamkeit fressen ihn die Vielen. Nun wähle.

So geht's dem Liberalismus, der seine Grundlagen ignoriert: In den Nomokratie wird die Freiheit von den vielen vielen Gesetzen gefressen, in der autoritären Demokratie von den Gesetzen, die ihr engste Grenzen setzen. Der Wähler möge wählen. :D
… habe ich mich sorgsam bemüht, menschliche Tätigkeiten nicht zu verlachen, nicht zu beklagen und auch nicht zu verdammen, sondern zu begreifen. (Spinoza)
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon Dark Angel » Mo 4. Dez 2017, 14:53

schokoschendrezki hat geschrieben:(04 Dec 2017, 14:25)

Aber es muss doch gar nicht alles immer neu geregelt werden. Die Religionsfreiheit - als Beispiel - gilt ganz allgemein. Und sowohl mit der wachsenden Zahl von Muslimen in Deutschland als auch bei der theoretisch möglichen Entstehung einer ganz neuen Religion entsteht keineswegs die Notwendigkeit, extra nochmal einen neuen Absatz zum Prinzip der Religionsfreiheit abzufassen. Auch das Verbot von Mord und Gewaltanwendung sieht für Muslime keinen Deut anders aus als für Christen oder Nichtgläubige.

Sorry, aber da schreibst du ganz schönen Stuss zusammen!
Islam kennt keine Religionsfreiheit, keine persönlichen Freiheitsrechte, der kennt nichtmal Individualismus.
Man kann die Errungenschaften einer modernen aufgeklärten Gesellschaft/Kultur nicht mal eben 1:1 auf eine archaische Religion/Ideologie übertragen. Das funktioniert nicht! Wenn man die Unterschiede erkennen und verstehen will, muss man sich zwingend mit Hintergründen, mit Geschichte - insbesondere mit der Geschichte des Islam - und seinen Zielen beschäftigen.
Das Verbot von Mord und Gewaltanwendung gibt es im Islam gerade NICHT!
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon Sextus Ironicus » Mo 4. Dez 2017, 15:02

@schokoschendrezki

Um etwas weniger abstrakt zu sein: Hast du dir eigentlich mal überlegt, warum jemand in diesem Land den Höchststeuersatz zahlen sollte, um irgendwelchen "Hungerleidern und Versagern" qua Umverteilung ihr Leben zu finanzieren? Wäre in einem Staat ohne verbindende Kultur nicht ein Modell, wie es Ayn Rand und libertäre Freunde vertreten, die "natürlichere" Variante? Wäre ja auch wesentlich billiger, notfalls die Polizei oder private Schutzdienste aufmarschieren zu lassen, falls die "Hungerleider und Versager" sich nicht an die Gesetze halten wollen.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon Selina » Mo 4. Dez 2017, 16:49

schokoschendrezki hat geschrieben:(04 Dec 2017, 14:11)

Es kann für diesen scheinbar fehlenden gesellschaftlichen Term alles mögliche herangezogen werden. Religion, Sport, nationale Kulturtraditionen. Hauptsache irgendein Kitt. Wenn das mal nicht brandgefährlich ist.


Ja, sicher. Wobei ich Kapitalismuskritik nicht zu "irgendeinem Kitt" zählen würde. Denn diese Rechtsdrift einschließlich Kulturalismus gedeiht ja nicht im luftleeren Raum, ökonomisch und gesellschaftspolitisch gesehen.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon Sextus Ironicus » Mo 4. Dez 2017, 18:23

schokoschendrezki hat geschrieben:(04 Dec 2017, 13:54)

Im Augenblick zumindest in Europa oder zumindest in der EU ist der demokratische Staat dort am stärksten bedroht, wo es in einem demokratischen System auf demokratischem Weg zu forcierten Homogenisierungen der Gesellschaft gekommen ist: In Polen und Ungarn. Sollte einem das nicht zu denken geben?



Ich möchte das noch einmal von einer anderen Seite her aufgreifen.

Wenn du liest, was so geantwortet wurde zum Thema, wäre es ja mal an der Zeit, einen Perspektivenwechsel vorzunehmen. Oben war die Frage nach dem Verbindenden mit dem Hausmeister, Lehrer und Aufsichtsratsvorsitzendes negativ beantwortet worden, also nichts zu finden über die Gesetztestreue hinaus. Ok, ich akzeptiere das einmal für mich und nehme auch auch deine Freiheit, die ganz beim Individuum liegt.
Ich hab' also mein Sach auf nichts gestellt, wie es bei Stirner heißt, "Ich bin Eigner der Welt, der Dinge und Ich bin Eigner der Welt des Geistes." Was, so lautet jetzt die Frage, soll mir dann dein Ungarnbeispiel noch? Da kommt dann ein deutscher Herr Orban, und was passiert? Ich stehe morgens auf, frühstücke, gehe zur Arbeit, komme nach Hause, erledige den Haushalt greife zum Buch oder zur Gitarre, gehe ins Kino, ins Konzert, besuche Freunde oder gehe zum Kartenspielen, esse gut, der Wein aus der Gegend ist gut, mein Schlaf ist ordentlich und die Verdauung sowieso. Wo ist also für mich Unverbundenen jetzt das Problem mit dem deutschen Orban? Was kümmert der mich? Was ändert sich an meinem unverbundenen gesetzestreuen Leben :?: Und warum sollte ich, wenn ich schon keine Verbindung bei mir finde zu den dreien eine Verbindung finden zu irgendwem in Afrika oder zu den Steuervermeidern aus Griechenland?

Fort denn mit jeder Sache, die nicht ganz und gar Meine Sache ist! Ihr meint, Meine Sache müsse wenigstens die »gute Sache« sein? Was gut, was böse! Ich bin ja selber Meine Sache, und Ich bin weder gut noch böse. Beides hat für Mich keinen Sinn.

Das Göttliche ist Gottes Sache, das Menschliche Sache »des Menschen«. Meine Sache ist weder das Göttliche noch das Menschliche, ist nicht das Wahre, Gute, Rechte, Freie usw., sondern allein das Meinige, und sie ist keine allgemeine, sondern ist – einzig, wie Ich einzig bin.



Welches Problem soll ich also noch mit Orban haben? Individuell frei sei, wer keinem Menschen verantwortlich ist, sagt Stirner auch, und damit kann mir eigentlich auch wurscht sein, was der deutsche Orban will. Meinen Tagesablauf ändert der nicht. Und wenn's um die Freiheit von irgendwelchen anderen geht? "Kein Anschluss unter dieser Nummer". "Mir geht nichts über Mich!" (Stirner again).
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon Zunder » Mo 4. Dez 2017, 23:25

schokoschendrezki hat geschrieben:(04 Dec 2017, 10:15)

Grundverkehrt. Für die Freiheit ist jedes Individuum selbst verantwortlich. Indem es sie entweder wahrnimmt oder eben nicht.

Deniz Yücel sollte endlich mal seine Freiheit wahrnehmen, der Depp.

(Denkst du gelegentlich auch über das, was du schreibst, wenigstens ein bißchen nach?)
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon Zunder » Mo 4. Dez 2017, 23:41

schokoschendrezki hat geschrieben:(04 Dec 2017, 13:54)
Kein Ding der Welt kann die Voraussetzungen herbeiführen, unter denen es einmal neu entstanden ist.[....]
Das Böckenförde-Diktum ist einfach eine Binsenweisheit.

Richtig.
Manch einer braucht halt ein bißchen länger, um eine Binsenweisheit zu erfassen.

"Die Rechtsordnung ist als absolut zu betrachten. Wie ein Naturgesetz."

Vielleicht hast du ja inzwischen verstanden, was für einen Unfug du mit dieser Aussage verzapft hast.
Dann hätte die Binsenweisheit ihren Zweck erfüllt.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon schokoschendrezki » Di 5. Dez 2017, 09:22

Dark Angel hat geschrieben:(04 Dec 2017, 14:53)

Sorry, aber da schreibst du ganz schönen Stuss zusammen!
Islam kennt keine Religionsfreiheit, keine persönlichen Freiheitsrechte, der kennt nichtmal Individualismus.
Man kann die Errungenschaften einer modernen aufgeklärten Gesellschaft/Kultur nicht mal eben 1:1 auf eine archaische Religion/Ideologie übertragen. Das funktioniert nicht! Wenn man die Unterschiede erkennen und verstehen will, muss man sich zwingend mit Hintergründen, mit Geschichte - insbesondere mit der Geschichte des Islam - und seinen Zielen beschäftigen.
Das Verbot von Mord und Gewaltanwendung gibt es im Islam gerade NICHT!

Um es kurz zu machen: Es geht (mir jedenfalls) auch nicht um Religionsfreiheit in einem sich selbst als islamisch oder gar islamistisch verstehenden Gemeinwesen sondern um die in der verfassungsmäßig als liberal festgeschriebenen Bundesrepublik Deutschland.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon schokoschendrezki » Di 5. Dez 2017, 09:51

Sextus Ironicus hat geschrieben:(04 Dec 2017, 15:02)

@schokoschendrezki

Um etwas weniger abstrakt zu sein: Hast du dir eigentlich mal überlegt, warum jemand in diesem Land den Höchststeuersatz zahlen sollte, um irgendwelchen "Hungerleidern und Versagern" qua Umverteilung ihr Leben zu finanzieren? Wäre in einem Staat ohne verbindende Kultur nicht ein Modell, wie es Ayn Rand und libertäre Freunde vertreten, die "natürlichere" Variante? Wäre ja auch wesentlich billiger, notfalls die Polizei oder private Schutzdienste aufmarschieren zu lassen, falls die "Hungerleider und Versager" sich nicht an die Gesetze halten wollen.


Mir ist schon klar, dass die ganze Debatte Liberalismus vs. Kommunitarismus nun wirklich nix neues ist.
Die Debatte zwischen Liberalen und Kommunitaristen war der wichtigste Diskurs der 1970er und 1980er Jahre der anglo-amerikanischen politischen Theorie.


Und so wie die meisten dieser großen DIskurse (der berühmte "Historikerstreit" 86/87 in der Bundesrepublik ist ja auch ein Beispiel) bleibt die gestellte Frage in der Regel offen.

So wie Ayn Rands politische Vorstellungen von ihren persönlichen Erfahrungen mit dem (frühen) russischen Kommunismus geprägt sind, ist zu berücksichtigen, was der forcierte Kollektivismus der DDR-Gesellschaft bei einer Reihe von heutigen Zeitgenossen an Aversionen hinterließ. Seltsamerweise sind die, die diesen Kollektivismus der DDR-Gesellschaft sehr sehr kritisch sehen (wie ich) aber eher in der Minderzahl.

Ich bin deutlich einmal von diesen Aversionen geprägt und zum anderen von den nicht weniger negativen Erfahrungen einer sich national-religiös-konservativ umorientierten Gesellschaft wie der Ungarischen. Als einzig rettendes Gegenbild und gleichzeitig Utopie bleibt mir die kosmopolitisch orientierte Metropolenkultur von Orten wie Berlin oder Budapest.

Wir haben in Europa kein "Hungerleiderproblem". Um es deutlich zu sagen. Das Problem der sozialen Ausgrenzung hat in Europa (mit Ausnahme von wenigen Regionen wie Moldawien vielleicht) nix mit Existenzbedrohung im eigentlichen Sinn zu tun.

Und dann: Wir müssen eine Antwort finden auf das, was mit technologischen Entwicklungen einhergeht. Wie schon weiter oben geschrieben. Wir werden schon in Kürze in einer Realität aufwachen mit völlig disparaten Lebenswelten. In der die einen überhaupt nicht mehr wissen, worüber die anderen eigentlich reden.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon H2O » Di 5. Dez 2017, 10:09

schokoschendrezki hat geschrieben:(05 Dec 2017, 09:51)

....

Wir werden schon in Kürze in einer Realität aufwachen mit völlig disparaten Lebenswelten. In der die einen überhaupt nicht mehr wissen, wovon die anderen eigentlich reden.


Hat es das nicht auch schon in langen Zeiten gegeben, als die hohen Herren auf Latein oder später Französisch in ihrer geistigen Welt lebten, und der Rest des Volkes in geistiger Finsternis in seiner eigenen Welt?

Die Bibelübersetzung war doch notwendig, weil diese Welt der hohen Herren die kleinen Leute nach Strich und Faden veralbert hatte.

Und nun kommt eine technische Entwicklung mit einer Schicht von Fachleuten, die keiner der Anwender mehr versteht. Wieviele % der Nutzer von Smartphones verstehen deren Technik, die dahinter steht, könnten zur Not eine "App" entwickeln? Das Wissen ist doch vergleichbar abstrakt wie das der Theologen und Philosophen vergangener Zeiten.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon schokoschendrezki » Di 5. Dez 2017, 10:17

@Zunder:
Blicken wir noch einmal auf – ich sage das jetzt einfach so – unseren Satz [Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.] Er sagt nichts über den freiheitlichen, säkularisierten Staat. Jedenfalls nichts, das ihn vor anderen Dingen auszeichnet. Man muss nur einen Augenblick lang überlegen, was denn – im Gegensatz also zum „freiheitlichen, säkularisierten Staat“ – von Voraussetzungen lebt, die es selbst garantieren kann. Sie kommen gerade nicht drauf? Sie werden auch in hundert Jahren auf nichts kommen. Die Voraussetzungen, von denen etwas lebt, sind nicht die, unter denen es das erste Mal in die Welt trat.

Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland zum Beispiel wäre ohne die Alliierten nicht zustande gekommen. Die Besatzungsmächte sind weg. Das Grundgesetz ist – verändert – noch immer da. Die Voraussetzungen, unter denen jeder von uns geboren wird, sind ganz und gar andere als die, unter denen wir leben. Das ist eine Binsenwahrheit. Der junge Tancredi rät dem alten Fürsten Salina darum in Lampedusas „Gattopardo“: „Wenn alles bleiben soll, wie es ist, muss sich alles ändern.“

Der von uns hier betrachtete Satz wird in Wahrheit nicht interessanter dadurch, dass man so tut, als handele es sich um eine Aussage über den freiheitlichen, säkularisierten Staat. Gewissermaßen eine Diagnose. Der Satz stellt kein spezifisches Gebrechen fest, sondern attestiert einem Besonderen das Allerallgemeinste, das, was es mit allem, was ist, gemein hat. Der Erkenntnisgewinn ist gleich Null.

http://www.fr.de/kultur/staatswesen-das-boeckenfoerde-dilemma-a-355086
!
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon schokoschendrezki » Di 5. Dez 2017, 10:22

H2O hat geschrieben:(05 Dec 2017, 10:09)

Hat es das nicht auch schon in langen Zeiten gegeben, als die hohen Herren auf Latein oder später Französisch in ihrer geistigen Welt lebten, und der Rest des Volkes in geistiger Finsternis in seiner eigenen Welt?

Die Bibelübersetzung war doch notwendig, weil diese Welt der hohen Herren die kleinen Leute nach Strich und Faden veralbert hatte.

Und nun kommt eine technische Entwicklung mit einer Schicht von Fachleuten, die keiner der Anwender mehr versteht. Wieviele % der Nutzer von Smartphones verstehen deren Technik, die dahinter steht, könnten zur Not eine "App" entwickeln? Das Wissen ist doch vergleichbar abstrakt wie das der Theologen und Philosophen vergangener Zeiten.

Naja. Es geht vielleicht nicht so sehr darum, dass die Nutzer einer Technologie diese Technologie nicht mehr verstehen, sondern darum, dass diese Technologie es ermöglicht, disparate Lebenswelten zu schaffen und sich in ihnen zu bewegen. Der Begriff "Parallelgesellschaft" wurde in jüngerer Zeit ja vor allem für ghettoisierte Stadtviertel benutzt. Dass die virtuelle Realität noch ganz andere Potenziale für "Parallelgesellschaften" bietet, dürfte doch klar sein.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon H2O » Di 5. Dez 2017, 10:36

schokoschendrezki hat geschrieben:(05 Dec 2017, 10:22)

Naja. Es geht vielleicht nicht so sehr darum, dass die Nutzer einer Technologie diese Technologie nicht mehr verstehen, sondern darum, dass diese Technologie es ermöglicht, disparate Lebenswelten zu schaffen und sich in ihnen zu bewegen. Der Begriff "Parallelgesellschaft" wurde in jüngerer Zeit ja vor allem für ghettoisierte Stadtviertel benutzt. Dass die virtuelle Realität noch ganz andere Potenziale für "Parallelgesellschaften" bietet, dürfte doch klar sein.


Ok, so hochgestochen kann ich nicht mitreden. Aber, falls Sie das nicht schon getan haben, dann gibt es Erheiterndes unter "Forenprobleme" zu lesen. Dort regte der Teilnehmer Peter K. an, die Kommunikation zwischen Browser und Server des Forums von http auf https um zu stellen, damit niemand böswillig den Datenverkehr zwischen Teilnehmer und Server belauschen kann. Ich habe mich bewußt ahnungslos eingemischt. Hier geht es los:

viewtopic.php?f=27&t=10&start=2420#p4067605

Viel Vergnügen! :)
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon Sextus Ironicus » Di 5. Dez 2017, 10:36

schokoschendrezki hat geschrieben:(05 Dec 2017, 10:22)

Naja. Es geht vielleicht nicht so sehr darum, dass die Nutzer einer Technologie diese Technologie nicht mehr verstehen, sondern darum, dass diese Technologie es ermöglicht, disparate Lebenswelten zu schaffen und sich in ihnen zu bewegen. Der Begriff "Parallelgesellschaft" wurde in jüngerer Zeit ja vor allem für ghettoisierte Stadtviertel benutzt. Dass die virtuelle Realität noch ganz andere Potenziale für "Parallelgesellschaften" bietet, dürfte doch klar sein.


Gesellschaft der Singularitäten nennt Andreas Reckwitz das in seiner sehr exakt herausgearbeiteten Theorie. Das ist der bessere Begriff, da Parallelwelten immer jeweils geschlossene Gesellschaften sind, die Singularitäten, die sich auf Personen, Gruppen, Objekte, Ereignisse, Orte, Wissen etc. beziehen können, entstehen dagegen im Rahmen von traditionsunabhängigen Valorisierungen und weisen über sich hinaus keine Gesamtverbindung mehr aus. Es ist, nach Reckwitz, die Aufhebung des Allgemeinen zugunsten des Besonderen. Damit werden dann meine Idiosynkrasien im Zweifelsfall praktisch auch geadelt :D (Bin noch nicht durch mit dem Buch, aber so treffend beschrieben die Dinge sind, so sehr spiegeln sie das nur noch menschen- und eventmittelbare Einzelwesen wider, das nur noch netzwerk- aber nicht mehr gemeinschaftsfähig ist. Was immer man dann davon halten mag, was wiederum vom Menschenbild abhängig ist.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon Zunder » Di 5. Dez 2017, 10:48


Und?

Es geht nicht darum, dem Satz von Böckenförde eine tiefere Bedeutung beizumessen, sondern darum, daß diese Binsenweisheit ausreicht, um dein Geschwätz von der als absolut zu betrachtenden Rechtsordnung als Unsinn kenntlich zu machen.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon schokoschendrezki » Di 5. Dez 2017, 11:04

Das Buch ("Gesellschaft der Singularitäten"), gerade erst erschienen, scheint tatsächlich ganz direkt auf die in diesem Thread gestellten und diskutierten Fragen gerichtet zu sein. Aus einer Rezension:
Auf plastische und überzeugende Weise zeigt Reckwitz, wie die Kulturalisierung des Ökonomischen wiederum zu einer Polarisierung des Politischen führt. Die 'Neue Mittelklasse' verkörpere eine doppelte Öffnung: sie sei Profiteurin des Wirtschaftsliberalismus und Inbegriff eines linksliberal geprägten Kulturkosmopolitismus. Auf diese zweigliedrige Öffnung würden insbesondere die Verlierer dieser Entwicklung mit Schließungstendenzen reagieren. Reckwitz sieht hier ein Erstarken des "Kulturessenzialismus". Rechtspopulistische, nationalistische, religiös-fundamentalistische und teilweise auch ethnische Gruppen behaupteten verstärkt die innere Homogenität einer kollektiven Identität, setzten auf das Eigene, das Traditionelle und Heimische, um sich gegen die Abwertung des Provinziellen und Konformen zu wehren. Das Allgemeine und Verbindende trete in dieser zunehmend zersplitterten sozialen und politischen Landschaft entsprechend in den Hintergrund. Ihm einen neuen Ort zu geben, macht Reckwitz abschließend als zentrale Aufgabe der Gegenwart aus.

http://www.deutschlandfunkkultur.de/andreas-reckwitz-die-gesellschaft-der-singularitaeten-das.950.de.html?dram:article_id=398909
Genau darum gehts ja wohl letztendlich.

Die Frage, die sich mir stellt, ist natürlich die, welche Art von Allgemeinheit und Verbundenheit das Potenzial hat, die Attraktivität von Neo-Nationalismus, Neo-Religiösität, Neo-Ethnozentriertheit usw. für die "Verlierer" zu überbieten. Was könnte das sein?
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon Sextus Ironicus » Di 5. Dez 2017, 11:07

schokoschendrezki hat geschrieben:(05 Dec 2017, 11:04)

Das Buch ("Gesellschaft der Singularitäten"), gerade erst erschienen, scheint tatsächlich ganz direkt auf die in diesem Thread gestellten und diskutierten Fragen gerichtet zu sein. Aus einer Rezension:

http://www.deutschlandfunkkultur.de/andreas-reckwitz-die-gesellschaft-der-singularitaeten-das.950.de.html?dram:article_id=398909
Genau darum gehts ja wohl letztendlich.

Die Frage, die sich mir stellt, ist natürlich die, welche Art von Allgemeinheit und Verbundenheit das Potenzial hat, die Attraktivität von Neo-Nationalismus, Neo-Religiösität, Neo-Ethnozentriertheit usw. für die "Verlierer" zu überbieten. Was könnte das sein?


Hol dir lieber die Leseprobe beim Suhrkampverlag statt der Rezension:

http://www.suhrkamp.de/buecher/die_gesellschaft_der_singularitaeten-andreas_reckwitz_58706.html
… habe ich mich sorgsam bemüht, menschliche Tätigkeiten nicht zu verlachen, nicht zu beklagen und auch nicht zu verdammen, sondern zu begreifen. (Spinoza)

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