Kann ein Land zur Demokratie/Zivilisation gezwungen werden?

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Katenberg
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Re: Kann ein Land zur Demokratie/Zivilisation gezwungen werden?

Beitragvon Katenberg » Di 14. Mär 2017, 16:15

Adam Smith hat geschrieben:(14 Mar 2017, 16:12)

Das bedeutet schon eine Menge. Es entwickelt sich halt automatisch zur Demokratie.


Du missverstehst mich, mit "gar nichts" meine ich auf den Verzicht von Intervention. An den automatischen Weg zur Demokratie wiederum glaube ich nicht.
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Adam Smith
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Re: Kann ein Land zur Demokratie/Zivilisation gezwungen werden?

Beitragvon Adam Smith » Di 14. Mär 2017, 16:43

Katenberg hat geschrieben:(14 Mar 2017, 16:15)
An den automatischen Weg zur Demokratie wiederum glaube ich nicht.


Das wäre aber sehr schlecht für die Demokratie, weil sie dann in der Praxis nur eine Regierungsform unter vielen Regierungsformen wäre. Eine gesellschaftliche Verbesserung/Veränderung unter der Demokratie besser möglich ist, würde es auch nicht geben.
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Kael
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Re: Kann ein Land zur Demokratie/Zivilisation gezwungen werden?

Beitragvon Kael » Di 14. Mär 2017, 16:55

Ja kann es. Siehe Deutschland.

Deutschland ist noch nie freiwillig demokratisch geworden
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Re: Kann ein Land zur Demokratie/Zivilisation gezwungen werden?

Beitragvon Selina » Di 14. Mär 2017, 17:03

Kann es natürlich nicht. Was ist denn das für eine Frage? Wobei einige Kreise in Deutschland ja denken, sie würden andere Nationen glücklich machen, wenn sie ihnen ihre Auffassung von Demokratie (mit dem Holzhammer) nahe legen würden :D
Zuletzt geändert von Selina am Di 14. Mär 2017, 17:32, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Kann ein Land zur Demokratie/Zivilisation gezwungen werden?

Beitragvon Adam Smith » Di 14. Mär 2017, 17:28

Selina hat geschrieben:(14 Mar 2017, 17:03)

Kann es natürlich nicht. Was ist denn das für eine Frage? Wobei einige Kreise in Deutschland ja denken, sie würden andere Nationen glücklich machen, wenn sie ihnen ihre Auffassung von Demokratie (mit dem Hozhammer) nahe legen würden :D

Bei Erdogan geht es um deutsche Gesetze. Dass türkische Gesetze jetzt auch so etwas verbieten ist da egal.
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Re: Kann ein Land zur Demokratie/Zivilisation gezwungen werden?

Beitragvon Adam Smith » Di 14. Mär 2017, 17:29

Kael hat geschrieben:(14 Mar 2017, 16:55)

Ja kann es. Siehe Deutschland.

Deutschland ist noch nie freiwillig demokratisch geworden

Wenn die Voraussetzungen gegeben sind, dann geht so etwas.
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Re: Kann ein Land zur Demokratie/Zivilisation gezwungen werden?

Beitragvon Katenberg » Di 14. Mär 2017, 17:33

Kael hat geschrieben:(14 Mar 2017, 16:55)

Ja kann es. Siehe Deutschland.

Deutschland ist noch nie freiwillig demokratisch geworden


Die Revolution 1917?
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Re: Kann ein Land zur Demokratie/Zivilisation gezwungen werden?

Beitragvon Kael » Di 14. Mär 2017, 17:34

Was hat Russland damit zu tun?
Russland war vor dem Zerfall der Sowjetunion nie demokratisch
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Re: Kann ein Land zur Demokratie/Zivilisation gezwungen werden?

Beitragvon DarkLightbringer » Di 14. Mär 2017, 20:01

In die Diktatur kann man gezwungen werden, Freiheit muss man wollen.
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Re: Kann ein Land zur Demokratie/Zivilisation gezwungen werden?

Beitragvon Hyde » Di 14. Mär 2017, 20:53

Katenberg hat geschrieben:(14 Mar 2017, 13:08)

Mit dem Fall Saddams und der damit einhergehenden Neuordnung des Iraks stellte sich immer wieder die Frage, inwieweit man ein Land überhaupt zur Demokratie zwingen kann. Anders gefragt: Kann eine derartige Entwicklung von außen kommen, oder muss sie sich von innen ergeben?


Es ist normal, dass der Übergang hin zu Demokratie immer erstmal für einige Jahrzehnte mit Instabilität einhergeht, ehe sich das System mehr und mehr stabilisiert und die Demokratie auch in den Köpfen der Menschen fest verankert ist.

Auch Deutschland hat diese Übergangsphase der Instabilität gehabt, nämlich in der Weimarer Republik. Dass die Demokratie in der BRD von Anfang an funktionierte, lag daran, dass die Menschen bereits in der Weimarer Republik ihre Erfahrungen mit der Demokratie gemacht hatten und es nichts Neues mehr für sie war.

Der Grund, warum (vor allem von außen aufgezwunge) Demokratien zunächst instabil sind, ist die Angst vor der Freiheit.
Freiheit kann Angst machen, weil sie mit großen individuellen Verantwortungen einhergeht. Weil man plötzlich für die eigenen Entscheidungen selbst verantwortlich ist, für die eigenen Fehler, man sich nicht mehr hinter der Führerfigur verstecken kann, die einem die Last des eigenen Denkens und der eigenen Verantwortung im Leben abnimmt.

Das ist ein bisschen vergleichbar mit einem Kind, das erwachsen wird. Wenn man mit 18 Jahren auszieht, dann muss man auch erstmal lernen, mit der eigenen Freiheit und der eigenen Verantwortung umzugehen. Und man wird am Anfang Fehler machen und Furcht/Respekt vor dem Schritt des Erwachsenwerdens und Abnabelns haben.
Wenn man dieses Bild auf die Demokratiesierung des Iraks überträgt, dann ist der Irak 2003 als junger unerfahrener Bursche aus dem Elternhaus geschmissen worden und muss jetzt erstmal lernen, selbstverantwortlich und erfolgreich zu leben. Er wird anfangs Fehler dabei machen, klar.

Wenn ein Volk Tausende von Jahren die Unfreiheit gewohnt war, dann ist klar, dass die Freiheit mit ihren Möglichkeiten und Verantwortungen dem Individuum zunächst auch Angst macht. Es dauert seine Zeit, sich daran zu gewöhnen.

Wer geglaubt hat, dass der Irak von einem auf den anderen Tag von der Diktatur zur Vorzeige-Demokratie wird, der hatte unrealistische Erwartungen. Aber klar ist auch eines: der Gedanke und der Geist der Demokratie hat jetzt im Irak zumindest einen Fuß in der Tür, und die Menschen werden sich mehr und mehr daran gewöhnen und warm mit der Demokratie werden. Die Zivilgesellschaft wird stärker werden, das demokratische Bewusstsein wird Stück für Stück reifen, und das politische System wird stabiler werden und sich immer stärker verwurzeln.

Aber wie gesagt: das ist ein Prozess, und man kann nicht erwarten, dass tausende Jahre Unfreiheit über Nacht in blühender Demokratie münden. Das war auch in Deutschland nicht der Fall, und der Prozess der Demokratiedierung begann ja auch in Deutschland nicht erst mit Weimar, sondern bereits im Kaiserreich oder streng genommen mit der Zeit nach Napoleon, wo dann mehr und mehr demokratische Ideen Fuß fassten.

Man kann vom Irak oder generell den arabischen Staaten nicht erwarten, dass sie bei ihren Demokratisierungsprozessen sofort von 0 auf 100 beschleunigen können. Das ist ein Prozess, bei dem man auch geduldig sein muss, und der Raum zur Entwicklung braucht.
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Re: Kann ein Land zur Demokratie/Zivilisation gezwungen werden?

Beitragvon H2O » Di 14. Mär 2017, 22:03

Hyde hat geschrieben:(14 Mar 2017, 20:53)

Es ist normal, dass der Übergang hin zu Demokratie immer erstmal für einige Jahrzehnte mit Instabilität einhergeht, ehe sich das System mehr und mehr stabilisiert und die Demokratie auch in den Köpfen der Menschen fest verankert ist.

Auch Deutschland hat diese Übergangsphase der Instabilität gehabt, nämlich in der Weimarer Republik. Dass die Demokratie in der BRD von Anfang an funktionierte, lag daran, dass die Menschen bereits in der Weimarer Republik ihre Erfahrungen mit der Demokratie gemacht hatten und es nichts Neues mehr für sie war.

Der Grund, warum (vor allem von außen aufgezwunge) Demokratien zunächst instabil sind, ist die Angst vor der Freiheit.
Freiheit kann Angst machen, weil sie mit großen individuellen Verantwortungen einhergeht. Weil man plötzlich für die eigenen Entscheidungen selbst verantwortlich ist, für die eigenen Fehler, man sich nicht mehr hinter der Führerfigur verstecken kann, die einem die Last des eigenen Denkens und der eigenen Verantwortung im Leben abnimmt.

Das ist ein bisschen vergleichbar mit einem Kind, das erwachsen wird. Wenn man mit 18 Jahren auszieht, dann muss man auch erstmal lernen, mit der eigenen Freiheit und der eigenen Verantwortung umzugehen. Und man wird am Anfang Fehler machen und Furcht/Respekt vor dem Schritt des Erwachsenwerdens und Abnabelns haben.
Wenn man dieses Bild auf die Demokratiesierung des Iraks überträgt, dann ist der Irak 2003 als junger unerfahrener Bursche aus dem Elternhaus geschmissen worden und muss jetzt erstmal lernen, selbstverantwortlich und erfolgreich zu leben. Er wird anfangs Fehler dabei machen, klar.

Wenn ein Volk Tausende von Jahren die Unfreiheit gewohnt war, dann ist klar, dass die Freiheit mit ihren Möglichkeiten und Verantwortungen dem Individuum zunächst auch Angst macht. Es dauert seine Zeit, sich daran zu gewöhnen.

Wer geglaubt hat, dass der Irak von einem auf den anderen Tag von der Diktatur zur Vorzeige-Demokratie wird, der hatte unrealistische Erwartungen. Aber klar ist auch eines: der Gedanke und der Geist der Demokratie hat jetzt im Irak zumindest einen Fuß in der Tür, und die Menschen werden sich mehr und mehr daran gewöhnen und warm mit der Demokratie werden. Die Zivilgesellschaft wird stärker werden, das demokratische Bewusstsein wird Stück für Stück reifen, und das politische System wird stabiler werden und sich immer stärker verwurzeln.

Aber wie gesagt: das ist ein Prozess, und man kann nicht erwarten, dass tausende Jahre Unfreiheit über Nacht in blühender Demokratie münden. Das war auch in Deutschland nicht der Fall, und der Prozess der Demokratiedierung begann ja auch in Deutschland nicht erst mit Weimar, sondern bereits im Kaiserreich oder streng genommen mit der Zeit nach Napoleon, wo dann mehr und mehr demokratische Ideen Fuß fassten.

Man kann vom Irak oder generell den arabischen Staaten nicht erwarten, dass sie bei ihren Demokratisierungsprozessen sofort von 0 auf 100 beschleunigen können. Das ist ein Prozess, bei dem man auch geduldig sein muss, und der Raum zur Entwicklung braucht.


Mit Ihrem mehr geschichtlich angelegten Überblick: "Wie Gesellschaften zu Demokratien werden" bin ich ganz einverstanden. Das läuft wohl so ab, wie denn sonst?

Aber der Strang hat die Überschrift: "Kann ein Land zur Demokratie/Zivilisation gezwungen werden?" Da bin ich der Meinung, daß das möglich ist. Das Beispiel dafür sehe ich in unserem eigenen Lande. Am Ende des verlorenen Krieges hätten sich die Nazistrukturen sofort wieder durchgesetzt, wenn nicht die West-Alliierten mit eiserner Faust jeden Versuch dazu unterbunden hätten. Dazu muß man sich nur die Wirkung der Nazi-Ideologie bis zum letzten Kriegstag und darüber hinaus vor Augen führen. Unser Volk hat sich keineswegs dieser Verbrecher in einem großen Aufstand entledigt. Das haben die West-Alliierten mit Hilfe ausgewählter Deutscher getan, wenn auch nur unvollkommen.

Tatsächlich traten nach 1949 Parteien an, die man als ungebrochene Fortsetzung der Nazis erkennen konnte. Die wurden dann aber rechtzeitig aus dem Verkehr gezogen; sicher mit den West-Alliierten im Rücken, wenn die deutschen Regierungsorgane dabei zögerlich voran gingen. Selbst heute beschäftigt sich unser Land noch mit dem Verbot von Parteien, die von der Nazi-Ideologie nicht lassen mögen. Inzwischen ist unser Land unabhängig und auch in der Lage, diese Rolle rückwärts zu verhindern. Das war in den 1950er Jahren kaum gewährleistet.

Auf dem Gebiet der Bundesrepublik standen bis in die 1960er Jahre Größenordnung 1 Mio Soldaten der Westalliierten und in der "DDR" 1 Mio Soldaten der UdSSR. Ja, der Kalte Krieg, das schon, aber eben auch die Rückversicherung, daß der Nazikram nicht wieder Oberwasser bekommen sollte. So erlangte die Bundesrepublik mehr und mehr Befugnisse eines selbständigen Staatswesens, aber alliierte Vorbehalte bestanden bis zur Wiedervereinigung und den Verträgen mit unseren Nachbarn.

Ich behaupte daher, daß, entsprechende Besatzung und entsprechender Durchgriff vorausgesetzt, auch aus dem Irak oder Afghanistan eine Demokratie hätte geschmiedet werden können. Wer aber solche Landflächen mit 50.000 Soldaten kontrollieren will, der muß scheitern, der verfolgt sein Ziel nur halbherzig. Allein schon der Umgang mit gefangenen "Kämpfern" nach der Besetzung unterscheidet sich von dem im geschlagenen Deutschland. "Wehrwölfe" wurden auf der Stelle ohne formale Verhandlungen erschossen. Wer mit einer Waffe angetroffen wurde, konnte sich auf ein ähnliches Ende einstellen. Und irgendwann finden sich Leute, die den neuen Weg mit beschreiten, weil die alten Mächte und Netzwerke nicht mehr wirksam gegenhalten können.

Diesen Aufwand haben die siegreichen USA in Afghanistan und in Irak nicht treiben wollen, vielleicht auch nicht treiben können; aber daran entscheidet sich ja nicht die grundsätzliche Frage, ob man ein Land zur Demokratie/Zivilisation zwingen könne. Klar geht das, wenn jede dem entgegen gerichtete Bewegung unverzüglich tödlich endet. Man muß ja sehen, daß die Gegenkräfte in dieser Hinsicht keine Rücksicht nehmen. Und wenn diese Herrschaft lange genug ausgeübt wurde und neue auf Demokratie gerichtete Kräfte heran gebildet wurden, vor allem mit "Spielwiesen" der Bewährung, dann halten sich diese Kräfte auch von allein.

In Deutschland hat die Umerziehung von 1945 bis mindestens 1975 gedauert, also fast 30 Jahre, trotz demokratischer Vorerfahrungen von 1848 und 1918 bis 1933. Wer weiß, welche Zeiträume in Afghanistan und Irak bis zu einer selbsttragenden Demokratie erforderlich gewesen wären... ganz abgesehen von viel zu geringer Kontrolldichte in den ersten Jahren nach dem Sieg über die Taliban oder Saddam Hussein.
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Hyde
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Re: Kann ein Land zur Demokratie/Zivilisation gezwungen werden?

Beitragvon Hyde » Di 14. Mär 2017, 23:11

H2O hat geschrieben:(14 Mar 2017, 22:03)
Wer weiß, welche Zeiträume in Afghanistan und Irak bis zu einer selbsttragenden Demokratie erforderlich gewesen wären... ganz abgesehen von viel zu geringer Kontrolldichte in den ersten Jahren nach dem Sieg über die Taliban oder Saddam Hussein.


Ich finde die Wortwahl "gewesen wäre" nicht angemessen, da es impliziert, als seien demokratische Tendenzen in diesen Ländern schon grundsätzlich gescheitert. Ich sehe Länder wie den Irak oder Afghanistan momentan mitten im demokratischen Entwicklungsprozess, der aber wie gesagt nicht von heute auf morgen abgeschlossen ist und der auch mit temporären Rückschlägen gepflastert sein kann.

Niemand kann bestreiten, dass diese Länder im Grad ihrer Demokratisierung schon wesentlich weiter sind als zu Beginn des Jahrtausends. Gerade in Afghanistan musste von Null begonnen werden, die hatten anfangs nicht mal funktionierende Polizei und Sicherheitskräfte und kaum Bildung, was natürlich Demokratie im Keim erstickt.

Wenn die Frage lautet, ob Demokratie in seinen höchsten Standards von heute auf morgen in einer Gesellschaft neu eingeführt werden kann, dann sage ich: nein
Das war auch in Deutschland nicht der Fall. Was aber möglich ist, ist dass von außen ein demokratischer Entwicklungsimpuls angestoßen werden kann, ein Urknall, der demokratische Entwicklung möglich macht. Genau das passiert jetzt im Irak und Afghanistan und das ist auch in Deutschland nach dem 1.WK passiert.

Gleichwohl scheinen sich muslimische Gesellschaften besonders schwer mit Demokratie zu tun, sodass der demokratische Entwicklungsprozess dort besonders lange dauert.
Selbst in der säkularisierten Türkei, die auf viele Jahrzehnte demokratischer Entwicklung zurückblickt, konnten die autokratischen Versuchungen bislang noch nicht nachhaltig gebrochen werden.
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Re: Kann ein Land zur Demokratie/Zivilisation gezwungen werden?

Beitragvon H2O » Di 14. Mär 2017, 23:32

Hyde hat geschrieben:(14 Mar 2017, 23:11)

Ich finde die Wortwahl "gewesen wäre" nicht angemessen, da es impliziert, als seien demokratische Tendenzen in diesen Ländern schon grundsätzlich gescheitert. Ich sehe Länder wie den Irak oder Afghanistan momentan mitten im demokratischen Entwicklungsprozess, der aber wie gesagt nicht von heute auf morgen abgeschlossen ist und der auch mit temporären Rückschlägen gepflastert sein kann.

Niemand kann bestreiten, dass diese Länder im Grad ihrer Demokratisierung schon wesentlich weiter sind als zu Beginn des Jahrtausends. Gerade in Afghanistan musste von Null begonnen werden, die hatten anfangs nicht mal funktionierende Polizei und Sicherheitskräfte und kaum Bildung, was natürlich Demokratie im Keim erstickt.

Wenn die Frage lautet, ob Demokratie in seinen höchsten Standards von heute auf morgen in einer Gesellschaft neu eingeführt werden kann, dann sage ich: nein
Das war auch in Deutschland nicht der Fall. Was aber möglich ist, ist dass von außen ein demokratischer Entwicklungsimpuls angestoßen werden kann, ein Urknall, der demokratische Entwicklung möglich macht. Genau das passiert jetzt im Irak und Afghanistan und das ist auch in Deutschland nach dem 1.WK passiert.

Gleichwohl scheinen sich muslimische Gesellschaften besonders schwer mit Demokratie zu tun, sodass der demokratische Entwicklungsprozess dort besonders lange dauert.
Selbst in der säkularisierten Türkei, die auf viele Jahrzehnte demokratischer Entwicklung zurückblickt, konnten die autokratischen Versuchungen bislang noch nicht nachhaltig gebrochen werden.


Ja, da kann es wirklich keinen Streit geben: Afghanistan und Irak entwickeln sich; ob sich nun unbedingt dabei eine Demokratie nach westlichem Muster heran bilden wird... wer will das zuver-
lässig vorhersagen. In Afghanistan kann sich der Versuch einer Demokratie nur halten, weil die Schutzmächte vor Ort die Taliban am schnelleren Vordringen hindern. In Irak herrscht mit Unterstützung durch Iran die Vertretung der Schiiten des Irak. Wie weit es wenigstens in diesem Kreis eine demokratische Machtverteilung gibt... weiß ich nicht.

Mir ging es darum dar zu legen, wie man mit hartem Zwang eine Gesellschaft dazu bringen kann, eine eingeschlagene gesellschaftliche Entwicklung ab zu brechen und eine aufgezwungene Entwicklung irgendwann selbsttragend weiter zu führen.
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Re: Kann ein Land zur Demokratie/Zivilisation gezwungen werden?

Beitragvon Hyde » Mi 15. Mär 2017, 01:01

H2O hat geschrieben:(14 Mar 2017, 23:32)
In Afghanistan kann sich der Versuch einer Demokratie nur halten, weil die Schutzmächte vor Ort die Taliban am schnelleren Vordringen hindern.


Die meisten ausländische Soldaten haben ja schon vor einigen Jahren Afghanistan wieder verlassen und trotzdem ist die Lage im Land vergleichsweise stabil. Das zeigt ja, dass das Land weiter Fortschritte macht in seiner Entwicklung.
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Re: Kann ein Land zur Demokratie/Zivilisation gezwungen werden?

Beitragvon H2O » Mi 15. Mär 2017, 08:32

Hyde hat geschrieben:(15 Mar 2017, 01:01)

Die meisten ausländische Soldaten haben ja schon vor einigen Jahren Afghanistan wieder verlassen und trotzdem ist die Lage im Land vergleichsweise stabil. Das zeigt ja, dass das Land weiter Fortschritte macht in seiner Entwicklung.


Unbestritten, ja! Mehr Einsatz und mehr Opfer waren den Bürgern der beteiligten Besatzungsmächte nicht zu zu muten. Wir kennen ja die Diskussion hier zu Lande noch recht gut. Die schwebende Gefahr für die entsendenden Staaten war auch viel zu gering. Das empfanden die Alliierten nach dem 2. Weltkrieg lange Zeit sicher völlig anders... bis hin zur Wiedervereinigung Deutschlands, wenn man sich Äußerungen von Frau Thatcher und auch Präsident Mitterand in Erinnerung ruft. Die waren ja noch Zeitzeugen der Kriegsgreuel.
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Re: Kann ein Land zur Demokratie/Zivilisation gezwungen werden?

Beitragvon Teeernte » Mi 15. Mär 2017, 09:21

Kann ein Land zur Demokratie/Zivilisation gezwungen werden?


Je nach Denkmodell ....ja ...


Dann ists entweder die Ukraine......oder die Krim. :D :D :D
Obs zu kalt, zu warm, zu trocken oder zu nass ist:.... Es immer der >>menschgemachte<< Klimawandel. :D
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Re: Kann ein Land zur Demokratie/Zivilisation gezwungen werden?

Beitragvon Alter Stubentiger » Mi 15. Mär 2017, 15:58

Kael hat geschrieben:(14 Mar 2017, 16:55)

Ja kann es. Siehe Deutschland.

Deutschland ist noch nie freiwillig demokratisch geworden


Deutschland hatte vor der Demokratie ja auch nichts zu melden. Da sagten Fürsten, Kleinkönige und Bischöfe wo es lang ging.
Niemand hat vor eine Mauer zu errichten (Walter Ulbricht)
...und die Mauer wird noch in 50 oder 100 Jahren stehen (Erich Honecker)
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Re: Kann ein Land zur Demokratie/Zivilisation gezwungen werden?

Beitragvon Kael » Do 16. Mär 2017, 11:10

Nicht direkt.
Der erste Weltkrieg wäre auf deutscher Seite nicht ausgebrochen wenn die damalige Regierung, ich glaube SPD, dagegen gestimmt hätte.
Wir Deutschen hatten unter dem Kaiser mehr Demokratie als die Briten z.B.
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Re: Kann ein Land zur Demokratie/Zivilisation gezwungen werden?

Beitragvon Antonius » Fr 17. Mär 2017, 11:16

Kael hat geschrieben:(16 Mar 2017, 11:10)
Nicht direkt.
Der erste Weltkrieg wäre auf deutscher Seite nicht ausgebrochen wenn die damalige Regierung, ich glaube SPD, dagegen gestimmt hätte.
Wir Deutschen hatten unter dem Kaiser mehr Demokratie als die Briten z.B.
Dennoch tragen der damalige Deutsche Kaiser Wilhelm II. und die Aristokraten
schwere Mitschuld am Ausbruch des I. Weltkrieges. :(
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Immanuel Kant (1724-1804)
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Re: Kann ein Land zur Demokratie/Zivilisation gezwungen werden?

Beitragvon Progressiver » Do 23. Mär 2017, 00:36

Deutschland ist sicher ein Vorzeigebeispiel dafür, wie man ein Land zu einer Demokratie umformt. Was den Irak betrifft, wurden meines Erachtens große Fehler gemacht. Man gab dem Land zwar eine demokratische Verfassung. Aber so etwas muss auch gelebt werden! Die Amerikaner hätten mit Truppen in Millionenstärke noch bis 2043 bleiben sollen, wenn es wirklich nur darum gegangen wäre, das Land zu demokratisieren. Zum zweiten hätte in diesem Zeitraum eine gewaltige Umerziehungsmaßnahme der Bevölkerung stattfinden müssen. Zum dritten wäre dem Irak mit einem groß angelegten Marshallplan sehr geholfen gewesen. Ansonsten funktioniert echte Demokratie nur, wenn es gleichzeitig eine gesicherte gesellschaftliche Teilhabe und einen guten Sozialstaat gibt, der die Leute vor Verarmung schützt.

Wenn es dies alles nicht gibt, dann kriegt man zwar nach außen eine (Schein-)Demokratie. Da aber beispielsweise die Bevölkerung des Irak in unterschiedliche Volks- und Clanstrukturen aufgeteilt sind, stimmen die Leute bei Wahlen vor allem für ihren eigenen Clan bzw. ihre religiöse Gruppe ab. So kam es denn auch passieren, dass jetzt ganz legal die Schiiten an der Macht sind. Um dies zu verhindern, muss man die Leute dort dazu bringen, ihre kollektivistisch organisierten Selbstbilder abzulegen und zu lernen, dass die Würde eines einzelnen das Höchste aller Werte und Regeln darstellt. Leider ist dies mit dem frauenfeindlichen, obrigkeitsfixierten Islam, der die Umma -also das Kollektiv der Gläubigen- hochleben läßt und auf den Wert des individuellem Lebens pfeift, nicht zu machen.
"Skepsis ist der erste Schritt auf dem Weg zur Philosophie." (Denis Diderot)

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