Humanismus- was soll das?

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ThorsHamar
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Re: Humanismus- was soll das?

Beitragvon ThorsHamar » Di 6. Nov 2018, 11:24

van Kessel hat geschrieben:(05 Nov 2018, 23:52)

Ist der Zusammenhang zwischen Religion und Humanismus nicht eine zweifelhafte Argumentation? In vielen Religionen wird der Gedanke des Humanismus nicht nur gelebt, sondern ist zentrale Forderung dieser Religionen. Das Christentum mag stellvertretend für diese 'Handhabe' stehen.....


Du nimmst also an, dass Humanismus bedingungslose Selbstaufgabe und Unterwerfung wegen Angst vor Strafe sei?
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Re: Humanismus- was soll das?

Beitragvon X3Q » Di 6. Nov 2018, 11:25

MäckIntaier hat geschrieben:(06 Nov 2018, 10:41)

Falls Sie theoretische Anregungen für Gegenpositionen suchen, finden Sie beispielsweise hier eine:

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-69277681.html

Danke. Den Gray kannte ich schon und ich habe für seine Sichtweise durchaus Sympathien. Ich habe bloß bei vielen Humanismus-Kritiken den Eindruck, daß manche Argumentation recht infantil daherkommt.

--X
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Re: Humanismus- was soll das?

Beitragvon MäckIntaier » Di 6. Nov 2018, 11:37

van Kessel hat geschrieben:(05 Nov 2018, 23:52)

Humanität bedeutet daher, dass man human sein möchte, ohne den Zwang es sein zu müssen. Humanität kann man nicht 'verordnen'.


Humanität ist aber etwas anderes als Humanismus.
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Re: Humanismus- was soll das?

Beitragvon van Kessel » Di 6. Nov 2018, 17:42

hey "Betrachter"](06 Nov 2018, 08:37)
Wer diskutiert denn Gesetze? Wo wird hierzualnde massenhaft diskutiert und danach bestimmt(!), wie Hartz- Sanktionen aussehen sollen und ob es die überhaupt geben soll? Schon im Grundgesetz wird jede gewährte Freiheit mit einem Zusatz versehen- diese beschränkt die Freiheit. Rechte ergeben sich aus Pflichten. Zuerst aus der Pflicht, dass jeder der Staatsgewalt gehorsam sein muss.
gerne stelle ich noch einmal die Entstehung unseres Grundgesetzes ein:
Entstehung des Grundgesetzes der BRD
Die westlichen Besatzungsmächte hatten sich im Frühjahr 1948 für die Bildung eines deutschen Staates auf dem Territorium ihrer Besatzungszonen entschieden. Von September 1948 bis Mai 1949 beriet der sogenannte Parlamentarische Rat in Bonn das Grundgesetz dieses neuen Staates.
Am 23. Mai 1949 wurde dieses Grundgesetz verkündet. Zeitgleich wurde die Bundesrepublik Deutschland gegründet. Die Entscheidung der Westalliierten zur Gründung eines deutschen Separatstaates und die seiner Gründung folgenden Entwicklungen standen stark unter dem Eindruck des Kalten Krieges. Daneben haben Lehren aus dem Scheitern der Weimarer Republik und ihrer politischen Verfassung einerseits und die Abgrenzung vom nationalsozialistischen Schreckensregime andererseits die Diskussionen über das Grundgesetz der BRD sehr wesentlich beeinflusst. Dieses Grundgesetz begründet bis heute den Charakter der Bundesrepublik als demokratischer, freiheitlicher und föderal organisierter Rechtsstaat mit starken Bundesländern.


Da kann man viel von Beratung lesen, und Beratungen beinhalten auch Diskussionen. Ob dies heute wesentlich anders ist, wage ich zu bezweifeln, da wir noch immer in einer Demokratie leben.

Natürlich müssen Grundrechte im Gegensatz zu der Bibel z.B., alle Idiotien berücksichtigen. So 'sagt' die Bibel: Du sollst nicht töten. Punkt, Basta. Unser Grundrecht sagt es ähnlich, unterscheidet aber diesen kategorischen Imperativ als Totschlag oder vorsätzlichen Mord. Ich denke mal, diese Unterscheidung ist auch ein Ergebnis des Humanismus. So Gesetze können nämlich leicht inhuman (unmenschlich) werden, wenn man sie nicht interpretiert.

Ich sehe Gesetze weniger als Pflichtübung des Bürgers, als vielmehr die Anerkennung eines Vertrages von Bürgern. Der Staat ist keine Macht, sondern ihm wurde nur Macht übertragen (durch die Bürger). Aber ich bin kein Staatsrechtler und die Frage nach dem Humanismus, ist nicht vorrangig eine Frage des Rechts.
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Re: Humanismus- was soll das?

Beitragvon Progressiver » Do 8. Nov 2018, 00:33

Der säkulare Humanismus ist in der Tat ziemlich neu. Als solcher kann er aber die letzte Klammer sein, die eine pluralistische Gesellschaft zusammenhält. Wie ich auch schrieb, darf er auch keine Überhöhung des Menschen darstellen, sondern den Leuten verklickern, dass sie Teil des irdischen Lebens sind.

Der Theismus dagegen sagt in der christlichen Variante: "Machet euch die Erde untertan." Alle Theismen wollen, dass der Mensch im Staub kriecht vor seiner Gottheit und den Geboten und Verboten der eigenen Religion folgt. Da sie aber mit einem Jenseits und einem kommen, stellen die Religionen den Menschen über die Natur.
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Re: Humanismus- was soll das?

Beitragvon MäckIntaier » Do 8. Nov 2018, 11:50

Progressiver hat geschrieben:(08 Nov 2018, 00:33)

Der säkulare Humanismus ist in der Tat ziemlich neu. Als solcher kann er aber die letzte Klammer sein, die eine pluralistische Gesellschaft zusammenhält. Wie ich auch schrieb, darf er auch keine Überhöhung des Menschen darstellen, sondern den Leuten verklickern, dass sie Teil des irdischen Lebens sind.


Genau als diese letzte Klammer wird er sich letzendlich eher als zu schwach erweisen, die totale pluralistische Gesellschaft zusammenzuhalten, weil sein Bild vom Menschen zu optimistisch ist.
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Re: Humanismus- was soll das?

Beitragvon van Kessel » Do 8. Nov 2018, 17:13

hey "MäckIntaier"](06 Nov 2018, 11:37)
Humanität ist aber etwas anderes als Humanismus.
stimmt, wenn man streng unterscheidet, dass Humanismus eine Ideologie oder Weltanschauung ist, welche nur von Humanoiden 'geübt' werden kann. Die Ausübung dieses Humanismus, würde ich als Humanität bezeichnen.
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Re: Humanismus- was soll das?

Beitragvon MäckIntaier » Do 8. Nov 2018, 17:56

van Kessel hat geschrieben:(08 Nov 2018, 17:13)

hey "MäckIntaier"](06 Nov 2018, 11:37)
stimmt, wenn man streng unterscheidet, dass Humanismus eine Ideologie oder Weltanschauung ist, welche nur von Humanoiden 'geübt' werden kann. Die Ausübung dieses Humanismus, würde ich als Humanität bezeichnen.


Nein, Humanität beschreibt bestimmte praktische Verhaltensweisen und Einstellungen anderen Menschen gegenüber, dazu muss ich mich nicht zum Weltbild des Humanismus bekennen. Menschlichkeit ist nicht an den Humanismus geknüpft, die hat auch der "Wilde" oder der Hindu oder der Buddhist oder der Muslim oder der Konfuzianer, die einem gänzlich anderen Weltbild folgen. Und gerade der deutsche Humanismus hat sich da oft als sehr wenig human erwiesen.
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Re: Humanismus- was soll das?

Beitragvon Progressiver » Do 8. Nov 2018, 20:25

MäckIntaier hat geschrieben:(08 Nov 2018, 11:50)

Genau als diese letzte Klammer wird er sich letzendlich eher als zu schwach erweisen, die totale pluralistische Gesellschaft zusammenzuhalten, weil sein Bild vom Menschen zu optimistisch ist.


Was wäre denn die Alternative? In einer echten pluralistischen Gesellschaft hat jeder das Recht auf freie Selbstentfaltung, solange er nicht anderen damit schadet. Jede erwachsene Person ist dabei gleichberechtigt. Sklaverei, Ausbeutung oder die Unterdrückung bzw. Diskriminierung von bestimmten Menschengruppen sind nicht zulässig. Jeder und jede hat die gleichen Rechte und Freiheiten. Ode es sollten mindestens gleichwertige Chancen sein. Dies abgesichert durch einen funktionierenden Sozialstaat, der den gesellschaftlichen Frieden garantiert. Die Alternative wäre ein Abgleiten in die Barbarei. Da gäbe es dann entweder einen Bürgerkrieg, eine hohe Kriminalitätsrate oder staatliche Repression, die die Gesellschaft zusammenhalten müssen.

Andere Wege, die Gesellschaft zusammenzuhalten, sehe ich nicht. Altertümliche Religionen oder menschenverachtende Ideologien sind keine Alternativen.
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Re: Humanismus- was soll das?

Beitragvon MäckIntaier » Do 8. Nov 2018, 21:02

Progressiver hat geschrieben:(08 Nov 2018, 20:25)

Was wäre denn die Alternative? In einer echten pluralistischen Gesellschaft hat jeder das Recht auf freie Selbstentfaltung, solange er nicht anderen damit schadet. Jede erwachsene Person ist dabei gleichberechtigt. Sklaverei, Ausbeutung oder die Unterdrückung bzw. Diskriminierung von bestimmten Menschengruppen sind nicht zulässig. Jeder und jede hat die gleichen Rechte und Freiheiten. Ode es sollten mindestens gleichwertige Chancen sein. Dies abgesichert durch einen funktionierenden Sozialstaat, der den gesellschaftlichen Frieden garantiert. Die Alternative wäre ein Abgleiten in die Barbarei. Da gäbe es dann entweder einen Bürgerkrieg, eine hohe Kriminalitätsrate oder staatliche Repression, die die Gesellschaft zusammenhalten müssen.

Andere Wege, die Gesellschaft zusammenzuhalten, sehe ich nicht. Altertümliche Religionen oder menschenverachtende Ideologien sind keine Alternativen.


Sie reduzieren den Humanismus halt arg aufs Politische, und ob der Humanismus, den es ja nicht erst seit 1945 gibt, da so anti-barbarisch war, kann man mit Gründen anzweifeln. Es scheint jedenfalls völlig andere Weltbilder und sogar altertümliche Religionen zu geben, die es denen, die den Humanismus auf den Lippen führen, zu keiner Zeit in der Barbarei gleichgetan haben. Vielleicht kommen wir, wenn der Strangeröffner vielleicht etwas über Hararis Kritik erzählt, noch etwas tiefer ins Thema (ich würde dann noch einmal ein wenig über Gray erzählen und vielleicht ein paar Gedanken Foucaults noch einmal nachlesen - zu letzterem gibt es auch im Wiki-Eintrag einiges nachzulesen). Aber wie gesagt: Sie reduzieren ihn auf die politischen Ableitungen, aber der Humanismus will mehr leisten, will den ganzen Menschen und sein Wesen festlegen.
Zuletzt geändert von MäckIntaier am Do 8. Nov 2018, 23:32, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Humanismus- was soll das?

Beitragvon van Kessel » Do 8. Nov 2018, 23:00

hey "MäckIntaier"](08 Nov 2018, 17:56)
Nein, Humanität beschreibt bestimmte praktische Verhaltensweisen und Einstellungen anderen Menschen gegenüber, dazu muss ich mich nicht zum Weltbild des Humanismus bekennen.
dürfte ein wenig schwierig werden, wenn man den Menschen auffordert, seine geübte Ideologie (Humanismus) zu vergessen, wenn er die humanitären Pflichtübungen mal vergisst. Würde er da nicht scharf an der Kante der Schizophrenie schrammen?
Menschlichkeit ist nicht an den Humanismus geknüpft, die hat auch der "Wilde" oder der Hindu oder der Buddhist oder der Muslim oder der Konfuzianer, die einem gänzlich anderen Weltbild folgen.
schon der Wortstamm "human" bedeutet "zum Menschen gehörend, den Menschen betreffend". Und religiös hantierende - wie Hindus, Buddhisten oder Moslems - gehören dieser Spezies an.
Und gerade der deutsche Humanismus hat sich da oft als sehr wenig human erwiesen.
da hättest du bestimmt ein paar Beispiele?
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Re: Humanismus- was soll das?

Beitragvon MäckIntaier » Do 8. Nov 2018, 23:31

van Kessel hat geschrieben:(08 Nov 2018, 23:00)

.da hättest du bestimmt ein paar Beispiele?


Auf die Schnelle nur:

https://de.wikipedia.org/wiki/Bekenntnis_der_deutschen_Professoren_zu_Adolf_Hitler

(Aber das lenkt vom Thema zu weit ab, sinnvoller wäre, nicht auf die Geschichte zu starren, sondern mit dem Harari und aktueller Kritik fortzufahren)
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Re: Humanismus- was soll das?

Beitragvon Progressiver » Fr 9. Nov 2018, 00:34

MäckIntaier hat geschrieben:(08 Nov 2018, 21:02)

Sie reduzieren den Humanismus halt arg aufs Politische, und ob der Humanismus, den es ja nicht erst seit 1945 gibt, da so anti-barbarisch war, kann man mit Gründen anzweifeln. Es scheint jedenfalls völlig andere Weltbilder und sogar altertümliche Religionen zu geben, die es denen, die den Humanismus auf den Lippen führen, zu keiner Zeit in der Barbarei gleichgetan haben. Vielleicht kommen wir, wenn der Strangeröffner vielleicht etwas über Hararis Kritik erzählt, noch etwas tiefer ins Thema (ich würde dann noch einmal ein wenig über Gray erzählen und vielleicht ein paar Gedanken Foucaults noch einmal nachlesen - zu letzterem gibt es auch im Wiki-Eintrag einiges nachzulesen). Aber wie gesagt: Sie reduzieren ihn auf die politischen Ableitungen, aber der Humanismus will mehr leisten, will den ganzen Menschen und sein Wesen festlegen.


Wir haben offensichtlich verschiedene Definitionen des Begriffs "Humanismus". Ich selbst verstehe unter Humanismus das Prinzip "Leben und leben lassen". Der Humanismus ist folglich eine Grundbedingung, die Zivilisation und ihre Werte zu stützen. Das Gegenteil davon ist inhumanes und menschenverachtendes Verhalten, welches zu Barbarei führt.

Natürlich gibt es auch noch die europäische Idee des Humanismus, welche viel älter ist. Diese beinhaltet die Hinwendung zum Mitmenschen, während der mittelalterliche Mensch noch voll auf seinen Gott konzentriert war. Erste Anfänge des europäischen Humanismusgedankens gab es natürlich schon in der griechischen Antike. Wenn der Humanismus der Renaissance und der späteren Aufklärung einen Anspruch erhebt, dass der Mensch sich auch kulturell und ethisch-moralisch bilden soll, so habe ich damit keine großen Probleme.

Jedenfalls, wie gesagt: Wenn ein echter Humanist sich für Kultur interessiert und versucht, sich menschenfreundlich zu verhalten, dann habe ich damit keine Probleme. Wenn man sich dagegen wie mancher KZ-Chef aufführt und sich gebildet gibt bzw. auch klassische Musik hört, die ihm die KZ-Insassen vorspielen dürfen, um nicht ebenfalls umgebracht zu werden, dann ist das für mich zynische Menschenverachtung.

Zur Zeit des Zweiten Weltkrieges waren vielleicht die Geschwister Scholl als Humanisten zu benennen. Oder aber auch die couragierten Leute, die heimlich Juden versteckt hatten. Irgendwelche Professoren, die öffentlich Hitler unterstützten, zählen da nicht dazu.
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Re: Humanismus- was soll das?

Beitragvon MäckIntaier » Fr 9. Nov 2018, 08:57

Progressiver hat geschrieben:(09 Nov 2018, 00:34)

Wir haben offensichtlich verschiedene Definitionen des Begriffs "Humanismus". Ich selbst verstehe unter Humanismus das Prinzip "Leben und leben lassen". Der Humanismus ist folglich eine Grundbedingung, die Zivilisation und ihre Werte zu stützen. Das Gegenteil davon ist inhumanes und menschenverachtendes Verhalten, welches zu Barbarei führt.

Natürlich gibt es auch noch die europäische Idee des Humanismus, welche viel älter ist. Diese beinhaltet die Hinwendung zum Mitmenschen, während der mittelalterliche Mensch noch voll auf seinen Gott konzentriert war. Erste Anfänge des europäischen Humanismusgedankens gab es natürlich schon in der griechischen Antike. Wenn der Humanismus der Renaissance und der späteren Aufklärung einen Anspruch erhebt, dass der Mensch sich auch kulturell und ethisch-moralisch bilden soll, so habe ich damit keine großen Probleme.

Jedenfalls, wie gesagt: Wenn ein echter Humanist sich für Kultur interessiert und versucht, sich menschenfreundlich zu verhalten, dann habe ich damit keine Probleme. Wenn man sich dagegen wie mancher KZ-Chef aufführt und sich gebildet gibt bzw. auch klassische Musik hört, die ihm die KZ-Insassen vorspielen dürfen, um nicht ebenfalls umgebracht zu werden, dann ist das für mich zynische Menschenverachtung.

Zur Zeit des Zweiten Weltkrieges waren vielleicht die Geschwister Scholl als Humanisten zu benennen. Oder aber auch die couragierten Leute, die heimlich Juden versteckt hatten. Irgendwelche Professoren, die öffentlich Hitler unterstützten, zählen da nicht dazu.


Was hier beschrieben ist, insbesondere das Prinzip "leben und leben lassen" wäre ein humanes, aber nicht unbedingt auf dem Humanismus beruhendes Prinzip (und ein sehr sympathisches dazu). Es macht keine Aussagen über das Wesen des Menschen und seine Stellung im Kosmos, sondern konzentriert sich auf die Weise des alltäglichen menschlichen Zusammenlebens. Es lässt dem einzelnen Menschen die Freiheit, sich auf seine individuelle Weise zu entfalten und schreibt für diese Entfaltung kein Ideal vor, das einerseits über das anthropologisch Mögliche hinausginge und andererseits jemandem die Macht gäbe, ein solches Ideal verbindlich zu machen und das individuelle Glück des Einzelnen mit dem Erreichen des Ideals gleichzusetzen.
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Re: Humanismus- was soll das?

Beitragvon BlueMonday » Fr 9. Nov 2018, 14:27

"Der beklemmendste Spuk ist der Mensch." -- Max Stirner

Was ist "der Mensch"? Das Allgemeine, das allen Menschen Gemeine. Das ist Deskription. Kein Sollen. Der Mensch kann sein Menschsein nicht verlieren, gleich wie er handelt. Alles darüber hinaus ist das Eigentliche und Besondere der einzelnen Kreatur.

Der Humanismus schneidet "den Menschen" entzwei, in das Menschliche und Unmenschliche. Das Menschliche soll herausgebildet, der Unmensch verhindert werden. Aber was füllt man hinein - in diese Begriffshülle des "Menschlichen"? Darüber bricht freilich immer wieder die moralische Auseinandersetzung aus. Und der Unterlegene läuft Gefahr zum Unmenschen, zum Ausgeschlossenen zu werden, aus der Gemeinschaft "des Menschen", trotz seines unentreißbaren Menschseins. Von der Form und Wirkung her bleibt der Humanismus Religion. Was wäre ein dem Menschen näherer Humanismus? Den Menschen zu nehmen, wie er ist, ihn in seiner ganzen Bandbreite zu lieben, statt ihn zu zerschneiden, zu begrenzen, zu dressieren, zu erziehen.
Der Humanist ist im Wesentlichen Erzieher.

Oder man lässt radikal ab vom "Menschen" und geht mit den Eigentlichen und Einzigen um, die völlige Sonderbehandlung des Besonderen.
But who would build the roads?
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Re: Humanismus- was soll das?

Beitragvon van Kessel » Fr 9. Nov 2018, 22:23

Hey "MäckIntaier"](08 Nov 2018, 23:31)
Auf die Schnelle nur:https://de.wikipedia.org/wiki/Bekenntnis_der_deutschen_Professoren_zu_Adolf_Hitler
(Aber das lenkt vom Thema zu weit ab, sinnvoller wäre, nicht auf die Geschichte zu starren, sondern mit dem Harari und aktueller Kritik fortzufahren)
du schreibst es! Die "Verwirrung" eines Prinzips, welches 'unter die Akademie' geraten ist, ist der menschlichen Natur zuzuschreiben.
Dass dieser Thread hier eine Buchbesprechung (Homo Deus) ist, war mir nicht klar. Daher mag sich eine Differenz 'eingeschlichen' haben, welche von verschiedenen Erfahrungsebenen ausging.

Das Harari-Buch habe ich nicht gelesen, sondern nur eine Rezension darüber gelesen. Auch habe ich Hararis 3 Formen des Humanismus nicht nachvollzogen. Werde mir dies Buch wohl beschaffen müssen. Seine Geschichte der Menschheit interessiert mich allerdings mehr, namentlich wo er in Zeiten der 'Menschwerdung' verweilt, welche von der Zeitskala her, nicht stimmig ist. Den Menschen 'Homo' nimmt die Wissenschaft mit ca. 2 Millionen Jahren an, er schreibt etwas von 70.000 Jahren. Aber auch dieses Buch sollte man gelesen haben und nicht nur Rezensionen.

Wenn also, das Thema Humanismus an einem aktuellen Buch abgearbeitet werden sollte, muss ich passen.
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Re: Humanismus- was soll das?

Beitragvon MäckIntaier » So 11. Nov 2018, 14:08

van Kessel hat geschrieben:(09 Nov 2018, 22:23)

Wenn also, das Thema Humanismus an einem aktuellen Buch abgearbeitet werden sollte, muss ich passen.


Muss es nicht. Es gibt ja vielerlei Kritik am Geschichts- und Menschenbild des Humanismus. Einer seiner Glaubensgrundsätze ließe sich ja im Hegelschen Wort ausdrücken, wonach Geschichte der Fortschritt des Geistes im Bewusstsein und in der Verwirklichung der Freiheit sei - und schon Freud hat mal süffisant angemerkt, die individuelle Freiheit sei kein Kulturgut, sondern am größten vor jeder Kultur. Womit einem der zentralen Gedanken des Humanismus vors Schienbein getreten wird. Und wenn man nicht Ideale oder Überzeugungen von Menschen als Maßstab nimmt, sondern deren Verhalten, scheint die humanistische Botschaft weiter an Leuchtkraft zu verlieren.

Um es mal in einen Aphorismus zu packen: Man kann Babel als ein Unglück oder einen Sternenregen auffassen. Humanisten betonen das Schöne am Sternenregen, sorgen aber gleichzeitig dafür, dass die Sterne erlöschen.
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Re: Humanismus- was soll das?

Beitragvon MäckIntaier » Di 13. Nov 2018, 09:02

Schade, dass dieser Strang hier schon wieder eingeschlafen ist. Für die, die trotzdem noch etwas Zeit dafür haben:

https://www.zeit.de/1953/26/es-kann-auch-zuviel-humanismus-geben
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