Fußball als Religion(sersatz)?

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schokoschendrezki
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Re: Fußball als Religion(sersatz)?

Beitragvon schokoschendrezki » Sa 21. Nov 2015, 15:47

Brainiac » Sa 21. Nov 2015, 14:53 hat geschrieben:Schauen wir bei dieser Betrachtung von Parallelen doch mal auf die Extremauswüchse.

Wieviele Morde, Terroranschläge und Kriege wurden bislang im Namen des Fußballs durchgeführt?

Dazu fällt mir der "Fußballkrieg" Honduras vs. El Salvador Ende der 60er ein. Und sonst?


Nun ja. Man könnte auf verschiedene Auswüchse von Hooligans und Ultras verweisen ... aber darum geht es mir gar nicht. Ich habe schon weiter oben geschrieben, dass Fußball als pseudoreligiöse Kulthandlung im Gegensatz zum Islamismus weitgehend friedlich und sogar größtenteils offensiv auf Toleranz und Offenheit setzend abläuft. Auch der naheliegende Einwand, dass im Fußball im Gegensatz zu den Religionen reales Können zählt, gilt nicht, wenn man sich vor Augen hält, was Religionen (einschließlich Islam) in Hinsicht auf Malerei, Archtektur und vor allem Musik mit hervorgebracht haben.

Es geht schlicht und einfach darum, dass die Realität des Fußballs heute und in der westlichen Welt das Märchen von dem angeblichen Primat des Individuums, vom Individualismus gegenüber Kollektivismus ad absurdum führt. Fußball bietet neben Unterhaltung und Freude am Spiel heute vor allem eines: Identität.
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Umetarek
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Re: Fußball als Religion(sersatz)?

Beitragvon Umetarek » Sa 21. Nov 2015, 15:50

Das trifft auf so ziemlich jedes Fansein zu, ob das eine Band, ein Fußballverein, ein Staat oder eine Religion ist. Läßt sich mißbrauchen, ist aber erstmal friedlich.
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Jekyll
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Re: Fußball als Religion(sersatz)?

Beitragvon Jekyll » Sa 21. Nov 2015, 16:00

schokoschendrezki » Do 19. Nov 2015, 07:37 hat geschrieben:Wie stellt sich der (sogenannte) "Westen" gegen islamistischen Terror oder allgemeiner gegen religiösen Fanatismus? Für lange Zeit galt die Erzählung: Rationalismus, Aufklärung gegen Irrationalismus und vor allem Individualismus gegen Kollektivismus.

Ich habe dieser Tage den Eindruck, dass diese Erzählung, dieses Narrativ nicht mehr gilt. Man sammelt sich - ähnlich wie in großen Kirchen oder Pilgerzentren - in großen Stadien. Statt religiöser Musik werden Hymnen gespielt, aber ähnlich wie in religiösen Zeremonien ist man emotional gebannt, hält sich an den Händen, manche haben Tränen in den Augen. "Fan" kommt vom lateinischen "fanaticus = göttlich inspiriert". Sind die Organisationen, die hinter dem Fußball stehen, anders als die Organisationen und Potentaten, die hinter religiösem Fanatismus stehen, wenigstens frei von anders geleiteten Interessen? Wird Fußball nur um des Fußballs willen betrieben und organisiert? Selten war es klarer als inn letzter Zeit: Ganz bestimmt nicht!

Immer wenn eine Nachrichtensendung im Fernsehen wegen einer Fußballübertragung abgesagt oder verschoben wird, denke ich: Du lebst in einer Welt, in der Aufklärung, Rationalismus und Individualismus angeblich etwas gelten, aber es gibt zumindest eine pseudoreligiöse Instanz, die noch mehr gilt: Fußball. Mein persönliches Gefühl ist: Ich leben in einer Welt, in der Fußball etwas ähnliches ist wie Religion in einem religiösen Staat oder wie "die Partei" in der DDR-Gesellschaft.

Geht es wirklich nur mir so?
Der Unterschied liegt meines Erachtens in der Qualität; Religion und Ideologien im Allgemeinen erheben den Anspruch, die Menschen zu etwas zu "erheben" (Tugendhaftigkeit, Moralität, einem Ideal). In Fußball frönt man letztlich seinen niederen Instinkten (Adrenalinstöße, Glückshormone), nicht (hohen) Idealen. Fußball ist eindeutig demokratischer.
Zuletzt geändert von Jekyll am Sa 21. Nov 2015, 16:02, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Fußball als Religion(sersatz)?

Beitragvon schokoschendrezki » Sa 21. Nov 2015, 16:28

Jekyll » Sa 21. Nov 2015, 17:00 hat geschrieben:Der Unterschied liegt meines Erachtens in der Qualität; Religion und Ideologien im Allgemeinen erheben den Anspruch, die Menschen zu etwas zu "erheben" (Tugendhaftigkeit, Moralität, einem Ideal). In Fußball frönt man letztlich seinen niederen Instinkten (Adrenalinstöße, Glückshormone), nicht (hohen) Idealen. Fußball ist eindeutig demokratischer.

Wenn bei einem Länderspiel die Spieler mit kleinen Kindern ins Stadion einziehen (die nicht nur mich an die Rolle von Ministranten oder Messknaben in der Kirche erinnern), habe ich nicht den Eindruck, dass das an "niedere Instinkte" appelliert. Ganz im Gegenteil.
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Re: Fußball als Religion(sersatz)?

Beitragvon Brainiac » Sa 21. Nov 2015, 19:00

schokoschendrezki » Sa 21. Nov 2015, 15:47 hat geschrieben:
Nun ja. Man könnte auf verschiedene Auswüchse von Hooligans und Ultras verweisen ... aber darum geht es mir gar nicht.

In Südamerika, insb Brasilien, lassen sich auch diverse mit Fußball zusammenhängende Gewaltverbrechen erurieren.

Ich habe schon weiter oben geschrieben, dass Fußball als pseudoreligiöse Kulthandlung im Gegensatz zum Islamismus weitgehend friedlich und sogar größtenteils offensiv auf Toleranz und Offenheit setzend abläuft.

Ok, das habe ich wohl überlesen, sehe ich aber auch so. Und ich halte das schon für einen gravierenden Unterschied.

Die Auswirkungen auf den Alltag (also nicht nur den Samstagnachmittag sondern rund um die Uhr), im Sinne der Einflußnahme auf die Menschen und ihre moralischen Grundsätze - bis hin zur Instrumentalisierung als "Werkzeuge" für Gewaltverbrechen im Islamismus -, sind m.E. zwischen Fußball und Religionen nicht vergleichbar.

Klar befriedigt der Fußball menschliche Grundbedürfnisse an emotionalen Bindungen und Gruppenidentität.
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Re: Fußball als Religion(sersatz)?

Beitragvon schokoschendrezki » Sa 21. Nov 2015, 19:59

Brainiac » Sa 21. Nov 2015, 20:00 hat geschrieben:In Südamerika, insb Brasilien, lassen sich auch diverse mit Fußball zusammenhängende Gewaltverbrechen erurieren.


Ok, das habe ich wohl überlesen, sehe ich aber auch so. Und ich halte das schon für einen gravierenden Unterschied.

Die Auswirkungen auf den Alltag (also nicht nur den Samstagnachmittag sondern rund um die Uhr), im Sinne der Einflußnahme auf die Menschen und ihre moralischen Grundsätze - bis hin zur Instrumentalisierung als "Werkzeuge" für Gewaltverbrechen im Islamismus -, sind m.E. zwischen Fußball und Religionen nicht vergleichbar.

Klar befriedigt der Fußball menschliche Grundbedürfnisse an emotionalen Bindungen und Gruppenidentität.


Soziale Bindungen im Nahbereich, das Gefühl in einem Freundes- und Verwandschaftskreis geborgen zu sein ... das ist aber was ganz anderes als die Identität, die Fußball anbietet. Ich behaupte einfach mal, die Dinge nüchtern zu sehen. Die Tatsache, dass ganz offensichtlich keinerlei Aufdeckungen über die moralische Verderbtheit des nationalen und internationalen Fußballgeschäfts die Beliebtheit von Profifußball einzudämmen scheint, sie erinnert mich doch sehr an die durch kaum etwas zu erschütternde Ostalgie unkritischer Ex-DDR-Bürger. Es ist bestürzend, in welchem Maße die Attitüde, neben der Gesellschaft stehen zu wollen, nicht irgendwo dazugehören zu wollen, die politische Realität aus kritischer Distanz zu betrachten, aus der Mode gekommen ist.
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Re: Fußball als Religion(sersatz)?

Beitragvon Brainiac » Sa 21. Nov 2015, 20:05

schokoschendrezki » Sa 21. Nov 2015, 19:59 hat geschrieben:Die Tatsache, dass ganz offensichtlich keinerlei Aufdeckungen über die moralische Verderbtheit des nationalen und internationalen Fußballgeschäfts die Beliebtheit von Profifußball einzudämmen scheint, sie erinnert mich doch sehr an die durch kaum etwas zu erschütternde Ostalgie unkritischer Ex-DDR-Bürger.

Da würde ich kein vorschnelles Urteil treffen. Die großen Enthüllungen waren ja jetzt gerade erst.
Radsport war auch schon mal beliebter als heute. ;)

Es ist bestürzend, in welchem Maße die Attitüde, neben der Gesellschaft stehen zu wollen, nicht irgendwo dazugehören zu wollen, die politische Realität aus kritischer Distanz zu betrachten, aus der Mode gekommen ist.

War sie denn wirklich schon jemals mehr in Mode?
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Re: Fußball als Religion(sersatz)?

Beitragvon Cat with a whip » Di 1. Dez 2015, 19:29

Fußball ist kultivierter Krieg der Affenmänner.
http://www.fr-online.de/frankfurt/schie ... 72042.html
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Re: Fußball als Religion(sersatz)?

Beitragvon schokoschendrezki » Di 1. Dez 2015, 19:53

Cat with a whip » Di 1. Dez 2015, 20:29 hat geschrieben:Fußball ist kultivierter Krieg der Affenmänner.
http://www.fr-online.de/frankfurt/schie ... 72042.html

Ja ... so unangenehm wie das ganze Beschriebene ist ... es beschreibt ganz allgemein die gestiegene Agressionsbereitschaft der Weltgesellschaft speziell angewandt auf den Problemfall Fußball. Das Phänomen "Fußball als Religionsersatz" schließt für mich im Grunde genommen den Widerstand gegen solche den Fußball diskreditierende Phänomene mit ein. Fußball soll das Gute für alle und das alle beglückende sein.
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Re: Fußball als Religion(sersatz)?

Beitragvon becksham » Mi 2. Dez 2015, 08:46

Wenn Fußball Religion wäre, dann wäre der Samstag kein Werktag. Thema erledigt. ;)
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Re: Fußball als Religion(sersatz)?

Beitragvon pikant » Mi 2. Dez 2015, 09:00

na ja,
die Religionen sollte sich mal dafuer einsetzen, dass ihre Ersatzreligion, die AN, nicht immer samstags und sonntags arbeiten muessen und es im Fussball keinen freien Tag per se gibt und die Arbeitszeiten von Trainern nach Belieben festgelegt werden!

der Arbeitnehmerschutz beim Fussball ist ausbaufaehig und im Pokal muss man schon mal laenger ran ohne dass diese Mehrarbeit bei Erfolglosigkeit bezahlt wird :)
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Re: Fußball als Religion(sersatz)?

Beitragvon Humanist62 » Do 3. Dez 2015, 18:33

Liegestuhl » Do 19. Nov 2015, 21:11 hat geschrieben:Fußball ist wie jede Woche ein Kind bekommen.

Zumindest, was den emotionalen Teil anbelangt.


Das trifft aber nicht für Männer zu, denn ein Mann würde die Geburt eines Kindes nicht überleben ;-)
Religion ist Opium für die Menschen und kann tödlich enden.

Willi Brandts Worte "Mehr Demokratie wagen" sind bei den jetzigen Deutschen Führungspolitikern Fremdwörter.

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