Finanziert die öffentliche Hand den Profi-Fußball?

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Maltrino
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Finanziert die öffentliche Hand den Profi-Fußball?

Beitragvon Maltrino » Mi 4. Okt 2017, 10:05

Ich beschäftige mich noch nicht lange mit dem Thema, eigentlich erst zwei Tage... aber folgendes ist mir aufgefallen:
Es gibt Fälle da gehört das Stadion der Stadt (zum Beispiel VFL Bochum), wird aber ausschließlich vom Profi-Verein benutzt. Umbauten zahlt die Stadt (oder in anderen Fällen das Land). Nutznießer ist natürlich der Verein und die Sponsoren, die nichts ausgeben müssen. Im Aufsichtsrat solcher Vereine sitzen dann oft auch Politiker aus der Stadt oder dem Land. WIe gesagt, hab da noch nicht so viel mich mit beschäftigt, aber trotzdem:

Was ist das? Ist das in solchen Fällen (Ich vermute es gibt viele solche Fälle) ein Verlustgeschäft für die öffentliche Hand zugunsten des (Profi-) Vereines und dessen Sponsoren? Oder rechnet sich das alles oder ist sogar gut für die Stadt (oder das Land das Umbauten finanziert)?

Das Stadion von Borussia Dortmund ist damals 100% öffentlich finanziert gebaut wurden. Wer weiß was Borussia Dortmund heute wäre ohne das alles?

Oder ganz indirekt gefragt, ohne Namen zu nennen: Wenn im Aufsichtsrat eines Profi-Fußball Clubs mehrheitlich Vertreter der Hauptsponsoren und der Politik sitzen, ist dann davon auszugehen, dass die Politik dann da sitzt um aufzupassen, dass keine öffentlichen Gelder in ein Loch ohne Boden fließen? Oder ist davon auszugehen, dass die Politik dafür sorgt, dass die tollen Herren Unternehmer (Sponsoren) weiterhin vom Imagegewinn durch den Verein profitieren aber keine Kosten haben wenn es zum Beispiel darum geht Toiletten zu sanieren oder Zusatztribünen zu bauen, die zu 100% von Leuten genutzt werden die Eintrittsgelder für den Besuch der Spiele des Vereines zahlen?

Ich bin hier nicht auf Skandalsuche, bin für alle Antworten und Überlegungen offen.
Wie ihr seht, habe ich jetzt auch ein Profilbild wo das Portrait eines großen politischen Denkers aus der Vergangenheit abgebildet ist. Damit ist jetzt jede meiner Aussagen wahr und absolut seriös.
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Tom Bombadil
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Re: Finanziert die öffentliche Hand den Profi-Fußball?

Beitragvon Tom Bombadil » Mi 4. Okt 2017, 11:55

Die Vereine zahlen MIete, zB. der 1. FC Köln zahlt mW. 10 Mio € pro Jahr (in der 1. BUndesliga).
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Re: Finanziert die öffentliche Hand den Profi-Fußball?

Beitragvon Alster » So 27. Mai 2018, 12:21

oft sind zur Stadionfinanzierung öffentliche Bürgschaften nötig. Dass die Banken auf die erhoffte Rentabilität nicht vertrauen wird schon seinen Grund haben. Leider ist mir momentan nicht bekannt welcher Anteil der öffentlichen Bürgschaften dann effektiv in Anspruch genommen wird.

Darüberhinaus wird Profi Fußball durch den Staat indirekt massiv mitfinanziert über:
1) Polizeieinsätze
2) Lizenzkauf durch öffentliche Sender, die am Markt die Preise hochtreiben um private zu überbieten.
dies ist keine Rechtsberatung sondern nur meine persönliche Meinung
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Quatschki
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Re: Finanziert die öffentliche Hand den Profi-Fußball?

Beitragvon Quatschki » So 27. Mai 2018, 12:45

Nicht zu vergessen die Instandsetzung der Vandalismusschäden in öffentlichen Verkehrsmitteln.
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Re: Finanziert die öffentliche Hand den Profi-Fußball?

Beitragvon Fliege » So 27. Mai 2018, 13:22

Quatschki hat geschrieben:(27 May 2018, 13:45)

Nicht zu vergessen die Instandsetzung der Vandalismusschäden in öffentlichen Verkehrsmitteln.

Zuzüglich die Polizeikosten, die die Veranstalter nicht ihrer Bilanz als Kosten führen brauchen.
Schnittblumen verhalten sich zahm, sind aber nicht immer stubenrein.
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Re: Finanziert die öffentliche Hand den Profi-Fußball?

Beitragvon Quatschki » So 27. Mai 2018, 13:46

Fliege hat geschrieben:(27 May 2018, 14:22)

Zuzüglich die Polizeikosten, die die Veranstalter nicht ihrer Bilanz als Kosten führen brauchen.

Ich fürchte, dass die Idioten, die von der Fußball-Fankultur gebündelt werden, ohne dieses Hobbyangebot anderweitig, dann aber dezentral, für Ärger sorgen würden
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Re: Finanziert die öffentliche Hand den Profi-Fußball?

Beitragvon Fliege » So 27. Mai 2018, 14:06

Quatschki hat geschrieben:(27 May 2018, 14:46)

Ich fürchte, dass die Idioten, die von der Fußball-Fankultur gebündelt werden, ohne dieses Hobbyangebot anderweitig, dann aber dezentral, für Ärger sorgen würden

Da ist was dran, ja. Dennoch ist - so oder so - der Ansatz, den Veranstalter und/oder den Verursacher zur Finanzierung von Schäden heranzuziehen, meines Erachtens der Weg zur Dämpfung der Probleme.
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Re: Finanziert die öffentliche Hand den Profi-Fußball?

Beitragvon Paccon » Mo 4. Jun 2018, 11:10

Ich will gar nicht ausschließen, dass Geld in die Richtung der Vereine fließt. Man darf aber auch nicht vergessen welchen Stellenwert die Vereine für die Gesellschaft haben.
Alleine wenn man sich die Nachwuchsarbeit ansieht. Das ist dann ein Angebot für die Kinder. Dann wird da natürlich auch viel für die Integration getan. Ganz abgesehen von der sportlichen Betätigung und den positiven Effekten für das Gesundheitssystem.
In der Kultur gibt e sja auch Förderungen und da kommt meiner Meinung nach viel weniger für die Gesellschaft zurück, höchstens für einen elitären Kreis.
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Re: Finanziert die öffentliche Hand den Profi-Fußball?

Beitragvon Fliege » Mo 4. Jun 2018, 11:48

Paccon hat geschrieben:(04 Jun 2018, 12:10)

Ich will gar nicht ausschließen, dass Geld in die Richtung der Vereine fließt. Man darf aber auch nicht vergessen welchen Stellenwert die Vereine für die Gesellschaft haben.

Es gibt einen Dauerstreit im DFB zwischen dem Amateurbereich, der etwas für kleine Leute und Integration tut, und dem Profibereich, der stark im Verband dominiert und so tut, als sei er der Mittelpunkt der Welt. Quintessenz: Staatliches Geld sollte eher in den Amateurbereich fließen als in den Profibereich, der in der Lage ist, selber Geld zu verdienen.
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Re: Finanziert die öffentliche Hand den Profi-Fußball?

Beitragvon relativ » Mo 4. Jun 2018, 12:03

Paccon hat geschrieben:(04 Jun 2018, 12:10)

Ich will gar nicht ausschließen, dass Geld in die Richtung der Vereine fließt. Man darf aber auch nicht vergessen welchen Stellenwert die Vereine für die Gesellschaft haben.
Alleine wenn man sich die Nachwuchsarbeit ansieht. Das ist dann ein Angebot für die Kinder. Dann wird da natürlich auch viel für die Integration getan. Ganz abgesehen von der sportlichen Betätigung und den positiven Effekten für das Gesundheitssystem.
In der Kultur gibt e sja auch Förderungen und da kommt meiner Meinung nach viel weniger für die Gesellschaft zurück, höchstens für einen elitären Kreis.

Nicht zu vergessen Profivereine sind häufig Aushängeschilder und Werbeträger der Städte in denen sie spielen.
Am Meisten für die integration von Ausländern leisten die Amateurvereine indem die meisten aller Spieler auch anfangen. Die Profivereine veredeln diesen Prozess quasi.
Auch für unser(e) Gesundheit(s(system) macht der Breitensport bzw. dessen Vereine mehr als die Profivereine.
Kultur und Sport beides kann und muss in unserer Gesellschaft Platz haben und auch gefördert werden.
Das Banale braucht man nicht zu schälen.
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Re: Finanziert die öffentliche Hand den Profi-Fußball?

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 4. Jun 2018, 12:13

Alster hat geschrieben:(27 May 2018, 13:21)

oft sind zur Stadionfinanzierung öffentliche Bürgschaften nötig. Dass die Banken auf die erhoffte Rentabilität nicht vertrauen wird schon seinen Grund haben. Leider ist mir momentan nicht bekannt welcher Anteil der öffentlichen Bürgschaften dann effektiv in Anspruch genommen wird.

Darüberhinaus wird Profi Fußball durch den Staat indirekt massiv mitfinanziert über:
1) Polizeieinsätze
2) Lizenzkauf durch öffentliche Sender, die am Markt die Preise hochtreiben um private zu überbieten.



Die Fußball- und Live-Sportübertragungen sind eine Geldverschwendung und gehören nicht zum Programmauftrag der öffentlich-rechtlichen Sender. Im Vergleich zu anderen Inhalten geht es hier um die am teuersten produzierten Sendeminuten“, kritisiert Justus Haucap gegenüber der F.A.Z. Der Volkswirt ist Dekan der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Heine-Universität in Düsseldorf, war einst Vorsitzender der Monopolkommission und hat im vergangenen Jahr mit zwei Kolleginnen ein Gutachten für eine radikale Reform der Rundfunkordnung verfasst. Haucap bemängelt auch, dass die Staatssender für die teuer gekauften Sportrechte eine Geschäftsbeziehung mit den Sportorganisationen eingingen und damit Verbandssysteme förderten, die Anstand und gute Führung vermissen ließen. „Zugleich besteht die Gefahr, dass durch die Verbindung journalistische Distanz verlorengeht. Wir sehen ja im Sport mit wenigen Ausnahmen eine Hofberichterstattung.“
http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/kritik-an-teuren-sportuebertragungen-von-ard-und-zdf-14405716.html

Explizit als Programmauftrag "Übertragung von sportlichen Ereignissen mit erheblicher gesellschaftlicher Bedeutung" ("Großereignisse") benennt der Rundfunkstaatsvertrag Olympiaden, Fußball-EMs und -WMs, Das Halbfinal- und Finalspiel des DFB-Pokals und Spiele der deutschen Nationalmannschaft. (§4, Abschnitt 2). Bundesliga ist in diesem Sinn jedenfalls nicht obligatorisch.

Da aber der RSV einerseits grundsätzlich das Gebot des sparsamen Umgangs mit Gebühren enthält und andererseits mit die privaten Medienunternehmen um Übertragungsrechte konkurrieren und entsprechende Angebote bereitstellen würden, widerspricht die Austragung einer solchen Konkurrenz verbunden mit einer ständigen absoluten und anteiligen Erhöhung der Übertragungsgebühren dem Rundfunkstaatsvertrag. (Subsidiaritätsprinzip).
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Re: Finanziert die öffentliche Hand den Profi-Fußball?

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 4. Jun 2018, 12:23

relativ hat geschrieben:(04 Jun 2018, 13:03)

Nicht zu vergessen Profivereine sind häufig Aushängeschilder und Werbeträger der Städte in denen sie spielen.
Am Meisten für die integration von Ausländern leisten die Amateurvereine indem die meisten aller Spieler auch anfangen. Die Profivereine veredeln diesen Prozess quasi.
Auch für unser(e) Gesundheit(s(system) macht der Breitensport bzw. dessen Vereine mehr als die Profivereine.
Kultur und Sport beides kann und muss in unserer Gesellschaft Platz haben und auch gefördert werden.

Letzteres ist zwar richtig, aber es darf nicht das Prinzip gelten "Der Teufel sch... immer auf den größten Haufen". Spitzenprofifußballclubs sind im Sport etwas ähnliches wie Auktionshäuser im Kunstbetrieb. Die teuerste Ablösesumme für einen Fußballer war (meines Wissens) Neymar mit 222 Millionen Euro. Das teuerste versteigerte Bild da Vincis "Salvator Mundi" (450 Millionen Dollar), zweitteuerstes Picassos "Die Frauen von Algier" (179 Millionen Dollar). Die Spitzenpreise liegen also auf ziemlich ähnlichem Niveau. Auf die Idee, Christie's oder Sotheby's staatlich oder indirekt über Rundfunkgebühren zu stützen, kommt jedoch wohl niemand.
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Re: Finanziert die öffentliche Hand den Profi-Fußball?

Beitragvon 3x schwarzer Kater » Mo 4. Jun 2018, 12:28

Fliege hat geschrieben:(27 May 2018, 14:22)

Zuzüglich die Polizeikosten, die die Veranstalter nicht ihrer Bilanz als Kosten führen brauchen.


Warum sollten sie das auch, wenn sie sie nicht bezahlen müssen. Wobei das in dem einen oder anderem Fall ja mittlerweile glücklicherweise ja doch anders aussieht
„Es wurde schon alles gesagt, nur noch nicht von jedem.“ (Karl Valentin)
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Re: Finanziert die öffentliche Hand den Profi-Fußball?

Beitragvon Fliege » Mo 4. Jun 2018, 13:17

Quatschki hat geschrieben:(27 May 2018, 13:45)

Nicht zu vergessen die Instandsetzung der Vandalismusschäden in öffentlichen Verkehrsmitteln.
Fliege hat geschrieben:(27 May 2018, 14:22)

Zuzüglich die Polizeikosten, die die Veranstalter nicht ihrer Bilanz als Kosten führen brauchen.

3x schwarzer Kater hat geschrieben:(04 Jun 2018, 13:28)

Warum sollten sie das auch, wenn sie sie nicht bezahlen müssen.
Es ging in dem Meinungsaustausch, aus dem du mich zitierst, nicht darum, was die Vereine müssen, sondern darum, was sie noch nicht müssen.

3x schwarzer Kater hat geschrieben:(04 Jun 2018, 13:28)

Wobei das in dem einen oder anderem Fall ja mittlerweile glücklicherweise ja doch anders aussieht
Das lässt sich, wie ich finde, ausbauen derart, dass die Polizei nicht mehr in Fußball-Fanexzess-Einsätzen verheizt wird, denn für die Polizei gibt es, wie ich finde, spätestens seit 2015 wichtigeres zu tun.
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Re: Finanziert die öffentliche Hand den Profi-Fußball?

Beitragvon yogi61 » Mo 4. Jun 2018, 18:46

schokoschendrezki hat geschrieben:(04 Jun 2018, 13:23)

Letzteres ist zwar richtig, aber es darf nicht das Prinzip gelten "Der Teufel sch... immer auf den größten Haufen". Spitzenprofifußballclubs sind im Sport etwas ähnliches wie Auktionshäuser im Kunstbetrieb. Die teuerste Ablösesumme für einen Fußballer war (meines Wissens) Neymar mit 222 Millionen Euro. Das teuerste versteigerte Bild da Vincis "Salvator Mundi" (450 Millionen Dollar), zweitteuerstes Picassos "Die Frauen von Algier" (179 Millionen Dollar). Die Spitzenpreise liegen also auf ziemlich ähnlichem Niveau. Auf die Idee, Christie's oder Sotheby's staatlich oder indirekt über Rundfunkgebühren zu stützen, kommt jedoch wohl niemand.


Sehr gewagter Vergleich. Vermeers "Mädchen mit dem Perlenohrgehänge" die Mona Lisa und die meisten grossen Werke stehen nicht zur Versteigerung zur Verfügung. Täten sie das, käme Deine Vergleichsrechnung nicht mehr hin.
Two unique places, one heart
https://www.youtube.com/watch?v=Ca9jtQhnjek
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Re: Finanziert die öffentliche Hand den Profi-Fußball?

Beitragvon schokoschendrezki » Di 5. Jun 2018, 09:05

yogi61 hat geschrieben:(04 Jun 2018, 19:46)

Sehr gewagter Vergleich. Vermeers "Mädchen mit dem Perlenohrgehänge" die Mona Lisa und die meisten grossen Werke stehen nicht zur Versteigerung zur Verfügung. Täten sie das, käme Deine Vergleichsrechnung nicht mehr hin.


Das mag schon sein. Dann nimm meinetwegen das Phänomen Rock- und Popmusik. Alles was an Argumenten vorgebracht wurde ... Fußball sei populär, befördere Engagement und positive Motivation von Menschen, stehe als Alternative zu negativen gesellschaftlichen Entwicklungen usw. usf. gilt in gleicher Art und Weise für Rock- und Popmusik und verwandte Genres. Es ist auch keineswegs so, dass die entsprechenden Einrichtungen und Organisationen, also Plattenfirmen, Konzertveranstalter, die Yellow Press usw. Moralinsitituonen sind, nein, die wollen - ebenso wie im Sportbunsiness üblich - vor allem Kohle machen. Aber bitte: Niemand kommt auf die Idee, die Headliner-Konzerte von Roskilde, Glastonbury oder Sziget müssten im Öffentlichen TV übertragen werden und dafür die Nachrichten ausfallen. Das kann nur funktionieren, wenn es eine unheilige Allianz zwischen den entsprechenden Verbänden und Interessensvertretern und Politik und Medien gibt.
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Re: Finanziert die öffentliche Hand den Profi-Fußball?

Beitragvon sünnerklaas » Fr 22. Jun 2018, 09:00

schokoschendrezki hat geschrieben:(05 Jun 2018, 10:05)

Das mag schon sein. Dann nimm meinetwegen das Phänomen Rock- und Popmusik. Alles was an Argumenten vorgebracht wurde ... Fußball sei populär, befördere Engagement und positive Motivation von Menschen, stehe als Alternative zu negativen gesellschaftlichen Entwicklungen usw. usf. gilt in gleicher Art und Weise für Rock- und Popmusik und verwandte Genres. Es ist auch keineswegs so, dass die entsprechenden Einrichtungen und Organisationen, also Plattenfirmen, Konzertveranstalter, die Yellow Press usw. Moralinsitituonen sind, nein, die wollen - ebenso wie im Sportbunsiness üblich - vor allem Kohle machen. Aber bitte: Niemand kommt auf die Idee, die Headliner-Konzerte von Roskilde, Glastonbury oder Sziget müssten im Öffentlichen TV übertragen werden und dafür die Nachrichten ausfallen. Das kann nur funktionieren, wenn es eine unheilige Allianz zwischen den entsprechenden Verbänden und Interessensvertretern und Politik und Medien gibt.


Um das alles zu beschreiben, muss man etwas weiter ausholen. Der Urknall für den Bau von Multifunktionsarenen waren die Stadion-Katastrophen in den 1980er Jahren:
- 20. Oktober 1982: Massenpanik im Luschniki-Stadion
- 11. Mai 1985: Brandkatastrophe von Bradford
- 29. Mai 1985: Katastrophe im Heysel-Stadion
- 15. April 1989: Katastrophe im Stadion von Shefflield
Hauptursache war mangelhafte Stadionsicherheit - viele Stadien waren veraltet, teilweise abbruchreif. Dazu kam, das teilweise hochproblematische gewaltaffine Klientel in die Stadien kam.
Die zwingend notwendige Modernisierung der Stadien war damals in den allermeisten Fällen auch von großen Vereinen finanziell nicht zu stemmen. Es gab ja kaum TV-Gelder, die Zahl ausländischer Spieler war limitiert, zu den Europapokalspielen am Mittwoch abend kamen im Spätherbst/Winter bei absoluten Sauwetter vielleicht nur ein paar tausend Leute. Die meisten Plätze waren ja seinerzeit nicht überdachte Stehplätze. Da ungeschützt im November/Dezember bei Regen, Sturm oder Schnee zu stehen - das hat sich nicht jeder angetan.
Man brauchte also Partner, um die Stadien sicherheitstechnisch aufzurüsten. Gleichzeitig war klar, dass dies höhere Eintrittspreise zur Folge haben musste - denn irgendwie mussten die Investitionen auch wieder rein kommen. Höhere Eintrittspreise bedeuten u.U. weniger Besucher - man musste also denen etwas bieten - und man musste für eine bessere Auslastung der neuen Arenen sorgen. Fußball alleine würde es nicht bringen. Man sah bei der WM 1994 neidisch in die USA und auf die dortigen Stadien - die hatten sogar verschließbare Dächer: keine Spielausfälle mehr wegen schlechtem Wetter - das war ein Traum. Dafür Konzerte mit internationalen Stars und anderes... Ab Mitte der 90er herrschte da in vielen Städten Goldgräberstimmung. Ein Stadion, in dem Fußball, Handball, Eishockey, Basketball von Spitzenteams gespielt wird, dazu noch Konzerte, ja sogar Stockcar-Rennen - da kamen die Stadtväter ins Schwärmen. Da würde die Dienstleistungsbranche, der Tourismus aber boomen. Und die "Berater" der "Beratungsgesellschaft", die Herren in den seriösen Business-Anzügen und mit den pompösen Powerpoint-Präsentationen, die bei Champagner und Lachshäppchen Stadtvätern und Vereinsvorständen feuchte Augen machten, verfehlten ihre Wirkung nicht. Es wurde gebaut, es wurden mit Hilfe von Investoren Retortenclubs gegründet. Irgendwann tauchte aber ein Problem auf: was passiert eigentlich, wenn ein in so einer Arena beheimateter Club sportlich absteigt? Oder sogar zwei in unterschiedlichen Sparten gleichzeitig? Wenn die teure Eishockeyfläche nicht mehr gebraucht wird, weil der Club insolvent oder der Clubinvestor die Lust verloren hat und ausgestiegen ist? Was passiert, wenn sich der Laden nicht mehr trägt, weil nicht mehr genug Leute in die teuren VIP-Lounges kommen? Die Frage stellte sich damals nicht. Sowas dürfe man nicht einmal denken, hiess es seinerzeit. Das würde nie, nie, nie passieren. Außerdem hätten die Chefs der Projektentwickliungs-GmbH ja beste Kontakte bis in allerbeste Kreise. Ich weiß gar nicht, wie oft damals von irgendwelchen marktschreierischen Beratern von Projektentwicklungsfirmen "Prinz Charles" angeführt wurde - und "Hollywood!" und "New York! - Singapur! - Tokio! - London!"...
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Re: Finanziert die öffentliche Hand den Profi-Fußball?

Beitragvon theoretiker » Sa 21. Jul 2018, 09:54

Für die gesellschaftliche Umgebung, wozu auch private Unternehmen in ihren Wechselwirkungen gehören, muss die Gesellschaft sowieso Anbindung finden. Es spricht erst einmal nichts dagegen, zum Beispiel Finanzierungen, Infrastruktur, Werbung zu reichen.
Allerdings bitte nach vernünftigen Kosten-Nutzen-Rechnungen für den gesellschaftlichen Haushalt.
Eigentlich klappt das auch in der Bundesrepublik, wobei die Städte und Gemeinden regelmäßig darüber klagen, dass VERMEIDBARE Schäden gegen die Gesellschaft von den jeweiligen Unternehmen, seien es Vereine oder andere Strukturen zu tragen seien.
Wenn z.B. in Stadien die Hooligans nicht aussortiert werden und im Umfeld von Fußballspielen erhebliche Finanzmittel zur Deckung der Sicherheit und Schäden verbucht werden, dann stehen eigentlich die Vereine in der Pflicht, das zu zahlen. Leider nur nach meiner persönlichen Meinung, denn das Gesetz tendiert hier zu Pflichten der Gemeinheit.

Doch zurück zu den Geschenken der Gesellschaft. Nicht alles geht ohne Spekulation. Es können auch mal Verluste entstehen, die dem eigentlichen Ansinnen widersprechen. Aber, liebe Kritiker, DAS PROBLEM ist doch wohl bei öffentlichen Projekten viel drastischer und wegen der Volumen meist katastrophaler. Elbphilharmonie Von ursprünglichen Kosten 800 Millionen auf 6 Milliarden, BER, ach lassen wir das.
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Re: Finanziert die öffentliche Hand den Profi-Fußball?

Beitragvon Senexx » Sa 21. Jul 2018, 21:34

Tom Bombadil hat geschrieben:(04 Oct 2017, 12:55)

Die Vereine zahlen MIete, zB. der 1. FC Köln zahlt mW. 10 Mio € pro Jahr (in der 1. BUndesliga).

Wäre das kostendeckend oder gar profitabel, würden sich auch private Investoren finden lassen.

Im Übrigen erhöht ein Stadionbau die Verschuldung der öffentlichen Hand, ist eigentlich, unter den derzeitigen finanzpolitischen Prämissen (Verschuldungsobergrenze) nicht wünschenswert.
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Zusatzhinweis: Trollbeiträge und ad-personam und Spam werden von mir ignoriert.
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Re: Finanziert die öffentliche Hand den Profi-Fußball?

Beitragvon Tom Bombadil » So 22. Jul 2018, 10:17

Senexx hat geschrieben:(21 Jul 2018, 22:34)

Wäre das kostendeckend oder gar profitabel, würden sich auch private Investoren finden lassen.

Für Bayern München, den FC Schalke 04 und Borussia Mönchengladbach ist es das. Für Alemannia Aachen war es der Ruin, weil sich ein Ex-OB ein viel zu großes, viel zu teures Denkmal gesetzt hat.

Im Übrigen erhöht ein Stadionbau die Verschuldung der öffentlichen Hand, ist eigentlich, unter den derzeitigen finanzpolitischen Prämissen (Verschuldungsobergrenze) nicht wünschenswert

Es ist die Entscheidung der Stadt, ein Stadion zu bauen oder auch nicht, oft geht es dabei auch um das Prestige WM-/EM-Standort zu sein oder zu werden. Arbeiten Theater und Museen in öffentlicher Hand eigentlich kostendeckend?
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