Die Medien und die Filterblase

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Uffhausen
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Re: Die Medien und die Filterblase

Beitragvon Uffhausen » Fr 28. Sep 2018, 18:51

Der Neandertaler hat geschrieben:(28 Sep 2018, 18:59)

Einer höheren Geburtenrate müssen auch gleichviele Arbeitsplätze entgegenstehen.

Ich arbeite in der Altenpflege, wir suchen HÄNDERINGEND Mitarbeiter und Auszubildende!

...dafür aber besser entlohnte Arbeitsplätze!

Du kannst mir glauben, die ohne jeden Zeifel schlechte Bezahlung in der Pflege (z. Vgl.: Mein Vater ist Elekroingenieur und verdient in einer Arbeitsstunde soviel, wie ich in einer ganzen Schicht) ist für uns Mitarbeiter noch das kleinere Übel - die Arbeitsbedingungen sind es, die uns fix und fertig machen: Ständige Unterbesetzung (besonders fachkrafttechnisch) und dadurch verstärkter Stress und körperliche wie psychische Belastung; ständige Krankheitsausfälle und dadurch Einspringen-Müssen statt Erholung in der Freizeit und dadurch Stress mit Familie, Freunden und sonstigen Privatangelegenheiten (Arzttermine, Elternabend usw.). Pünktlicher Feierabend kannste vergessen, wenn du gewissenhaft eingestellt bist. Den haben bei uns nur die Aushilfen, denen es nur ums Geld geht. Dieses Jahr hatten wie keine Aushilfen - die gehen mittlerweile alle in Postverteilzentrum, weil die dort mittlerweile das 2,5fache an Stundenlohn im Gegensatz zu uns zahlen KÖNNEN. Jaja, Briefe und Pakete sind ja soviel wichtiger als Omi und Opi... zum kotzen, echt. :mad:
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Letzter_Hippie
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Re: Die Medien und die Filterblase

Beitragvon Letzter_Hippie » Fr 28. Sep 2018, 21:39

Der Neandertaler hat geschrieben:(28 Sep 2018, 18:43)

Hallo Letzter_Hippie. "Spiel nach rechts" ... nach links? Wieso? Damit würde doch nur das verstärkt, was meiner Meinung nach das jetzige Dilemma ausmacht:
    Polarisierung auf Grund einer Ideologie.


Das ist -m.E.- nicht der wirkliche Grund.

Ich persönlich halte von der rechts-links-Verortung eigentlich sehr wenig, weil sie der Komplexität der wirkenden Kräfte nicht gerecht wird. Aber um die ganze Komplexität angemessen auszubreiten, müsste ich wiederum Bücher schreiben - die dann niemand lesen würde. In einem Forum schon gar nicht. Also muss ich mir mit Begriffen behelfen, die ansatzweise nachvollziehbar sind.

Lass es mich nochmal ausführlicher versuchen: Post-68 hatten wir einen Untergrund, der weitgehend sog. "linke" Ideen vertreten hat: Kapitalismuskritik, Imperialismuskritik, Ökologie, Menschenrechte.

Diese Ideen haben sich in breiter Hinsicht etabliert, u.a. dadurch dass die Akteure ihren "Marsch durch die Institutionen" durchgeführt haben (weitere Gründe siehe [1]).

Man sagt heute -und das scheint sogar einigermaßen konsensfähig zu sein- dass die CDU-Regierung, um die Person Fr. Merkel- die Politik der CDU nach "links" bewegt hat. (Das stimmt aber auch nicht, dazu gleich.)

Das, diesen ganzen Ablauf, nenne ich "Spiel nach links".

Und da wir es hier mit Wellen-Dynamiken zu tun haben, ergeben sich daraus Korrekturkräfte, die nun in die andere Richtung, also tendenziell nach "rechts", wollen. (Das steuert niemand, das ist Eigendynamik. Das kann man auch nicht "bekämpfen".)
Entsprechend haben wir jetzt Subkulturen, die "rechte" Ideen vertreten, und die -siehe IB- das nachmachen, was zb Greenpeace vorgemacht hat - jetzt halt in die andere Richtung, Da kannst du natürlich hergehen und meinetwegen die IB verbieten. Das hilft dir aber nichts, weil du die darunterliegenden Wirkkräfte nicht verbieten kannst - die folgen einer Wellen-Dynamik, und was passiert, wenn eine Welle auf Widerstand trifft, das kann man bei jedem Tsunami sehen.

Das ganze hätte man seit 30+ Jahren vorhersehen können.


Nun zu der angeblichen "links"drift der CDU bzw. des Establishent: das stimmt natürlich nicht, auch wenn es so erscheint. Die aktuelle reale Politik ist immer noch genauso industriehörig, kapitalismusgläubig und imperialistisch wie sie immer war (wenn nicht noch mehr). ABER, das Narrativ, die moralische Rechtfertigung der Politik nutzt heute Argumentationsmuster, die aus der linken Ecke kommen: Menschenrechte, Ökologie, Gefahren für die Demokratie, usw.
Der Grund dafür ist einfach, dass solche Argumentationen gegen Kritik immun und daher sehr praktisch sind.[1]

Die Folge ist, dass die "linken" Gesellschaftsgruppen kritisieren dass die Regierung zu weit rechts ist (und damit recht haben), und die rechten, konservativen usw. Gesellschaftsgruppen kritisieren, dass die Regierung zu weit links ist (und damit recht haben).
Folglich versagt die Kommunikation, und es gibt eine Grabenbildung und gesellschaftliche Spaltung.

Und damit hast Du Deine "Polarisierung aufgrund einer Ideologie".


[/i]Dadurch, daß recht viele Informationen ... fast zu viele Informationen auf den Einzelnen einprasseln, und er dies nicht mehr adäquat einordnen kann, resigniert der Ein oder Andere und sucht letztendlich irgendwo und irgendwen, der dies kann und will. Dadurch unterliegt er aber der Gefahr, daß dies ideologisch ausgeweidet wird und er so ideologisch einseitig beeinflußt wird. Wir brauchen also nicht etwa ein paar Jahre links- und danach ein paar Jahre rechtslastige Regierungen (nebenbei: welchen Zeitraum würdest Du dann ansetzen?), sondern wir brauchen Nivellierung. Wir benötigen Ausgleich ... aber nicht im Sinne von Gleichmacherei.


Ja, das ist schön und gut, wenn Du erzählst was "wir brauchen". Aber wenn Du Bauer bist und erklärst, "wir brauchen Regen", dann interessiert das das Wetter nicht besonders, sondern es folgt seiner Eigendynamik. ;)

Diese Spielchen hier folgen auch ihren Eigendynamiken. Und die KANN man auch verstehen - WENN man das menschliche Bewusstsein gut genug versteht. Da freilich haben sich unsere Soziologen nicht gerade mit Ruhm bekleckert - die hängen immer noch im Behaviourismus fest.


... an all dem Neuen "dranbleiben"?[/b][/i] Warum? Unser Gehirn arbeitet auch nicht so. Es filtert alles aus, was es für nicht relevant hält. Also sollte auch jeder in der Lage ... oder willens sein, ebenso vorzugehen. Stattdessen scheint es überhand zu nehmen, sich schon im vorauseilenden Gehorsam über vieles aufzuregen, was sich im Nachhinein als haltlos erweist.


... und vieles zu übersehen was hätte berücksichtigt werden müssen.

Warum? Weil du sonst nicht up-to-date bist. Jedes Jahr ein neues Smartphone was man haben muss, hunderte neuer Features die man eh nicht kapiert, darauf aufbauend neue Kommunikationstools die man nutzen muss weil man sonst "out" ist, usw.usf.

Richtig, das Hirn filtert aus. Hast Du mal überlegt, *WIE* es das tut?
Filter müssen "programmiert" werden, damit sie wissen was das relevante ist. Hast Du mal drüber nachgedacht, wie diese "Programmierung" im menschlichen Hirn funktioniert?


[1] Hintergrundbetrachtungen in diesen beiden Texten:
viewtopic.php?f=5&t=66724
[...]
Zuletzt geändert von Brainiac am Sa 29. Sep 2018, 15:45, insgesamt 1-mal geändert.
Grund: [MOD] Link entfernt - Text hier schreiben oder eine vernünftige Quelle mit Impressum angeben
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Re: Die Medien und die Filterblase

Beitragvon Der Neandertaler » Sa 29. Sep 2018, 11:27

Hallo Uffhausen.
Uffhausen hat geschrieben:Ich arbeite in der Altenpflege, wir suchen HÄNDERINGEND Mitarbeiter und Auszubildende! ... schlechte Bezahlung ... noch das kleinere Übel - die Arbeitsbedingungen sind es, ... Unterbesetzung ... verstärkter Stress und körperliche wie psychische Belastung; ständige Krankheitsausfälle und ... ... zum kotzen, echt. :mad:
Unbesehen der Probleme in der Pflege:
    Du hast meinen Beitrag falsch gedeutet! Es ging mir lediglich darum aufzuzeigen, daß zur Verbesserung unserer Sozialsysteme ... unserer (zukünftigen) Rente nicht "nur" ein Mehr an (deutschen) Kindern vonnöten ist ... daß eine höhere Geburtenrate nicht "alleine" dazu beiträgt, daß unsere Sozialsysteme "Gewinn" machen.
Nebenbei:
    Ich bin eben wie Du der Meinung, daß eine Bezahlung - egal, ob gut oder schlecht - ... daß diese nicht alleine zur (guten oder schlechten) Motivation beiträgt - ebenso wie Bezahlung dürften es Anerkennung und/oder das Arbeitsklima sein. Meiner Meinung nach war es ein Fehler, die Pflege ... die Behandlung und den Umgang unser "Alten" weitestgehend dem Spiel der freien Marktkräfte zu überlassen ... zu privatisieren. Einem solchen Unternehmen ist wohl ein Gewinn ... ein eventuell besserer Aktienkurs (und somit eine höhere Zuteilung zu eventuellen Investoren) primär.
Aber nochmal:
    das Arbeitskräfte "HÄNDERINGEND" gesucht werden - d'accord!
    Es ändert aber nichts daran, daß der höheren Geburtenrate ... den vermehrten Kindern auch vermehrt Arbeitsplätze entgegenstehen müssen, ansonsten werden diese Kinder unsere Sozialsysteme zusätzlich belasten anstatt sie zu entlasten!
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Re: Die Medien und die Filterblase

Beitragvon Uffhausen » Sa 29. Sep 2018, 15:50

Der Neandertaler hat geschrieben:(29 Sep 2018, 12:27)

Es ändert aber nichts daran, daß der höheren Geburtenrate ... den vermehrten Kindern auch vermehrt Arbeitsplätze entgegenstehen müssen, ansonsten werden diese Kinder unsere Sozialsysteme zusätzlich belasten anstatt sie zu entlasten![/list]

Ich verstehe, was du aussagen willst - ABER:

Das Sozialsystem kann sich nur ändern, wenn sich vorher die Gesellschaft RADIKAL ändert.

Vor über elf Jahren war ich noch Einzelhandelskaufmann und musste mir vornehmlich aus Gründen des zunehmend unverantwortlichen gesellschaftlichen "Geiz-ist-geil"-Kaufverhaltens eine neue Arbeit suchen. Von Schaufensterbummel und kosterloser Beratung und dann im Internet kaufen kann der Einzel- und Fachhandel nicht überleben. Supi, dass im Internet alles billiger ist - aber das kostet Arbeitsplätze und senkt zudem das Lohnniveau!

Bsp.: Zur Jahrtausendwende gab es in meiner Stadt noch neun jeweils unabhängige und selbstständige Schuhfachgeschäfte - vor zwei Jahren hat der letzte Händler seinen Laden dicht gemacht. Bis heute kann ich in meiner Stadt keine Schuhe mehr einkaufen! Und wenn ich nicht zum Filialisten einer Kette auf der grünen Wiese will, der mit nur Billigkrams fragwürdiger Herkunft und Herstellung anbietet, muss ich rund zwanzig Kilometer weit fahren bis zum nächsten Schuhfachhändler (der im kommenden Jahr aber auch schließen wird, aus Altersgründen).

Das Aussterben des Einzel- und Fachhandels ist nicht politisch verschuldet. Arbeitsplätze schaffen in dieser Branche wäre problemlos möglich, es bräuchte lediglich entsprechendes Kaufverhalten seitens der Gesellschaft.
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Re: Die Medien und die Filterblase

Beitragvon Brainiac » Sa 29. Sep 2018, 17:02

[MOD] Bitte nicht zu weit vom Thema abkommen, hier ist das Medienforum.
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Re: Die Medien und die Filterblase

Beitragvon Der Neandertaler » So 30. Sep 2018, 09:29

Hallo Brainiac.
Brainiac hat geschrieben:[MOD] Bitte nicht zu weit vom Thema abkommen, hier ist das Medienforum.
Brainiac, dies hat im weitesten Sinne auch etwas mit Medien und der Filterblase ... mit Verschwörungstheorie ... mit dem Begriff "Lügenpresse" zu tun. Denn jahrelang ist seitens einiger Medien das aufkommene Problem des (Fach-) Arbeitermangels bezweifelt, geleugnet oder zumindest beschönigt worden. Da dies alles einen seriösen Anstrich bekam, wurde es geglaubt. Dieser isolierende Blaseneffekt kann negative Folgen für den Diskurs der Zivilgesellschaft haben - weil der Benutzer sehr effektiv in einer "Blase" isoliert wird, was wiederum zur Folge hat, daß die Menschen empfänglicher und anfälliger für "Propaganda und Manipulationen" werden. Diesen Effekt ... bzw.: dessen Folge kann man nun sehr gut beobachten:
    allerorts (Fach-) Arbeitermangel!
Die jetzige Netzkultur verstärkt diesen "Filterblasen-Effekt" noch zusätzlich. Durch Googles personalisierte Suchergebnisse und der personalisierte News Stream von Facebook - die ja (nur) "gelikte" werden können, kann nicht nur Werbung auf die Bedürfnisse und den Geschmack des konkreten Benutzers zugeschnitten werden - oder die passende Werbung kann so an prominenterer Stelle im Suchergebnis untergebracht werden, sondern der User kann mittels einer unsichtbaren Autopropaganda, mit eigenen Ideen indoktriniert werden. Wer also schon von Anfang an Zweifel am (Fach-) Arbeitermangel hegte, wurde durch diese "unsichtbare Autopropaganda" in seiner Ansicht bestätigt und bestärkt.

Aber es ist ein Phänomen unserer heutigen Zeit - dies fällt auch besonders in diesem Forum auf (in einem Forum, das ja anders sein will als andere Foren):
    Es werden Themen diskutiert ... oder diese sollen diskutiert werden, die offensicht in Korrelation zu einander stehen.
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Re: Die Medien und die Filterblase

Beitragvon Brainiac » So 30. Sep 2018, 10:12

Grundsätzlich kann man natürlich praktisch alles und jedes mit diesem Thema in Verbindung bringen, aber der Kern sollte noch erkennbar bleiben. Du hast aber gut die Kurve gekriegt. :thumbup:
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Re: Die Medien und die Filterblase

Beitragvon Der Neandertaler » Mo 1. Okt 2018, 09:35

Brainiac hat geschrieben: Du hast aber gut die Kurve gekriegt. :thumbup:
Tja, manchmal geht auch mir ein Licht auf.
    ... es geht aber auch schnell wieder aus.
"Ich teile Ihre Meinung nicht, ich werde aber bis zu meinem letzten Atemzug kämpfen, daß Sie Ihre Meinung frei äußern können." (Voltaire)

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