Die Medien und die Filterblase

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Der Neandertaler
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Re: Die Medien und die Filterblase

Beitragvon Der Neandertaler » Do 27. Sep 2018, 18:26

Hallo Letzter_Hippie.
    "Lügenpresse" ... Verschwörungstheorie ...
Ob dem Verhalten ... der Aussage: "Lügenpresse" eine sachlich und intelligente Erklärung zu Grunde liegt ... ich-weiß-nicht - glaub ich weniger.

Das Wort "Lügenpresse" war bereits im Ersten Weltkrieg ein zentraler Kampfbegriff und diente auch den Nationalsozialisten zur pauschalen Diffamierung unabhängiger Medien. Ob diese Tatsache den "besorgten Bürger" bewußt sein dürfte? Das US-Trumpeltier spricht von Fake-News. Die AfD-Chefin Frauke Petry bediente sich des Begriffs der "Pinocchio-Presse". Auch der Ausdruck "Mainstream-Medien" wird oft von einem abfälligen Ton begleitet.

Selbsredend:
    nicht alles, was in der Presse steht, ist wahr - vieles bedarf zumindest eines kritischen Blicks. Obwohl sich die große Mehrheit der Presse und ihrer Vertreter bemüht, der gezielt geschürten Angst (etwa: vor einer vermeintlichen "Islamisierung des Abendlandes") eine sachliche Darstellung gesellschaftspolitischer Themen und eine differenzierte Sichtweisen darüber entgegenzusetzen, ... der Ausdruck "Lügenpresse" diffamiert Medien aber pauschal. Eine solche pauschale Verurteilung verhindert aber fundierte Medienkritik und leistet somit einen Beitrag zur Gefährdung der für die Demokratie so wichtigen Pressefreiheit, die gerade in diesen Tagen unübersehbar geworden ist.
Also:
    eine "intelligente Erklärung" sieht in meinen Augen anders aus!
In der Tat orientierten sich die Medien teilweise nur noch an den vermeintlichen Wünschen der Leser - somit wird auch nur noch die Mitte der Gesellschaft abgebildet. Der Journalist Wolfgang Herles, der bis vor Kurzem Redaktionsleiter der ZDF-Kultursendung "aspekte" war, sprach von einem "Konformismus der Mitte" - er machte ihn mitverantwortlich für die Skepsis gegenüber den etablierten Medien. Er nannte es "Gefallsucht" - abgeleitet von der "Gefällt mir"-Kultur im Netz.

Der emeritierter Professor für PR und Öffentlichkeitsarbeit an der Uni Leipzig, Günter Bentele, ist wie Du der Auffassung, daß sich die Medienrezeption verändert hat. Er sieht zudem eine Diskrepanz zwischen dem, wie die Presse die soziale Wirklichkeit darstellt und wie das Publikum diese wahrnimmt. Weil niemand ist in der Lage, alles wahrzunehmen, sucht er sich die Medien, die möglichst nah an dem sind, was man selbst denkt.
    ... in denen nur Vertreter der eigenen Meinung vorkommen.
Günter Bentele hat geschrieben:Rezipiert man dagegen ein Medium, das eine andere Position vertritt, als man selbst, ist man leichter geneigt zu sagen: Das Medium berichtet einseitig.
Gerade in der Causa Griechenland (und dessen Sparpolitik) war dieser Unterschied recht gut zu beobachten. Unsere Presse sprach von "Armut" unter der dortigen Bevölkerung. Wohingegen meine griechische Nachbarn diese Sparmaßnahmen (und deren Folgen für ihre Verwandten) als nicht so dramatisch beschrieben haben.

Wir beurteilen dies alles aus unserem Blickwinkel heraus: wer also weniger als unseren Durchschnittslohn zum Leben hat, gilt als arm und muß folglich unzufrieden, hilflos und bedürftig sein. Somit ist es auch erklärlich, daß Presseberichte nicht immer der Realität entsprechen. Man kann aber schon eine gewiße Realitätsnähe ... bzw.: einen verbesserten, realitätsnäheren Reportageninhalt feststellen:
    je länger ein Journalist in dem entsprechenden Land (und eventuell unter den Leuten) lebt ... desto intensiver hat er sich mit dem auseinander gesetzt, was er berichtet und desto detailierter und realitätsnäher ist sein Bericht.
Darüberhinaus ist letzlich jedes Medium auch ein Wirtschaftsunternehmen, was ebenso auf Werbeeinnahmen angewiesen ist, wie es von Abbonenten-Zahlen, bzw.: Abo-Geldern abhängig ist.

So ist auch erklärlich, daß etwa in den 50er- und 60er-Jahren die Atomkraft einen Hype in den Medien fand und erst nach und nach Atomkraft kritisch(er) gesehen wurde. Heute wird über Atomkraft überaus kritisch und negativ berichtet.

À propos Verschwörungthereorien:
    diese haben nunmal die Eigenschaft ... die Grundlage, daß diese eine gewiße Ungereimtheit ... eine Unsicherheit in dem Bericht über eines Ereignisses ausnutzen. Zumal:
      ein Kern von Wahrheit steckt auch in einer jeglichen Verschwörungthereorie.
"Ich teile Ihre Meinung nicht, ich werde aber bis zu meinem letzten Atemzug kämpfen, daß Sie Ihre Meinung frei äußern können." (Voltaire)
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Re: Die Medien und die Filterblase

Beitragvon Letzter_Hippie » Do 27. Sep 2018, 19:05

Uffhausen hat geschrieben:(27 Sep 2018, 17:54)
Was ist so schlimm an dem Begriff "Alkoholiker"?

In erster Linie mag er gänzlich negativ behaftet sein, weil man - wie du schon bzgl. Drogen erwähntest - automatisch an Suchtverhalten denkt. Tatsächlich beschreibt er nichts anderes als einen Menschen, der regelmäßig Alkohol konsumiert. Und wie ich schon darlegte, es spielt dabei keine Rolle weswegen oder wieviel.

Wie das das Wissenschaftler sieht, ist seine Sache - nicht meine. :cool:


Es ist nichts schlimm. Aber wir haben Worte, um Dinge zu unterscheiden, die einen Unterschied machen.

Und bei Drogen gibt es drei Dinge, die einen Unterschied machen: Abstinenz, Genuss und Sucht.

Abstinenz - das ist einfach, man konsumiert grundsätzlich nicht.
Genuss - der Konsum wird als Bereicherung empfunden.
Sucht - fehlender Konsum wird als Mangel empfunden.

Im einen Fall kann ich den Rehbraten lecker finden, aber mit einem Glas Wein ist er noch besser. Das andere ist, wenn ich zum Abendessen grundsätzlich mein Glas Wein haben will, weil anderenfalls etwas fehlen würde.

Und nur das zweite bezeichnet man üblicherweise als Alkoholiker.
Bei Sucht gibt es wiederum zwei Arten - Alkohol und Zigaretten machen dauerhaft süchtig - wenn man einmal im Leben soweit gelangt ist, dass man sich daran gewöhnt hat, dann verschwindet das nicht mehr, und die einzige Möglichkeit ist dann dauerhafte Abstinenz. Kaffee, Fernsehen und Marijuana machen nicht dauerhaft süchtig - man kann eine Gewohnheit entwickeln, aber man kann sich das genauso auch wieder abgewöhnen.

Das sind Dinge, die einen Unterschied machen, und die von vielen Menschen in derselben Weise erkannt wurden. Und da scheint es mir sinnvoll, Begriffe zu haben, die klar sagen was gemeint ist.

Es kommt drauf an, welche Art Darstellung das Fernsehen zeigt, welche Absicht dahinter steckt.

Wenn das Programm dir zeigen möchte, wie arm oder unterentwickelt die Leute dort vielleicht im Gegensatz zu uns leben, dann zeigen sie dir genau das. Wenn sie präsentieren möchten, wie schön die Natur dort ist und wie die Menschen dort mir ihr im Einklang leben, dann bekommst du das vorgesetzt. Wenn sie dich über politische Missstände und deren Auswirkungen auf die Bevölkerung aufklären möchten, dann wird das gesendet. Usw.

Du kannst nicht alles in einen Topf werfen, nur weil in allen Fällen Indonesien drauf steht. Und wirst bestimmt auch nicht so dumm sein und meinen, nur weil du mal durch Indonesien gereist bist, kennst du Land und Leute wie deine Westentasche.


Indonesien ist 5000 km breit, verkehrsmäßig schlecht erschlossen, und beherbergt viele hundert verschiedene Kulturen. Niemand kennt Indonesien. Die meisten kennen ihr eigenes Dorf - nach dem Bus ins nächste Dorf zu fragen klappt, beim übernächsten wird es schon schwierig.

Und dann kommt es darauf an, wie man hinschaut. Ich hab dort, in Indonesien zwei Völker kennengelernt, beide leben etwa 50 km entfernt, auf derselben Insel. In den Dingen des Alltags sind sie sich recht ähnlich.

Über eine dieser Volksgruppen, die Ngada, wirst Du im Internet so einiges finden - sogar auf deutsch, zB das hier. Über die anderen, die Manggarai, gibt es nur wenig Infos. In 2005, als ich dort war, gab es noch gar nichts. Da waren zwei Ethnologen unterwegs, die überhaupt mal deren Sprache dokumentiert haben.

Was ist der Grund für die unterschiedliche Aufmerksamkeit? Nun, die Ngada haben ein "Matriarchat" (so behauptet es jedenfalls die FAZ). Und das macht sie natürlich hoch interessant für unsere Gender-Politik. Die Manggarai sind patrilinear organisiert, und folglich recht uninteressant.

Der eigentliche Witz ist freilich, dass beide Völker seit Ewigkeiten friedlich nebeneinander existieren und sich austauschen. Davon will der Genderismus verständlicherweise gar nichts wissen, denn das würde nicht zum Lernziel passen. So funktioniert die genderpolitische Dressur.

Man kann also, durch eigene Anschauung, sehr wohl mehr erfahren als einem zu wissen erlaubt wird.

Quatsch. Sie können denken und glauben was sie wollen, aber sie sollen deswegen nicht meinen, sie wären klüger als die Medien! ;)


Nunja, es genügt mitunter, zu wissen dass man kein Hund und kein Pferd ist, und folglich auch nicht dressiert werden will.

Das ist so wie wenn man die rote Pille nimmt: man wacht auf.
Und dann kann man die Fnords sehen.
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Re: Die Medien und die Filterblase

Beitragvon Uffhausen » Do 27. Sep 2018, 20:27

Letzter_Hippie hat geschrieben:(27 Sep 2018, 20:05)

Und da scheint es mir sinnvoll, Begriffe zu haben, die klar sagen was gemeint ist.

Wenn ich wissen will, was gemeint ist, kann ich ja nachfragen. Oder wenn bei meinem Gegenüber Klärungsbedarf besteht, kann man ja mit mir reden.

Indonesien ist 5000 km breit, verkehrsmäßig schlecht erschlossen, und beherbergt viele hundert verschiedene Kulturen. Niemand kennt Indonesien. Die meisten kennen ihr eigenes Dorf - nach dem Bus ins nächste Dorf zu fragen klappt, beim übernächsten wird es schon schwierig.

Und dann kommt es darauf an, wie man hinschaut. Ich hab dort, in Indonesien zwei Völker kennengelernt, beide leben etwa 50 km entfernt, auf derselben Insel. In den Dingen des Alltags sind sie sich recht ähnlich.

Über eine dieser Volksgruppen, die Ngada, wirst Du im Internet so einiges finden - sogar auf deutsch, zB das hier. Über die anderen, die Manggarai, gibt es nur wenig Infos. In 2005, als ich dort war, gab es noch gar nichts. Da waren zwei Ethnologen unterwegs, die überhaupt mal deren Sprache dokumentiert haben.

Was ist der Grund für die unterschiedliche Aufmerksamkeit? Nun, die Ngada haben ein "Matriarchat" (so behauptet es jedenfalls die FAZ). Und das macht sie natürlich hoch interessant für unsere Gender-Politik. Die Manggarai sind patrilinear organisiert, und folglich recht uninteressant.

Der eigentliche Witz ist freilich, dass beide Völker seit Ewigkeiten friedlich nebeneinander existieren und sich austauschen. Davon will der Genderismus verständlicherweise gar nichts wissen, denn das würde nicht zum Lernziel passen. So funktioniert die genderpolitische Dressur.

Man kann also, durch eigene Anschauung, sehr wohl mehr erfahren als einem zu wissen erlaubt wird.

Ich glaube dir, dass du einiges oder vieles über Indonesien weißt - aber das ändert nichts daran, dass du bspw. eine Fernsehsendung über Indonesien aussagetechnisch missverstehen kannst.

Ich will die Medien nicht verteidigen - aber ich finde, man sollte sie hin und wieder aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten, anstatt sie vorab und vorschnell zu verurteilen.
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Re: Die Medien und die Filterblase

Beitragvon Letzter_Hippie » Do 27. Sep 2018, 21:42

Der Neandertaler hat geschrieben:(27 Sep 2018, 19:26)

Hallo Letzter_Hippie.
    "Lügenpresse" ... Verschwörungstheorie ...
Ob dem Verhalten ... der Aussage: "Lügenpresse" eine sachlich und intelligente Erklärung zu Grunde liegt ... ich-weiß-nicht - glaub ich weniger.


Für jedes Verhalten gibt es irgend einen Grund. Und wenn man will, kann man diesen Grund auch soziologisch erfassen. Das heisst nicht, dass der Handelnde notwendigerweise sachlich und intelligent sein muss, aber der soziologische Beobachter sollte es sein. ;)

Das Wort "Lügenpresse" war bereits im Ersten Weltkrieg ein zentraler Kampfbegriff und diente auch den Nationalsozialisten zur pauschalen Diffamierung unabhängiger Medien. Ob diese Tatsache den "besorgten Bürger" bewußt sein dürfte?


Mir zB war das nicht bewusst. Aber es überrascht mich nicht.

Wir hatten lange Zeit, seit den 68ern, ein "Spiel nach links". Zunächst saßen die alten Nazis immer noch in ihren Machtpositionen, und der kritische Untergrund war "links". Heute ist der Generationswechsel vollzogen, und die linken Intellektuellen sitzen in den Machtpositionen - und sie sind natürlich um nichts besser als vormals die Rechten, weil es eben Menschen sind. Logischerweise muss es jetzt aus dem Untergrund ein "Spiel nach rechts" geben, denn die Balance muss wieder hergestellt werden - und es deucht nicht wunder, wenn dabei Begriffe auftauchen, die schon mal verwendet wurden.

Selbsredend: [list]nicht alles, was in der Presse steht, ist wahr - vieles bedarf zumindest eines kritischen Blicks.


Ich würde das radikaler fassen: Die Presse ist manipulativ. Sie ist ein Werkzeug, das zur Manipulation geeignet ist, also wird es zur Manipulation genutzt. Aus dem einfachen, simplen Grund: Weil. Man. Es. Kann.
Und das gilt natürlich für alle Seiten - manche mehr, manche weniger.

Obwohl sich die große Mehrheit der Presse und ihrer Vertreter bemüht, der gezielt geschürten Angst (etwa: vor einer vermeintlichen "Islamisierung des Abendlandes") eine sachliche Darstellung gesellschaftspolitischer Themen und eine differenzierte Sichtweisen darüber entgegenzusetzen, ... der Ausdruck "Lügenpresse" diffamiert Medien aber pauschal. Eine solche pauschale Verurteilung verhindert aber fundierte Medienkritik und leistet somit einen Beitrag zur Gefährdung der für die Demokratie so wichtigen Pressefreiheit, die gerade in diesen Tagen unübersehbar geworden ist.


Nun, wer heute immer noch von einer "vermeintlichen" Islamisierung spricht, ist scheinbar nicht fähig, Geburtenraten zu berechnen. Oder nicht gewillt.
Und wenn dann die "Demokratie" und die "Pressefreiheit" angebracht wird - nun, wenn man ein Interesse an Freiheit hätte (ausser der eigenen Freiheit, bei Bedarf zu manipulieren), dann hätte man über 60 Jahre Gelegenheit gehabt, diese zu nutzen - wie ich z.Tl. im Eingangsartikel zu zeigen versuchte. Mein Mitleid hält sich da sehr in Grenzen - jetzt wollen die Leute halt nicht mehr, und sich darüber zu empören wird nicht helfen.

Der Journalist Wolfgang Herles, der bis vor Kurzem Redaktionsleiter der ZDF-Kultursendung "aspekte" war, sprach von einem "Konformismus der Mitte" - er machte ihn mitverantwortlich für die Skepsis gegenüber den etablierten Medien. Er nannte es "Gefallsucht" - abgeleitet von der "Gefällt mir"-Kultur im Netz.


Da ist durchaus was dran. M.E. hängt das mit der Informationsflutung zusammen - man ist kaum noch imstande, eine differenzierte Position selber zu entwickeln, weil es schlicht zu viel Input (und zu viel Abstraktion, und zuviel Schellebigkeit) ist. Man muss an all dem Neuen "dranbleiben", also kürzt man es aufs Bauchgefühl - das aber auch oft nicht gut trainiert wurde. (Intuition kann man ja trainieren, aber das ist auch mühsam.)

Wir beurteilen dies alles aus unserem Blickwinkel heraus: wer also weniger als unseren Durchschnittslohn zum Leben hat, gilt als arm und muß folglich unzufrieden, hilflos und bedürftig sein.


Ja, das -u.a.- meinte ich. Es ist offenbar nicht verbreitet, dass man systemisch transponierend denkt (was in diesem Fall einfach nur heisst: Durchschnittslohn und Lebenskosten in Relation zu setzen), sondern es wird in konditionierten Reflexen gedacht.

Das systemisch transponierende kann man übrigens auch mit rechts-links spielen, und dann versteht man, warum die ganze Kritik sich schön genau am eisernen Vorhang scheidet. Hier im Westen war Herrschaftskritik fast immer Kritik gegen rechts. Im Osten war die Herrschaft sozialistisch. Und alle folgen jetzt brav ihren konditionierten Reflexen. Es ist alles so offensichtlich, aber man hält die Augen fest geschlossen.
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Re: Die Medien und die Filterblase

Beitragvon schokoschendrezki » Fr 28. Sep 2018, 09:47

Letzter_Hippie hat geschrieben:(25 Sep 2018, 12:23)
Und dann komme ich zu dem Gedanken, dass es da genau eine einzige Filterblase gibt, durch die alles gefiltert wird was in der Welt passiert, um es in leicht bekömmliche Medienkost umzuwandeln. wie sie der uninformierte Konsument erwartet.

Nein. Um es kurz zu sagen. Es ist zwar richtig, wie oben geschildert, dass die erlebbare Realität vor Ort in der Regel oder zumindest oft eine ziemlich andere ist, als sie in den Mainstreammedien vermittelt wird ... aber das ist nicht gepusht oder findet in der einen großen "Filterblase" statt. Zu jedem wesentlichen Phänomen, da wette ich drauf, finde ich wenigstens zwei mediale Darstellungen, die völlig verschieden sind, sich zu großen Teilen sogar widersprechen.

Das was tatsächlich stattfindet wird eher mit diesem Begriff der "Erzählung" wiedergegeben. Von innen heraus und systemisch. Durch Kommunikation auf allen Ebenen und ebenso zwischen Medien-Konsumenten wie zwischen Medien-Produzenten.
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Re: Die Medien und die Filterblase

Beitragvon Uffhausen » Fr 28. Sep 2018, 10:04

Letzter_Hippie hat geschrieben:(27 Sep 2018, 22:42)
Ich würde das radikaler fassen: Die Presse ist manipulativ. Sie ist ein Werkzeug, das zur Manipulation geeignet ist, also wird es zur Manipulation genutzt. Aus dem einfachen, simplen Grund: Weil. Man. Es. Kann.

Nicht die Presse oder die Medien sind manipulativ - sie sind Erzeugnisse des Menschen; er ist manipulation und manipulierbar.

Wäre der Mensch nicht manipulativ, würde er keine reißerischen Überschriften erfinden oder einseitige Berichterstattungen verfassen. Wäre der Mensch nicht der Manipulation anfällig, bräuchte er nicht "Lügenpresse" schreien.

Im Grunde sollte man sich statt mit vermeintlicher "Lügenpresse" mit dem "Lügenmensch" auseinandersetzen. Aber dann müsste man sich an ja an die eigene Nase fassen und es ist doch so viel angenehmer, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Der Mensch ist doch ein feiges, selbstherrliches A... :rolleyes:

Nun, wer heute immer noch von einer "vermeintlichen" Islamisierung spricht, ist scheinbar nicht fähig, Geburtenraten zu berechnen.

Anstatt die Zeit mit Berechnung von Geburtenraten zu verplempern, sollten die Deutschen lieber mehr Kinder in die Welt setzen. Von Nix gibt's später keine Rente.

Wenn die Deutschen aber weiter auf Angstgehabe und -mache vor Islamisierung setzen und die Beine zusammenkneifen, ist letztere nur ein logischer Prozess. Dazumal könnten sie via Kircheneintritten mit einer "Rechristianisieriung" dagegenhalten. Aber das Verlangt Verantwortungsbewusstsein, wogegen sich der Deutsche heutzutage lieber vor allem und jedem fürchtet, gleichzeitig aber unnütz rumjammert wegen Überfremdung und Kulturverfall. Sind wir Deutschen wirklich so dumm? :dead:
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Re: Die Medien und die Filterblase

Beitragvon Letzter_Hippie » Fr 28. Sep 2018, 10:50

schokoschendrezki hat geschrieben:(28 Sep 2018, 10:47)
Das was tatsächlich stattfindet wird eher mit diesem Begriff der "Erzählung" wiedergegeben. Von innen heraus und systemisch. Durch Kommunikation auf allen Ebenen und ebenso zwischen Medien-Konsumenten wie zwischen Medien-Produzenten.


Völlig richtig. Und wenn Du damit sagen willst: es gibt keine Verschwörung oder Absprache oder Direktive, dann ist das höchstwahrscheinlich auch richtig. Aber der Outcome ist letztlich, dass es so erscheint als wäre da eine solche.

Und die Konsequenz sollte eigentlich sein, dass man sich das ganze dann eben mit systemischen Werkzeugen anschaut und guckt was da passiert. Aber stattdessen macht man das was man immer macht: ha, wir wollen unser Geschäft so weitermachen wie bisher, wir sagen einfach die Kritiker sind Rechte und wollen die Demokratie bedrohen, dann sind die die bösen.
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Re: Die Medien und die Filterblase

Beitragvon Letzter_Hippie » Fr 28. Sep 2018, 11:16

Uffhausen hat geschrieben:(28 Sep 2018, 11:04)

Nicht die Presse oder die Medien sind manipulativ - sie sind Erzeugnisse des Menschen; er ist manipulation und manipulierbar.

Wäre der Mensch nicht manipulativ, würde er keine reißerischen Überschriften erfinden oder einseitige Berichterstattungen verfassen. Wäre der Mensch nicht der Manipulation anfällig, bräuchte er nicht "Lügenpresse" schreien.

Im Grunde sollte man sich statt mit vermeintlicher "Lügenpresse" mit dem "Lügenmensch" auseinandersetzen. Aber dann müsste man sich an ja an die eigene Nase fassen und es ist doch so viel angenehmer, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Der Mensch ist doch ein feiges, selbstherrliches A... :rolleyes:


Alles völlig richtig. Wenn ich irgendetwas tue, dann manipuliere ich. Und die wenigsten Leute sind sich dessen bewusst. Du übersiehst aber die Multiplikatoren: wenn ich mit dem Nachbarn ein Schwätzchen halte, manipuliere ich einen Menschen. Wenn es ein Fernsehen gibt das eine Million Menschen anspricht, dann ist der Effekt um viele Größenordnungen anders. Und wenn man sich da immer noch keine Gedanken macht wie das funktioniert, dann hat man ein Problem. Und da sind dann halt erstmal die in der Pflicht, die so einen Multiplikator betreiben.

Anstatt die Zeit mit Berechnung von Geburtenraten zu verplempern, sollten die Deutschen lieber mehr Kinder in die Welt setzen. Von Nix gibt's später keine Rente.


Ich halte dagegen: der Geburtenrückgang in industrialisierten Ländern (der ja durchgängig zu beobachten und kein isoliertes europäisches Phänomen ist) passt zum sich verringernden Arbeitskräftebedarf durch Automatisierung. Ich halte das für ein völlig gesundes und richtiges Phänomen. Der Fehler liegt einzig in einem Rentensystem, das dafür nicht ausgelegt ist (und dessen Rücklagen man für anderes entzweckt hat).
Und mit dem Import von Menschen -die dann arbeitslos sind und die Straßen bevölkern- wird man das nicht lösen, sondern verschlimmern.

(Natürlich kommen dann im Detail noch viele kleinere Effekte dazu, zB dass man "Bildungsreformen" betrieben hat, die darauf hinausliefen, dass junge Leute lieber Sozialtherapie studieren als ein Handwerk zu lernen, sodass es jetzt einen Facharbeitermangel gibt.)
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Re: Die Medien und die Filterblase

Beitragvon Uffhausen » Fr 28. Sep 2018, 11:45

Letzter_Hippie hat geschrieben:(28 Sep 2018, 12:16)

Alles völlig richtig. Wenn ich irgendetwas tue, dann manipuliere ich. Und die wenigsten Leute sind sich dessen bewusst. Du übersiehst aber die Multiplikatoren: wenn ich mit dem Nachbarn ein Schwätzchen halte, manipuliere ich einen Menschen. Wenn es ein Fernsehen gibt das eine Million Menschen anspricht, dann ist der Effekt um viele Größenordnungen anders. Und wenn man sich da immer noch keine Gedanken macht wie das funktioniert, dann hat man ein Problem. Und da sind dann halt erstmal die in der Pflicht, die so einen Multiplikator betreiben.

Machst du dir ernsthaft Gedanken über Millionen Menschen, die gerade vor dem TV Opfer von Manipulation werden könnten? :eek:

Lass' doch jeden für sich selber denken - wer's nicht kann und wer's nicht will hat halt Pech!

Und mit dem Import von Menschen -die dann arbeitslos sind und die Straßen bevölkern- wird man das nicht lösen, sondern verschlimmern.

Da gebe ich dir recht - ABER: Dieses Problem haben wir schon lange vor 2015, ebenso wie "Islamisierung", Überfremdung und Kulturverfall. Nur damals gab's noch keine AfD und Pegida, die daraus Profit schlagen konnten. Und kein Internet, dass den Menschen dümmer macht, als er ohnehin schon ist. Da ganze Geplärre JETZT ist also mehr als lächerlich, dazumal ist es höchstwahrscheinlich schon viel zu spät, an dem Werdegang etwas zu verändern. Wir können ihn höchstens noch verlangsamen, aber nicht mehr aufhalten.

Doch, aufhalten könnten wir ihn schon - aber dann wären wir wieder dort, wo wir nicht mehr hinwollen... :dead:
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Re: Die Medien und die Filterblase

Beitragvon Letzter_Hippie » Fr 28. Sep 2018, 12:00

Uffhausen hat geschrieben:(28 Sep 2018, 12:45)
Da gebe ich dir recht - ABER: Dieses Problem haben wir schon lange vor 2015, ebenso wie "Islamisierung", Überfremdung und Kulturverfall. Nur damals gab's noch keine AfD und Pegida, die daraus Profit schlagen konnten.


Das hab ich auch alles schon vor 20 Jahren gesagt. Inzwischen sagen es halt einige mehr (und was ich von denen halten soll, weiss ich auch nicht so wirklich).

Und kein Internet, dass den Menschen dümmer macht, als er ohnehin schon ist. Da ganze Geplärre JETZT ist also mehr als lächerlich, dazumal ist es höchstwahrscheinlich schon viel zu spät, an dem Werdegang etwas zu verändern. Wir können ihn höchstens noch verlangsamen, aber nicht mehr aufhalten.


Man könnte mal anfangen, die Problemfelder offen zu diskutieren. Das wäre ein Zeichen von Seriösität. (Das darf man ja angeblich nicht, weil man damit "die Rechten" stärken würde. Wird aber so nicht funktionieren.)
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Re: Die Medien und die Filterblase

Beitragvon Uffhausen » Fr 28. Sep 2018, 12:31

Letzter_Hippie hat geschrieben:(28 Sep 2018, 13:00)
Man könnte mal anfangen, die Problemfelder offen zu diskutieren. Das wäre ein Zeichen von Seriösität. (Das darf man ja angeblich nicht, weil man damit "die Rechten" stärken würde. Wird aber so nicht funktionieren.)

Da kann ich dir nur beipflichten.
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Re: Die Medien und die Filterblase

Beitragvon schokoschendrezki » Fr 28. Sep 2018, 12:56

Letzter_Hippie hat geschrieben:(28 Sep 2018, 11:50)
Und die Konsequenz sollte eigentlich sein, dass man sich das ganze dann eben mit systemischen Werkzeugen anschaut und guckt was da passiert. Aber stattdessen macht man das was man immer macht: ha, wir wollen unser Geschäft so weitermachen wie bisher, wir sagen einfach die Kritiker sind Rechte und wollen die Demokratie bedrohen, dann sind die die bösen.

Wer ist in dem Falle "man"?

Ich habe (oder besser gesagt hatte) einen guten Bekannten, der im gewöhnlichen Leben Informatiker war aber ebenfalls etliche Reisen in Gebiete der Erde unternahm, die nicht gerade Touristenzentren sind. Das vorletzte mal heuerte er im Kongo, einem der instabilsten Staaten der Welt, auf einem Binnenfrachtschiff an und fuhr damit den Kongofluss herunter. Der weiß schon, wies in der Welt vor Ort aussieht. Der war aber auch nicht der Meinung, dass alle Medien gleichgeschaltet sind und wie in einer großen Filterblase aussehen.

Eine Reportage wird mit voller Absicht und gerechtfertigterweise häufig über Problembereiche und nicht den normalen Alltag berichten. Für eine politische Analyse wiederum sind vor-Ort-Eindrücke nur ein Faktor. Wahlergebnisse, wirtschaftliche und demographische Daten kommen hinzu. Langfristige Trends. Politikeraussagen. Usw. Die Erkenntnis verläuft nun mal vom Konkreten zum Allgemeinen. Und zumindest die meisten für seriösn gehaltenen Medien vermitteln in diesem Sinne schon ein richtiges Bild. Soviel Phantasie und Welterfahrung habe ich selbst auch, dass ich weiß, dass das "normale Leben" in der Regel anders aussieht. Dazu muss man noch nicht mal bis zum Balkan oder nach Afrika reisen. Es gibt Menschen im westlichen Teil Berlins, für die eine S-Bahnfahrt nach Marzahn ganz im Nordosten eine angstbesetzte Vorstellung ist. Ich habe schon mal eine Beschreibung dieser "Angst" gehört, wonach jemand das Wort "Marzahn" schon vom Klang her mit einem schwarzen Moloch assoziiert. Mit Vierteln voller Gangsterbanden, tumben Idioten und alten SED-Genossen.

Wenn überhaupt, dann sind "Filterblasen" nur im Plural zu verstehen. Und im Zusammenhang mit Phänomenen sozialer Abgrenzungen.
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Re: Die Medien und die Filterblase

Beitragvon Selina » Fr 28. Sep 2018, 13:13

schokoschendrezki hat geschrieben:(28 Sep 2018, 13:56)

Wer ist in dem Falle "man"?

Ich habe (oder besser gesagt hatte) einen guten Bekannten, der im gewöhnlichen Leben Informatiker war aber ebenfalls etliche Reisen in Gebiete der Erde unternahm, die nicht gerade Touristenzentren sind. Das vorletzte mal heuerte er im Kongo, einem der instabilsten Staaten der Welt, auf einem Binnenfrachtschiff an und fuhr damit den Kongofluss herunter. Der weiß schon, wies in der Welt vor Ort aussieht. Der war aber auch nicht der Meinung, dass alle Medien gleichgeschaltet sind und wie in einer großen Filterblase aussehen.

Eine Reportage wird mit voller Absicht und gerechtfertigterweise häufig über Problembereiche und nicht den normalen Alltag berichten. Für eine politische Analyse wiederum sind vor-Ort-Eindrücke nur ein Faktor. Wahlergebnisse, wirtschaftliche und demographische Daten kommen hinzu. Langfristige Trends. Politikeraussagen. Usw. Die Erkenntnis verläuft nun mal vom Konkreten zum Allgemeinen. Und zumindest die meisten für seriösn gehaltenen Medien vermitteln in diesem Sinne schon ein richtiges Bild. Soviel Phantasie und Welterfahrung habe ich selbst auch, dass ich weiß, dass das "normale Leben" in der Regel anders aussieht. Dazu muss man noch nicht mal bis zum Balkan oder nach Afrika reisen. Es gibt Menschen im westlichen Teil Berlins, für die eine S-Bahnfahrt nach Marzahn ganz im Nordosten eine angstbesetzte Vorstellung ist. Ich habe schon mal eine Beschreibung dieser "Angst" gehört, wonach jemand das Wort "Marzahn" schon vom Klang her mit einem schwarzen Moloch assoziiert. Mit Vierteln voller Gangsterbanden, tumben Idioten und alten SED-Genossen.

Wenn überhaupt, dann sind "Filterblasen" nur im Plural zu verstehen. Und im Zusammenhang mit Phänomenen sozialer Abgrenzungen.


Zumal Marzahn ja auch ziemlich vielfältig und groß ist. Heterogen halt. Das reicht von einigen Gebieten, die ich auch nicht gerne betreten würde, über die wundervollen sehenswerten "Gärten der Welt" bis hin zur preisgekrönten Plattenumbau-Siedlung "Ahrensfelder Terrassen". Traumhafte Wohnungen in toller Lage und fast nicht wiederzuerkennen ;)
Drüben im Walde kängt ein Guruh - Warte nur balde kängurst auch du. Joachim Ringelnatz
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Re: Die Medien und die Filterblase

Beitragvon schokoschendrezki » Fr 28. Sep 2018, 13:55

Selina hat geschrieben:(28 Sep 2018, 14:13)

Zumal Marzahn ja auch ziemlich vielfältig und groß ist. Heterogen halt. Das reicht von einigen Gebieten, die ich auch nicht gerne betreten würde, über die wundervollen sehenswerten "Gärten der Welt" bis hin zur preisgekrönten Plattenumbau-Siedlung "Ahrensfelder Terrassen". Traumhafte Wohnungen in toller Lage und fast nicht wiederzuerkennen ;)


Das ist sowieso eines der großen Probleme: Die Welt änder sich. So trivial das erstmal klingen mag. Viele Menschen sind es gewohnt, sich ein Bild der Welt entlang von Erzählungen und fertigen Modellen zu machen. Die im Laufe des Lebens dann irgendwann mal nur noch ergänzt, korrigiert und verfeinert werden müssen. Funktioniert aber nicht. Oder zumindest nicht mehr.

Beispiel SLowakei: Zum Zeitpunkt der Separierung der CSSR galt die Slowakei als eher rückständig, agrarisch und - wenn industrialisiert - dann war Stahl, Eisen und Rüstungsbetriebe angesagt. Auch ich hatte das damals als typische Industrie-Niedergangssituation beurteilt. Besonders die Ostslowakei. Nun ist aber gerade das Ostlowakische Kosice eigentlich ein Erfolgsmodell und die Slowakei im Unterschied zu Tschechien Euroland.

Weiter: Hätte mir jemand noch vor zwei Jahren erzählt, dass die wichtigste politische Wende in der Slowakei der Mord an einen Journalisten sein wird, der zu nahe an den Umtrieben der italienischen Maffia in der Ostslowakei ist, hätte ich ihm einen Vogel gezeigt. Was hat ausgerechnet die Ostslowakei mit der italienischen Maffia zu tun?

Beispiel Irland: Noch bis Ende der 70er eins der ärmsten und ebenfalls agrarisch gepägten Länder Europas. Dann gabs ein Steuersparmodell, Google, Apple und Co kamen ins Land und binnen kurzem wars eins der reichsten Länder der Erde. Dann Bankenkrise und Bankrott in Irland. Jüngst wiederum der Aufschwung. Der Durcschnittsire macht dreimal im Jahr Urlaub und fährt dicke Autos.

SU/Russland: Jahrzehntelang so gut wie völlig atheistisch und stattdessen von einer kommunistischen Ideologie geprägt. Dann kehrt der bedeutendste Dissident Solschenizyn zurück, bekommt einen Staatsorden, die russischh orthodoxe Kirche ist neben Regierung und Oligarchenclans der drittwichtigste Machtfaktor und ein großer Teil der Bürger sieht sich als tiefgläubig.

So gehts in der modernen Welt. Man muss beständig bereit und in der Lage sein, Weltbilder, Erzählungen, Modelle, Ansichtssysteme komplett revidieren zu können. Anstrengend. Hilft aber nix!
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Re: Die Medien und die Filterblase

Beitragvon Selina » Fr 28. Sep 2018, 14:06

schokoschendrezki hat geschrieben:(28 Sep 2018, 14:55)

Das ist sowieso eines der großen Probleme: Die Welt änder sich. So trivial das erstmal klingen mag. Viele Menschen sind es gewohnt, sich ein Bild der Welt entlang von Erzählungen und fertigen Modellen zu machen. Die im Laufe des Lebens dann irgendwann mal nur noch ergänzt, korrigiert und verfeinert werden müssen. Funktioniert aber nicht. Oder zumindest nicht mehr.

Beispiel SLowakei: Zum Zeitpunkt der Separierung der CSSR galt die Slowakei als eher rückständig, agrarisch und - wenn industrialisiert - dann war Stahl, Eisen und Rüstungsbetriebe angesagt. Auch ich hatte das damals als typische Industrie-Niedergangssituation beurteilt. Besonders die Ostslowakei. Nun ist aber gerade das Ostlowakische Kosice eigentlich ein Erfolgsmodell und die Slowakei im Unterschied zu Tschechien Euroland.

Weiter: Hätte mir jemand noch vor zwei Jahren erzählt, dass die wichtigste politische Wende in der Slowakei der Mord an einen Journalisten sein wird, der zu nahe an den Umtrieben der italienischen Maffia in der Ostslowakei ist, hätte ich ihm einen Vogel gezeigt. Was hat ausgerechnet die Ostslowakei mit der italienischen Maffia zu tun?

Beispiel Irland: Noch bis Ende der 70er eins der ärmsten und ebenfalls agrarisch gepägten Länder Europas. Dann gabs ein Steuersparmodell, Google, Apple und Co kamen ins Land und binnen kurzem wars eins der reichsten Länder der Erde. Dann Bankenkrise und Bankrott in Irland. Jüngst wiederum der Aufschwung. Der Durcschnittsire macht dreimal im Jahr Urlaub und fährt dicke Autos.

SU/Russland: Jahrzehntelang so gut wie völlig atheistisch und stattdessen von einer kommunistischen Ideologie geprägt. Dann kehrt der bedeutendste Dissident Solschenizyn zurück, bekommt einen Staatsorden, die russischh orthodoxe Kirche ist neben Regierung und Oligarchenclans der drittwichtigste Machtfaktor und ein großer Teil der Bürger sieht sich als tiefgläubig.

So gehts in der modernen Welt. Man muss beständig bereit und in der Lage sein, Weltbilder, Erzählungen, Modelle, Ansichtssysteme komplett revidieren zu können. Anstrengend. Hilft aber nix!


Du sagst es. Genauso siehts auch in Deutschland aus. Ich hätte mir noch vor zehn Jahren nicht ansatzweise vorstellen können, das eines Tages in diesem schönen Land mit seinen vielen (aushaltbaren) Widersprüchen mal wieder die Gefahr eines faschistischen Umbruchs bestehen könnte. Und was ist los? Wir bewegen uns sukzessive genau dahin, falls nicht noch etwas Gravierendes in andere Richtung geschieht. Es ist fünf vor zwölf.
Drüben im Walde kängt ein Guruh - Warte nur balde kängurst auch du. Joachim Ringelnatz
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Re: Die Medien und die Filterblase

Beitragvon Uffhausen » Fr 28. Sep 2018, 15:21

Selina hat geschrieben:(28 Sep 2018, 15:06)
Ich hätte mir noch vor zehn Jahren nicht ansatzweise vorstellen können, das eines Tages in diesem schönen Land mit seinen vielen (aushaltbaren) Widersprüchen mal wieder die Gefahr eines faschistischen Umbruchs bestehen könnte. Und was ist los? Wir bewegen uns sukzessive genau dahin, falls nicht noch etwas Gravierendes in andere Richtung geschieht. Es ist fünf vor zwölf.


Ich bemerke zwar die deutlichen Anzeichen, aber ich sehe noch nicht so krass wie du.

Was ich viel erschreckender finde ist, dass die Regierungsparteien ÜBERHAUPT NICHTS tun, um der AfD auch nur ansatzweise und zumindest einen Hauch Wind aus den Segeln zu nehmen. Gerade das Beförderungs-Gedöns samt Rücknahme und öffentlicher Entschuldigungen um den Maaßen ist ja Volksverarsche in absoluter Reinkultur gewesen, da braucht es keinen mehr wundern, wenn die AfD gemäß Umfragen nunmehr auf Platz zwei vorgerückt ist. Für Merkel & Co ist es bei aller Liebe nicht fünf vor zwölf - vielleicht fünf vor zwei in der Nacht und alle ihre Wecker sind stehen geblieben, weswegen sie meinen, einfach weiter und immer weiter und immer weiter pennen zukönnen. Dabei wäre es sooooo einfach... :rolleyes:
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Re: Die Medien und die Filterblase

Beitragvon Letzter_Hippie » Fr 28. Sep 2018, 16:17

schokoschendrezki hat geschrieben:(28 Sep 2018, 13:56)
Ich habe (oder besser gesagt hatte) einen guten Bekannten, der im gewöhnlichen Leben Informatiker war aber ebenfalls etliche Reisen in Gebiete der Erde unternahm, die nicht gerade Touristenzentren sind. Das vorletzte mal heuerte er im Kongo, einem der instabilsten Staaten der Welt, auf einem Binnenfrachtschiff an und fuhr damit den Kongofluss herunter. Der weiß schon, wies in der Welt vor Ort aussieht. Der war aber auch nicht der Meinung, dass alle Medien gleichgeschaltet sind und wie in einer großen Filterblase aussehen.


Muss er ja nicht. Und?

Es gibt Menschen im westlichen Teil Berlins, für die eine S-Bahnfahrt nach Marzahn ganz im Nordosten eine angstbesetzte Vorstellung ist. Ich habe schon mal eine Beschreibung dieser "Angst" gehört, wonach jemand das Wort "Marzahn" schon vom Klang her mit einem schwarzen Moloch assoziiert.


Keine Ahnung was/wo Marzahn ist, aber ich fühle mich in den Slums von Jakarta sicherer als in Berlin.

Wenn überhaupt, dann sind "Filterblasen" nur im Plural zu verstehen. Und im Zusammenhang mit Phänomenen sozialer Abgrenzungen.


Der Punkt ist doch, dass die endlosen Belehrungen sozialtherapeutischer Oberlehrer, was gefälligst wie "zu verstehen ist", nicht mehr ziehen. Denkbetreuung kommt nicht mehr gut an.
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Re: Die Medien und die Filterblase

Beitragvon Letzter_Hippie » Fr 28. Sep 2018, 16:58

schokoschendrezki hat geschrieben:(28 Sep 2018, 14:55)
So gehts in der modernen Welt. Man muss beständig bereit und in der Lage sein, Weltbilder, Erzählungen, Modelle, Ansichtssysteme komplett revidieren zu können. Anstrengend. Hilft aber nix!


Selber schuld. Auf die Weise kannst du nur eine reaktive Betrachtungsweise erreichen: du wirst ständig von den
Ereignissen überrannt und hechelst ihnen hinterher.

Vor allem aber hast du keinerlei Möglichkeit, vorausschauende Politik zu machen - die nicht das berücksichtig was heute ist, sondern das was in 25 Jahren sein wird.

Das ist etwa so wie wenn du am Meer sitzst, und die Wellen kommen an, und du beobachtest: ups, jetzt geht das Wasser bis zum Picknickkorb - und 30 sec. später: ups, jetzt ist es wieder zehn Meter weit weg.

Die geistige Transferleistung an der Stelle wäre dann, zu erkennen, was Wellen sind.
Die wird aber leider nicht erbracht. :(
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Re: Die Medien und die Filterblase

Beitragvon Der Neandertaler » Fr 28. Sep 2018, 17:43

Hallo Letzter_Hippie.
Letzter_Hippie hat geschrieben: Logischerweise muss es jetzt aus dem Untergrund ein "Spiel nach rechts" geben, denn die Balance muss wieder hergestellt werden - und es deucht nicht wunder, wenn dabei Begriffe auftauchen, die schon mal verwendet wurden.
"Spiel nach rechts" ... nach links? Wieso? Damit würde doch nur das verstärkt, was meiner Meinung nach das jetzige Dilemma ausmacht:
    Polarisierung auf Grund einer Ideologie.
Dadurch, daß recht viele Informationen ... fast zu viele Informationen auf den Einzelnen einprasseln, und er dies nicht mehr adäquat einordnen kann, resigniert der Ein oder Andere und sucht letztendlich irgendwo und irgendwen, der dies kann und will. Dadurch unterliegt er aber der Gefahr, daß dies ideologisch ausgeweidet wird und er so ideologisch einseitig beeinflußt wird. Wir brauchen also nicht etwa ein paar Jahre links- und danach ein paar Jahre rechtslastige Regierungen (nebenbei: welchen Zeitraum würdest Du dann ansetzen?), sondern wir brauchen Nivellierung. Wir benötigen Ausgleich ... aber nicht im Sinne von Gleichmacherei.
Letzter_Hippie hat geschrieben:... zu viel Input (und zu viel Abstraktion, und zuviel Schellebigkeit) ist. Man muss an all dem Neuen "dranbleiben", also kürzt man es aufs Bauchgefühl - das aber auch oft nicht gut trainiert wurde. (Intuition kann man ja trainieren, aber das ist auch mühsam.)
... an all dem Neuen "dranbleiben"? Warum? Unser Gehirn arbeitet auch nicht so. Es filtert alles aus, was es für nicht relevant hält. Also sollte auch jeder in der Lage ... oder willens sein, ebenso vorzugehen. Stattdessen scheint es überhand zu nehmen, sich schon im vorauseilenden Gehorsam über vieles aufzuregen, was sich im Nachhinein als haltlos erweist.
"Ich teile Ihre Meinung nicht, ich werde aber bis zu meinem letzten Atemzug kämpfen, daß Sie Ihre Meinung frei äußern können." (Voltaire)
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Re: Die Medien und die Filterblase

Beitragvon Der Neandertaler » Fr 28. Sep 2018, 17:59

Hallo Uffhausen.
Uffhausen hat geschrieben:Anstatt die Zeit mit Berechnung von Geburtenraten zu verplempern, sollten die Deutschen lieber mehr Kinder in die Welt setzen. Von Nix gibt's später keine Rente.
Wenn wir mal die Gründe dafür außer Acht lassen, ... mit dieser Aussage unterliegst Du dem gleichen Fehler, dem schon Adenauer unterlag.

Als der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, Konrad Adenauer, 1957 die Umstellung der gesetzlichen Rentenversicherung auf eine Umlagefinanzierung vornehmen wollte, sagte er:
    "Kinder kriegen die Leute immer"
Daß er damit irrte, wissen wir heute! Der Fehler war und ist aber, daß ein Mehr an Kindern nicht zwangsläufig und folgerichtig auch eine höheres Einkommen der Sozialsysteme bedeutet. Einer höheren Geburtenrate müssen auch gleichviele Arbeitsplätze entgegenstehen.
    ... oder weniger Arbeitsplätze - dafür aber besser entlohnte Arbeitsplätze!
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