Deutsche Film/Fernsehlandschaft

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peterkneter
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Deutsche Film/Fernsehlandschaft

Beitragvon peterkneter » Di 18. Sep 2018, 08:24

Liebe alle, ich fand es an der Zeit dieses Thema einmal anzusprechen. Die Industrie in Deutschland beklagt ja gefühlt seit 20 Jahren, dass kein Spielraum für Experimente besteht und das die Filmförderung im Vergleich zu anderen europäischen Staaten (nicht zu Vergessen UK und USA) verschwindend klein/gering ist.

MUTLOSIGKEIT:
Ja, die Filmförderung ist wirklich erschreckend gering. Es ist kein Wunder, dass man deswegen in Deutschland nicht wirklich von einer Industrie reden kann. Das Produzententum in Deutschland ist natürlich nicht mit den großer Studios in den USA zu vergleichen - was aber auch ein Mentalitätsproblem ist. In den USA geht man mit "Think big" natürlich ganz anders an Ideen heran. In Deutschland steht sehr oft entweder die Wirtschaftlichkeit im Vordergrund und dies bremst dann eigene/originäre Idee sofort aus, weil man zu unsicher ist, ob das was wird und man macht dann lieber doch den 14. Teil von Bibi und Tina oder doch wieder vorsichtshalber einen Film der schon eine Buchvorlage hatte (das ist immer ein sehr gutes Argument, von wegen, es gäbe da ja schon eine Fanbase im Hintergrund, da kann der wirtschaftliche Mißerfolg ja nicht groß sein). Aus dieser Mutlosigkeit entstehen kaum eigene Stoffe und wenn dann mal eigene Stoffe produziert werden, dann aber bitteschön nur mit Till Schweiger, oder seinen Kindern oder dem Schwiegersohn von Iris Berben oder den Ochsenknecht-Kindern. Oder Matthias Schweighöfer. (Also einen "Star" der seinerseits die Fans ins Kino bringt).
Es wird nichts riskiert. Ich war vor einigen Jahren auf einem Nachwuchspanel und "wichtige" Entscheider deutscher Fernsehanstalten saßen auf dem Podium. Es kam zum Thema Nachwuchs überhaupt keine Debatte auf, da gleich abgewiegelt wurde, dass es billiger ist amerikanische Formate zu kaufen und zu synchronisieren als etwas zu riskieren, was möglicherweise nichts wird. Die ganzen Nachwuchs-Autoren waren da natürlich wie vor den Kopf gestoßen.

Natürlich ist es in Amerika im Moment nicht anders. Wenn man die Kinocharts von 1997 und 2017 vergleicht so waren 1997 ca. 3 Filme in den Top 20, die auf einem Vorigen Teil basieren. 2017 waren es schon 14 von 20. D.h. immer nur Sequel, Prequel und Spin off. Pixar hat das mittlerweile erkannt und gemeldet, dass Pixar nach 2019 keine Sequels mehr produzieren wird um wieder neuen Ideen mehr Spielraum zu geben. So einen Mut würde ich mir mal von Deutschen TV-Sendern oder Filmförderanstalten wünschen.

Film/Fernseförderung:
Hier nur ein Beispiel, was mich persönlich immer aufregt. TATORT. Wie manche vielleicht wissen gibt es in je einem Städchen pro Bundesland einen Tatort weil es sogenannte Regionaleffekte gibt. D.h. es gibt in jedem Bundesland regionale Förderungen, die regional ausgegeben werden müssen. Dann ist es so, dass 4-5 Monate bevor der Dreh in einer dieser Städe, sagen wir mal Münster, stattfindet, diverse Wohnungen angemietet werden. Hier werden dann alle Crewmitglieder aus Berlin kurzerhand nach Nordrhein-Westfalen umgebürgert, damit sie die Fördergelder aus Nordrhein-Westfalen bekommen können und danach werden die Wohnungen wieder gekündigt. Und so tingelt der Berliner Wanderzirkus durch die Bundesländer und greift die regionalen Fördermittel ab. Natürlich werden die ein oder anderen Statistenrollen auch an lokale Schauspieler vergeben, zu mehr reicht es dann aber nicht.

NEUE UFER
Netflix, Prime und Co. könnten auch in Deutschland entlich zu einem Umdenken führen. Wie genau das aussehen könnte und wie die verkrusteten Stukturen der TV-Sender sich ins 21. Jahrhundert retten können oder eben nicht wäre interessant zu diskutieren.

Was sind eure Erfahrungen? Wie ist eure Sicht auf den deutschen Film?
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Re: Deutsche Film/Fersehlandschaft

Beitragvon Sole.survivor@web.de » Di 18. Sep 2018, 08:35

Deutsche Fernsehfilme wirken oft wie schlecht nachgemacht. Besser ist es mit Krimiserien und Realityformaten. Die wirken so, wie man es erwartet. Es gibt einen Haufen kurzweilige, teils regionale Vorabendprogramm-Kost, die zwar keine ernstzunehmende Dramaturgie hat, aber gut gemacht ist. Leider drehen sich solche Diskussionen zu sehr um Primetime-Formate.
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Re: Deutsche Film/Fernsehlandschaft

Beitragvon schokoschendrezki » Di 18. Sep 2018, 08:41

Ich habe in den letzten 5 bis 10 Jahren so gut wie jede Konsumierung von irgendwie fiktionalen visuellen Produkten eingestellt. Nur als Information, nicht als Einwand. Insbesondere die Kopplung von historischen Darstellungen mit visuellen, fktionalen Elementen geht bei mir garnicht. Völliger Rückzug auf Text und Audio. Bilder und vor allem bewegte Bilder sind immer gefällig und lügen im allgemeinen auch.
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peterkneter
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Re: Deutsche Film/Fernsehlandschaft

Beitragvon peterkneter » Di 18. Sep 2018, 08:51

schokoschendrezki hat geschrieben:(18 Sep 2018, 09:41)

Ich habe in den letzten 5 bis 10 Jahren so gut wie jede Konsumierung von irgendwie fiktionalen visuellen Produkten eingestellt. Nur als Information, nicht als Einwand. Insbesondere die Kopplung von historischen Darstellungen mit visuellen, fktionalen Elementen geht bei mir garnicht. Völliger Rückzug auf Text und Audio. Bilder und vor allem bewegte Bilder sind immer gefällig und lügen im allgemeinen auch.


Das ist natürlich bedauerlich für diejenigen, die versuchen qualitativ hochwertige Inhalte zu produzieren. Aber es ist auch ein nachvollziehbarer Trend - die Abschaffung des Fernsehgeräts und meiner Meinung nach werden sich deutsche Fernsehsender, wie sie im Moment bestehen, mit ihrem Rundfunkrat mit Vermischung von Politik und Kulturvertretern nicht mehr lange halten können. Allein die überbordende Bürokratie in den Sendern ermöglicht keinen schnellen Trendwechsel. Deswegen sehen Deutsche Produktionen in der Regel aus wie aus den 90er Jahren...

@lügende Bilder: Dies kann natürlich nur auf dokumentarische Formate bezogen sein. Fiktionen zu erzeugen ist ja letztlich gewollte manipulation. Film ist letzlich immer Trick. Und zum dokumentarischen und zum Thema des manipulativen gönnen sie sich gerne einmal die Diskussion um Cinema Verité und Direct Cinema - Zwei interessante dokumentarische Herangehensweisen.
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Re: Deutsche Film/Fersehlandschaft

Beitragvon peterkneter » Di 18. Sep 2018, 08:53

Sole.survivor@web.de hat geschrieben:(18 Sep 2018, 09:35)

Deutsche Fernsehfilme wirken oft wie schlecht nachgemacht. Besser ist es mit Krimiserien und Realityformaten. Die wirken so, wie man es erwartet. Es gibt einen Haufen kurzweilige, teils regionale Vorabendprogramm-Kost, die zwar keine ernstzunehmende Dramaturgie hat, aber gut gemacht ist. Leider drehen sich solche Diskussionen zu sehr um Primetime-Formate.


Wir müssen nicht nur über Primetime reden. Gerne alles!
@Reality-Formate: ich hoffe sie meinen nicht Formate wie "Jung, pleite, verzweifelt" oder ähnliches. Das sind tatsächlich äußerst billig produzierte Formate, die immer nach dem gleichen Schema laufen und mit Laiendarstellern besetzt sind die teilweise unterirdisch spielen...
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Re: Deutsche Film/Fersehlandschaft

Beitragvon Sole.survivor@web.de » Di 18. Sep 2018, 08:56

peterkneter hat geschrieben:(18 Sep 2018, 09:53)

Wir müssen nicht nur über Primetime reden. Gerne alles!
@Reality-Formate: ich hoffe sie meinen nicht Formate wie "Jung, pleite, verzweifelt" oder ähnliches. Das sind tatsächlich äußerst billig produzierte Formate, die immer nach dem gleichen Schema laufen und mit Laiendarstellern besetzt sind die teilweise unterirdisch spielen...

Nein, ich meine tatsächlich so Sachen wie Rosins Restaurant, nicht "Verdachtsmomente" oder so
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Re: Deutsche Film/Fernsehlandschaft

Beitragvon schokoschendrezki » Di 18. Sep 2018, 09:06

peterkneter hat geschrieben:(18 Sep 2018, 09:51)
Das ist natürlich bedauerlich für diejenigen, die versuchen qualitativ hochwertige Inhalte zu produzieren. Aber es ist auch ein nachvollziehbarer Trend - die Abschaffung des Fernsehgeräts und meiner Meinung nach werden sich deutsche Fernsehsender, wie sie im Moment bestehen, mit ihrem Rundfunkrat mit Vermischung von Politik und Kulturvertretern nicht mehr lange halten können. Allein die überbordende Bürokratie in den Sendern ermöglicht keinen schnellen Trendwechsel. Deswegen sehen Deutsche Produktionen in der Regel aus wie aus den 90er Jahren...

Nicht nur die überbordende Bürokratie. TV-Kanäle, besonders öffentliche, sind Institutionen, die vor allem Sportübertragungsrechte eintreiben und entsprechende Organisationen finanzieren.
@lügende Bilder: Dies kann natürlich nur auf dokumentarische Formate bezogen sein. Fiktionen zu erzeugen ist ja letztlich gewollte manipulation. Film ist letzlich immer Trick. Und zum dokumentarischen und zum Thema des manipulativen gönnen sie sich gerne einmal die Diskussion um Cinema Verité und Direct Cinema - Zwei interessante dokumentarische Herangehensweisen.

Das ist natürlich vollkommen richtig. Und Arthouse als Genre existiert ja auch noch. Ganz am Rand. Aber glücklicherweise. Und bringt noch immer Außerordentlches hervor.
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Re: Deutsche Film/Fernsehlandschaft

Beitragvon peterkneter » Do 20. Sep 2018, 15:10

Was denkt ihr über die Beteiligung von Amazon Prime und Netflicks an deutschen Produktionen?

http://www.spiegel.de/kultur/tv/nico-ho ... 28537.html
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Re: Deutsche Film/Fernsehlandschaft

Beitragvon peterkneter » Fr 21. Sep 2018, 20:13

Hier übrigens der neue Schweiger, passend zum Thema

http://www.spiegel.de/kultur/kino/til-s ... 29312.html
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Re: Deutsche Film/Fernsehlandschaft

Beitragvon Ein Terraner » Fr 21. Sep 2018, 20:17

peterkneter hat geschrieben:(20 Sep 2018, 16:10)

Was denkt ihr über die Beteiligung von Amazon Prime und Netflicks an deutschen Produktionen?

http://www.spiegel.de/kultur/tv/nico-ho ... 28537.html

Dann klebt auch ein Amazon oder Netflix Stempel drauf, damit hat sich auch die deutsche Produktion erledigt.

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