Wie und wodurch werden Verschwörungstheorien befördert?

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schokoschendrezki
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Wie und wodurch werden Verschwörungstheorien befördert?

Beitragvon schokoschendrezki » Fr 7. Sep 2018, 07:42

Aus einem anderen Thread ("Sinti und Roma")
Thales hat geschrieben:(11 Aug 2018, 13:01)

Ich mag lieber eine "Verschwörungstheorie", die aber eine Erklärung versucht als solche nichtssagenden Parolen.
MMn liegt das Problem im kapitalistischem System selber. Die kommunistische Wirtschaft hat versagt, weil die Menschen die Illusion brauchen, irgendwie im Laufe des Lebens "reich" zu werden oder wohlhabend, frei von Zukunfssorgen etc.
Die kapitalistische Wirtschaft lebt von der Illusion des ewigen Wachstums. Nachdem die Auslandsmärkte aufgeteilt wurden, bleibt als Wachstumsmöglichkeit nur noch der Konsum im Inland. Durch Flüchtlinge und auch Roma ... steigt der Konsum. Ein Bulibascha kauft sich eine Mercedes-Limousine, nicht eine Dacia. Dass das alles durch die Steuerzahler finanziert wird, interessiert ALDI, MERCEDES usw nicht. Für die Bonzen gilt stets: "Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren"

In der Reihe "Hörsaal" von DLF Nova gabs aktuell einen recht interessanten Vortrag des Amerikanisten Michael Butter zum Thema. https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/gefahr-durch-verschwoerungstheorien-einfache-wahrheiten-fuer-eine-komplizierte-welt

Das allgemeinen Bild lautet ja, dass VTs vor allem ein aktuelles und auch Internet-befördertes Phänomen sei. Nicht doch: Bis etwa 1960 waren Verschwörungstheorien weitaus verbreiteter als heute. Die vielleicht schlüssigsten Beispiele wären Thomas Manns "Betrachtungen eines Unpolitischen", in welchem er unter anderem die Deutschlandfeindlichkeit der Welt als das Werk von Illuminaten und Freimaurern darstellt. Henry Ford und (so gut wie alle) US-Präsidenten bis etwa 1960 werden als weitere Beispiele angeführt. Hier sind es vor allem VTs, die sich auf die Rolle Englands als ehemaliger Kolonialmacht beziehen. George Washington im 18. Jh. sah den Unabhängigkeiskrieg der USA vor allem als Abwehr einer Verschwörung.

Die Frage ist nicht nur die, warum aktuelle VTs eine Konkjunktur erleben sondern warum sie wieder eine Konjunktur erleben.

Und Michael Butter versucht, diese Frage nicht nur mit der Frage nach "wahr" oder "falsch" zu beantworten, sondern auch sozialpsychologisch. Eine der Grundaussagen des Vortrags - so wie ich es verstanden habe - lautet: Verschwörungstheorien retten das gewohnte deterministische Kausalitätsprinzip. Eine benennbare Ursache führt zu einer benennbaren Folge. Unbewusste Komplexitätsvermeidung könnte man das Ganze auch nennen.
Zuletzt geändert von Brainiac am Di 11. Sep 2018, 20:07, insgesamt 1-mal geändert.
Grund: [MOD] Strangtitel präzisiert
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Re: Verschwörungstheorien

Beitragvon General Failure » Fr 7. Sep 2018, 08:09

schokoschendrezki hat geschrieben:(07 Sep 2018, 08:42)

Die Frage ist nicht nur die, warum aktuelle VTs eine Konkjunktur erleben sondern warum sie wieder eine Konjunktur erleben.

Dazu müsste man zunächst definieren, was "Verschwörung" ausmacht und wie "Verschwörungstheorie" abgegrenzt wird. Der politisch korrekten Definition - der auch zahllose Autoren folgen - nach ist "Verschwörungstheorie" alles, was sich unter "nonkonformistische Theorie" subsumieren lässt; plakativ gesagt also alles, was nicht von den Herrschenden abgesegnet wurde. Oder noch einfacher gesagt: Alles, was der Meinung jener widerspricht, die über die Meinungs-Hoheit verfügen (oder glauben, darüber zu verfügen); ist Verschwörungstheorie.

In diesem Sinne, und das ist dann die Antwort auf deine Frage, gibt es auch stete Bewegung in der Konjunktur von Verschwörungstheorien: Sie häufen sich immer dann, wenn Meinungs-Hoheits-Besitzer und Meinungs-Vertreter divergente Meinungen haben. Und sie werden IMMER einseitig klassifiziert. Beispiel: "9/11". Die eine Seite postuliert eine "Verschwörung von (Akzent: arabischen) Terroristen als Akkumulation religiöser Interessengruppen"; die andere Seite postuliert eine "Verschwörung vor allem finanzieller Interessengruppen". Beide legen die Verschwörung als Grundlage; doch nur eine Seite, eine Gruppe wird der Verschwörungstheorie(n) (deren Begriff übrigens im öffentlichen Diskurs stets pejorativ verwendet wird) "bezichtigt". Bei der anderen Gruppe verzichtet man, und das ist schon sehr weit gegriffen, auf den Zusatz der "Verschwörung": Es ist - wohlgemerkt: je nach Perspektive schlimmstenfalls oder bestenfalls - eine Theorie. Punkt.
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Re: Verschwörungstheorien

Beitragvon schokoschendrezki » Fr 7. Sep 2018, 08:30

General Failure hat geschrieben:(07 Sep 2018, 09:09)
Dazu müsste man zunächst definieren, was "Verschwörung" ausmacht und wie "Verschwörungstheorie" abgegrenzt wird. Der politisch korrekten Definition - der auch zahllose Autoren folgen - nach ist "Verschwörungstheorie" alles, was sich unter "nonkonformistische Theorie" subsumieren lässt; plakativ gesagt also alles, was nicht von den Herrschenden abgesegnet wurde. Oder noch einfacher gesagt: Alles, was der Meinung jener widerspricht, die über die Meinungs-Hoheit verfügen (oder glauben, darüber zu verfügen); ist Verschwörungstheorie.

Das tut der Autor des verwiesenen Vortrags allerdings nicht. Im Gegenteil. Verschwörungstheorien zeichnen sich eben gerade durch ihr konformistisches Potenzial aus. Das dürfte vor allem an der einfachen Tatsache liegen, dass nicht verschwörungstheoretische Erklärungen im allgemeinen anstrengend und oft schwer verständlich sind. Ein großer Teil der Vorlesung ist der Frage nach dem Zusammenhang von Populismus und VTs gewidmet.

Und ansonsten gibts gleich am Anfang eine Aufzählung dreier wichtiger Symptome, die auf einen verschwörungstheoretischen Ansatz hindeuten (ihn aber nicht zwangsläufig belegen müssen):

1. "Grundsätzliche Nichtzufälligkeit". Alles folgt einem System. Alles ist geplant. Nichts ist zufällig.

2. "Verbundenheit": Alles ist grundsätzlich immer mit allem verbunden.

3. "Nichts ist so wie es scheint". Und es gibt die, die fähig sind, "hinter die Kulissen" zu blicken und es gibt die, die das nicht tun oder nicht können oder nicht wollen.
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Re: Verschwörungstheorien

Beitragvon Polibu » Fr 7. Sep 2018, 08:36

Ich frage mich besonders wie man der VT glauben kann, dass die NSA Bürger belauscht?
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Re: Verschwörungstheorien

Beitragvon schokoschendrezki » Fr 7. Sep 2018, 08:41

Polibu hat geschrieben:(07 Sep 2018, 09:36)

Ich frage mich besonders wie man der VT glauben kann, dass die NSA Bürger belauscht?

Das ist einfach deshalb keine Verschwörungstheorie, weil es keine Theorie ist. Zur Erinnerung: "Ausspähen unter Freunden geht gar nicht" ist offizielles Regierungsstatement. Können wir hier also erstmal rauslassen.
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Re: Verschwörungstheorien

Beitragvon Polibu » Fr 7. Sep 2018, 08:45

schokoschendrezki hat geschrieben:(07 Sep 2018, 09:41)

Das ist einfach deshalb keine Verschwörungstheorie, weil es keine Theorie ist. Zur Erinnerung: "Ausspähen unter Freunden geht gar nicht" ist offizielles Regierungsstatement. Können wir hier also erstmal rauslassen.


Jetzt weisst du warum ich dieses Beispiel gewählt habe. :)

Viele Jahre wurde eben dieser Fakt als VS abgetan.
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Re: Verschwörungstheorien

Beitragvon schokoschendrezki » Fr 7. Sep 2018, 08:55

Polibu hat geschrieben:(07 Sep 2018, 09:45)

Jetzt weisst du warum ich dieses Beispiel gewählt habe. :)

Viele Jahre wurde eben dieser Fakt als VS abgetan.

Auch auf die (gar nicht mal wenigen) Fälle von aufgedeckten "Verschwörungen" wird eingegangen. Der Punkt hier ist, dass solche Verschwörungen so gut wie immer einen durchgängig ambivalenten Verlauf und vor allem ein durchgängig ambivalentes Ende haben. Dem Sturz Mossadeghs im Iran unter Zuarbeit von CIA und britischen Geheimdiensten folgte Jahre später die islamische Revolution. Zwischen NSA und amerkanischen Regierungen bzw. Präsidenten herrscht keineswegs und gerade auch aktuell Einvernehmen. Die Wirklichkeit ist im Gegensatz zu Verschwörungstheorien immer komplex und ambivalent.
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Re: Verschwörungstheorien

Beitragvon Alexyessin » Fr 7. Sep 2018, 09:06

Polibu hat geschrieben:(07 Sep 2018, 09:45)

Jetzt weisst du warum ich dieses Beispiel gewählt habe. :)

Viele Jahre wurde eben dieser Fakt als VS abgetan.


Von wem?
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Re: Verschwörungstheorien

Beitragvon Neandertaler » Fr 7. Sep 2018, 09:26

General Failure hat geschrieben:(07 Sep 2018, 09:09)
.

In diesem Sinne, und das ist dann die Antwort auf deine Frage, gibt es auch stete Bewegung in der Konjunktur von Verschwörungstheorien: Sie häufen sich immer dann, wenn Meinungs-Hoheits-Besitzer und Meinungs-Vertreter divergente Meinungen haben. Und sie werden IMMER einseitig klassifiziert. Beispiel: "9/11". Die eine Seite postuliert eine "Verschwörung von (Akzent: arabischen) Terroristen als Akkumulation religiöser Interessengruppen"; die andere Seite postuliert eine "Verschwörung vor allem finanzieller Interessengruppen". Beide legen die Verschwörung als Grundlage; doch nur eine Seite, eine Gruppe wird der Verschwörungstheorie(n) (deren Begriff übrigens im öffentlichen Diskurs stets pejorativ verwendet wird) "bezichtigt". Bei der anderen Gruppe verzichtet man, und das ist schon sehr weit gegriffen, auf den Zusatz der "Verschwörung": Es ist - wohlgemerkt: je nach Perspektive schlimmstenfalls oder bestenfalls - eine Theorie. Punkt.


Nicht jede Verschwörung ist eine Verschwörungstheorie.
Für die erste gibt es Massenweise Hinweise und Beweise, die zweite lebt davon die Hinweise der ersten Anzuweifeln, ohne sich daran zu stören das die Hinweise auf die eigene Version wesentlich zweifelhaften sind.
Letzte lebt von Glauben an dunkle Mächte und Pläne die die Welt bestimmen, während sie denn Einfluss von Zufall, (eigen)Dynamik, eigenen Handlungsspielraum etc. Ausschliest.
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Re: Verschwörungstheorien

Beitragvon Neandertaler » Fr 7. Sep 2018, 09:29

Polibu hat geschrieben:(07 Sep 2018, 09:45)

Viele Jahre wurde eben dieser Fakt als VS abgetan.

Quelle?

Geheimdienste spionieren na sowas aber auch...
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Re: Verschwörungstheorien

Beitragvon Cat with a whip » Fr 7. Sep 2018, 09:35

schokoschendrezki hat geschrieben:(07 Sep 2018, 08:42) Bis etwa 1960 waren Verschwörungstheorien weitaus verbreiteter als heute.

[...]


Die Frage ist nicht nur die, warum aktuelle VTs eine Konkjunktur erleben sondern warum sie wieder eine Konjunktur erleben.


Wie hat man belegt, dass zwischen 1960 und "Jetzt" VTs keine Konjunktur hatten?
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Re: Verschwörungstheorien

Beitragvon schokoschendrezki » Fr 7. Sep 2018, 09:36

Neandertaler hat geschrieben:(07 Sep 2018, 10:26)

Nicht jede Verschwörung ist eine Verschwörungstheorie.
Für die erste gibt es Massenweise Hinweise und Beweise, die zweite lebt davon die Hinweise der ersten Anzuweifeln, ohne sich daran zu stören das die Hinweise auf die eigene Version wesentlich zweifelhaften sind.
Letzte lebt von Glauben an dunkle Mächte und Pläne die die Welt bestimmen, während sie denn Einfluss von Zufall, (eigen)Dynamik, eigenen Handlungsspielraum etc. Ausschliest.

Das ist nicht ganz richtig. Ein ganz wichtiges Symptom für gegenwärtige VTs ist der "Sheeple"/"Schlafschaf"/"Lämmer"-Vorwurf. Also die Vorstellung, man müsse nur aus der Herde der vor sich hintrottenden dummen Schafe ausbrechen und sehen "was wirklich passiert". Darin würde der wichtige eigene Handlungsspielraum liegen, um "hinter die Kulissen zu schauen" oder überhaupt "die Wirklichkeit so zu sehen wie sie 'eigentlich' ist."

Exemplarisch dafür ein Artikel namens "Das Schweigen der Belämmerten" zu einer der gefährlichsten und verbreitetsten aktuellen Verschwörungstheorien: Der von einer geplanten und gezielten Islamisierung und Umvolkung des Westens durch eine kleine Gruppe von "irgendwie Mächtigen". https://vera-lengsfeld.de/2018/03/02/das-schweigen-der-belaemmerten-zu-umvolker-mounk-in-den-tagesthemen/
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Re: Verschwörungstheorien

Beitragvon MäckIntaier » Fr 7. Sep 2018, 09:37

General Failure hat geschrieben:(07 Sep 2018, 09:09)


In diesem Sinne, und das ist dann die Antwort auf deine Frage, gibt es auch stete Bewegung in der Konjunktur von Verschwörungstheorien: Sie häufen sich immer dann, wenn Meinungs-Hoheits-Besitzer und Meinungs-Vertreter divergente Meinungen haben. Und sie werden IMMER einseitig klassifiziert.


Ich glaube das ist der Punkt, der betrachtet gehört, bevor das jetzt wieder in quantenmechanisch esoterisch unscharfe Einzelphänomene übergeht.
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Re: Verschwörungstheorien

Beitragvon schokoschendrezki » Fr 7. Sep 2018, 09:43

Cat with a whip hat geschrieben:(07 Sep 2018, 10:35)

Wie hat man belegt, dass zwischen 1960 und "Jetzt" VTs keine Konjunktur hatten?


Ab Ende der 50er, Anfang der 60er gingen zwei ungute Dinge langsam zu Ende. Der hysterische Antikommunismus der McCarthy-Ära im Westen. Und der Nachkriegsstalinismus in der SU im Osten. Einem Charles Chaplin wurden in den USA Verbindungen zu kommunistischen Organisationen unterestellt. Juden in der SU der 50er Jahre galten nach Stalins Diktion als "Wurzellose Kosmopoliten" und das ganze gipfelte in der sogenannten "Ärzteverschwörung". Also auf beiden Seiten sogar von oben staatlichereseits indoktrinierte Verschwörungstheorien. Natürlich markiert das Ende dieser Ära auch einen allgemeinen Rückgang von VTs. Auch wenn es die sicherlich auch danach gab.
Zuletzt geändert von schokoschendrezki am Fr 7. Sep 2018, 10:04, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Verschwörungstheorien

Beitragvon schokoschendrezki » Fr 7. Sep 2018, 09:47

MäckIntaier hat geschrieben:(07 Sep 2018, 10:37)

Ich glaube das ist der Punkt, der betrachtet gehört, bevor das jetzt wieder in quantenmechanisch esoterisch unscharfe Einzelphänomene übergeht.

Dem lässt sich zunächst einmal entgegnen, dass auch für die Behauptung des "Meinungshoheitsbesitzes" irgendeiner Menschengruppe selbstverständlich die Hypothese "Verschwörungstheorie" zulässig ist.
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Re: Verschwörungstheorien

Beitragvon General Failure » Fr 7. Sep 2018, 09:48

schokoschendrezki hat geschrieben:(07 Sep 2018, 09:30)

Das tut der Autor des verwiesenen Vortrags allerdings nicht. Im Gegenteil.
Und genau das beanstande ich auch bei ihm. Er spricht über Verschwörungstheorie, ohne den Begriff zu definieren. Damit ignoriert er - beispielhaft - die "arabische '''''Verschwörung'''''" und konzentriert sich - anlehnend beispielhaft - auf die "finanzielle '''''Verschwörung'''''" als Maßstab der Verschwörungstheorie und karikiert einen seiner Leitsätze dieses Artikels selbst: "Es war in der westlichen Welt bis circa 1960 völlig normal, an Verschwörungstheorien zu glauben." (Michael Butter) ... Heute also nicht mehr? Heute glauben wir weder an das Postulat der einen noch der anderen Verschwörung und glauben stattdessen ... Was eigentlich? Gar nichts mehr? Wirklich?

schokoschendrezki hat geschrieben:(07 Sep 2018, 09:30)

Verschwörungstheorien zeichnen sich eben gerade durch ihr konformistisches Potenzial aus.
Ist das so? Ich sehe - um beim Beispiel zu bleiben - an der "arabischen Verschwörung" keinerlei konformistisches Potenzial; aber sehr viel "Hoheits-Potenzial"; denn jeder, der anderes behauptet oder auch nur nicht ausschließt(!), wird als "Verschwörungstheoretiker" abgetan.

Entsprechendes gilt übrigens für weitere Sätze, die er in diesem Artikel postuliert: "Verschwörungstheorien lassen sich wunderbar politisch instrumentalisieren." Setzen wir diesen Satz ins Verhältnis zur "9/11-Verschwörung", kommen wir zu einem interessanten Ergebnis: GERADE die "offizielle und vorgebliche Nicht-Verschwörungstheorie", die sich mit der Verschwörung religiöser Interessengruppen befasst, wurde politisch sogar MASSIV instrumentalisiert. Sie änderte die gesamte Weltsicht des Westens schlagartig; wie du etwa an den Rüstungsausgaben und Kriegsbestrebungen, insbesondere der USA und ihrer Verbündeten, nachvollziehen kannst.

Dem folgend müsste Butter hier tatsächlich zugrunde legen, die OFFIZIELLE Version sei eine Verschwörungstheorie; populistisch ausgeschlachtet und politisch instrulentalisiert. Doch obwohl er weiterhin in das gleiche Horn bläst, grenzt er sich interessanterweise NUR EINSEITIG ab: So leitet er vom unbestreitbaren Satz "Was Verschwörungstheorien so attraktiv mache: Sie bieten einfache Wahrheiten in einer komplizierten Welt und geben dadurch Halt." auf "Rechts-Populisten und ihre (beispielhafte) Austausch-Verschwörung" über.

(Es mag sein, dass er in seinen Vorträgen/Vorlesungen anders - abstrakter, vielleicht - argumentiert und veranschaulicht; doch dieser Artikel, auf den du hier verweist, ist unzweifelhaft tendenziös. Und GENAU DESHALB schrubte ich meine Eingangs-Einlassung genauso, wie sie ist.)

schokoschendrezki hat geschrieben:(07 Sep 2018, 09:30)

Das dürfte vor allem an der einfachen Tatsache liegen, dass nicht verschwörungstheoretische Erklärungen im allgemeinen anstrengend und oft schwer verständlich sind.

Das ist ein grundsätzlich fehlerhafter Erklärungsansatz. Auch vorgeblich "nicht verschwörungstheoretische Erklärungen" neigen zur drastischen Simplifizierung, sobald sie sich erklären müssen.

Das solltest du nicht mit dem Geschwurbel öffentlicher Erklärungen, etwa in der Politik, verwechseln! Selbiges dient im Regelfall nicht der Erklärung; sondern der Vernebelung von Tatsachen.

schokoschendrezki hat geschrieben:(07 Sep 2018, 09:30)

Ein großer Teil der Vorlesung ist der Frage nach dem Zusammenhang von Populismus und VTs gewidmet.

Bedauerlich. Viel spannender wäre zu beleuchten, wie der Zusammenhang zwischen den Lücken der "nicht-verschwörungstheoretischen Theorie" und den Lückenfüllern und oft späteren Verschwörungstheorien ist. Denn der Nährboden der "Verschwörungs-Theorie" (i.S.v. "Gegen-Theorie") ist IMMER die Lücke in der, nun, nennen wir sie Haupt-Theorie.

schokoschendrezki hat geschrieben:(07 Sep 2018, 09:30)
Und ansonsten gibts gleich am Anfang eine Aufzählung dreier wichtiger Symptome, die auf einen verschwörungstheoretischen Ansatz hindeuten (ihn aber nicht zwangsläufig belegen müssen):

1. "Grundsätzliche Nichtzufälligkeit". Alles folgt einem System. Alles ist geplant. Nichts ist zufällig.

2. "Verbundenheit": Alles ist grundsätzlich immer mit allem verbunden.

3. "Nichts ist so wie es scheint". Und es gibt die, die fähig sind, "hinter die Kulissen" zu blicken und es gibt die, die das nicht tun oder nicht können oder nicht wollen.
Das mag auf viele Theorien zutreffen, doch bei Weitem nicht auf alle. Nun ist es ohne Zahlen schwer, ein Bauchgefühl sicher abzugrenzen; doch ich versteige mich zu der Behauptung, dass es auf die wenigsten "halbwegs ernsthaften" Verschwörungs-Theorien zutrifft. Insofern ist die behauptete "Grundsätzlichkeit" ein tönerner Fuß, mit dem lediglich versucht wird, auf populistische Art abzugrenzen, wo eine definitorische Abgrenzung nicht nur einfacher; sondern auch verständlicher wäre.

Was hingegen letztgenannten Punkt betrifft: So ist es. Die Geheimniskrämerei ist allgegenwärtig. Und nur selten gelingt es einigen Wenigen, "hinter den Vorhang zu blicken" (etwa Snowden) und daraus "sinnvolle/zutreffende Schlussfolgerungen zu ziehen" (etwa Assange). Den "ultimativen Wahrheitsanspruch" erhebt jedoch nahezu ausschließlich das Klientel der "Haupt-Theorie"; also der "offiziell von der Meinungshoheit abgesegneten Verschwörungstheorie", wenn du so willst: Wer nicht daran glaubt, wer daran auch nur zweifelt, ist ... wie überraschend! ... Häretiker und Verschwörungstheoretiker. (Schaue dich um, wo du willst: Sobald du auf Nonkonformisten triffst, triffst du auch auf "Verschwörungstheoretiker"; doch (nahezu) nie auf der anderen Seite.)
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Re: Verschwörungstheorien

Beitragvon Cat with a whip » Fr 7. Sep 2018, 09:57

Gibt es bitte Transkripte zur DLF-Sendung und zum Vortrag Butters "Faszination Verschwörung" denn es ist leider recht unpraktisch und zeitaufwendig sich erst durch langatmige Filmchen und Audiospuren quälen zu müssen um interessierende Aussage suchen und zu finden.
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Re: Verschwörungstheorien

Beitragvon schokoschendrezki » Fr 7. Sep 2018, 09:57

General Failure hat geschrieben:(07 Sep 2018, 10:48)
Ist das so? Ich sehe - um beim Beispiel zu bleiben - an der "arabischen Verschwörung" keinerlei konformistisches Potenzial; aber sehr viel "Hoheits-Potenzial"; denn jeder, der anderes behauptet oder auch nur nicht ausschließt(!), wird als "Verschwörungstheoretiker" abgetan.

Ganz wörtlich von einer oder auch der "Arabischen Verschwörung" hat der syrische Machthaber Assad 2011 gesprochen, als es um den Ausschluss Syriens aus der arabischen Liga zu Beginn des syrischen Bürgerkriegs ging. https://www.tagesanzeiger.ch/ausland/naher-osten-und-afrika/Assad-wittert-eine-arabische-Verschwoerung/story/19347731 Ich gehe aber davon aus, dass du diese Verschwörung gar nicht meinst. Dieses Missverständnis verweist aber nach meiner Ansicht genau auf den Kern der Angelegenheit. Verschwörungstheorien verschweigen in der Regel die Heterogenität und Ambivalenz der Akteure. Immer geht es um einen - angeblich - einheitlich abgestimmten Plan.
Zuletzt geändert von schokoschendrezki am Fr 7. Sep 2018, 09:59, insgesamt 2-mal geändert.
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Re: Verschwörungstheorien

Beitragvon Cat with a whip » Fr 7. Sep 2018, 09:58

schokoschendrezki hat geschrieben:(07 Sep 2018, 10:43)

Ab Ende der 50er, Anfang der 60er gingen zwei ungute Dinge langsam zu Ende. Der hysterische Antikommunismus der McCarthy-Ära im Westen. Und der Nachkriegsstalinismus in der SU im Osten. Einem Charles Chaplin wurden in den USA Verbindungen zu kommunistischen Organisationen unterestellt. Juden in der SU der 50er Jahre galten nach Stalins Diktion als "Wurzellose Kosmopoliten" und das ganze gipfelte in der sogenannten "Ärzteverschwörung". Also auf beiden Seiten sogar von oben staatlichereseits indoktrinierte Verschwörungstheorien. Natürlich markiert das Ende dieser Ära auch einen allgemeinen Rückgang von VTs. Auch wenn es die sicherlich auch in dieser Zeit gab.


Finde ich dies in Butters Vortrag, wenn ja an welcher Stelle? Ich bin recht sicher dass das selektive zitieren von VTs keine wissenschaftliche Methode ist, auch nicht in den Sozialwissenschaften.
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Re: Verschwörungstheorien

Beitragvon schokoschendrezki » Fr 7. Sep 2018, 10:03

Cat with a whip hat geschrieben:(07 Sep 2018, 10:58)

Finde ich dies in Butters Vortrag, wenn ja an welcher Stelle? Ich bin recht sicher dass das selektive zieiteren von VTs keine wissenschaftliche Methode ist, auch nicht in den Sozialwissenschaften.

Für die Beiträge der Reihe "Hörsaal" gibt es leider keine downloadbaren Manuskripte. Bin also auf mein Kurzzeitgedächtnis angewiesen.

Selektives Zitieren ist sicherlich keine wissenschaftliche Methode, aber ganz ohne Beispiele lässt sich schwerlich argumentieren.
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