Schulbildung: Bundessache, Berufsbildung: Ländersache?

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Re: Schulbildung: Bundessache, Berufsbildung: Ländersache?

Beitragvon H2O » Mo 5. Mär 2018, 18:54

frems hat geschrieben:(05 Mar 2018, 17:31)

Das Kooperationsverbot gibt's erst seit 2006 und da geht's um Geld, nicht Gestaltung. Möglich ist es aber natürlich, dass der Räuber erst den Ländern das Geld raubt und ihnen danach anbietet, einen Teil zurückzugeben, wenn er dafür mehr Macht erhält. Das ist ja häufig so.


In diesem Fall schlägt mein Herz für den "Räuber". Mit dem föderalen Bildungssystem versündigt sich das Land an den Schulkindern. Wir leben inzwischen in offenen Grenzen in Europa, und da sorgt eine Kleinststaatenorganisation dafür, daß Ortswechsel durch Berufstätigkeit der Eltern schon im eigenen Lande zum Zukunftsrisiko für schulpflichtige Kinder werden... etwa weil andere Schultypen mit anderen Schwerpunkten den Wechsel erschweren.
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Re: Schulbildung: Bundessache, Berufsbildung: Ländersache?

Beitragvon Fuerst_48 » Mo 5. Mär 2018, 19:20

Sorgenking hat geschrieben:(05 Mar 2018, 18:47)

ICh weiß nicht was an Bachelor und Master so lächerlich ist?

Sind im Vergleich zum Doktoratsstudium und zum (inzwischen abgeschafften) Magister echte Pipifax-Graduierungen. Im Bankwesen oder in der Wirtschaft nicht oder kaum zu gebrauchen.
Oft sind soger Abgänger von Fachhochschulen besser qualifiziert.
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Re: Schulbildung: Bundessache, Berufsbildung: Ländersache?

Beitragvon Sorgenking » Mo 5. Mär 2018, 19:31

Fuerst_48 hat geschrieben:(05 Mar 2018, 19:20)

Sind im Vergleich zum Doktoratsstudium und zum (inzwischen abgeschafften) Magister echte Pipifax-Graduierungen. Im Bankwesen oder in der Wirtschaft nicht oder kaum zu gebrauchen.
Oft sind soger Abgänger von Fachhochschulen besser qualifiziert.


Ich finde das Prinzip mit Grundstudium Bachelor und dann Master als qualifizierung eigentlich ganz cool. Zumal doch viele selbst mit den Bachelor Studiengängen schon überfordert sind. Ich finde auch nicht das man da so wenig lernt, habe aber auch keinen Vergleich.
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Re: Schulbildung: Bundessache, Berufsbildung: Ländersache?

Beitragvon Fuerst_48 » Mo 5. Mär 2018, 19:39

Sorgenking hat geschrieben:(05 Mar 2018, 19:31)

Ich finde das Prinzip mit Grundstudium Bachelor und dann Master als qualifizierung eigentlich ganz cool. Zumal doch viele selbst mit den Bachelor Studiengängen schon überfordert sind. Ich finde auch nicht das man da so wenig lernt, habe aber auch keinen Vergleich.

Dank meiner UNI-Kontakte und denen zur Wirtschaft, ist mir da der Einblick ausreichend gegeben.
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Re: Schulbildung: Bundessache, Berufsbildung: Ländersache?

Beitragvon Sorgenking » Mo 5. Mär 2018, 20:40

Fuerst_48 hat geschrieben:(05 Mar 2018, 19:39)

Dank meiner UNI-Kontakte und denen zur Wirtschaft, ist mir da der Einblick ausreichend gegeben.


Aber was genau ist denn da der große Unterschied?
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Re: Schulbildung: Bundessache, Berufsbildung: Ländersache?

Beitragvon H2O » Mo 5. Mär 2018, 21:10

Quatschki hat geschrieben:(05 Mar 2018, 18:00)

Wenn man europäisch denkt, ist Bildung bei den Ländern besser aufgehoben.
Auf dem europäischen Arbeitsmarkt müssen die Arbeitgeber ohnehin mit den unterschiedlichen Abschlüssen der Bewerber zurechtkommen und tun dies ja auch.
Eine Vereinheitlichung wird es da auf absehbare Zeit nicht geben.


Na, ich würde schon noch erwarten, daß Abitur drin ist, wenn Abitur drauf steht.
Und daß Bachelor drin ist, wenn Bachelor... und bei Master nicht anders.

Wenn Mitarbeiter / Auszubildende gesucht werden, dann werden hoch qualifizierte Fachkollegen das Fachgespräch führen und die Personalabteilung von ihrem Eindruck unterrichten. Trotzdem ist es aber sinnvoll, daß Bewerber auch von vornherein von der Ausbildung her sehr wahrscheinlich die zu besetzende Stelle tatsächlich ausfüllen können. Sonst kann man sich diese Ausbildungsziele auch ganz schenken. Eine Einladung zum Bewerbungsgespräch verursacht Reisekosten und bindet teures Fachpersonal. Mit Trallala ist da nix zu machen.
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Re: Schulbildung: Bundessache, Berufsbildung: Ländersache?

Beitragvon Fuerst_48 » Mo 5. Mär 2018, 21:58

Sorgenking hat geschrieben:(05 Mar 2018, 20:40)

Aber was genau ist denn da der große Unterschied?

Wenig Tiefgang, wenig Substanz ... dem Niveau der Abiturienten/Maturanten entsprechend.
Ausnahmen bestätigen die Regel !
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Re: Schulbildung: Bundessache, Berufsbildung: Ländersache?

Beitragvon frems » Mo 5. Mär 2018, 22:19

H2O hat geschrieben:(05 Mar 2018, 18:54)

In diesem Fall schlägt mein Herz für den "Räuber". Mit dem föderalen Bildungssystem versündigt sich das Land an den Schulkindern. Wir leben inzwischen in offenen Grenzen in Europa, und da sorgt eine Kleinststaatenorganisation dafür, daß Ortswechsel durch Berufstätigkeit der Eltern schon im eigenen Lande zum Zukunftsrisiko für schulpflichtige Kinder werden... etwa weil andere Schultypen mit anderen Schwerpunkten den Wechsel erschweren.

Wir haben doch schon Standards auf EU-Ebene und die deutschen Länder haben sich weitestgehend untereinander verständigt. Wozu soll man aus Lehrern Bundesbeamte machen? :?:
Labskaus!

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Re: Schulbildung: Bundessache, Berufsbildung: Ländersache?

Beitragvon frems » Mo 5. Mär 2018, 22:24

Fuerst_48 hat geschrieben:(05 Mar 2018, 21:58)

Wenig Tiefgang, wenig Substanz ... dem Niveau der Abiturienten/Maturanten entsprechend.
Ausnahmen bestätigen die Regel !

Liegt auch sehr an den Hochschulen. Ob nun jemand fünf Jahre auf Diplom Maschinenbau an der TU München studiert oder auf Bachelor+Master, ist nicht so der große Unterschied. Die selben Dozenten, die selben Prüfungsformen, die selben Inhalte, die selben Gruppenarbeiten, der selbe Arbeitsaufwand... es kommt nur eine Zwischenetappe dazu, während die Absolventen der modernen Studiengänge im Schnitt besser verdienen (https://www.welt.de/regionales/muenchen ... anden.html). Da muss man den Teufel nicht an die Wand malen, zumal in die TUs in Österreich ja bei der deutschen Version der Master-Urkunde noch immer den Grad "Dipl.-Ing." verleihen. Und nein, ein Bachelor der Ingenieurwissenschaften an der TU Wien hat nichts mit einer schulischen Oberstufe zu tun. ;)
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Re: Schulbildung: Bundessache, Berufsbildung: Ländersache?

Beitragvon H2O » Mo 5. Mär 2018, 22:36

frems hat geschrieben:(05 Mar 2018, 22:19)

Wir haben doch schon Standards auf EU-Ebene und die deutschen Länder haben sich weitestgehend untereinander verständigt. Wozu soll man aus Lehrern Bundesbeamte machen? :?:


Das wäre natürlich gut. Meine Erinnerungen beziehen sich auf die 1970er und 1980er Jahre. Damals waren die Unterschiede nur mit viel Mühe für Kinder und Eltern aus zu gleichen. Ohne eigene Kinder hat man kaum eine Vorstellung davon, was Schulexperimente bedeuten können.

Ihren Worten entnehme ich, daß bei einer Versetzung nach Toulon meinen Kinder dort auf nahezu gleiche Weise die Naturwissenschaften vermittelt werden wie in Berlin? Also nur Sprachprobleme? Oder doch völlig andere Schulsysteme und Unterrichtsarten? Und ein deutsches Internat...
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Re: Schulbildung: Bundessache, Berufsbildung: Ländersache?

Beitragvon Fuerst_48 » Mo 5. Mär 2018, 23:41

frems hat geschrieben:(05 Mar 2018, 22:24)

Liegt auch sehr an den Hochschulen. Ob nun jemand fünf Jahre auf Diplom Maschinenbau an der TU München studiert oder auf Bachelor+Master, ist nicht so der große Unterschied. Die selben Dozenten, die selben Prüfungsformen, die selben Inhalte, die selben Gruppenarbeiten, der selbe Arbeitsaufwand... es kommt nur eine Zwischenetappe dazu, während die Absolventen der modernen Studiengänge im Schnitt besser verdienen (https://www.welt.de/regionales/muenchen ... anden.html). Da muss man den Teufel nicht an die Wand malen, zumal in die TUs in Österreich ja bei der deutschen Version der Master-Urkunde noch immer den Grad "Dipl.-Ing." verleihen. Und nein, ein Bachelor der Ingenieurwissenschaften an der TU Wien hat nichts mit einer schulischen Oberstufe zu tun. ;)

Das Thema der Vergleichbarkeit von Studiengängen wäre wohl eien eigenen Strang wert.
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Re: Schulbildung: Bundessache, Berufsbildung: Ländersache?

Beitragvon Brainiac » Di 6. Mär 2018, 08:37

frems hat geschrieben:(05 Mar 2018, 12:55)
"Früher war alles besser" reicht jedenfalls nicht, wenn wir uns nach der Subsidiarität richten, wonach in jedem Kompetenzfeld zu schauen ist, welche administrative Ebene am sinnvollsten ist. Das kann das Land sein, die Kommune, Europa oder eben auch mal der Bund. Aber dann braucht man schon entsprechende Gründe und bisher sprach wenig dafür.

Ich greife mal diesen Abschnitt heraus, weil das für mich der Kern der Debatte ist. Richtig, alles, wo eine Regelungskompetenz auf einer höheren zentralen Ebene (hier: Bund) keine erkennbaren Vorteile bringt, sollte lokal (hier: durch Länder und Gemeinden) geregelt werden. Das ist ja auch der Geist des GG, bestätigt durch diverse Urteile des Verfassungsgerichts.

Ich sehe aber beim Thema Schulbildung (weniger bei der Berufsbildung, wie schon eingangs erläutert) sehr wohl handfeste Vorteile einer zentralen Regelungskompetenz. Dabei geht es mir nicht nur speziell um das Verhältnis Bund / Länder (das ist nur der aktuelle Aufhänger wg. des Kooperationsverbots und dessen geplanter Aufhebung durch die GroKo), man kann genauso "Bund" durch "EU" und "Bundesländer" durch "Nationalstaaten" ersetzen und die Argumente blieben dieselben.

- Es gibt Bildungsbereiche, die von so hoher gesamtwirtschaftlicher Bedeutung sind, dass ein Bedarf an einer gesamtstaatlichen Regelungskompetenz (Gesetze, Verordnungen etc.) wie auch entsprechender Förderprogramme, besteht, weil nicht darauf gewartet werden kann, dass die Länder das alles von sich aus tun und das auch noch ggfs. via KMK abgestimmt bekommen. Wichtigstes Beispiel ist für mich der Block IT, Computer, Programmierung, Informatik, Soziale Medien etc. Ein Schritt wäre die flächendeckende Einführung des Pflichtfachs Informatik, gleichrangig zu Deutsch, Englisch und Mathematik etc. Lehrpläne sind das eine, fast noch wichtiger erscheint mir eine massive Förderung des Stellenwerts der Informatikkompetenz bei den Lehrern sowie die schulische Ausstattung. Klar arbeiten die Länder daran, sind aber unterschiedlich weit und m.E. dauert das insgesamt viel zu lange, um nicht den internationalen Anschluss zu verlieren. Von 2014:
Eine internationale Vergleichsstudie zu digitalen Kompetenzen bescheinigt deutschen Jugendlichen nur durchschnittliche Fähigkeiten.
https://www.goethe.de/de/m/kul/med/20693523.html
- Die schon angesprochenen Probleme beim Umzug von Schülern (und noch mehr bei Lehrern) behindern die Mobilität der Bürger bzw. können zu Nachteilen führen, was man als Beeinträchtigung der Gleichheit der Lebensverhältnisse in den verschiedenen Bundesländern ansehen kann.
- Die Redundanz zahlreicher Bildungseinrichtungen in den Ländern dürfte auch kostenseitig ein gewisses Einsparpotenzial bieten - Geld, das man ggfs. besser anders im Sinne der Bildung einsetzen könnte (reduziert werden sollten die Aufwendungen in Summe sicherlich nicht).

Ich sehe durchaus auch die Argumente für die Länderzuständigkeit (Förderung des Wettbewerbs, näher dran an lokalen Gegebenheiten, bessere / direktere demokratische Einflussmöglichkeit der betroffenen Bürger), würde aber die genannten Vorteile der Bundeszuständigkeit höher gewichten. Mir ist einfach nicht klar, wo bei der Vermittlung von Fächern wie Englisch, Deutsch, Mathematik, Informatik etc. die unbedingt zu berücksichtigenden lokalen Besonderheiten sein sollen. Bei der Berufsbildung sieht das, wie gesagt, deutlich anders aus.

Mit "Bundeszuständigkeit" meine ich übrigens nicht, dass der Bund Schulen betreiben soll. Mir geht es vor allem um die Regelungskompetenz (Gesetze, Verordnungen etc.) bis hin zu Rahmenlehrplänen, sowie die Finanzierung und Gestaltung von Investprogrammen. Hier kann man ja noch genügend Freiraum für die kreative Ausgestaltung lassen. Die Umsetzung sollte ohnehin weitestgehend bei den Ländern verbleiben, das wäre ähnlich wie in der Finanzverwaltung.
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Re: Schulbildung: Bundessache, Berufsbildung: Ländersache?

Beitragvon frems » Di 6. Mär 2018, 09:20

H2O hat geschrieben:(05 Mar 2018, 22:36)

Das wäre natürlich gut. Meine Erinnerungen beziehen sich auf die 1970er und 1980er Jahre. Damals waren die Unterschiede nur mit viel Mühe für Kinder und Eltern aus zu gleichen. Ohne eigene Kinder hat man kaum eine Vorstellung davon, was Schulexperimente bedeuten können.

Ihren Worten entnehme ich, daß bei einer Versetzung nach Toulon meinen Kinder dort auf nahezu gleiche Weise die Naturwissenschaften vermittelt werden wie in Berlin? Also nur Sprachprobleme? Oder doch völlig andere Schulsysteme und Unterrichtsarten? Und ein deutsches Internat...

Nein, im EQR wird festgelegt, welches Niveau bzw. welchen Stand Schüler (und Azubis, Studenten, ...) am Ende haben sollen. Der Weg ist jedem selbst überlassen.


Fuerst_48 hat geschrieben:Das Thema der Vergleichbarkeit von Studiengängen wäre wohl eien eigenen Strang wert.

Hatten wir teilweise schon in den Strängen zur vermeintlichen "Überakademisierung", aber das Geklage ist immer da. Das war schon so als rund um die 70er viele Ingenieurschulen zu Fachhochschulen im deutschsprachigen Raum erhöht wurden. In den 80ern und frühen 90ern war die finanzielle Ausstattung vieler Hochschulen dünn und die Arbeitgeber hatten auch wieder etwas zu meckern. Und so ist es dann heute, aber selten kommen konkrete Untersuchungen, die das Niveau beurteilen, sondern höchstens Umfragen oder Einzelmeinungen. Wenn die Wirtschaft aber für einen Master nach fünf Jahren deutlich mehr hinlegt als für ein Diplom der selben Dauer, kann es ja nicht so schlimm sein.
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Re: Schulbildung: Bundessache, Berufsbildung: Ländersache?

Beitragvon frems » Di 6. Mär 2018, 09:21

Brainiac hat geschrieben:(06 Mar 2018, 08:37)
- Es gibt Bildungsbereiche, die von so hoher gesamtwirtschaftlicher Bedeutung sind, dass ein Bedarf an einer gesamtstaatlichen Regelungskompetenz (Gesetze, Verordnungen etc.) wie auch entsprechender Förderprogramme, besteht, weil nicht darauf gewartet werden kann, dass die Länder das alles von sich aus tun und das auch noch ggfs. via KMK abgestimmt bekommen. Wichtigstes Beispiel ist für mich der Block IT, Computer, Programmierung, Informatik, Soziale Medien etc. Ein Schritt wäre die flächendeckende Einführung des Pflichtfachs Informatik, gleichrangig zu Deutsch, Englisch und Mathematik etc. Lehrpläne sind das eine, fast noch wichtiger erscheint mir eine massive Förderung des Stellenwerts der Informatikkompetenz bei den Lehrern sowie die schulische Ausstattung.

Aber wer sagt uns denn, dass der Bund dies erkennt und die meisten/alle Länder nicht? Bei uns war das ein ziemlicher Kampf bis vor wenigen Jahren, weil man viele ältere Bedenkträger hatte, die sich bspw. so äußerten:

Walter Scheuerl (* 2. August 1961 in Erlangen[1]) ist ein Hamburger Rechtsanwalt mit den Schwerpunkten Medienrecht, gewerblicher Rechtsschutz und Lebensmittelrecht. Er ist Initiator der Hamburger Bürgerinitiative Wir wollen lernen, die sich gegen die vom Hamburger Senat in der 19. Legislaturperiode (2008–2011) unter Bürgermeister Ole von Beust (CDU) und Schulsenatorin Christa Goetsch (GAL) angeschobene Schulreform wandte. [...]

Scheuerl verteidigte im Mai 2013 die Entfernung informatischer Inhalte aus dem Pflichtkanon der Stadtteilschulen in Hamburg. Er klassifizierte die Informatik als Teil der Physik[16] und erklärte die digitale Revolution für weitgehend abgeschlossen[17]. Dies brachte auch internationale Aufmerksamkeit für den Sachverhalt.[18] Sowohl Lehrkräfte, Schüler als auch Vertreter der Wirtschaft und anderer Parteien kritisierten dieses Vorhaben hingegen scharf.[19]

Ende 2014 sprach sich Scheuerl gegen ein Pilotprojekt zur Einführung von Laptops, Tablets und WLAN für den Unterricht an Hamburger Schulen aus. Dafür wurde er von Hansjörg Schmidt (SPD) kritisiert. Scheuerl sei ein „Ewiggestriger, der nicht verstanden hat, dass das Internet die Schulbibliothek von heute ist“, so Schmidt.[20]

https://de.wikipedia.org/wiki/Walter_Scheuerl

Zum Glück setzte sich am Ende, auch mit Druck aus der einflussreichen Handelskammer, die Vernunft durch. Heute lernen schon die Grundschüler den Umgang mit Medien. Alles andere wäre auch fahrlässig, wenn man bedenkt, dass Programmierkenntnisse nicht nur für ein Hochschulstudium entscheidend sind; und damit sind nicht nur die MINT-Fächer gemeint, sondern auch Sozialwissenschaften, z.B. statistische Auswertungen mit Programmiersprachen wie R in der Soziologie, Psychologie und Ökonomie, sondern auch in der Berufsausbildung, ob bei Kaufleuten oder Mechanikern, die mit VBA Scripte erstellen oder in CAD-Anwendungen Python-Zeilen schreiben müssen. Aber nun gut, hier im Forum meinte ja auch schon wer, sowas könne man streichen und sich später so nebenbei im Beruf aneignen... :?

Kleine, rohstoffarme Länder wie Estland setzten da schon früher an. Das Ergebnis lautet dann Skype, Kazaa, Robotex, E-Residency, SprayPrinter, Starship Technologies, Stigo oder Wolf3D. Ob die Generation Neuland im Bundestag da viel erreichen kann, bezweifle ich daher sehr. Dort sieht das Thema Digitalisierung ja so aus:

2008: "Problem fehlender Breitbandanschlüsse werde binnen 12 Monaten weitgehend gelöst" (Parlamentarischer Staatssekretär der CDU)
2009: "Drei Viertel der Haushalte haben bis 2014 50 Mbit/s" (Merkel)
2011: " erhebliche Potenziale auszuschöpfen [...], um weitere ehrgeizige Ziele der Breitbandstrategie zu erreichen" (Bundesregierung)
2013: "50 Mbit/s für alle bis 2018" (Koalitionsvertrag)
2013: Unionsminister Dobrindt verspricht "das schnellste Netz der Welt"
2015: "CDU will Rechtsanspruch auf schnelles Internet einführen... überall in Deutschland" (CDU-Programmkommission)

http://www.spiegel.de/netzwelt/web/volk ... 90731.html

Klar arbeiten die Länder daran, sind aber unterschiedlich weit und m.E. dauert das insgesamt viel zu lange, um nicht den internationalen Anschluss zu verlieren. Von 2014:
https://www.goethe.de/de/m/kul/med/20693523.html
- Die schon angesprochenen Probleme beim Umzug von Schülern (und noch mehr bei Lehrern) behindern die Mobilität der Bürger bzw. können zu Nachteilen führen, was man als Beeinträchtigung der Gleichheit der Lebensverhältnisse in den verschiedenen Bundesländern ansehen kann.
- Die Redundanz zahlreicher Bildungseinrichtungen in den Ländern dürfte auch kostenseitig ein gewisses Einsparpotenzial bieten - Geld, das man ggfs. besser anders im Sinne der Bildung einsetzen könnte (reduziert werden sollten die Aufwendungen in Summe sicherlich nicht).

Probleme beim Umzug erkannte ich ja auch schon an, aber sie sind heutzutage zum Glück nicht mehr so groß wie bspw. zu meiner Schulzeit. Einsparpotenzial sehe ich eher weniger, da man ja nicht weniger Lehrer benötigt. Weiterhin braucht man regionale Verwaltungen, die sich um lokale Angelegenheiten kümmern. Für einen Hessen sind hessische Autoren und die hessische Geschichte sicherlich interessanter und bedeutsamer als für einen Mecklenburger oder Bayern.

Ich sehe durchaus auch die Argumente für die Länderzuständigkeit (Förderung des Wettbewerbs, näher dran an lokalen Gegebenheiten, bessere / direktere demokratische Einflussmöglichkeit der betroffenen Bürger), würde aber die genannten Vorteile der Bundeszuständigkeit höher gewichten. Mir ist einfach nicht klar, wo bei der Vermittlung von Fächern wie Englisch, Deutsch, Mathematik, Informatik etc. die unbedingt zu berücksichtigenden lokalen Besonderheiten sein sollen. Bei der Berufsbildung sieht das, wie gesagt, deutlich anders aus.

"Unbedingt" sagt ja keiner, aber wenn sich 16 Systeme im Wettbewerb behaupten, muss man sie nicht für ein träges Einheitssystem abschaffen -- außer es gibt konkrete Argumente, warum es dann besser liefe. Und die Schulbildung ist in der Regel auch die Vorbildung für die berufliche Bildung. Unternehmen, die schlechte Arbeitskonditionen anbieten, beklagen ja, dass sich nicht nur Überflieger bei ihnen melden, sprich, nicht die Besten der Besten, sondern die, die nichts Besseres finden. Und was ist mit den Kitas? Frühkindliche Bildung hat erheblichen Einfluss auf den späteren Werdegang. Ebenso gibt es Staaten in Europa, in denen die Hochschulbildung national bzw. zentralistisch gesteuert wird.

Mit "Bundeszuständigkeit" meine ich übrigens nicht, dass der Bund Schulen betreiben soll. Mir geht es vor allem um die Regelungskompetenz (Gesetze, Verordnungen etc.) bis hin zu Rahmenlehrplänen, sowie die Finanzierung und Gestaltung von Investprogrammen. Hier kann man ja noch genügend Freiraum für die kreative Ausgestaltung lassen. Die Umsetzung sollte ohnehin weitestgehend bei den Ländern verbleiben, das wäre ähnlich wie in der Finanzverwaltung.

So ist es ja, nur dass vieles halt in der KMK statt in einem Bundesausschuss vereinbart wird. Es ist ja nicht so als könne nicht ein Abiturient aus irgendeinem Bundesland nicht woanders studieren, weil das Zeugnis nicht anerkannt wird; im Gegenteil, heute kann man sich damit im ganzen Europäischen Hochschulraum immatrikulieren. Höchstens wird, je nach Fall, ein Nachweis über die Sprachkompetenz erwartet, wenn die Muttersprache eines Absolventen eine andere ist als die Amtssprache im Land der Hochschule.
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Re: Schulbildung: Bundessache, Berufsbildung: Ländersache?

Beitragvon H2O » Di 6. Mär 2018, 09:35

frems hat geschrieben:(06 Mar 2018, 09:20)

Nein, im EQR wird festgelegt, welches Niveau bzw. welchen Stand Schüler (und Azubis, Studenten, ...) am Ende haben sollen. Der Weg ist jedem selbst überlassen.

...


Das ist sicher schon ein guter Zwischenschritt, damit wenigstens bei Stellenbewerbungen "Waffengleichheit" hergestellt ist. Aber danach geht es ja weiter mit Familiengründungen und Ortswechseln. Da herrscht also leider doch noch das Elend, das meine Kinder in den 1970er Jahren
durchlitten haben. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie hat sicher auch diese fleckige Seite, nun auf europäischer Ebene... wobei ich aus Mangel an praktischer Erfahrung überhaupt nicht sicher bin, daß dieser Mißstand nicht doch noch auf der Ebene der Bundesländer fortbesteht.
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Re: Schulbildung: Bundessache, Berufsbildung: Ländersache?

Beitragvon frems » Di 6. Mär 2018, 09:46

H2O hat geschrieben:(06 Mar 2018, 09:35)

Das ist sicher schon ein guter Zwischenschritt, damit wenigstens bei Stellenbewerbungen "Waffengleichheit" hergestellt ist. Aber danach geht es ja weiter mit Familiengründungen und Ortswechseln. Da herrscht also leider doch noch das Elend, das meine Kinder in den 1970er Jahren
durchlitten haben. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie hat sicher auch diese fleckige Seite, nun auf europäischer Ebene... wobei ich aus Mangel an praktischer Erfahrung überhaupt nicht sicher bin, daß dieser Mißstand nicht doch noch auf der Ebene der Bundesländer fortbesteht.

Im Einzelfall gibt's das Problem noch, aber eben nicht mehr in der früheren Dimension. Die erwähnte Elf-Länder-Vereinbarung, der mittlerweile 14 Bundesländer beigetreten sind. Besser wären natürlich alle 16, aber generell erkennt man ja eine faktische Unitarisierung, da es früher gar keine Vereinbarung gab, sich anschließend erste Länder zusammentaten und mittlerweile fast alle dabei sind. Im Einzelfall natürlich noch immer ärgerlich, wenn man mit einem Schulabschluss aus Ulm zwar auch in Flensburg studieren darf, aber nicht in Neu-Ulm.
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Re: Schulbildung: Bundessache, Berufsbildung: Ländersache?

Beitragvon H2O » Di 6. Mär 2018, 10:00

frems hat geschrieben:(06 Mar 2018, 09:46)

Im Einzelfall gibt's das Problem noch, aber eben nicht mehr in der früheren Dimension. Die erwähnte Elf-Länder-Vereinbarung, der mittlerweile 14 Bundesländer beigetreten sind. Besser wären natürlich alle 16, aber generell erkennt man ja eine faktische Unitarisierung, da es früher gar keine Vereinbarung gab, sich anschließend erste Länder zusammentaten und mittlerweile fast alle dabei sind. Im Einzelfall natürlich noch immer ärgerlich, wenn man mit einem Schulabschluss aus Ulm zwar auch in Flensburg studieren darf, aber nicht in Neu-Ulm.


Sie heben immer wieder auf den Abschluß der Bildungsgänge ab. Das ist selbstverständlich der allerwichtigste Bestandteil der Ausbildung. Mir ging es aber aus gemachter Erfahrung um den Weg des Schülers (nicht des Studenten oder Azubis) mittendrin, wenn dessen Eltern berufsbedingt einen Ortswechsel vollziehen müssen. In dem zarten Alter läßt man Kinder ja nicht allein zurück, was bei Studenten oder Azubis (18+) zumutbar wäre. Dann kann so etwas mit einem Internatsaufenthalt enden. Nicht so besonders schön für ansonsten intakte Familien.
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Re: Schulbildung: Bundessache, Berufsbildung: Ländersache?

Beitragvon frems » Di 6. Mär 2018, 11:19

H2O hat geschrieben:(06 Mar 2018, 10:00)

Sie heben immer wieder auf den Abschluß der Bildungsgänge ab. Das ist selbstverständlich der allerwichtigste Bestandteil der Ausbildung. Mir ging es aber aus gemachter Erfahrung um den Weg des Schülers (nicht des Studenten oder Azubis) mittendrin, wenn dessen Eltern berufsbedingt einen Ortswechsel vollziehen müssen. In dem zarten Alter läßt man Kinder ja nicht allein zurück, was bei Studenten oder Azubis (18+) zumutbar wäre. Dann kann so etwas mit einem Internatsaufenthalt enden. Nicht so besonders schön für ansonsten intakte Familien.

Was soll denn heute noch das große Problem sein, wenn ein Schüler zum Schuljahreswechsel in einem anderen Land zur Schule geht :?: -- mal abgesehen von sozialen Fragen (Freundeskreis weg, nun "der/die Neue"...), die sich auch innerhalb eines Bundeslandes stellen würden. Dann geht's nach der siebten Klasse in Niedersachsen halt in die achte Klasse in Rheinland-Pfalz. :?
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Re: Schulbildung: Bundessache, Berufsbildung: Ländersache?

Beitragvon H2O » Di 6. Mär 2018, 11:34

frems hat geschrieben:(06 Mar 2018, 11:19)

Was soll denn heute noch das große Problem sein, wenn ein Schüler zum Schuljahreswechsel in einem anderen Land zur Schule geht :?: -- mal abgesehen von sozialen Fragen (Freundeskreis weg, nun "der/die Neue"...), die sich auch innerhalb eines Bundeslandes stellen würden. Dann geht's nach der siebten Klasse in Niedersachsen halt in die achte Klasse in Rheinland-Pfalz. :?


Wenn es so einfach ginge, daß immer zum Schuljahreswechsel der Ortswechsel anstände! Aber richtig, die sehr persönlichen Dinge ändern sich unvermeidlich. Dann muß nicht noch eine bundesweit kunterbunt angelegte Schullandschaft zusätzliche Hürden aufbauen. Wenn diese Hürden heute nicht mehr wirksam sind, dann lasse ich gern locker. Das Schulchaos herrschte in den 1970er Jahren leider in der alten Bundesrepublik. Und das sollte sich gebessert haben? Da wäre ich baff!
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Re: Schulbildung: Bundessache, Berufsbildung: Ländersache?

Beitragvon frems » Di 6. Mär 2018, 11:46

H2O hat geschrieben:(06 Mar 2018, 11:34)

Wenn es so einfach ginge, daß immer zum Schuljahreswechsel der Ortswechsel anstände! Aber richtig, die sehr persönlichen Dinge ändern sich unvermeidlich. Dann muß nicht noch eine bundesweit kunterbunt angelegte Schullandschaft zusätzliche Hürden aufbauen. Wenn diese Hürden heute nicht mehr wirksam sind, dann lasse ich gern locker. Das Schulchaos herrschte in den 1970er Jahren leider in der alten Bundesrepublik. Und das sollte sich gebessert haben? Da wäre ich baff!

Naja, dann kommen Frau und Kind halt ein paar Monate später nach. Oder das Kind bleibt bei Verwandten oder es gibt die Internatslösung. Ein Wechsel im laufenden Schuljahr ist selbst innerhalb eines Bundeslandes mit erheblichen Hürden verbunden. Sinnvoll ist da vor allem eine Entbürokratisierung. Und dafür ist der Bund nun wirklich nicht bekannt. Und ja, das Thema Bildungskatastrophe aus den 60ern und 70ern ist ja bekannt... zudem restlos überforderte Lehrer mit schlechter Ausbildung in überfüllten Klassenräumen. Was wäre denn nun das große Problem, wenn ein Schüler von Schleswig-Holsten nach Baden-Württemberg oder von Sachsen ins Saarland wechselt? Die jeweiligen Themen in den Naturwissenschaften unterscheiden sich doch kaum bis gar nicht, weil man sich auf die Inhalte längst bundesweit verständigt hat. Klar, vielleicht benutzt man dort andere Schulbücher, aber über solche Sorgen will ich nun wirklich nicht diskutieren, wenn es darum geht, den Ländern eine ihrer wichtigsten Kompetenzen zu rauben. Denn was erstmal weg ist, kommt auch nicht so schnell zurück.
Labskaus!

Ob Mailand oder Madrid -- Hauptsache Europa.

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