Arbeitsjahr vor dem Studium

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Re: Arbeitsjahr vor dem Studium

Beitrag von H2O »

Helmuth_123 hat geschrieben:(01 Jun 2017, 20:52)

Ich möchte mal die Idee eines „Arbeitsjahres“ vor dem Studium aufgreifen, um einen Alternativvorschlag zu bringen. Wie wäre es mit einem Orientierungsjahr nach der Schule. Dort können die Jugendliche frei sich verschiedene Wege anschauen. Zum Beispiel: Zwei Semester an ein Hochschule frei Veranstaltungen belegen, um zu schauen, was ihnen zusagt. Oder ein halbes Jahr Praktika in verschiedenen Bereichen und dann ein Semester „Orientierungsstudium“ oder ein ganzes Jahr die verschiedenen Praktika absolvieren.
Grundsätzlich schadet es wirklich nicht, wenn junge Leute zwischen Schule und Studium irgend etwas machen, was andere Leute erledigt sehen wollen. Aber man muß auch sehen, daß unsere Lebensuhr tickt, und daß es vielleicht doch ganz sinnvoll ist, möglichst artverwandt zum gewünschten Berufsbild eine Arbeit zu leisten. Diese Art der Beschäftigung schließt doch nicht aus, daß man dabei ebenfalls den Umgang und Umgangston im Beruf kennen lernt, und zugleich bekommt der junge Mensch eine Vorstellung davon, was ihn mit hoher Wahrscheinlichkeit sein Berufsleben lang begleiten wird.

Wenn dann ein junger Mensch erkennt: "Oha, das wäre ja nichts für mich!" und dann umsattelt, dann wäre uns allen geholfen, und vielleicht auch eine in Zeit und Kosten ärgerliche Entwicklung verhindert.

Wichtig scheint mir aber dabei zu sein, daß der junge Mensch sich selbst Rechenschaft ablegt über das was er da gerade tun soll. Daß er als ihn überraschende oder beeindruckende beruflich-fachliche und im Umgang erstaunliche Dinge aufschreibt und "reflektiert". Das Tagebuch wäre aus meiner Sicht eine Voraussetzung für die Anerkennung dieser Zeit, in der ja nicht unbedingt gejobt werden soll, sondern das Lernen im Vordergrund stehen soll.
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Nightwatch
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Re: Arbeitsjahr vor dem Studium

Beitrag von Nightwatch »

Kael hat geschrieben:(30 May 2017, 11:41)

Eigentlich geht es darum das die Personen VOR DEM STUDIUM 1 Jahr arbeiten damit sie mal mit 'realistischeren Augen' durch die Welt laufen. Und dann müssen die nicht mal 'Fachnah' was machen.
Welchen Erkenntnisgewinn versprichst Du Dir von einem ganzen Jahr im Vergleich zu einem Job in den Sommerferien? Und erklär mir mal die Vorzüge der Wehrpflicht: Skat spielen? Playmates aufzählen? Taschenbillard spielen? Saufen? Mit dem Gewehr dumm in der Gegend rumstehen? Im letzten Punkt unterscheidet sich das Fußvolk von den deutlich besser bezahlten Offiziersanwärtern.
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frems
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Re: Arbeitsjahr vor dem Studium

Beitrag von frems »

Helmuth_123 hat geschrieben:(01 Jun 2017, 20:52)

Ich möchte mal die Idee eines „Arbeitsjahres“ vor dem Studium aufgreifen, um einen Alternativvorschlag zu bringen. Wie wäre es mit einem Orientierungsjahr nach der Schule. Dort können die Jugendliche frei sich verschiedene Wege anschauen. Zum Beispiel: Zwei Semester an ein Hochschule frei Veranstaltungen belegen, um zu schauen, was ihnen zusagt. Oder ein halbes Jahr Praktika in verschiedenen Bereichen und dann ein Semester „Orientierungsstudium“ oder ein ganzes Jahr die verschiedenen Praktika absolvieren.
Ist ja freiwillig möglich, wenn man meint, man müsse sich noch orientieren bzw. festlegen. Andere wissen hingegen, z.B. über Bekannte und Verwandte, was sie genau wollen und sie dort erwartet. Ein, zwei Semester im MINT-Bereich kann man an der TU Berlin studieren. Prüfungen sind freiwillig. Wenn man sie mitmacht, kann man sie selbstverständlich anerkennen lassen bzw. muss sie nicht erneut schreiben, wenn man einen B.Sc. an der Hochschule anstrebt: http://www.zeit.de/2017/20/technische-s ... ettansicht
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Re: Arbeitsjahr vor dem Studium

Beitrag von H2O »

Boraiel hat geschrieben:(01 Jun 2017, 20:50)

Meine Erfahrung geht er dahin, dass solche Pflichtpratika nur zum Herstellen von Kontakten hilfreich sind. Wichtig für Studenten ist vor allem, dass die Universitäten didaktisch aufrüsten. Viele Lehrbeauftragte haben wenig Ahnung, wie man Wissen gut und passend vermittelt. Sie werden aber auch teilweise von übergreifenden Strukturen eingeengt.
Na ja, die Aufgabe der Hochschule ist sicher nicht unbedingt, den begnadeten Lehrer verfügbar zu machen, sondern Wissenschaft auf der Höhe der Gegenwart und nahen Zukunft zu vermitteln. Die wesentliche Arbeit daran liegt auf der Seite der Studierenden. Das fällt vielen erfolgreichen Schülern im Hochschulbetrieb sehr schwer. Es wird nicht alles vorverdaut vorgekaut. Natürlich sind schlampige Vorlesungen ein Greuel. Da sollte die organisierte freiwillige Selbstkontrolle der Hochschulen greifen.
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Re: Arbeitsjahr vor dem Studium

Beitrag von Helmuth_123 »

H2O hat geschrieben:(01 Jun 2017, 21:08)

Grundsätzlich schadet es wirklich nicht, wenn junge Leute zwischen Schule und Studium irgend etwas machen, was andere Leute erledigt sehen wollen. Aber man muß auch sehen, daß unsere Lebensuhr tickt, und daß es vielleicht doch ganz sinnvoll ist, möglichst artverwandt zum gewünschten Berufsbild eine Arbeit zu leisten. Diese Art der Beschäftigung schließt doch nicht aus, daß man dabei ebenfalls den Umgang und Umgangston im Beruf kennen lernt, und zugleich bekommt der junge Mensch eine Vorstellung davon, was ihn mit hoher Wahrscheinlichkeit sein Berufsleben lang begleiten wird.

Wenn dann ein junger Mensch erkennt: "Oha, das wäre ja nichts für mich!" und dann umsattelt, dann wäre uns allen geholfen, und vielleicht auch eine in Zeit und Kosten ärgerliche Entwicklung verhindert.
Ich bin der Ansicht, dass man jungen Menschen mehr Zeit und nicht weniger zum lernen und ausprobieren geben sollte. Junge Menschen sollte die Möglichkeit haben, kennen zu lernen, was das Leben nach der Schule bietet und welche Berufsperspektiven gibt. Dann können sie auch besser unterscheiden, was sie später machen wollen. Und in West- und Mitteleuropa kann man den jungen Menschen dafür ruhig auch ein oder sogar zwei Jahre nach der Schule gönnen.
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Re: Arbeitsjahr vor dem Studium

Beitrag von Helmuth_123 »

frems hat geschrieben:(01 Jun 2017, 21:18)

Ist ja freiwillig möglich, wenn man meint, man müsse sich noch orientieren bzw. festlegen. Andere wissen hingegen, z.B. über Bekannte und Verwandte, was sie genau wollen und sie dort erwartet. Ein, zwei Semester im MINT-Bereich kann man an der TU Berlin studieren. Prüfungen sind freiwillig. Wenn man sie mitmacht, kann man sie selbstverständlich anerkennen lassen bzw. muss sie nicht erneut schreiben, wenn man einen B.Sc. an der Hochschule anstrebt: http://www.zeit.de/2017/20/technische-s ... ettansicht
Stimmt, freiwillig ist das möglich. Es wäre aber auch denkbar, dass so ein „Orientierungsjahr“ staatlich oder öffentlich gefördert und/oder organisiert wird. Ich denke, man könnte sich verschiedene Modelle für die Ausgestaltung eines „Orientierungsjahres“ vorstellen.
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Re: Arbeitsjahr vor dem Studium

Beitrag von H2O »

Helmuth_123 hat geschrieben:(01 Jun 2017, 21:38)

Ich bin der Ansicht, dass man jungen Menschen mehr Zeit und nicht weniger zum lernen und ausprobieren geben sollte. Junge Menschen sollte die Möglichkeit haben, kennen zu lernen, was das Leben nach der Schule bietet und welche Berufsperspektiven gibt. Dann können sie auch besser unterscheiden, was sie später machen wollen. Und in West- und Mitteleuropa kann man den jungen Menschen dafür ruhig auch ein oder sogar zwei Jahre nach der Schule gönnen.
Nein, dieser Ansatz ähnelt mir doch zu sehr einer Kaffepause vor dem Wettkampf. Entweder ist eine solche Tätigkeit klar berufsbezogen zu erkennen, oder da hat jemand gebummelt.
Bummelei mag ich nicht, schon gar nicht am Anfang einer Ausbildung. Kein Steuergeld dafür!
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Re: Arbeitsjahr vor dem Studium

Beitrag von Senexx »

Helmuth_123 hat geschrieben:(01 Jun 2017, 20:52)

Ich möchte mal die Idee eines „Arbeitsjahres“ vor dem Studium aufgreifen, um einen Alternativvorschlag zu bringen. Wie wäre es mit einem Orientierungsjahr nach der Schule. Dort können die Jugendliche frei sich verschiedene Wege anschauen. Zum Beispiel: Zwei Semester an ein Hochschule frei Veranstaltungen belegen, um zu schauen, was ihnen zusagt. Oder ein halbes Jahr Praktika in verschiedenen Bereichen und dann ein Semester „Orientierungsstudium“ oder ein ganzes Jahr die verschiedenen Praktika absolvieren.
Hat was von einer neuen Form von "betreutem Leben".
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Re: Arbeitsjahr vor dem Studium

Beitrag von Helmuth_123 »

H2O hat geschrieben:(01 Jun 2017, 22:19)

Nein, dieser Ansatz ähnelt mir doch zu sehr einer Kaffepause vor dem Wettkampf. Entweder ist eine solche Tätigkeit klar berufsbezogen zu erkennen, oder da hat jemand gebummelt.
Bummelei mag ich nicht, schon gar nicht am Anfang einer Ausbildung. Kein Steuergeld dafür!
Da treffen wohl bei uns zwei entgegengesetzte Auffassungen von Leben, Lernen und Beruf aufeinander. Macht aber nüscht. ;)
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Re: Arbeitsjahr vor dem Studium

Beitrag von Helmuth_123 »

Senexx hat geschrieben:(02 Jun 2017, 05:32)

Hat was von einer neuen Form von "betreutem Leben".
Ich stelle es mir mehr als die Möglichkeit für junge Menschen vor, sich verschiedene Lebens-, Berufs- und Studienmöglichkeiten anzusehen und kennen zu lernen und danach zu entscheiden. Aber es war wie gesagt nur ein Vorschlag, um die Meinungen dazu zu eruieren.
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Re: Arbeitsjahr vor dem Studium

Beitrag von H2O »

Helmuth_123 hat geschrieben:(02 Jun 2017, 19:33)

Da treffen wohl bei uns zwei entgegengesetzte Auffassungen von Leben, Lernen und Beruf aufeinander. Macht aber nüscht. ;)
Richtig; der Spaß kostet Sie nichts... wenn's gemacht wird nicht, und wenn's nicht gemacht auch nicht. :)
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Re: Arbeitsjahr vor dem Studium

Beitrag von Misterfritz »

H2O hat geschrieben:(03 Jun 2017, 06:40)

Richtig; der Spaß kostet Sie nichts... wenn's gemacht wird nicht, und wenn's nicht gemacht auch nicht. :)
Dieser "Spass" kostet aber!
Praktikanten kosten Zeit und Geld. Ich glaube kaum, dass die Arbeitgeber massenhaft Praktikumsplätze für Schulabgänger schaffen werden. Und die Eltern werden sich sicherlich auch bedanken, wenn sie ihre Kinder noch ein Jahr länger finanzieren dürfen.
Das Salz in der Suppe des Lebens ist nicht Selbstdisziplin, sondern kontrollierte Unvernunft ;)
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Re: Arbeitsjahr vor dem Studium

Beitrag von frems »

Misterfritz hat geschrieben:(03 Jun 2017, 09:18)

Dieser "Spass" kostet aber!
Praktikanten kosten Zeit und Geld. Ich glaube kaum, dass die Arbeitgeber massenhaft Praktikumsplätze für Schulabgänger schaffen werden. Und die Eltern werden sich sicherlich auch bedanken, wenn sie ihre Kinder noch ein Jahr länger finanzieren dürfen.
Und dann wird wieder gejammert, wenn unter den Bewerbern nicht der Jahrgangsbeste ist, sondern die Reste. :p
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Re: Arbeitsjahr vor dem Studium

Beitrag von frems »

Helmuth_123 hat geschrieben:(01 Jun 2017, 21:43)

Stimmt, freiwillig ist das möglich. Es wäre aber auch denkbar, dass so ein „Orientierungsjahr“ staatlich oder öffentlich gefördert und/oder organisiert wird. Ich denke, man könnte sich verschiedene Modelle für die Ausgestaltung eines „Orientierungsjahres“ vorstellen.
:?:

Ich kann Dir versichern, dass die als Beispiel genannte TU eine staatliche bzw. öffentliche Hochschule ist. Wenn ich mich nicht irre, wird das Programm sogar vom Bund gefördert. Ein obligatorisches Orientierungsjahr halte ich nicht für sinnvoll, da es doch auch Abiturienten gibt, die bereits wissen, was sie wollen. Wer noch unsicher ist, der macht halt mal ein Praktikum oder schreibt sich für so ein Programm ein. Alternativ kann man auch einfach so eine Lehre oder ein Studium anfangen. Wenn's nicht gefällt, wechselt man nach einem Jahr halt.
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Re: Arbeitsjahr vor dem Studium

Beitrag von Helmuth_123 »

frems hat geschrieben:(03 Jun 2017, 13:26)

:?:

Ich kann Dir versichern, dass die als Beispiel genannte TU eine staatliche bzw. öffentliche Hochschule ist. Wenn ich mich nicht irre, wird das Programm sogar vom Bund gefördert. Ein obligatorisches Orientierungsjahr halte ich nicht für sinnvoll, da es doch auch Abiturienten gibt, die bereits wissen, was sie wollen. Wer noch unsicher ist, der macht halt mal ein Praktikum oder schreibt sich für so ein Programm ein. Alternativ kann man auch einfach so eine Lehre oder ein Studium anfangen. Wenn's nicht gefällt, wechselt man nach einem Jahr halt.
Wie gesagt, das mit dem „Orientierungsjahr“ war nur ein Vorschlag, dem ich in die Diskussion bringen wollte, um zu schauen, ob und welche Meinungen und Vorstellungen es dazu gibt. Man kann ja auch mal Ideen unabhängig von der deren Umsetzung entwickeln. Die Diskussion geht ja im Hauptthema um ein verpflichtendes „Arbeitsjahr“ vor dem Studium. Wenn man so ein Pflichtjahr einführen würde, hielte ich ein „Orientierungsjahr“ zumindest für sinnvoller als ein „Arbeitsjahr“.
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Re: Arbeitsjahr vor dem Studium

Beitrag von frems »

Helmuth_123 hat geschrieben:(03 Jun 2017, 19:33)

Wie gesagt, das mit dem „Orientierungsjahr“ war nur ein Vorschlag, dem ich in die Diskussion bringen wollte, um zu schauen, ob und welche Meinungen und Vorstellungen es dazu gibt. Man kann ja auch mal Ideen unabhängig von der deren Umsetzung entwickeln. Die Diskussion geht ja im Hauptthema um ein verpflichtendes „Arbeitsjahr“ vor dem Studium. Wenn man so ein Pflichtjahr einführen würde, hielte ich ein „Orientierungsjahr“ zumindest für sinnvoller als ein „Arbeitsjahr“.
Okay, verstehe. Ich teile Deine Meinung. :)
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Re: Arbeitsjahr vor dem Studium

Beitrag von H2O »

frems hat geschrieben:(03 Jun 2017, 19:48)

Okay, verstehe. Ich teile Deine Meinung. :)
So lange solche Orientierungszeiten nicht zu Lasten der Allgemeinheit gehen, ist dagegen gar nichts ein zu wenden. Aber ich erinnere daran, daß die Vertreter der Wirtschaft auch wieder laut gejammert haben, daß unsere jungen Leute so lange mit ihrer Ausbildung befaßt sind. Orientierungszeiten sind in dem Sinne ein Zeitverlust, wenn dem jungen Menmschen ohnehin klar ist, was er anstreben will.

Die schönste Orientierungszeit wird nicht den Mangel an fachlicher Eignung aufdecken, der erst während eines wissenschaftlichen Studiums erkannt wird.

Man kann Menschen nicht vor allgemeinen Lebensrisiken bewahren; ein wenig schon, aber zu steigenden Kosten für die Betroffenen und ihre Angehörigen. Wie das Gleichgewicht absichern von Risiken und Kosten?
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Re: Arbeitsjahr vor dem Studium

Beitrag von frems »

H2O hat geschrieben:(04 Jun 2017, 02:41)

So lange solche Orientierungszeiten nicht zu Lasten der Allgemeinheit gehen, ist dagegen gar nichts ein zu wenden. Aber ich erinnere daran, daß die Vertreter der Wirtschaft auch wieder laut gejammert haben, daß unsere jungen Leute so lange mit ihrer Ausbildung befaßt sind. Orientierungszeiten sind in dem Sinne ein Zeitverlust, wenn dem jungen Menmschen ohnehin klar ist, was er anstreben will.

Die schönste Orientierungszeit wird nicht den Mangel an fachlicher Eignung aufdecken, der erst während eines wissenschaftlichen Studiums erkannt wird.

Man kann Menschen nicht vor allgemeinen Lebensrisiken bewahren; ein wenig schon, aber zu steigenden Kosten für die Betroffenen und ihre Angehörigen. Wie das Gleichgewicht absichern von Risiken und Kosten?
Die Wirtschaftsvertreter jammern ja immer. Erst jaulen sie, dass zu wenig junge Leute Abitur haben, wo doch die Anforderungen im Berufsleben immer größer werden. Die Politik kommt dem nach, baut bürokratische Barrieren ab, weitet das Schülerbafög aus, investiert in Ganztagsschulen und Nachhilfeprogramme... und dann jammert man, dass die Abiturienten nicht nur in die Berufsausbildung strömen, sondern oft das Studium bevorzugen. Dann sind die Absolventen viel zu alt und man wünscht schnellere Wege. Und siehe da: Bachelor-Absolventen sind zwar fachlich für die meisten Tätigkeiten qualifiziert, aber ein Absolvent mit 21 hat nicht die Reife eines Diplomers mit Ende 20.

Beim freiwilligen Orientierungsprogramm, das ich verlinkt hatte, ist das aber nicht generell ein Problem, da man sich die Leistungen für ein späteres Studium anrechnen lassen kann. Sprich, wer die Klausuren im Orientierungsjahr absolviert und sich für ein fünfjähriges MINT-Studium immatrikuliert, hat nur noch vier Jahre in der Regelstudienzeit vor sich. Und klar, manch einer wird feststellen, dass der Bereich gar nichts für ihn ist. Der "verliert" ein Jahr, wenn man die erworbene Erkenntnis als "Verlust" betrachten möchte. Aber das wäre ja auch der Fall, wenn sich die Person in ein Studium einschreibt und nach zwei Semestern das Handtuch wirft, weil sie feststellt, dass die Interessen in einem anderen Bereich liegen.
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Re: Arbeitsjahr vor dem Studium

Beitrag von H2O »

frems hat geschrieben:(04 Jun 2017, 14:54)

Die Wirtschaftsvertreter jammern ja immer. Erst jaulen sie, dass zu wenig junge Leute Abitur haben, wo doch die Anforderungen im Berufsleben immer größer werden. Die Politik kommt dem nach, baut bürokratische Barrieren ab, weitet das Schülerbafög aus, investiert in Ganztagsschulen und Nachhilfeprogramme... und dann jammert man, dass die Abiturienten nicht nur in die Berufsausbildung strömen, sondern oft das Studium bevorzugen. Dann sind die Absolventen viel zu alt und man wünscht schnellere Wege. Und siehe da: Bachelor-Absolventen sind zwar fachlich für die meisten Tätigkeiten qualifiziert, aber ein Absolvent mit 21 hat nicht die Reife eines Diplomers mit Ende 20.

Beim freiwilligen Orientierungsprogramm, das ich verlinkt hatte, ist das aber nicht generell ein Problem, da man sich die Leistungen für ein späteres Studium anrechnen lassen kann. Sprich, wer die Klausuren im Orientierungsjahr absolviert und sich für ein fünfjähriges MINT-Studium immatrikuliert, hat nur noch vier Jahre in der Regelstudienzeit vor sich. Und klar, manch einer wird feststellen, dass der Bereich gar nichts für ihn ist. Der "verliert" ein Jahr, wenn man die erworbene Erkenntnis als "Verlust" betrachten möchte. Aber das wäre ja auch der Fall, wenn sich die Person in ein Studium einschreibt und nach zwei Semestern das Handtuch wirft, weil sie feststellt, dass die Interessen in einem anderen Bereich liegen.
Klare Sache: Das Spiel geht ohne Gewinne und Verluste auf. Der Aufwand wäre linksherum wie rechtsherum getrieben worden... im schlimmsten Fall sind 2 Semester futsch; von einem "Studienabbruch" spricht dann niemand, sondern von einem Erkenntnisgewinn. Ja, warum nicht! Es geht um die Sache, nicht um die Bezeichner.

In die Kritik an der Wirtschaft stimme ich nicht ein; die soll den Menschen am Ende Lohn und Brot verschaffen. Dazu muß sie aber im Wettbewerb bestehen. Wenn dann eine vorgeschaltete Ausbildung weniger wettbewerbsfähige Menschen anliefert, die unter Kosten für einen Betrieb erst einmal brauchbar gemacht werden müssen, dann ist das doch ernst zu nehmen.
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Re: Arbeitsjahr vor dem Studium

Beitrag von frems »

H2O hat geschrieben:(04 Jun 2017, 17:19)

Klare Sache: Das Spiel geht ohne Gewinne und Verluste auf. Der Aufwand wäre linksherum wie rechtsherum getrieben worden... im schlimmsten Fall sind 2 Semester futsch; von einem "Studienabbruch" spricht dann niemand, sondern von einem Erkenntnisgewinn. Ja, warum nicht! Es geht um die Sache, nicht um die Bezeichner.

In die Kritik an der Wirtschaft stimme ich nicht ein; die soll den Menschen am Ende Lohn und Brot verschaffen. Dazu muß sie aber im Wettbewerb bestehen. Wenn dann eine vorgeschaltete Ausbildung weniger wettbewerbsfähige Menschen anliefert, die unter Kosten für einen Betrieb erst einmal brauchbar gemacht werden müssen, dann ist das doch ernst zu nehmen.
Die Wirtschaftslobbyisten werden immer jaulen, weil es ihre Aufgabe ist. Will man immer jüngere Absolventen, die in Rekordtempo durchs Bildungswesen geschleust werden, ist es eben nicht zu vermeiden, dass Lebenserfahrungen fernab von Schule und Uni etwas kürzer treten und die Reife noch zu wünschen übrig lässt. Die erhält man ja nicht durch ein gutes Buch.
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Re: Arbeitsjahr vor dem Studium

Beitrag von aleph »

Kael hat geschrieben:(08 May 2017, 16:38)

Hallo! Ich mal wieder.

Hier geht es um etwas, was mir im privaten Umfeld besonders aufgefallen ist. Und da ich nun schon einigen Unis zu Gast gewesen bin und nun mit 26 selbst angefangen habe zu studieren verhärtet sich der Einblick:
Nämlich das viele Studenten vollkommen realitätsferne Vorstellungen bezüglich der Arbeit, Bürokratie und ähnliches besitzen.

Solange sie selbst nicht von etwas betroffen sind, ist alles in Ordnung und geben natürlich gern anderen Ratschläge. Gerade gegenüber "Nicht-Abiturienten" wird teilweise eine kleine Dekadenz/Ignoranz an den Tag gelegt, welche teilweise in unvorstellbare extreme gehen - Interessanterweise ist das kein 'Einzelphänomen' sondern zieht sich Groß durch die mir bekannten Studenten. Die wenigstens können mit "tatsächlichen Realismus" etwas anfangen.

Der fände ich es sehr vorteilhaft wenn Studenten, nach ihrem Abitur, ein Jahr mindestens Vollzeit arbeiten müssen, um für irgend ein Studium zugelassen zu werden.
Die allermeisten Studenten, die ich kenne/gekannt habe, arbeiten während ihres Studiums. Oftmals in dem Fach, das sie studieren als Praktikant. An FH's gibt es zusätzlich zwei Praxissemester.
Auf dem Weg zum Abgrund kann eine Panne lebensrettend sein. Walter Jens
Besser schweigen und als Narr zu scheinen, als sprechen und jeden Zweifel zu beseitigen. Abraham Lincoln
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Re: Arbeitsjahr vor dem Studium

Beitrag von H2O »

frems hat geschrieben:(04 Jun 2017, 17:34)

Die Wirtschaftslobbyisten werden immer jaulen, weil es ihre Aufgabe ist. Will man immer jüngere Absolventen, die in Rekordtempo durchs Bildungswesen geschleust werden, ist es eben nicht zu vermeiden, dass Lebenserfahrungen fernab von Schule und Uni etwas kürzer treten und die Reife noch zu wünschen übrig lässt. Die erhält man ja nicht durch ein gutes Buch.
Lobbyisten werden ja nicht aus eigener Erkenntnis jammern, sondern weil die vertretene Schar der Unternehmer und Unternehmen diese Klagen führt. Und die sehen sich im globalen Wettbewerb mit oft ungeeigneten Mitarbeitern. Da ist gut nie gut genug...
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Re: Arbeitsjahr vor dem Studium

Beitrag von frems »

H2O hat geschrieben:(04 Jun 2017, 18:12)

Lobbyisten werden ja nicht aus eigener Erkenntnis jammern, sondern weil die vertretene Schar der Unternehmer und Unternehmen diese Klagen führt. Und die sehen sich im globalen Wettbewerb mit oft ungeeigneten Mitarbeitern. Da ist gut nie gut genug...
Sicher. Nur denkt dort offenbar niemand mal in längeren Zeiträumen. Das ist ja genau wie das Geklage, die Absolventen hätten nicht genug Praxiserfahrung und man müsse sie ja sooo teuer einarbeiten, was schon immer der Fall war. Und wird der Praxisbezug erhöht, kommen fünf Jahre später die Klagerufe, dass nicht genug Grundlagen in der Breite vorhanden seien. Muss man nun nicht so in den Mittelpunkt der Betrachtung schieben.
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Re: Arbeitsjahr vor dem Studium

Beitrag von H2O »

frems hat geschrieben:(04 Jun 2017, 18:23)

Sicher. Nur denkt dort offenbar niemand mal in längeren Zeiträumen. Das ist ja genau wie das Geklage, die Absolventen hätten nicht genug Praxiserfahrung und man müsse sie ja sooo teuer einarbeiten, was schon immer der Fall war. Und wird der Praxisbezug erhöht, kommen fünf Jahre später die Klagerufe, dass nicht genug Grundlagen in der Breite vorhanden seien. Muss man nun nicht so in den Mittelpunkt der Betrachtung schieben.
Das ist die Wirkung von gut ist nie gut genug im Wettbewerb. Zweiter Sieger ist man nur ungern, wenn man doch erster Sieger sein wollte. Aus meiner Sicht ist solides wissenschaftliches Grundwissen das einzige fachliche Wissen, das den Wechsel von technischen "Moden" überdauert.
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Re: Arbeitsjahr vor dem Studium

Beitrag von frems »

H2O hat geschrieben:(04 Jun 2017, 18:28)

Das ist die Wirkung von gut ist nie gut genug im Wettbewerb. Zweiter Sieger ist man nur ungern, wenn man doch erster Sieger sein wollte. Aus meiner Sicht ist solides wissenschaftliches Grundwissen das einzige fachliche Wissen, das den Wechsel von technischen "Moden" überdauert.
Die Sicht würde ich auch unterstreichen, aber das Gejaule kommt ja trotzdem, wenn bspw. ein junger Ingenieur oder Informatiker möglichst betriebs- bzw. passgenau ausgebildet werden soll (inkl. den derzeit gängigen EDV-Anwendungen), damit die Einarbeitung möglichst so kurz wie möglich ist. Dass von manch Fachanwendung in zehn bis 20 Jahren nichts mehr zu hören ist und die eigentliche Qualität (-> Einarbeitung in neue technische Systeme für deren Weiterentwicklung) auf der Strecke bleibt, wird da wohl nicht berücksichtigt. Wobei ich nicht pauschal über die Wirtschaftsvertreter urteilen wollte. Da herrscht ja auch allerlei Konkurrenz.
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Re: Arbeitsjahr vor dem Studium

Beitrag von H2O »

frems hat geschrieben:(04 Jun 2017, 18:31)

Die Sicht würde ich auch unterstreichen, aber das Gejaule kommt ja trotzdem, wenn bspw. ein junger Ingenieur oder Informatiker möglichst betriebs- bzw. passgenau ausgebildet werden soll (inkl. den derzeit gängigen EDV-Anwendungen), damit die Einarbeitung möglichst so kurz wie möglich ist. Dass von manch Fachanwendung in zehn bis 20 Jahren nichts mehr zu hören ist und die eigentliche Qualität (-> Einarbeitung in neue technische Systeme für deren Weiterentwicklung) auf der Strecke bleibt, wird da wohl nicht berücksichtigt. Wobei ich nicht pauschal über die Wirtschaftsvertreter urteilen wollte. Da herrscht ja auch allerlei Konkurrenz.
Ja klar, am Wettbwerb nehmen ja nicht nur "Philosophen" teil, sondern auch ehrgeiziges Mittelmaß. So spielt das Leben nun einmal. Zu meinen Lebzeiten wurde der Transistor erfunden, der integrierte Schaltkreis, das Internet, die Informationsverarbeitung erst technisch-wissenschaftlich durchdrungen, die Systemsimulation, der sequentiell eine Aufgabe abarbeitende Rechner als Universalbaustein für beliebig viele Anwendungen in allen Lebensbereichen ersonnen. Welch technischer Wandel in 50 Berufsjahren! Was vom erlernten Wissen geblieben ist, das sind die technischen Grundlagen der Materialwissenschaften, der Mathematik und der Physik mit einigen Spezialgebieten. Na ja, die Fähigkeit, große Projekte technisch zu managen, das ist wirklich hinzu gekommen.
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