Kino - Kommerz = Kompromisse? Beispiel China und Hollywood

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King Kong 2006
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Kino - Kommerz = Kompromisse? Beispiel China und Hollywood

Beitragvon King Kong 2006 » Do 12. Jan 2017, 20:50

Propaganda wurde stets mit allen möglichen Kommunikationsmitteln an den Mann bzw. Frau gebracht. An das verehrte Volk. Auch über audiovisuellen Medien. Hier dem Kino.

Zur Zeit könnte man meinen, es gibt eine symbiotische Verschmelzung in einigen Hollywoodproduktionen mit der VR China. Sicher ist es nicht neu, daß bestimmte Teile der Bevölkerung bewußt angesprochen werden. Weibliche zahlende Konsumenten mit weiblichen Helden. Der obligatorische schwarze Schauspieler. Die Mittelklasse-Familie, die eben die Mittelklasse ansprechen soll. Asiatische Filme, die einen Alibi-Weissen mit im Casting haben. Japanische Monsterfilme der 60er hatten so manchen weißen Darsteller. Damit auch us-amerikanisches und europäisches Publikum angesprochen wurde. Oder in Italo-Western. Was entwickelt sich jetzt zwischen Hollywood und China?

Hollywood schmiedet Kino-Allianz mit China

Chinesische und US-Filmkonzerne wollen gemeinsam das große Geld machen: Produktionen wie "The Great Wall" mit Matt Damon sollen beide Milliardenmärkte erschließen. Dafür sind auch Kompromisse mit den Zensoren nötig.


Was kommt da zusammen? Die Suche nach Absatzmärkten von Seiten einer Industrie und die Chance eines Staates zur Beeinflußung eines Massenmediums, auf subtiler Art? Dazu später am Beispiel des Filmes "Hero".

Wenn in dieser Woche mit "The Great Wall" Matt Damons neuer Actionfilm in die Kinos kommt, markiert dies auch einen Meilenstein in der komplizierten Partnerschaft zwischen China und Hollywood. Erstmals macht hier Chinas Mann fürs Opulente, Zhang Yimou ("Hero", "House of Flying Daggers"), einen englischsprachigen Film. Erstmals kommt ein Hollywood-Blockbuster in die Kinos, der vollständig in China gedreht wurde und eine vorwiegend chinesische Besetzung hat. Und erstmals erreicht eine amerikanisch-chinesische Co-Produktion solche Ausmaße: Mehr als 150 Millionen Dollar hat "The Great Wall" verschlungen.


China gilt den Studiobossen und Filmmoguln in Hollywood seit Jahren als gelobtes Land. Schon jetzt machen Hollywoods Studios 70 Prozent ihrer Umsätze in Übersee, wobei China den Schlüsselmarkt der Zukunft darstellt. Denn das Land verfügt selbst über einen enormen Kinobinnenmarkt, der bis Ende 2017 Prognosen zufolge zum größten der Welt heranwachsen und dann auch die bisher dominanten Amerikaner (Boxoffice 2015: elf Milliarden Dollar) in den Schatten stellen wird.


Da sollte man schonmal anfangen diesen Markt anzufixen. Und China kann damit Einfluß nehmen.

In der Comic-Adaption "Doctor Strange" wurde die Figur des "Ancient One" (gespielt von Tilda Swinton) von einem tibetischen Mann in eine keltische Frau umgewandelt, um Chinas Zensoren nicht zu provozieren.


Die bloße Ausdehnung von Hollywood ins Reich der Mitte ist daher ein ziemlich schwieriger Drahtseilakt. Bisher spielt man dort vor allem über Bande mit - so adaptierte Fox seinen Hit "Bride Wars" erfolgreich für den chinesischen Markt, und Alibaba plant ein Remake von "Nachts im Museum". "Iron Man 3" wurde in China in einer Version veröffentlicht, die chinesische Alibi-Figuren und Nebenstorys beinhaltete (Stark wird von einem chinesischen Arzt gerettet). Der "Star Wars"-Ableger "Rogue One" macht sich mit den chinesischen Superstars Donnie Yen und Jiang Wen in der Besetzung beliebt, und die Fortsetzung von "Die Unfassbaren", der in Übersee doppelt soviel einspielte wie am heimischen US-Boxoffice, biederte sich mit dem chinesischen Regisseur Jon Chu und dem taiwanischen Star Jay Chou und der Location Macau an.


Auch das ist Globalisierung. Das ist keine Einbahnstraße. So, wie westl. Kultur mit Handel über geschlossene Märkte hereinbricht, friedlich, wie auch mit Gewalt (gerade bei China, siehe Opiumkrieg), kann das auch andersherum laufen. Die Wirtschaft hat ihre Gesetze. Und wenn die Filmwirtschaft expandieren will, muß sie auch nach den Gesetzen derer Spielen, die dazu den Schlüssel haben.

Wie subtil das laufen kann sieht man z.B. an einer rotchinesischen Produktion, nämlich "Hero" von Zang Yimou aus dem Jahre 2002. Der jetzt den abgdrehten Film mit Matt Damon ebenfalls gemacht hat. Yimou hat aboslut Talent. Sein Film "Rotes Kornfeld" aus dem Jahr 1987 hat mich beeindruckt. Es erzählt eine Geschichte während der japanischen Besatzung in China. Er kann toll erzählen, in beeindruckenden Bildern, die sich nicht hinter Hollywood oder London verstecken brauchen. Dasselbe gilt bei "Hero". Die Geschichte wird visuell und erzählerisch faszinierend rübergebracht. Der "erste Kaiser" Chinas soll ermordet werden. Er hat bei der Einigung Chinas, das vorher aus mehreren Königreichen bestand viel Blut vergossen, Elend erzeugt und sich Feinde gemacht. Sicherlich bezieht er sich auf den historisch ersten Kaiser Chinas Qin Shihuangdi, dem die gewaltige Terrakottaarmee und riesige Grabanlage zu verdanken ist. Er galt als brutal, gerade auf dem Höhepunkt seiner Macht. Gegner und Oppositionelle wurden vernichtet. In dem Film wird dem Kaiser nach dem Leben getrachtet. Am Ende, Vorsicht Spoiler, ergibt sich der theoretisch erfolgreiche Rächer der Gemordeten. WTF?! :mad2: Er hätte ihn töten können! Er hätte ihn aus dem Bild kicken können. Nach dieser kompliziert durchdachten, sprichwörtlichen Annäherung. An dieses high value target. Jetzt wählt er den Freitod und lässt den Imperator leben. Nach all der Mühe! Was ist passiert?

Der Rächer der Enterbten hat nach reiflicher Überlegung sich überzeugen lassen, daß all das Elend, Mord, Folter, Tod und Verderben einem höheren Zweck dient. "Zum Wohle Aller!" Ja, seine Herrschaft ist autoritär. Ja, Aufmucken wird bestraft. Aber hat er damit nicht Frieden, Ordnung und Ruhe gebracht? Als es noch mehrere Reiche gab, gab es STÄNDIG Krieg und Zank. Das ist jetzt vorbei. Die Kräfte können nun gebündelt werden. Schifffahrt, Straßen, verlässliche, verbindliche Gesetze im ganzen Reich. Einheitlich. Bildung, alles kann jetzt mit vereinten Kräften aufgebaut werden, statt sich in ständigen Kriegen untereinander zu verheizen. Ja, man kann jetzt zu einer bedeutenden Macht werden. China, das Reich der Mitte. Wo wird Separation geduldet? Weder in den USA, Syrien noch Russland. Notfalls wird Krieg geführt zum Erhalt der Macht, Pardon des Friedens im Staat.

Was ist das für eine Message im Film für das heutige Publikum. In China? So ein Film kann nicht entstehen, wenn Peking kein grünes Licht gibt. Sie durften sogar in der Verbotenen Stadt drehen.

Die Message ist klar. Ja, Peking ist autoritär, ja, Aufmucken wird nicht geduldet, aber "Zum Wohle Aller!" Die Alternative wäre Zerfall, Rückschritt, Bürgerkrieg. Mehrere Reiche. Aus mit der Ordnung und dem Fortschritt. Nur gemeinsam kann es Fortschritt und Wohlstand geben. Den Weg zur Supermacht. Rächer, beugt euch dem Kaiser. Ja, der ist brutal, aber nur so kann ein Riesenreich geführt werden. Und dem Kollektiv dienen. So die Message.

Bei einer Allianz Hollywoods mit China dehnt sich die Haltung natürlich auch dahin aus.

(...)die chinesische Medienbehörde SARFT, die Radio, Fernsehen, Film und Internet überwacht. Sie setzt fest, wie viele ausländische Filme pro Jahr in China starten dürfen - zurzeit sind es 34 pro Jahr - und behält sich auch die Hoheit über die Programmierung dieser Filme vor. Und sie setzt scharfe Zensurbestimmungen durch, welche die Förderung konfuzianischer Werte, politischer Stabilität und sozialer Harmonie verlangen sowie Sex, Gewalt, Drogen und Alkohol tabuisieren.


Aber dem Schulterschluss zwischen Hollywood und China könnte auch eine neue politische Stimmung in den USA im Weg stehen. Im September pochten 16 Mitglieder des Abgeordnetenhauses darauf, chinesische Investitionen in der amerikanischen Filmindustrie genauer zu überprüfen, und der designierte US-Präsident Donald Trump stellte recht ungeniert einen Handelskrieg mit China in Aussicht. Soeben hat er einen scharfen Chinakritiker zum Vorsitzenden seines Nationalen Handelsrates ernannt. Wanda-Chef Wang Jianlin ließ Trump kürzlich über Chris Dodd, den Vorsitzenden der Motion Picture Association of America (MPAA), die Botschaft zukommen, dass etwaige Bestrebungen, chinesische Investitionen in den USA zu beschränken, die Jobs von 20.000 Amerikanern gefährden könnte.

Unterdessen befürchten Branchenexperten, dass Hollywoods Liebesaffäre mit China auch neue Maßstäbe für den amerikanischen Film setzen könnte. So mahnte die "Los Angeles Times" im Oktober unter der Überschrift "Hollywoods gefährliche Besessenheit mit China", Hollywoods Autoren müssten sich womöglich schon bald den Anforderungen der chinesischen Zensurbehörden beugen, um einem Blockbuster den dortigen Marktauftritt zu ermöglichen.

"Schon jetzt kann kein Film mehr Kassenrekorde brechen, wenn er nicht in China gezeigt wird, und er kann nicht in China gezeigt werden, wenn er nicht von Pekings Zensoren abgenommen wird", schrieb die "Times". Wohl nicht zufällig rette China im Kino mittlerweile die Welt, so die Zeitung mit Verweis auf "2012" und "Der Marsianer". Chinakritische Filme dagegen wie "Sieben Jahre in Tibet" oder "Kundun" sehe man schon seit Langem nicht mehr.

http://www.spiegel.de/kultur/kino/the-g ... 28748.html


Ist das zu verhindern? So, wie die westlichen Wirtschaftssysteme global in andere Regionen einbrechen, so kann das auch ein Bummerang werden.
Wenn man zuviel weiß, wird es immer schwieriger, einfache Entscheidungen zu treffen.
Wissen stellt eine Barriere dar, die einen daran hindert, etwas in Erfahrung zu bringen.
- Frank Herbert, Die Kinder des Wüstenplaneten

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