Lügenpresse oder Realitätspresse

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Re: Lügenpresse oder Realitätspresse

Beitragvon jack000 » Di 23. Okt 2018, 10:21

schokoschendrezki hat geschrieben:(23 Oct 2018, 10:12)

Schön, dass ein Begriff wie "Flut" nicht über objektive Tatsachen hinaus irgendwelche negativen Assoziationen weckt ... :rolleyes:

Ich habe es mir tatsächlich angetan und ein bissel in dem u.a. von Vera Lengsfeld jüngst beworbenen Portal "gescheitmedien.de" herumzulesen. Es handelt sich dabei einfach um eine Liste von Newsfeeds aus bekannten rechtspopulistischen Webseiten wie Tichys Einblick, achgut oder Journalistenwatch.

Ein fast bis zur Blindheit verengter Blick auf die Welt von heute, der zu fast 100 Prozent eigentlich nur ein Thema kennt: Fremdenangst befördern und Hassvergiftung betreiben. Wenn man es etwas neutraler formulieren will: Komplexitätsreduktion um jeden, aber auch wirklich jeden Preis.

Wer insbesondere die immer wieder angegriffenen öffentlichen Hörfunkmedien kennt und aufmerksam und offen verfolgt, weiß ganz genau, dass es dort keine Einseitigkeit, Hörigkeit, Mainstreamverpflichtetheit gibt. Und vor allem, das ist beinahe noch wichtiger, dass die politischen Vorgänge in der Welt in ihrer Gesamtheit behandelt werden oder dies zumindest programmatisches Ziel ist.

Und was hat das mit meinem Beitrag tun?
Es wird sogar nicht mehr im PF geleugnet: "Ja die Gewalt gegen Frauen hat bedingt durch Zuwanderung zugenommen, und jetzt?"
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Wolverine
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Re: Lügenpresse oder Realitätspresse

Beitragvon Wolverine » Di 23. Okt 2018, 10:42

Lügenpresse ist Hetze im Sinne der Nazis. Davon distanziere ich mich. Ich distanziere mich allerdings auch von der jetzt und seit 2015 üblichen Hofberichterstattung so ziemlich aller Medien. Ich unterstelle den Medien nicht unbedingt Lügen, aber definitiv sind sie parteiisch.
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Re: Lügenpresse oder Realitätspresse

Beitragvon immernoch_ratlos » Di 23. Okt 2018, 10:56

"Neutralitätspflicht" einfach mal in Ruhe lesen und dann darüber nachdenken ob es sich bei öffentlichen Sendern um "Staatsorgane" handelt.

Wer ein Minimum an politischer Bildung besitzt, geht nicht davon aus, es gäbe so etwas wie "Neutralität" tatsächlich. Wer selbst über eine Meinung verfügt und vernünftig abwägen kann, ist selbst gewöhnlich alles andere als "Neutral". Ein vollkommen künstliche Vorstellung. Geradezu "unmenschlich".

Es gibt nun wirklich genügend Sender, ich würde lügen, wenn ich alle überhaupt kennen würde. Da dann einen einzelnen herausgreifen ist das eigentlich die Neutralität die man von anderen fordert ? Neutralität im politischen Umfeld (jenseits von "Staatsorganen") zu fordern ist schlich Unsinn. Wenn das was man da hören kann nicht zur eigenen politischen Weltanschauung passt, kann man - es sei den man hängt eher extremistischer Weltanschauung an - gewiss etwas finden was besser passt :x

Über Politik berichten - diskutieren - soll "neutral" möglich sein ? Schon wenn eine politische Äußerung im Wortlaut - im Original - "verkündet wird", ist das für den politischen Gegner genau was es ist und nicht anders sein kann - nicht neutral.

Wer selbst vernünftigerweise die Welt auch politisch wahrnimmt, kann sehr wohl trennen wo es etwas zu trennen geben könnte. Dieser Versuch andere "quasi als sein Mündel schützen zu müssen" ist selbst meilenweit von "Neutralität" entfernt. Aber OK, man muss das einfach als Normalität hinnehmen - weiter, was war sonst noch wichtig ?
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Re: Lügenpresse oder Realitätspresse

Beitragvon MäckIntaier » Di 23. Okt 2018, 11:50

immernoch_ratlos hat geschrieben:(23 Oct 2018, 11:56)

"Neutralitätspflicht" einfach mal in Ruhe lesen und dann darüber nachdenken ob es sich bei öffentlichen Sendern um "Staatsorgane" handelt.

Wer ein Minimum an politischer Bildung besitzt, geht nicht davon aus, es gäbe so etwas wie "Neutralität" tatsächlich. Wer selbst über eine Meinung verfügt und vernünftig abwägen kann, ist selbst gewöhnlich alles andere als "Neutral". Ein vollkommen künstliche Vorstellung. Geradezu "unmenschlich".


Wer übers Wetter berichtet, kann das "Wetter" beschreiben, oder er kann übers "miese Wetter" reden . Im ersten Fall beschreibt er es neutral, im zweiten Fall schon nicht mehr (ganz). Der Moderator mag "meinen" was er beliebt zu meinen, aber möge seine Zuhörer mit dieser Meinung verschonen, wenn er Politiker interviewt, und diesen Politikern dann von allen Seiten auf den Leib rücken. Anders ausgedrückt: Er möge als Person in den Hintergrund treten und eine neutrale Rolle spielen.

immernoch_ratlos hat geschrieben:(23 Oct 2018, 11:56)
Es gibt nun wirklich genügend Sender, ich würde lügen, wenn ich alle überhaupt kennen würde. Da dann einen einzelnen herausgreifen ist das eigentlich die Neutralität die man von anderen fordert ? Neutralität im politischen Umfeld (jenseits von "Staatsorganen") zu fordern ist schlich Unsinn. Wenn das was man da hören kann nicht zur eigenen politischen Weltanschauung passt, kann man - es sei den man hängt eher extremistischer Weltanschauung an - gewiss etwas finden was besser passt :x


Ebenfalls an der (meiner) Sache vorbei. Wer etwas sucht, was zu ihm passt, möchte nicht informiert werden, sondern sucht Bestätigung.

immernoch_ratlos hat geschrieben:(23 Oct 2018, 11:56)
Über Politik berichten - diskutieren - soll "neutral" möglich sein ? Schon wenn eine politische Äußerung im Wortlaut - im Original - "verkündet wird", ist das für den politischen Gegner genau was es ist und nicht anders sein kann - nicht neutral.


Und noch einmal so nicht richtig. Berichten ist etwas anderes als diskutieren. Hat man schon in der Schule gelernt, dass eine Vorgangsbeschreibung etwas anderes ist als eine Erörterung. Darüber hinaus gehört übrigens schon die Themenauswahl, die Gästeauswahl, also auch, welche Themen man wie oft einrückt oder gar nicht berücksichtigt, gleiches gilt bei den Gästen.

immernoch_ratlos hat geschrieben:(23 Oct 2018, 11:56)
Wer selbst vernünftigerweise die Welt auch politisch wahrnimmt, kann sehr wohl trennen wo es etwas zu trennen geben könnte. Dieser Versuch andere "quasi als sein Mündel schützen zu müssen" ist selbst meilenweit von "Neutralität" entfernt. Aber OK, man muss das einfach als Normalität hinnehmen - weiter, was war sonst noch wichtig ?



Ich weiß nicht, ob ich das richtig verstehe. Ich sehe es eher von der Grundsatzfunktion der Medien als vierte Gewalt her. Da meine ich, dass alle Bürger dieser Landes ein Interesse haben sollten, dass Journalisten und Moderatoren sich nicht in dem aktuellen Ausmaß vor allem mit Politikern gemein machen sollten, wie das in Talkshows aber auch auf Veranstaltungen wie den von der Presse oft veranstalteten Foren zu sehen ist. Und jenseits der fehlgeleiteten Überschrift sollten alle ein Interesse daran haben, dass die Presse ihre Rolle im Sinne einer vierten Gewalt spielt, nicht im Sinne einer Neben- oder Mitregierung. Aber eine solche Rolle hatte schon lange vor dem Aufkommen des Lügenpressebegriffes und aus ganz anderen Gründen als der politischen Korrektheit aufgehört.
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Re: Lügenpresse oder Realitätspresse

Beitragvon schokoschendrezki » Di 23. Okt 2018, 12:01

MäckIntaier hat geschrieben:(23 Oct 2018, 10:28)

Dem möchte ich einmal dezidiert widersprechen. "Mein" Sender zur Frühstücks- und Abendessenvorbereitung ist der DF-Kultur, Studio 9. Die dortigen Moderatoren sind nur unter der Prämisse akzeptabel, dass Journalismus und Moderatorentum heutzutage nicht einmal ansatzweise eine Neutralitätspflicht haben und dass "kritischer" Journalismus nur kritisch gegen die wenigen ist, die, falls sie überhaupt zu Wort kommen, nicht dem "Mainstream" das Wort reden. Alle Informationsvorbereitung sowie die Themenauswahl könnten auch Grünen-Radio Kultur heißen. Das muss man wertungsfrei einfach feststellen, alles andere wäre selektive Wahrnehmung. Das heißt nicht, dass die lügen oder uninformativ wären, aber sie sind unmissverständlich positioniert.

Klar: Zeitungen, Nachrichtenkanäle haben ein Profil. Sollen sie ja auch.

Apropos DR Kultur. In der Reihe "Politisches Feuilleton" kommen in der Regel Gastautoren zu Wort. Und da habe ich schon mehrfach zu ein- und demselben Thema nacheinander zwei so ziemlich vollständig konträre Beiträge gehört.

Das eigentliche Problem der Forderung nach einer "Realitätspresse" sehe ich ganz woanders. Die politische Realität der Welt ist keineswegs einfach die Summe aller beobachtbaren Lebensrealitäten. Ich verstehe unter der Forderung nach einer "Realitätspresse" - ganz und gar negativ konnotiert! - die Forderung nach einer Streichung von Zusammenhangsanalysen. Eine technologische Weichenstellung in einem großen Unternehmen kann unter Umständen weitreichendere Folgen haben als der Zuzug einiger tausend Syrer in einer einzigen Woche. Ähnliches gilt für das Ergebnis diplomatischer Zusammenkünfte. Die Entscheidungen arabischer Investmentfonds. Entscheidungen über Waffenverkäufe. Demographische oder klimatische Veränderungen. Veränderungen von Börsenkursen. Usw. Usf. Für mich ist "Realitätspresse" die nette Umschreibung dafür, dass wir gefälligst mit Komplexität nicht belästigt werden und unseren täglichen Aufreger über irgendeine Aktion eines Zugereisten serviert bekommen, der sich nicht unserer Leitkultur gemäß verhalten hat.
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Re: Lügenpresse oder Realitätspresse

Beitragvon Wolverine » Di 23. Okt 2018, 12:15

Wolverine hat geschrieben:(23 Oct 2018, 11:42)

Lügenpresse ist Hetze im Sinne der Nazis. Davon distanziere ich mich. Ich distanziere mich allerdings auch von der jetzt und seit 2015 üblichen Hofberichterstattung so ziemlich aller Medien. Ich unterstelle den Medien nicht unbedingt Lügen, aber definitiv sind sie parteiisch.


Mal abgesehen davon, ob Maaßen die Äußerungen zustanden, so habe ich seinen Eindruck bestätigen können. Als Nachweis hatten wir alle nur den Bericht, den wohl offensichtlich alle gesehen haben. 3-4 Idioten jagen einem Einzelnen hinterher und bedienen sich einer Fäkalsprache. Das war keine Hetzjagd, das war eine Momentaufnahme, die offensichtlich bei den dumpfen Nazis die gewünschte Reaktion ausgelöst hat (durch die Anwesenheit der Presse). Die Aktion erstarb ja noch im Augenblick der Fernsehbilder. Eine Hetzjagd sieht anders aus. Ganz anders. Dass sich der braune Mob in den Straßen von Chemnitz versammelt hat, konnte wiederum bestätigt werden. Nun frage ich mich, was die Presse damit bewirken wollte. Sich gegen rechts zu positionieren ist ja richtig, aber das sollte die Presse nicht tun sonst werden sie unglaubwürdig. Sämtliche Kommentare die darauf schließen lassen könnten, sollten unterbleiben. Die Presse darf sich nicht benutzen lassen. Auch nicht gegen rechts. Sie sind zur Neutralität verpflichtet.
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Re: Lügenpresse oder Realitätspresse

Beitragvon relativ » Di 23. Okt 2018, 12:23

Wolverine hat geschrieben:(23 Oct 2018, 13:15)

Mal abgesehen davon, ob Maaßen die Äußerungen zustanden, so habe ich seinen Eindruck bestätigen können. Als Nachweis hatten wir alle nur den Bericht, den wohl offensichtlich alle gesehen haben. 3-4 Idioten jagen einem Einzelnen hinterher und bedienen sich einer Fäkalsprache. Das war keine Hetzjagd, das war eine Momentaufnahme, die offensichtlich bei den dumpfen Nazis die gewünschte Reaktion ausgelöst hat (durch die Anwesenheit der Presse). Die Aktion erstarb ja noch im Augenblick der Fernsehbilder. Eine Hetzjagd sieht anders aus. Ganz anders. Dass sich der braune Mob in den Straßen von Chemnitz versammelt hat, konnte wiederum bestätigt werden. Nun frage ich mich, was die Presse damit bewirken wollte. Sich gegen rechts zu positionieren ist ja richtig, aber das sollte die Presse nicht tun sonst werden sie unglaubwürdig. Sämtliche Kommentare die darauf schließen lassen könnten, sollten unterbleiben. Die Presse darf sich nicht benutzen lassen. Auch nicht gegen rechts. Sie sind zur Neutralität verpflichtet.

Also wir dumm ist das denn. Natürlich sollen sie menschen (und das sind die bei den medien auch) gegen rechtes Gedankengut stellen.
Alles was man in Chemnitz sehen konnte und was auch von etlichen Augenzeugen berichtet wurde, lässt darauf schließen , daß dort ein Brauner Mob tätig war (Plus Mitläufer) und es zu Übergriffen gegen ausländisch aussehende Mitbürger gab.
Jetzt sag mir warum sollen dagegen medien nicht Stellung beziehen? Medien sind nicht dafür da deine Position neutral zu betrachten.
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Re: Lügenpresse oder Realitätspresse

Beitragvon immernoch_ratlos » Di 23. Okt 2018, 12:26

schokoschendrezki hat geschrieben:Für mich ist "Realitätspresse" die nette Umschreibung dafür, dass wir gefälligst mit Komplexität nicht belästigt werden und unseren täglichen Aufreger über irgendeine Aktion eines Zugereisten serviert bekommen, der sich nicht unserer Leitkultur gemäß verhalten hat.
:thumbup: Schöner und treffender kann man das kaum sagen.

Alles ist politisch - selbst diese Sparversion die "Realitätspresse" nach Vorstellung einiger unbedingt sein muss. Politische Bildung macht immun gegen angebliche "Unneutralität". Das ist beinahe wie Grundrechenarten - wer glaubt das 2 +2 Fünf ergibt, hat im übertragenen Sinn auf Politik bezogen, schlicht eine "Rechenschwäche". Nicht wirklich etwas, unter dem jemand der in einer Demokratie aufgewachsen ist, leiden muss. Selbst ist Frau und Mann....
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Re: Lügenpresse oder Realitätspresse

Beitragvon schokoschendrezki » Di 23. Okt 2018, 12:28

Wolverine hat geschrieben:(23 Oct 2018, 13:15)

Die Presse darf sich nicht benutzen lassen. Auch nicht gegen rechts. Sie sind zur Neutralität verpflichtet.

Wirklich? Ist die Presse "zur Neutralität verpflichtet"? Im "Focus", einem eigentlich ziemlich typischen gemäßigten Mainstream-Blatt wird der Satz "Die Presse ist neutral" zu den "12 Märchen über die Medien" gerechnet. https://www.focus.de/finanzen/news/die-12-maerchen-der-medien-die-presse-ist-neutral_id_4138456.html.

Mir fallen zum Bereich Medien und Presse so aus dem Hut drei tatsächliche "Pflichten" ein:

- Der Staat hat die Pflicht, Pressefreieheit zu gewährleisten.
- Die Medien haben die Pflicht, sich an die Gesetze und die Verfassung zu halten
- Die öffentliche-rechtlichen Medien haben die Pflicht der informationellen Grundversorgung

Sonst noch was?
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Re: Lügenpresse oder Realitätspresse

Beitragvon Wolverine » Di 23. Okt 2018, 12:39

schokoschendrezki hat geschrieben:(23 Oct 2018, 13:28)

Wirklich? Ist die Presse "zur Neutralität verpflichtet"? Im "Focus", einem eigentlich ziemlich typischen gemäßigten Mainstream-Blatt wird der Satz "Die Presse ist neutral" zu den "12 Märchen über die Medien" gerechnet. https://www.focus.de/finanzen/news/die-12-maerchen-der-medien-die-presse-ist-neutral_id_4138456.html.

Mir fallen zum Bereich Medien und Presse so aus dem Hut drei tatsächliche "Pflichten" ein:

- Der Staat hat die Pflicht, Pressefreieheit zu gewährleisten.
- Die Medien haben die Pflicht, sich an die Gesetze und die Verfassung zu halten
- Die öffentliche-rechtlichen Medien haben die Pflicht der informationellen Grundversorgung

Sonst noch was?


Die Neutralitätspflicht ist kein Gesetz sondern eine Anforderung der Presse an sich selbst. Das ergibt sich wohl aus der deutschen Vergangenheit. Wer ernstgenommen werden will, sollte sich wohl daran halten. Ansonsten muss man sich mit Bezeichnungen wie "Hofeberichterstatter und Lügenpresse " anfreunden. Die Neutralitätspflicht macht schon Sinn, wenn ich das alles so durchlese.

P.S. Auch nach Aussage von MP Kretschmer gab es keine Hetzjagden nach Ausländern. Es gab direkte, rassistische Anfeindungen und Hetzjagd ist zudem kein juristischer Terminus. Vereinzelte Ausschreitungen gegen Ausländer sind dann eben doch keine Hetzjagd, wie es die regierungshörige Presse verlauten lassen wollte. Als Maaßen dann auch noch bestätigte, dass ihm keine belastbaren Anhaltspunkte für eine Hetzjagd vorlagen, war der Bär fett. Maaßen ist kein Chef mehr und die Behauptungen einer Hetzjagd immer noch Blödsinn. Letztendlich führen solche Behauptungen dazu, dass man ganz Sachsen als rechten Mob bezeichnet ohne sich dabei an Fakten zu halten. Das schadet der Demokratie ebenso wie das untätige "Weiter so" der Regierung.
Zuletzt geändert von Wolverine am Di 23. Okt 2018, 13:00, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Lügenpresse oder Realitätspresse

Beitragvon MäckIntaier » Di 23. Okt 2018, 12:42

schokoschendrezki hat geschrieben:(23 Oct 2018, 13:01)

Für mich ist "Realitätspresse" die nette Umschreibung dafür, dass wir gefälligst mit Komplexität nicht belästigt werden und unseren täglichen Aufreger über irgendeine Aktion eines Zugereisten serviert bekommen, der sich nicht unserer Leitkultur gemäß verhalten hat.


Dass die Überschrift nicht meine Forderung ist, hatte ich hier ja klar gemacht. Man wusste schon immer, wen die Presse unterstützte, das ist kein Problem. Das Problem, das ich beschrieb, ist ein anderes, dass nämlich die Moderatoren sich als Personen mit ihrer Meinung oft von vornherein einbringen und positionieren. Diese Meinung hat aber keinen informativen Mehrwert, und wer sich mit dem Interviewpartner von vornherein gemein macht, wird auch kein kritisches Interview führen können. Das ist inzwischen die Regel, sonst kommt der Politiker, wenn er nicht in der Opposition ist, schon gar nicht erst zum Termin. Und weil das überall und bei allen der Fall ist, fallen die Medien heute als echtes Kontrollorgan oder Gegengewicht gegen die Macht weitgehend aus. In zu vielen Journalisten und Moderatoren findet jede Regierung heute allzu willige Sprachrohre, während gleichzeitig die gesinnungskakophonischen Internetplattformen das Klima anheizen. Sollte es an den Begrifflichkeiten hängen, so möge man "neutral" durch "nüchtern" ersetzen. Nüchternheit, sober-mindedness, kritische Distanz: das fehlt in der Medienlandschaft heute fast vollständig.
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Re: Lügenpresse oder Realitätspresse

Beitragvon schokoschendrezki » Di 23. Okt 2018, 13:04

Wolverine hat geschrieben:(23 Oct 2018, 13:39)

Die Neutralitätspflicht ist kein Gesetz sondern eine Anforderung der Presse an sich selbst. Das ergibt sich wohl aus der deutschen Vergangenheit. Wer ernstgenommen werden will, sollte sich wohl daran halten. Ansonsten muss man sich mit Bezeichnungen wie "Hofeberichterstatter und Lügenpresse " anfreunden. Die Neutralitätspflicht macht schon Sinn, wenn ich das alles so durchlese.

Aber moment mal. "Nichtneutralität" heißt doch nicht automatisch "Hofberichterstattung". Sondern einfach, dass man eine bestimmte politische Ausrichtung oder auch einen bestimmten journalistischen Stil vertritt. Weiße, unbedruckte Seiten sind "neutral".

Es geistert immer wieder dieser Diskurshoheitsdünnpfiff durch die Welt. Und die Annahme, Journalisten würden sich regelmäßig irgendeiner frewiliigen Selbstzensur und allen möglichen "Denkverboten" aussetzen. Eher ist dieser verbreitete Irrtum Ergebnis des Verbots, zu denken, ein Journalist könnte vielleicht auch mal seine eigene Meinung vertreten.

O.K. Ich sag jetzt mal einfach vielleicht etwas hochnäsig und patzig: Ich weiß eben nur zu gut, was tatsächlich "Hofberichterstattung" durch Presse und Medien ist. Eine der angesehensten und besten Zeitungen der Welt (nur als Beispiel), "The Guardian", bezeichnet sich selbst als nicht irgendwie "zur Neutralität verpflichtet", sondern ganz explizit und ausdrücklich als "linksliberal". (Im Gegensatz zu den meisten anderen, eher konservativen britischen Zeitungen). Dass gerade in der angloamerikanischen Presselandschaft stärker zwischen Kommentar und Berichterstattung unterschieden wird und der Teil Berichterstattung natürlich neutral im Sinne von objektiv zu erfolgen hat, ist ja richtig.
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Re: Lügenpresse oder Realitätspresse

Beitragvon Wolverine » Di 23. Okt 2018, 13:10

schokoschendrezki hat geschrieben:(23 Oct 2018, 14:04)

Aber moment mal. "Nichtneutralität" heißt doch nicht automatisch "Hofberichterstattung". Sondern einfach, dass man eine bestimmte politische Ausrichtung oder auch einen bestimmten journalistischen Stil vertritt. Weiße, unbedruckte Seiten sind "neutral".

Es geistert immer wieder dieser Diskurshoheitsdünnpfiff durch die Welt. Und die Annahme, Journalisten würden sich regelmäßig irgendeiner frewiliigen Selbstzensur und allen möglichen "Denkverboten" aussetzen. Eher ist dieser verbreitete Irrtum Ergebnis des Verbots, zu denken, ein Journalist könnte vielleicht auch mal seine eigene Meinung vertreten.

O.K. Ich sag jetzt mal einfach vielleicht etwas hochnäsig und patzig: Ich weiß eben nur zu gut, was tatsächlich "Hofberichterstattung" durch Presse und Medien ist. Eine der angesehensten und besten Zeitungen der Welt (nur als Beispiel), "The Guardian", bezeichnet sich selbst als nicht irgendwie "zur Neutralität verpflichtet", sondern ganz explizit und ausdrücklich als "linksliberal". (Im Gegensatz zu den meisten anderen, eher konservativen britischen Zeitungen). Dass gerade in der angloamerikanischen Presselandschaft stärker zwischen Kommentar und Berichterstattung unterschieden wird und der Teil Berichterstattung natürlich neutral im Sinne von objektiv zu erfolgen hat, ist ja richtig.


Neutral heißt für mich ( und wahrscheinlich die meisten anderen) eine Berichterstattung ohne Hinweise oder Unterstützung bestimmter Aussagen oder das Anbringen der eigenen Meinung. Die deutsche Presse ist definitiv nicht neutral, wenn sie der Kanzlerin zuliebe von Hetzjagd berichtet, wo es nachweislich gar keine gab. Neutral geht anders.
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Re: Lügenpresse oder Realitätspresse

Beitragvon MäckIntaier » Di 23. Okt 2018, 13:22

schokoschendrezki hat geschrieben:(23 Oct 2018, 14:04)

Aber moment mal. "Nichtneutralität" heißt doch nicht automatisch "Hofberichterstattung". Sondern einfach, dass man eine bestimmte politische Ausrichtung oder auch einen bestimmten journalistischen Stil vertritt. Weiße, unbedruckte Seiten sind "neutral".

Es geistert immer wieder dieser Diskurshoheitsdünnpfiff durch die Welt. Und die Annahme, Journalisten würden sich regelmäßig irgendeiner frewiliigen Selbstzensur und allen möglichen "Denkverboten" aussetzen. Eher ist dieser verbreitete Irrtum Ergebnis des Verbots, zu denken, ein Journalist könnte vielleicht auch mal seine eigene Meinung vertreten.

O.K. Ich sag jetzt mal einfach vielleicht etwas hochnäsig und patzig: Ich weiß eben nur zu gut, was tatsächlich "Hofberichterstattung" durch Presse und Medien ist. Eine der angesehensten und besten Zeitungen der Welt (nur als Beispiel), "The Guardian", bezeichnet sich selbst als nicht irgendwie "zur Neutralität verpflichtet", sondern ganz explizit und ausdrücklich als "linksliberal". (Im Gegensatz zu den meisten anderen, eher konservativen britischen Zeitungen). Dass gerade in der angloamerikanischen Presselandschaft stärker zwischen Kommentar und Berichterstattung unterschieden wird und der Teil Berichterstattung natürlich neutral im Sinne von objektiv zu erfolgen hat, ist ja richtig.


Kleines Beispiel, wie weit fortgeschritten schlechter Journalismus ist. Die Zeit hat in den letzten beiden Printausgaben in zwei Artikeln darüber berichtet, dass in Chemnitz eine Zelle rechtsextremistischer Terroristen ausgehoben worden sei.
Das ist das deutsche Flaggschiff des Liberalismus gewesen. Online haben sie das dann so nicht wiederholt. Das ist der neue Journalismus. Am ersten Artikel waren vier davon als Verfasser genannt. Und keiner hat sich was dabei gedacht.
Zuletzt geändert von MäckIntaier am Di 23. Okt 2018, 13:33, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Lügenpresse oder Realitätspresse

Beitragvon schokoschendrezki » Di 23. Okt 2018, 13:30

Wolverine hat geschrieben:(23 Oct 2018, 14:10)

Neutral heißt für mich ( und wahrscheinlich die meisten anderen) eine Berichterstattung ohne Hinweise oder Unterstützung bestimmter Aussagen oder das Anbringen der eigenen Meinung.

Darüber dass Berichterstattungen (möglichst) unabhängig von eigenen Meinungen oder der politischen oder journalistischen Ausrichtungen einer Zeitung sein sollten, sind wir uns einig.

Nehmen wir einmal wieder eine dieser typischen bildungsbürgerlichen Medien, die ZEIT. Dieser Artikel zur Frage, ob es in Chemnitz "Hetzjagden" gegeben habe oder nicht und wie die Aussagen von Maaßen dabei zu bewerten sind, behandelt das Thema absolut präzise. Indem nämlich zunächst einmal der Begriff sprachlich-inhaltlich untersucht wird. Er lässt nix aus, fügt nix hinzu, verzerrt nix. Absolut nix. Und stützt auch nicht irgendeine Gruppe, eine Institution oder Partei. Tut mir leid.

https://www.zeit.de/news/2018-09/09/hetzjagden-oder-nicht-vom-streit-um-einen-begriff-180907-99-866174

Zu den Artikeln in den Printausgaben, auf die Mäckintaler verweist, kann ich nix sagen. Natürlich kommen überall und immer wieder schlechte, schlecht recherchierte, subjektiv-tendenziöse Texte. Wer wollte das bestreiten. Zuweilen sind es allerdings auch Leserartikel außerhalb der redaktionellen Verantwortung.

Und natürlich haben wir noch ein ganzes anderes Phänomen: Das der Ökonomisierung. Auch Medienwie die ZEIT kämpfen gegen ihren ökonomischen Untergang. Und stehen selbstverständlich im Konflikt: Aber weniger mit Regierung, öffentlicher Meinung, mit dem was als PC kritisiert wird ... und mehr mit den Vorstellungen ihrer Inserats- und Werbekundschaft.
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Re: Lügenpresse oder Realitätspresse

Beitragvon MäckIntaier » Di 23. Okt 2018, 13:34

schokoschendrezki hat geschrieben:(23 Oct 2018, 14:30)


Zu den Artikeln in den Printausgaben, auf die Mäckintaler verweist, kann ich nix sagen. Natürlich kommen überall und immer wieder schlechte, schlecht recherchierte, subjektiv-tendenziöse Texte. Wer wollte das bestreiten. Zuweilen sind es allerdings auch Leserartikel außerhalb der redaktionellen Verantwortung.



Man muss die nicht gelesen haben. Es reicht, meinen Beitrag gelesen zu haben und zu verstehen, was da steht.
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Re: Lügenpresse oder Realitätspresse

Beitragvon Wolverine » Di 23. Okt 2018, 14:08

schokoschendrezki hat geschrieben:(23 Oct 2018, 14:30)

Darüber dass Berichterstattungen (möglichst) unabhängig von eigenen Meinungen oder der politischen oder journalistischen Ausrichtungen einer Zeitung sein sollten, sind wir uns einig.

Nehmen wir einmal wieder eine dieser typischen bildungsbürgerlichen Medien, die ZEIT. Dieser Artikel zur Frage, ob es in Chemnitz "Hetzjagden" gegeben habe oder nicht und wie die Aussagen von Maaßen dabei zu bewerten sind, behandelt das Thema absolut präzise. Indem nämlich zunächst einmal der Begriff sprachlich-inhaltlich untersucht wird. Er lässt nix aus, fügt nix hinzu, verzerrt nix. Absolut nix. Und stützt auch nicht irgendeine Gruppe, eine Institution oder Partei. Tut mir leid.

https://www.zeit.de/news/2018-09/09/hetzjagden-oder-nicht-vom-streit-um-einen-begriff-180907-99-866174

Zu den Artikeln in den Printausgaben, auf die Mäckintaler verweist, kann ich nix sagen. Natürlich kommen überall und immer wieder schlechte, schlecht recherchierte, subjektiv-tendenziöse Texte. Wer wollte das bestreiten. Zuweilen sind es allerdings auch Leserartikel außerhalb der redaktionellen Verantwortung.

Und natürlich haben wir noch ein ganzes anderes Phänomen: Das der Ökonomisierung. Auch Medienwie die ZEIT kämpfen gegen ihren ökonomischen Untergang. Und stehen selbstverständlich im Konflikt: Aber weniger mit Regierung, öffentlicher Meinung, mit dem was als PC kritisiert wird ... und mehr mit den Vorstellungen ihrer Inserats- und Werbekundschaft.


Ich sage, dass es keine Hetzjagden (Plural) gab und liege somit richtig, wenn ich den Artikel richtig verstanden habe. Andere dürfen sagen, dass es Hetzjagden gab und geben sich der allgemeinen Lächerlichkeit preis. Das Problem liegt in der persönlichen Bestimmung, was denn nun eine Hetzjagd ist.
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Re: Lügenpresse oder Realitätspresse

Beitragvon Selina » Di 23. Okt 2018, 15:32

schokoschendrezki hat geschrieben:(23 Oct 2018, 14:30)

Darüber dass Berichterstattungen (möglichst) unabhängig von eigenen Meinungen oder der politischen oder journalistischen Ausrichtungen einer Zeitung sein sollten, sind wir uns einig.

Nehmen wir einmal wieder eine dieser typischen bildungsbürgerlichen Medien, die ZEIT. Dieser Artikel zur Frage, ob es in Chemnitz "Hetzjagden" gegeben habe oder nicht und wie die Aussagen von Maaßen dabei zu bewerten sind, behandelt das Thema absolut präzise. Indem nämlich zunächst einmal der Begriff sprachlich-inhaltlich untersucht wird. Er lässt nix aus, fügt nix hinzu, verzerrt nix. Absolut nix. Und stützt auch nicht irgendeine Gruppe, eine Institution oder Partei. Tut mir leid.

https://www.zeit.de/news/2018-09/09/hetzjagden-oder-nicht-vom-streit-um-einen-begriff-180907-99-866174

Zu den Artikeln in den Printausgaben, auf die Mäckintaler verweist, kann ich nix sagen. Natürlich kommen überall und immer wieder schlechte, schlecht recherchierte, subjektiv-tendenziöse Texte. Wer wollte das bestreiten. Zuweilen sind es allerdings auch Leserartikel außerhalb der redaktionellen Verantwortung.

Und natürlich haben wir noch ein ganzes anderes Phänomen: Das der Ökonomisierung. Auch Medienwie die ZEIT kämpfen gegen ihren ökonomischen Untergang. Und stehen selbstverständlich im Konflikt: Aber weniger mit Regierung, öffentlicher Meinung, mit dem was als PC kritisiert wird ... und mehr mit den Vorstellungen ihrer Inserats- und Werbekundschaft.


Zum ersten Satz in deinem Beitrag: Die Berichterstattung ist nie unabhängig von der Ausrichtung einer Zeitung. Das ist ja gerade der Witz: Genau diese Unterschiedlichkeit prägt das Profil der jeweiligen Zeitung, das links, linksliberal, konservativ, rechtskonservativ sein kann ... und noch allerhand dazwischen. Auch der sachlichste Bericht sagt mit der Art und Weise der Anordnung der Fakten, mit der Prioritäten-Setzung, mit Zitaten und Überschriften etwas aus über das Profil der Zeitung. Was die eigene Meinung des Journalisten anbelangt: Die kann er in kommentierenden Passagen und kommentierenden journalistischen Genres jederzeit äußern. Theater- und Filmrezensionen sind beispielsweise immer die eigene Meinung des jeweiligen Rezensenten. Es gibt auch ganze Kommentar-Seiten und ganze Feuilletons, die nur aus solchen kommentierenden Elementen bestehen und eben gerade die Lesbarkeit und Originalität der jeweiligen Zeitung ausmachen. Also: Eigene Meinungen der Journalisten sind unbedingt gefragt und auch wichtig. Die jeweiligen Verlage und Redaktionen achten da auch jederzeit auf weitestgehende Freizügigkeit der Autoren. Deren Beiträge werden selbstverständlich nur dann nicht veröffentlicht, wenn sie der Ausrichtung der Zeitung diametral entgegenstehen. Was aber so gut wie nie vorkommt. Logisch. Denn die Autoren arbeiten ja nicht umsonst bei einer bestimmten Zeitung mit einem bestimmten Profil.

Und was die Berichterstattung über die "Hetzjagden" anbelangt, da finde ich schon die Rolle rückwärts des Chefredakteurs der Chemnitzer "Freien Presse" bemerkenswert. Seine Stellungnahme ist ein Spagat besonderer Art, weil er eine Riesenspannweite von Leserinteressen bündeln wollte und musste. Und da kommt eben manchmal auch Merkwürdiges heraus:

Zitat:

Warum die "Freie Presse" nach den Ausschreitungen vom Wochenende den Begriff Hetzjagd nicht verwendet.

Die Ereignisse in Chemnitz werden deutschlandweit und darüber hinaus mit dem Label Hetzjagd versehen. Wir, die Redaktion der Freien Presse, haben uns bewusst entschieden, für das Geschehen am Sonntag von Anfang an den Begriff Hetzjagd nicht zu verwenden, weil er aus unserer Sicht nicht zutrifft. Wenn aus dieser Differenzierung interessierte Gruppen und Medien nun ableiten, es sei alles halb so schlimm gewesen oder eine große Erfindung, dann ist das weder in unserem Sinne noch entspricht es der Wahrheit. Es gab aus der Demonstration heraus Angriffe auf Migranten, Linke und Polizisten. So wurde Menschen über kurze Distanz nachgestellt. Insofern wäre der Begriff "Jagdszene" noch gerechtfertigt. Eine "Hetzjagd", in dem Sinne, dass Menschen andere Menschen über längere Zeit und Distanz vor sich hertreiben, haben wir aber nicht beobachtet. Wir kennen auch kein Video, das solch eine Szene dokumentiert.

Wir wissen mittlerweile, dass es am Abend und in der Nacht nach der Demonstration Angriffe auf Migranten gegeben haben soll. Der Polizei liegen dazu jedenfalls mehrere Anzeigen vor. In diesen Fällen waren wir nicht Augenzeugen. Der offen zu Tage getretene Hass, der die Proteste auf den Straßen in Chemnitz am Sonntag begleitet hat, war schrecklich genug. Er bedarf keiner Dramatisierung.

Torsten Kleditzsch, Chefredakteur


https://www.freiepresse.de/chemnitz/che ... el10299149

Meine Zustimmung dagegen zu deinen Bemerkungen zur Ökonomisierung der Medien.
Zuletzt geändert von Selina am Di 23. Okt 2018, 15:59, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Lügenpresse oder Realitätspresse

Beitragvon Wolverine » Di 23. Okt 2018, 15:39

Selina hat geschrieben:(23 Oct 2018, 16:32)



Meine Zustimmung dagegen zu deinen Bemerkungen zur Ökonomisierung der Medien.


Was ist an der Einlassung des Chefredakteurs eine Rolle rückwärts?

P.S. Es gab keine Hetzjagd. Es gab Ausschreitungen und Angriffe auf die üblichen Verdächtigen(linke).
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MäckIntaier
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Re: Lügenpresse oder Realitätspresse

Beitragvon MäckIntaier » Di 23. Okt 2018, 15:45

Wolverine hat geschrieben:(23 Oct 2018, 15:08)

Das Problem liegt in der persönlichen Bestimmung, was denn nun eine Hetzjagd ist.


Das könnte man auch anders ausdrücken: Das Problem liegt darin, dass Meldungen je weiter nach oben kommen, je stärker das Vokabular, je superlativer das Adjektiv des Negativen oder Sensationellen ist. Und je superlativer die Sprache, desto größer der Abstumpfungseffekt, die Gewöhnung. Diese Mechanismen greifen nicht nur in den hochpolitischen und deshalb umstrittenen Bereichen, sie greifen überall in der Berichterstattung. Das Publikum wird, gewollt oder ungewollt ist ungewiss, so ständig in einem hoch erregten Zustand gehalten. Das meinte ich oben mit der "Nüchternheit" als Gegengift. Sonst wird hier eines Tages noch die Ohrfeige in der S-Bahn zu einem Pogrom oder das gewöhnliche Sommergewitter zur brennpunktfähigen Naturkatastrophe.
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