Populismus als Effekt kollektiver Glaubenskrisen

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apartofme
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Populismus als Effekt kollektiver Glaubenskrisen

Beitragvon apartofme » Sa 14. Okt 2017, 15:22

Moin!

Vieles wurde schon über die Entstehung von Populismus in Deutschland, Europa und anderswo auf dieser Welt gesagt. Mal ist die Kanzlerin Schuld, mal sagt man, dass die Leute irgendwelche diffusen Zukunftsängste hätten. Für mich persönlich waren die Erklärungsversuche immer ein wenig enttäuschend, daher habe ich mir selbst einmal ein paar Gedanken gemacht.

Den Ansatz, dass politische Radikalisierung Ausdruck von Suche nach Identität sein kann, fand ich im Grunde genommen schon mal nicht so schlecht. Allerdings denke ich, dass es weitaus universellere Dinge gibt, die nicht nur bestimmte Individuen betreffen, sondern die Menschheit insgesamt. Für gewöhnlich werden diese Prozesse mit "Globalisierung" umschrieben, aber auch das halte ich nicht für ausreichend. Mein Ziel ist es, die ganz allgemeinen Prinzipien zu finden, die zu diesem doch sehr verbreiteten Phänomen führen.

Mein Gedankengang ist zunächst der, dass es drei Ideologien gibt, die unser Denken in diesem Zeitalter maßgeblich im Hintergrund prägen. Wenn ich sage "Im Hintergrund", dann meine ich, dass diese Ideologien als Ideologien nicht erkennbar sind. Selbstverständlich gibt es viele weitere Ideologien, aber diese sind eben als Ideologien erkennbar und werden im Diskurs auch so bezeichnet. Daher möchte ich einmal drei Ideologien vorstellen, die uns prägen, die sich aber gleichzeitig in einer Glaubenskrise befinden.

1. Der Glaube daran, dass Bildung und Aufklärung zu individuellem Erfolg, gesellschaftlichem Wohlstand und moralischem Handeln führen
Diese Ideologie ist vielleicht eine der mächtigsten im 21. Jahrhundert. Sie ist streng verbunden mit dem Leistungsgedanken. Funktionslogisch wird sie uns schon von klein auf in der Schule durch ein relativ simples Belohnungssystem eingeimpft und somit ist es für viele Menschen auch sehr schwer, diese Ideologie überhaupt als solche zu erkennen.
Diese Ideologie ist gleich in doppeltem Sinne in einer Krise. Zunächst einmal können wir in vielen Ländern (hauptsächlich Entwicklungsländern) beobachten, dass gute Leistungen in Schule und Univerisät nicht zwangsläufig zu einem Erfolg auf dem Arbeitsmarkt führen (was auch einer der Auslöser für den Arabischen Frühling war), und zum anderen befindet sich der Intellektualismus zusätzlich noch in einer erkenntnistheoretischen Krise: Die Komplexität des menschlichen Wissens hat eine Stufe erreicht, in der ein einzelnes Individuum nur noch einen sehr kleinen Teil des gesamten Zusammenhangs verstehen kann. An einem Smartphone, beispielsweise, arbeiten tausende von Ingeneuren, aber kein einziger dieser Ingeneure kann das Smartphone in seiner Gesamtheit verstehen. Durch die Unfähigkeit, Systeme (auch politische und juristische Systeme) in ihrer Gesamtheit verstehen zu können, kann dem Individuum das moralische Urteilsvermögen abhanden kommen. Das Versprechen der Aufklärung, dass Bildung zu einem besseren moralischen Urteilsvermögen führt, ist damit in Gefahr.

2. Der Glaube daran, dass Politik hauptsächlich von Nationen gemacht wird.
Dieser Eindruck entsteht in einem zunehmenden Maße durch die Massenmedien, die in aller Regel über nationale Angelegenheiten berichten, weil Massenmedien nach größtmöglichen Einschalt- und Leserquoten streben. Diese können tendenziell eher durch landesweite Verbreitung der Medieninhalte gewonnen werden. In der Konsequenz werden wir ständig mit Angelegenheiten konfrontiert, die sich auf unser Land - oder auf andere Länder als monolithische Blöcke - beziehen. In der Folge ergibt sich ganz natürlich der Eindruck, dass die Nation diejenige Institution sei, mit Hilfe derer die Probleme der Menschheit gelöst werden müssen.
Dieser starke Glaube befindet sich in einer Krise. Uns ist allen bewusst, dass die Staaten viele Probleme nicht lösen können.

3. Der Glaube daran, dass Geld äquivalent mit Wohlstand oder gar Leistung sei.
Hierzu wurde schon viel gesagt und die Annahme wird ja auch von sehr vielen vertreten, dass das Problem der politischen Radikalisierung einen ökonomischen Hintergrund hat, der mitunter auch in der Finanzkrise zu suchen ist. Vielleicht findet sich an dieser Stelle noch jemand, der mehr über die Frage schreibt, inwiefern der klassische liberale Leistungsgedanke sich in einer Krise befindet, die für viele Menschen auch als solche erkennbar ist.

Meine These ist, dass ein ungeheures Radikalisierungs- und Konfliktpotenzial von dem Umstand ausgeht, dass Menschen von ihren fundamentalen Glaubensgrundsätzen enttäuscht werden und der individuelle Glaube damit auch seine identitätsstiftenden Eigenschaften, oder mehr noch, seine soziale Macht verliert.
"Glaube" bezieht sich hierbei nicht nur (aber auch) auf Religionen, sondern ebenfalls auf säkulare identitätsstiftende Ideologien, wie die obigen. Auch andere Ideologien können Enttäuschungspotenzial haben. In der Türkei sehen wir z.B. dass sich Menschen, die vom Säkularismus enttäuscht sind (oder ihn sogar, in seiner sozialistischen Ausprägung als existenzielle Bedrohung wahrnehmen, wie viele Menschen in der Türkei den Konflikt in Syrien empfinden, in dem die größten Massenhinrichtungen bekanntlich von säkularen Kraften verübt werden), zunehmend wieder politisch-religiösen Weltbildern hingeben.
Gleichzeitig sehen wir in einigen traditionell christlichen Ländern ein interessantes Paradox. Interessanterweise sind es beispielsweise in den USA oder auf den Philippinen gerade die christlichen Bevölkerungsteile, die radikalen Staatsführern zur Macht verhelfen, die auch medial eher genau das Gegenteil eines "christlich-tugendhaften Charakters" ausstrahlen. Die entsprechenden Wähler können diesen Widerspruch und ihre Sympathien für die entsprechenden Personen auch, so jedenfalls meine persönliche Erfahrung, im qualitativen Gespräch kaum und allenfalls durch die noch stärkere Dämonisierung von Gegenkandidaten oder dem "System Politik" als solches erklären. Das verleitet mich zu der Schlussfolgerung, dass hier andere, unterbewusste Kräfte am Werk sind, die sehr tief mit der religiösen Identität der Menschen verwurzelt sind, nämlich die Enttäuschung über den Machtverlust des eigenen religiösen Bezugssystems, die Hilflosigkeit über den Umstand, dass es die Probleme dieser Tage nicht erklären und sich auf sie nicht anwenden lässt.

Diskussionsfragen:
- Wie groß ist das Radikalisierungspotenzial, das von diesen Krisen ausgeht?
- Wo ist dieser Ansatz unvollständig oder falsch? Wie kann er ergänzt werden?
- Welche weiteren Ursachen gibt es für den Aufstieg populistischer Bewegungen?
- Gibt es Lösungen für das Problem?
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Re: Populismus als Effekt kollektiver Glaubenskrisen

Beitragvon Helmuth_123 » Sa 14. Okt 2017, 17:56

Wenn eine Ursache für das Wachsen des Populismus und populistischer Bewegungen der Verlust traditioneller Gemeinschaften und Bindungen ist, dann wäre eine Lösung um dieses Wachstum des Populismus/populistischer Bewegungen zu bremsen, die Förderung und Stärkung der traditionellen Gemeinschaften und Bindungen.
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Re: Populismus als Effekt kollektiver Glaubenskrisen

Beitragvon Ein Terraner » Sa 14. Okt 2017, 18:08

Populismus oder Religion, puuuu gibt es schon einen anderen Planeten zum Umziehen ?
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Re: Populismus als Effekt kollektiver Glaubenskrisen

Beitragvon Brainiac » Sa 14. Okt 2017, 19:42

apartofme hat geschrieben:(14 Oct 2017, 16:22)

Moin!

[...]

N'abend,

möchtest du hier Populismus diskutieren, oder Radikalisierung, oder sind die für dich synonym oder gehen zumindest Hand in Hand?

Das sind für mich jedenfalls unterschiedliche Phänomene. Populismus bedient die menschliche Sehnsucht nach einfachen Erklärungen. Das war immer so und wird immer so sein und gehört zum Politikbetrieb dazu.

Was zur Radikalisierung führen kann, ist schon komplizierter. Nicht mehr funktionierende Weltbilder, wie die drei von dir beschriebenen Glaubensgrundsätze, können sicherlich dazu beitragen, da den Leuten sozusagen das Glaubensfundament entzogen wird. Die Antwort darauf: Es sind neue Grundsätze zu entdecken und zu formulieren, die die heutige Welt besser erklären.

[MOD] Das ist zwar nicht eindeutig Bildungsforum, ich belasse das aber erst mal hier, bis sich geklärt hat, wie sich die Diskussion entwickelt.
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Re: Populismus als Effekt kollektiver Glaubenskrisen

Beitragvon apartofme » So 15. Okt 2017, 17:44

apartofme hat geschrieben:(14 Oct 2017, 16:22)
Dieser Eindruck entsteht in einem zunehmenden Maße durch die Massenmedien, die in aller Regel über nationale Angelegenheiten berichten, weil Massenmedien nach größtmöglichen Einschalt- und Leserquoten streben. Diese können tendenziell eher durch landesweite Verbreitung der Medieninhalte gewonnen werden.

Ein Gedanke noch einmal zur Funktionslogik von Massenmedien im Kontext von Identität:

Die Erziehung der Menschen hat sich besonders in den Industrieländern insofern gewandelt, als dass neu geborene Kinder unter einem größeren impliziten Erfolgsdruck stehen. Insbesondere bei einer kleineren Zahl an Kindern pro Familie möchten Eltern zumeist um so intensiver, dass ihre Kinder etwas "Besonderes" sind. Diese Erwartung lastet stark auf der künftigen Generation (hierzu gab es auch mal einen ZEIT-Artikel, habe ich aber gerade verlegt) und konditioniert sie in einem nicht zu unterschätzenden Maße.

Gleichzeitig ist es so, dass es durch die schnellere, weitere und umfassendere Verbreitung von Medieninhalten immer schwieriger geworden ist, etwas "Besonderes" zu sein. Angenommen, ein Mensch wollte ein besonders guter Skateboarder sein, so kann er sich in der Welt der klassischen Medien schnell innerhalb seines Freundeskreises auch mit relativ rudimentären Fähigkeiten hervorheben. Im Angesicht des Internetzeitalters, in dem jeder mit wenig Aufwand sofort hunderte von kleinen Filmchen ansehen kann, in denen Menschen schneller, besser, klüger und interessanter sind, kann aber insbesondere vor dem Hintergrund der im letzten Absatz angesprochenen Erwartungshaltung schnell die Frustration einkehren und die identitätsstiftende Komponente selbst relativ trivialer Freizeitbeschäftigungen verloren gehen.

Dies ist ein relativ universelles Phänomen, dem man auch nicht einfach so entgegen wirken kann, denn der technologische Fortschritt lässt sich nicht mal so ohne Weiteres aushebeln. Es müssen also neue Wege gefunden werden, um mit diesen aufkommenden Problemen umzugehen.
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Re: Populismus als Effekt kollektiver Glaubenskrisen

Beitragvon apartofme » So 15. Okt 2017, 18:17

Brainiac hat geschrieben:(14 Oct 2017, 20:42)

N'abend,

möchtest du hier Populismus diskutieren, oder Radikalisierung, oder sind die für dich synonym oder gehen zumindest Hand in Hand?

Mir geht es zunächst um Anfälligkeit für Irrationalität in einer Art und Weise, wie wir sie zumindest in den letzten 30 Jahren so nicht gekannt haben. Ich denke, dass es schon gerechtfertigt ist, zumindest von einer Welle politischer Irrationalisierung ca. ab 2010 zu sprechen. In anderen Ländern ist dies noch viel stärker der Fall als in Deutschland. Insbesondere die Wahlen in den USA sind für mich ein relativ deutlicher Indikator, dass sich da auch strukturell etwas geändert hat.

"Populismus" mag in diesem Kontext eigentlich der falsche Ausdruck sein, denn Populismus kommt von oben und schlägt politisches Kapital aus Anfälligkeit für Irrationalität. Mir geht es eher um die Irrationalität selbst, bzw. um die Frage, welche gesellschaftlichen Faktoren sie begünstigen oder in Zukunft begünstigen werden.

Dediziert geht es mir auch nicht ausschließlich darum, bestehende politische Bewegungen einzuordnen, zu erklären oder zu kritisieren. Das können andere viel besser. Mich interessiert: Welche Dinge haben sich ganz fundamental geändert oder sind dabei sich zu ändern und welches Radikalisierungspotenzial - oder besser: Irrationalisierungspotenzial - birgt sich darin?

Ohne genau zu wissen, wie sich irrationale politische Ideologien entwickeln (das ist ja nun auch ein Streitthema, mit dem sich vor allen Dingen die Antisemitismusforschung mittlerweile Jahrzehnte ohne großartige Erfolge auseinandergesetzt hat), scheint mir der Zusammenhang insbesondere zwischen dem "Versprechen der Aufklärung" - bzw. der Konditionierung der Menschen dahingehend, dass Bildung zu wirtschaftlichem und gesellschaftlichem Erfolg aber auch zu moralischer Integrität führt - und der dem einzelnen Individuum immer weniger "Übersicht" über das Geschehen in seinem Gesamtzusammenhang gebende Wissensgesellschaft, ein unterschätzter zu sein.

Ist aber natürlich eine ergebnisoffene Diskussion. Mag ja durchaus auch Leute geben, die überhaupt keine Veränderung oder vielleicht gar keine zunehmende Irrationalisierung sehen. Wenn man einen längeren historischen Zeitraum betrachtet, ist das ja durchaus auch als fraglich anzusehen.

Das ist zwar nicht eindeutig Bildungsforum

Das Forum ist überschrieben mit "Bildung, Kultur, Medien". Aus meiner Sicht ist das sehr stark eine kulturanthropologie Frage, die auch stark mit den Massenmedien zu tun hat. Es würde aber natürlich auch ins Gesellschaftsforum passen.
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Re: Populismus als Effekt kollektiver Glaubenskrisen

Beitragvon Brainiac » So 15. Okt 2017, 19:58

apartofme hat geschrieben:(15 Oct 2017, 19:17)
Ist aber natürlich eine ergebnisoffene Diskussion. Mag ja durchaus auch Leute geben, die überhaupt keine Veränderung oder vielleicht gar keine zunehmende Irrationalisierung sehen. Wenn man einen längeren historischen Zeitraum betrachtet, ist das ja durchaus auch als fraglich anzusehen..

In der Tat, diese Leute gibt es.

Ich bin der Meinung, dass irrationale Wahl- und sonstige Entscheidungen zu allen Zeiten getroffen wurden und werden, nur erinnert man sich später weniger daran.

Während der Zeit des Kalten Krieges stand die Welt aufgrund des gegenseitigen Wettrüstens mehrmals kurz vor einem Atomkrieg. Gewalttätige Proteste gegen den Staatsapparat, gipfelnd im Terror der RAF, fanden in den 60ern und 70ern Unterstützung in breiten Schichten der Bevölkerung. AIDS galt vielen als die berechtigte Rache Gottes. Und 1980 wurde ein Schauspieler Präsident der USA.
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Re: Populismus als Effekt kollektiver Glaubenskrisen

Beitragvon Mahmoud » Do 19. Okt 2017, 07:28

Als Populismus gilt ja das stark vereinfachte Darstellen von komplexen Problemen und damit einhergehend die entsprechende Beeinflussung größerer Bevölkerungsgruppen.

1. ...bin Ich nicht sicher, ob Populismus wirklich zugenommen hat. Ich glaube, der Begriff wird vor Allem zur Zeit verstärkt verwendet, um unliebsame politische Gegner ( AfD) zu verunglimpfen.

2. Populistisch sind ja immer die Anderen. Selbst ist man nicht populistisch, sondern bringt "die Dinge auf den Punkt"

3. Sollte es tatsächlich so sein, daß populistische Sichtweisen zugenommen haben, dann wohl deshalb, weil viele Menschen erkennen, daß Abwägen und Betrachten der Dinge von allen Seiten auch keine besseren Lösungen bringen, sondern im Gegenteil zur Selbstblockade führen.
Oder mit anderen Worten: Weil einfache Lösungen zwar Kollateralschäden mit sich bringen, aber das ist immer noch besser als gar keine Lösungen....
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Re: Populismus als Effekt kollektiver Glaubenskrisen

Beitragvon Maltrino » Fr 20. Okt 2017, 00:20

apartofme hat geschrieben:(14 Oct 2017, 16:22)

Moin!

(.......................)

- Gibt es Lösungen für das Problem?


Puh… Ich wollte hier grad per Zitat-Orgie deinen Text zerpflücken, aber ich versuche es mal ohne und sorry wenn es zu oberflächlich wird:

Die (Glaubens-) Punkte 1 und 3 sind für mich einer. Kann sein dass ich Punkt 3 falsch verstehe, aber ich denke du willst im Großen und Ganzem sagen, dass Leistung nicht automatisch mit Geld oder Macht jeglicher Art belohnt wird. Das ist natürlich schlicht und einfach richtig. Das ist sogar der Grundcharakter von Markt und Demokratie. Einzig allein der Markt oder der Wähler entscheidet ob eine Leistung belohnt wird. Niemand kann einen anderen Menschen zwingen ihm sein Produkt abzukaufen oder ihn zu wählen. Selbst wenn ich jetzt mich 24 Stunden hinsetze und und per Handarbeit 500 Kernfusionsreaktoren produzieren würde, die mit einem Schlag das Energieproblem der ganzen Welt lösen würde, kann ich mir nicht 100% sicher sein, dass mir jemand diese Produkte abkauft. Vielleicht sind die Leute dumm und verstehen das Produkt nicht, vielleicht finden sie mich unsympatisch (der wahrscheinlichste Fall), vielleicht finden andere Firmen meine Erfindung gefährlich für ihr Geschäftsmodell und torpedieren es, vielleicht kämpft die Politik gegen meine Erfindung weil Arbeitsplätze dadurch vernichtet würden. NIEMAND KANN AUS EIGENER KRAFT GELD VERDIENEN. NIEMAND KANN AUS EIGENER KRAFT GEWÄHLT WERDEN. Man ist immer darauf angewiesen, dass jemand anderes einem freiwillig Geld gibt oder einen freiwillig wählt.

Gleichzeitig "glauben" viele Leute natürlich daran, dass Leistung belohnt wird oder belohnt werden soll. Inwiefern dieser Glaubenssatz enttäucht wurde oder in der Krise ist, kann ich jetzt glaub ich gar nicht sagen. Ich glaube es ist vielleicht so: "Die Leute" hören den Satz "Leistung lohnt sich", sie glauben auch, dass sich Leistung lohnen sollte. Aber haben sie begriffen, dass es nie so sein wird, dass Leistung automatisch belohnt wird? Ich glaube nein, weil es ihnen niemand, der in der Lage ist es zu verstehen, ehrlich sagt, bzw. kaum jemand an der Macht ist der es versteht.

Ob dies alles Populismus zur Folge hat, schwierig…

Vielleicht ist es so:

Die Leute die glauben, dass Leistung sich lohnen sollte, und das sind bei uns die Mehrheit, die sind empfänglich für Populisten, für Populisten die natürlich die Mehrheit suchen und die ihnen versprechen, dass "ehrliche Arbeit" oder was auch immer belohnt werden soll. Schulz war also auch ein Populist, aber es hat bei ihm nicht funktioniert.

Diejenigen Leute aber, die "wissen", dass sich Leistung in der Demokratie und Marktwirtschaft (leider) nie 100% lohnen kann, da der Markt oder die Wähler über Erfolg oder Misserfolg entscheiden, die sind ganz offensichtlich (noch) in der Minderheit. Ein Populist würde also sein eigenes Grab schaufeln wenn er nicht die Mehrheit sondern diese Minderheit ansprechen würde.

Es ist also vielleicht so, dass nicht der Zweifel am Glaubenssatz "Leistung muss sich lohnen" Populismus fördert sondern die Erkenntnis, dass Leistung nicht immer belohnt wird. Die Leute (die Mehrheit) zweifelt also wohl nicht an dem Leistungsgedanken. Sie sehen nur, dass er nicht erfüllt wird. Sie zweifeln nicht an ihrem Glauben, dass Leistung mit (Geld und Macht) belohnt werden sollte, aber sie sehen, dass es nicht so ist. Sie sehen also die Wirklichkeit, ziehen aber "falsche" Schlüsse draus. Anstatt die Wirklichkeit zu erkennen und zu sagen "In unserer Gesellschaft wird sich Leistung nie 100% lohnen, wir müssen uns darauf einstellen und Anpassungen vornehmen" suchen sie nach jemanden der den Glaubenssatz erfüllt. Das wäre ungefähr so als wenn eine Glaubensgemeinschaft (oder "Sekte" oder wie ihr wollt) auf dem Grundsatz "Jemand der zu spät zum Gottesdienst kommt, der muss gesteinigt werden" beruht. Nun kommen aber ganz viele Leute zu spät und werden nicht gesteinigt. Anstatt nun an diesem Glaubenssatz zu zweifeln und und erkennen, dass es wahnsinn wäre wen man jeden der zu spät kommt steinigt suchen die Gläubigen jemand der ihn erfüllt. Wenn die Mehrheit also weiterhin an diesen Glaubenssatz glaubt, dann kann ein Populist Erfolg haben indem er den Gläubigen verspricht die zu spät kommenden zu steinigen.

Der Populismus entsteht (dieser Theorie nach und in diesen Fällen) also dadurch, dass die Mehrheit erkennt, dass ein Glaubenssatz nicht erfüllt wird, aber weiterhin an ihn glaubt (nicht an ihm zweifelt) und nun einen Heilsbringer sucht, der diesen Glaubenssatz (per Zwang und mit 100% Sicherheit…) erfüllt.

Wie man dies lösen kann? Wer will es denn lösen? Die "Glläubigen" wollen keine "Lösung" sie wollen dass ihr Glaubenssatz erfüllt wird. Wenn man diesen Populismus, der durch den Glauben an einen nicht erfüllbaren Glaubenssatz geprägt ist, dann geht das wohl nur wenn man gerade den ZWEIFEL an diesem Glaubenssatz säät. Nur wenn die "Gläubigen" oder "das Volk" nicht mehr will, dass der unerfüllbare Glaubenssatz eingelöst wird, dann wird es vielleicht eine Lösung geben. Wie geht das? Indem die wenigen, die kleine aufgeklärte und klar denkende ELITE (!!!!!!!), eine Funktions-Elite (keine Machtelite) die in der Lage ist zu erkennen, dass der Glaubenssatz nie eingelöst werden kann, dies den anderen Gläubigen (dem Volk) erklären. Also ich, oder du oder ein zwei andere weltweit müssen den anderen diesn erklären und beweisen. Danach landen wir auf dem Scheiterhaufen. 200 Jahre später erinnert sich jemand an uns und sagt "Hm, die haben vielleicht doch recht gehabt, dass sich Leistung nie 100% lohnen wird". Wir brauchen also eine kleine Elite die sich aufopfert um den Populismus zu zerstören! Wer macht mit?


Zu Punkt 2:

Ich weiß nicht ob die Leute wirklich dran "glauben", dass Politik von Nationen gemacht wird. Es IST einfach so. Bzw: Nur innerhalb der Nationen besteht eine Demokratie, die die Leute verstehen und wahrnehmen können. Und dies ist zum großen Teil auch so. Das ist der Geburtsfehler der modernen Staaten. Die meisten modernen Staaten (bis vielleicht auf die USA) sind ehemalige Königreiche, umgrenzte Königreiche, die sich zur Demokrati gewandelt haben und die Grenzen aber größtenteils beibehalten haben. Was geschieht nun gerade? Die Leute fordern, dass "der Staat" ein bestimmtes Problem lösen soll. Dieser Staat ist immer eine Nation. Die Leute kennen nichts anderes, das beschreibst du natürlich ganz richtig. Ich wohne näher an Kopenhagen als an München und trotzdem wird mir im TV ständig gesagt, dass Seehofer über meine Zukunft bestimmt weil er halt Teil "meiner" Nation ist, die Leute in Dänemark aber nicht. Auch hier ist es aber wieder so: Ok, der Glaube daran, dass Politik hauptsächlich von Nationen gemacht wird ist wohl erschüttert. Die Leute sehen wohl, dass irgendwo anders (auch) Politik gemacht wird. ABER: Die Leute glauben noch, dass die Nationen Politik machen SOLLTEN! Politik sollte von einer (souveränen) Nation gemacht werden. Daran glauben die Leute. Und deshalb wenden diese Leute sich Populisten zu, die ihnen versprechen diesen Glaubenssatz (wieder) zu erfüllen. Die rechten, aber oft auch die linken, Populisten versprechen ihren Anhängern (der Mehrheit?), dass die (souveräne) Nation wieder uneingeschränkt Politik macht. Auch hier wieder das gleich wie oben. Die Leute glauben noch, dass der Glaubenssatz (Politik muss von der Nation gemacht werden) erfüllt werden soll, sie sehen aber, dass er nicht (mehr) erfüllt wird. Auch hier wieder: Diejenigen, die wissen, dass der Glaubenssatz (Politik muss von der Nation gemacht werden) fallen gelassen werden muss, müssen die anderen überzeugen. Sie müssen den Glaubenssatz also zerstören. Ich weiß, dass es schwierig ist. Aber die Frage war ja wie die Lösung aussieht. Nur wenn die Leute nicht mehr WOLLEN, dass die Nation unbedingt alleinig Politik macht, wird dieser spezielle Populismus nicht mehr auf fruchtbaren Boden fallen.

Die Gesellschaft funktioniert in diesem Sinne also wie eine "Sekte" oder Glaubensgemeinschaft. Innerhalb der "Sekte Deutschland" muss es also Reformer geben, die so stark sind, dass sie den Glauben an bestimmte, nicht erfüllbare, Glaubenssätze zerstören. Aber: Es geht eben NICHT darum den Willen der Mehrheit zu erfüllen, es geht darum der Mehrheit (dem Volk) zu sagen, dass es was anderes wollen soll. Es geht nicht darum dem Volk zu sagen "Ihr seid viel klüger als wir, wir tun alles was ihr wollt", es geht darum das Volk zu beschipfen und ihnen zu sagen "Ihr seid so dumm, ihr fordert etwas was nicht erfüllt werden kann und nicht erfüllt werden darf!". Die Antwort auf Populismus ist also Volksbeschimpfung. >>Volksbeschimpfung von unten<< in diesem Falle, da "wir" (die kleine Funktionselite der aufgeklärten Erkenner) keine Macht hat.



Auf den Zusammenhang mit "echten" Glaubensgemeinschaft, den du andeutest, will ich gar nicht groß eingehen. Ich denke aber, dass dort ähnliches geschieht wie oben beschrieben: Wenn ein streng gläubiger Christ einen Politiker wählt der ihnen verspricht denn Sonntag arbeitsfrei zu halten und die heterosexuelle Ehe als alleinige Ehe zu schützen, dann fordern diese Gläubigen von den Politikern, dass sie einen Glaubenssatz, an den sie glauben, erfüllen. Aber es ist hier etwas anders, denn bei "echtem" Glauben, kann man nie beweisen, dass der Glaubenssatz wirklich "falsch" ist. Die Gläubigen haben (Religionsfreiheit) das Recht an diese Glaubenssätze (im Privatem) zu glauben. Das "Problem" entsteht nun dadurch, dass diese Gläubigen vom Staat (der eigentlich nicht dafür zuständig sein sollte) erwarten, dass er ihre Glaubenssätze erfüllt. Diese Gläubigen wollen also einen Priester (oder wer auch immer die Glaubenssätze erfüllen kann…) an die Spitze des Staates wählen. Oder vielleicht wollen diese auch einen "Gott" an der Spitze des Staates. Gegen diesen Populismus, wo eine gläubige Mehrheitsgesellschaft einen religiös konservativen Populisten wählt, kann man eigentlich nicht so vorgehen wie oben beschrieben. Es macht nicht wirklich Sinn diesen Gläubigen zu sagen, dass es "falsch" ist am Sonntag nicht zu arbeiten. Man kann ihnen nur sagen, dass es falsch ist vom Staat zu erwarten, dass er diesen Glaubenssatz erfüllt. Die Anfechtung des Glaubenssatzes "Der Sonntag ist heilig" muss innerhalb der Glaubensgemeinschaft stattfinden, denn dort gehört er hin. Man muss nur den Glaubenssatz anfechten, dass der Staat dafür zuständig ist den Sonntag zu heiligen. Man muss also den Leuten klar machen, dass sie etwas falsches glauben, nämlich dass der Staat einzelne Glaubenssätze ihrer Religion umsetzen soll. Ein Kanzler ist aber nicht der Papst.

So, ich hör hier einfach mal auf zu schreiben und gucke was jetzt passiert.
Wie ihr seht, habe ich jetzt auch ein Profilbild wo das Portrait eines großen politischen Denkers aus der Vergangenheit abgebildet ist. Damit ist jetzt jede meiner Aussagen wahr und absolut seriös.
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Maltrino
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Re: Populismus als Effekt kollektiver Glaubenskrisen

Beitragvon Maltrino » Fr 20. Okt 2017, 18:34

Ich vergaß: Beim Punkt "Die Nation soll die Politik machen" muss man ganz nüchtern sehen: National begrenzte Demokratien fördern zwangsläufig einen Nationalismus, da es immer darum geht die Interessen des jeweiligen Volkes umzusetzen. Die Interessen des jeweiligen Volkes sind aber dann immer quasi die Interessen der jeweiligen Nation. Deshalb wird ein Politiker der in Deutschland antritt immer sagen, dass er will dass es "den Deutschen" gut geht, und je nach Partei wird das dann weniger oder mehr radikal formuliert. Der Wettbewerb der Nationen ist da immer schon vorprogrammiert. Siehe USA und Trump: Trump reist durch die Gegend im Wahlkampf und in jedem Bundesstaat (der USA) sagt er "Ich liebe die Leute hier!", weil er eben die Stimmen dieser Leute will. Mexiko ist, so hat es sich in der Geschichte ergeben, NICHT Teil der USA, im Gegensatz zum Beispiel zu Texas oder Kalifornien. Er kann also auf die Mexikaner schimpfen, weil sie ihn nicht wählen können. In Texas oder Kalifornien wird er dagegen sagen "Ich liebe euch!". Nationalistischer Populismus ist also innerhalb der Nationalen Demokratie quasi integraler Bestandteil. Es ist vielleicht sogar gewollt, dass ein Präsident erstmal für seine "eigenen Leute" da ist (so wie Trump es selber sagt). DIe Hoffnung, dass sich innerhalb einer Nationalen Demokratie Politiker durchsetzen die weltweite Interessen formulieren ist also eigentlich sehr naiv. Das geht nur solange gut, wie weltweite Interessen auch nationale Interessen sind. Wenn dies nicht mehr ist, dann Pech. Deshalb: Die Lösung für Nationalistischen Populismus wäre: Weltweite Wahlen, wo die Politiker um die Stimmen aller Menschen werben.
Wie ihr seht, habe ich jetzt auch ein Profilbild wo das Portrait eines großen politischen Denkers aus der Vergangenheit abgebildet ist. Damit ist jetzt jede meiner Aussagen wahr und absolut seriös.

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