ÖPNV: Gehört dem Sessel-Lift die Zukunft?

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imp
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ÖPNV: Gehört dem Sessel-Lift die Zukunft?

Beitragvon imp » Mi 28. Mär 2018, 20:12

Viele Innenstädte jammern über dichten Verkehr. Wo nicht das stinkende Auto den Fußgänger umnietet, tut es zielsicher der Radfahrer. Der Bus kommt nicht mehr durch, die Straßenbahn ist zu teuer und wer versucht, eine Ubahn anzuschaffen, sprengt nur das Stadtarchiv. Da ist guter Rat teuer. Gerade in unwegsamen eng bebauten Tälern bietet sich der Sessel-Lift als Punkt-zu-Punkt-Verbindung an. Der Sessel-Lift kann wahlweise bodennah geführt werden, was bei maßvoller Geschwindigkeit einen individuellen Ausstieg ohne Halt ermöglicht, oder weit genug über dem Verkehrsgeschehen, um andere Träger wie etwa die Trambahn nicht zu behindern. Durch den Verzicht auf schwere Fahrzeuge und die Nutzung von Ökostrom ist der Sessel-Lift vergleichsweise arm an Schadstoffen, vor allem wenn er nur während der nachfragestarken Zeiten durchfährt und ansonsten nur stündlich zweimal rotiert. Der Sessel-Lift braucht kein umfangreiches Fahrpersonal und die Beförderungskapazität skaliert mit der Länge der Strecke. Theoretisch könnte ein Sessel-Lift auch im Citybereich von Hochhausdach zu Hochhausdach geführt werden. Hier wäre aufgrund der Windverhältnisse vielleicht stattdessen der Einsatz von Kleinkabinen sinnvoll. So können auch behinderte Verkehrsteilnehmer mitschweben, wenn es einen Haltknopf oder eine Ausfädelung gibt.

Problematisch für den Lift, ob Sessel oder Kabine, sind bauliche Gegebenheiten, wo die Straßenführung keine hinreichende Senkung zum Gehweg hin erlaubt. Rampen oder Hochtreppen können hier vielleicht einen Kompromiss darstellen. Jedoch gelten Treppen, besonders wenn sie nach unten führen, als Angstzonen und können die Akzeptanz des Lifts senken.

Haltet ihr den Lift für eine geeignete Nischenlösung im Massentransport?
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Maikel
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Re: ÖPNV: Gehört dem Sessel-Lift die Zukunft?

Beitragvon Maikel » Do 29. Mär 2018, 08:48

Sole.survivor@web.de hat geschrieben:(28 Mar 2018, 21:12)
Der Sessel-Lift kann wahlweise bodennah geführt werden, was bei maßvoller Geschwindigkeit einen individuellen Ausstieg ohne Halt ermöglicht

Damit entfiele die Platzersparnis. Jederzeit Aussteigen ist eh problematisch, da beim Ein- und Aussteigen Liftpersonal anwesend sein muß, um den Lift notfalls ganz anzuhalten (Ich komme gerade aus dem Ski-Urlaub, daher ist mir so etwas geläufig)

Durch den Verzicht auf schwere Fahrzeuge und die Nutzung von Ökostrom ist der Sessel-Lift vergleichsweise arm an Schadstoffen, vor allem wenn er nur während der nachfragestarken Zeiten durchfährt und ansonsten nur stündlich zweimal rotiert.

Bevor du einen Sessellift anhalten/pausieren lassen kannst/darfst, mußt du sicherstellen, daß niemand mehr drinsitzt. Das erfordert entweder aufwendige Sensorik (noch nirgendwo gesehen) oder wieder anwesendes Personal.
Erst recht, wenn man nach deiner Idee überall zu- und aussteigen könnte.

Der Sessel-Lift braucht kein umfangreiches Fahrpersonal

s.o.

und die Beförderungskapazität skaliert mit der Länge der Strecke.

Das ist ein Irrtum. Die Beförderungskapazität (in Personen/Stunde) ist abhängig vom Abstand der Sitze und der Geschwindigkeit.

Theoretisch könnte ein Sessel-Lift auch im Citybereich von Hochhausdach zu Hochhausdach geführt werden. Hier wäre aufgrund der Windverhältnisse vielleicht stattdessen der Einsatz von Kleinkabinen sinnvoll. So können auch behinderte Verkehrsteilnehmer mitschweben, wenn es einen Haltknopf oder eine Ausfädelung gibt.

Gut, daß du noch an Kleinkabinen gedacht hast; nicht nur wg. Behinderter, auch wg. Regen, Hagel, Gepäck, Kindern, Kinderwagen etc.
Außerdem würden aus Sesselliften oft diverse Teile herunterfallen. Im Alltag wären die Menschen nicht so konzentriert wie Skifahrer auf Sesselliften.

Allerdings sind Kleinkabinen wohl windanfälliger als Sessel, wg. der größeren Angriffs-Flächen.

Angstzonen

Schönes Stichwort; für viele (z.B. weniger sportliche) sind Sessellifte Angstzonen.

Haltet ihr den Lift für eine geeignete Nischenlösung im Massentransport?
Nein.

Bereits Ende des 19. Jahrhunderts gab es Ideen, die Fußwege quasi mit Rollbändern auszustatten; sogar mit mehreren Geschwindigkeiten nebeneinander, so daß man wechseln konnte. Erfinder war ein "Alfred Speed".
Quelle dafür ist ein Buch aus meinem Bücherschrank, ich habe im www jetzt keine Seite dazu gefunden.
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Re: ÖPNV: Gehört dem Sessel-Lift die Zukunft?

Beitragvon streicher » Sa 3. Nov 2018, 13:39

Sole.survivor@web.de hat geschrieben:(28 Mar 2018, 21:12)
Haltet ihr den Lift für eine geeignete Nischenlösung im Massentransport?

Not macht erfinderisch. In München könnte eine Seilbahn gegen das Münchner Verkehrschaos kommen.
Die Zukunft ist Geschichte.
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Re: ÖPNV: Gehört dem Sessel-Lift die Zukunft?

Beitragvon immernoch_ratlos » Sa 3. Nov 2018, 14:23

Das Thema Seilbahn - auch eine "Güterseilbahn" - ist aus "gutem Grund" (wohl eher wegen erschreckender Zukunftsaussichten) in Mannheim / Ludwigshafen wieder im Gespräch - der Artikel in "DIE RHEINPFALZ" "Seilbahn oder zweite Fähre?" Wichtigster Punkt - wie in die bestehende Infrastruktur einbauen ?
Solche „Umlaufbahnen spielen ihre besonderen Qualitäten auf Strecken bis etwa zehn Kilometer und 5000 Passagieren pro Stunde und Richtung optimal aus“, heißt es in einem Prospekt des österreichischen Seilbahn-Unternehmens Doppelmayr.

Schon diese Zahlen zeigen: Eine Entlastungs-Seilbahn für den Nahverkehr in Ludwigshafen und Mannheim hätte eine andere Größenordnung als eine simple Gondelbahn zwischen den beiden Rheinufern. Zu den Spitzenzeiten am Morgen und zum Feierabend verzeichnet die zur Schumacher-Rheinbrücke führende Hochstraße Nord eine Belastung von über 4000 Autos. Da könnte eine Seilbahn mit einer Kapazität von 5000 Personen schon einige Entlastung bringen. Die Frage ist, ob sich ein solches Verkehrsmittel schnell genug realisieren lassen würde.

Noch ist auch völlig unklar, wo Start- und Endpunkte sowie Zwischenstationen einer Seilbahn stehen könnten und vor allem, was sie kosten würde. Christian Specht (CDU), Vorsitzender des Planungsausschusses im Verband Region Rhein-Neckar, wies gestern in Mannheim aber schon mal darauf hin, dass die Europäische Union ein Förderprogramm für „Urbane Seilbahnen“ aufgelegt habe. Allerdings dürfe ein solches Projekt nicht zur „Kannibalisierung bestehender Verkehrsmittel“ führen. Vielmehr gehe es um „eine sinnvolle Verknüpfung“.

Die Tatsache, dass der VRN bereits konkrete Anforderungen definiert hat, zeigt, dass die Seilbahn unter Experten keineswegs als reine Luftnummer angesehen wird:
Eine vom VRN in Auftrag gegebene Potenzialstudie soll bis April/Mai erste Klarheit schaffen.
Mit der Schwebebahn zur Bundesgartenschau 1975 (ich hatte dazu einen Beitrag geschrieben) ging es relativ bald nach der Gartenschau zu Ende.

Wenn kein "echter und dauerhafter Mehrwert" entsteht, ist es wohl eher schade ums Geld. Bei Fahrten über Wohngebiete kommt noch der erwartungsgemäß starke Widerstand aller hinzu, die sich "gefühlt", aber auch tatsächlich sozusagen auf dem "Präsentierteller" gestellt sehen :?

Doch wer mehr wissen will, kann sich ja mal diese Studie des Karlsruher Institut für Technologie (KIT) : "Urbane Seilbahnen in Baden-Württemberg Explorative Analyse von Bürgersicht, Expertenmeinungen und Planungshürden" auf immerhin 92 Seiten näher ansehen. MA / LU droht jedenfalls für bis zu ZEHN Jahre ein voraussehbares Verkehrschaos, wenn allen Beteiligten nicht schnell etwas dauerhaft Gutes einfällt. Womöglich auch etwas, was nicht wieder abgerissen wird, weil es nicht den dauerhaften Mehrwert bringt.

Dagegen dürften "drohende Fahrverbote" in einigen Städten ein laues Lüftchen sein....
"Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Mauern und die anderen Windmühlen." (aus China)
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Re: ÖPNV: Gehört dem Sessel-Lift die Zukunft?

Beitragvon Tom Bombadil » So 2. Dez 2018, 11:06

Ich bin überzeugt, dass Seilbahnen eine gute Teillösung des Problems sein können. Die schaffen sehr viele Personen weg, brauchen nicht wirklich viel Platz und die Kosten sind im Vergleich zu einer U-Bahn lächerlich gering. Sicher braucht man Platz für die Haltestellen, besonders für "Tal"- und "Bergstation" wo der Antrieb sitzt, aber das sind imho Detailprobleme, die sich mit Pragmatismus lösen ließen. In Deutschland natürlich undenkbar, in Südamerika schon Wirklichkeit: https://www.sueddeutsche.de/muenchen/vo ... -1.4050286
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Re: ÖPNV: Gehört dem Sessel-Lift die Zukunft?

Beitragvon Quatschki » So 2. Dez 2018, 11:20

Deutschland hat im Vergleich zu diesen lateinamerikanischen Metropolen keine wirklichen Verkehrsprobleme.

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