Die Türkei nach dem Ende des Kalten Krieges - Vorderasien statt EU?

Moderator: Moderatoren Forum 3

Benutzeravatar
H2O
Moderator
Beiträge: 20908
Registriert: So 13. Sep 2015, 12:49

Re: Die Türkei nach dem Ende des Kalten Krieges - Vorderasien statt EU?

Beitragvon H2O » Mo 20. Aug 2018, 14:40

Na klar, Außenpolitik kann man nur mit seinen unmittelbaren Nachbarn betreiben, zumindest, wenn man keine Weltmacht ist. Durch ihre Lage am Mittelmeer und Schwarzen Meer grenzt die Türkei an viele europäische Länder und steht auch in umfangreichem Warenaustausch mit Europa und Rußland. Diesen intensiven Austausch gab es auch zwischen EU und Iran; aber darüber ist jetzt schon eine Generation vergangen. Als türkische Gestaltungsmöglichkeit sehe ich Blutbäder ringsum. Wir Europäer sollten der Türkei diese Art der Neugründung eines Osmanischen Reichs sehr, sehr schwer machen. Vielleicht kommt das Land dann doch noch zurück zur Vernunft, sprich konstruktiven Beziehungen zur EU und zu Deutschland. Gute Voraussetzungen gab es dazu schon einmal. Derzeit ist die Türkei ein ganz unzuverlässiger Bundesgenosse, den ich lieber unter "Gegner" einordnen würde, um nicht in entscheidenden Augenblicken furchtbar enttäuscht werden zu können.

Allerdings ist der Iran noch weiter entfernt von Europa, nicht nur geographisch. Und er setzt den Nahen Osten in Flammen. Keine gute Grundlage für freundliche Beziehungen zu Europa.

Dem Titel entsprechend: Die Türkei und Iran sind Wettbewerber um die Vormachtstellung im Nahen Osten. Und da sehe ich die Türkei ziemlich eingekesselt. Ein weiterer Grund für die Türkei, jetzt endlich zur Vernunft zu kommen.
Benutzeravatar
imp
Beiträge: 8047
Registriert: Fr 14. Jul 2017, 19:37
Benutzertitel: Man On The Silver Mountain

Re: Die Türkei nach dem Ende des Kalten Krieges - Vorderasien statt EU?

Beitragvon imp » Mo 20. Aug 2018, 21:51

Eine kranke Türkei kann sich Deutschland nicht leisten. Und da denken einige hier, es sei Wunschzettelzeit.
Life is demanding without understanding.
Benutzeravatar
zollagent
Beiträge: 55045
Registriert: Mo 8. Aug 2011, 11:21

Re: Die Türkei nach dem Ende des Kalten Krieges - Vorderasien statt EU?

Beitragvon zollagent » Mi 22. Aug 2018, 07:27

Sole.survivor@web.de hat geschrieben:(20 Aug 2018, 22:51)

Eine kranke Türkei kann sich Deutschland nicht leisten. Und da denken einige hier, es sei Wunschzettelzeit.

Auch für Kranke kann nur Heilung eintreten, wenn man sich der eigenen Lage bewußt ist und nicht die Ursachen noch mehr angeheizt werden. Das "starke-Mann-Image" treibt hier Erdogan zu Dingen, die er nicht stemmen kann. Gibt er aber nach, dann zeigt er, daß er mehr versprochen hat, als er halten kann.
Wer an Absurditäten glaubt, wird Abscheulichkeiten begehen. (Voltaire)
Benutzeravatar
King Kong 2006
Beiträge: 4950
Registriert: Di 3. Jun 2008, 10:41
Benutzertitel: Kongenial

Re: Die Türkei nach dem Ende des Kalten Krieges - Vorderasien statt EU?

Beitragvon King Kong 2006 » So 7. Okt 2018, 19:46

Zwischen der Türkei und Saudi-Arabien bahnt sich ein Disput an. Ein saudischer Journalist, seine Lebensgefährtin ist Türkin, ist mutmaßlich gezielt im saudischen Konsulat getötet worden. Er wollte Papiere für die Hochzeit besorgen.

Die türkischen Behörden gehen laut mehreren Medienberichten inzwischen davon aus, dass Khashoggi im Konsulat ermordet und seine Leiche beiseitegeschafft wurde. Ein fünfzehnköpfiges Mordkommando soll dafür eigens aus Saudi-Arabien in die Türkei eingeflogen sein.


Die türkische Regierung betrachtet den Fall schon jetzt als Provokation. Er sei "nach wie vor zuversichtlich", was Khashoggis Schicksal betrifft, sagte Präsident Erdogan selbst. "Ich hoffe, wir werden nicht mit einer Situation konfrontiert, die wir nicht wollen." Ein türkischer Regierungspolitiker sagte gegenüber dem SPIEGEL: "Bin Salman muss verrückt sein, wenn er denkt, dass ein solches Verbrechen ohne Folgen bleibt."


Sollten sich der Mordverdacht erhärten, würde dies nicht nur ein Schlaglicht auf Saudi-Arabiens skrupellosen Umgang mit Kritikern werfen - sondern auch die Beziehungen zwischen der Türkei und Saudi-Arabien erheblich belasten. Soner Cagaptay, Türkei-Direktor am Thinktank "Washington Institut für die Politik des Nahen Ostens", spricht von dem Beginn der "möglicherweise schlimmsten türkisch-saudischen Krise" der jüngsten Geschichte. Für Ankara käme ein Mord einer Kriegserklärung gleich.


"Neue Eskalationsstufe"

Mohammed bin Salman hat sich bemüht, seine Diktatur liberal und modern erscheinen zu lassen, seit er im Juni 2017 Kronprinz wurde. Doch Repressionen gegen Kritiker haben unter ihm zugenommen. Vergangenen Herbst hat das Regime Dutzende Dissidenten, darunter Autoren und Menschenrechtler, festnehmen lassen. Einigen von ihnen droht die Todesstrafe. Auf der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen steht Saudi-Arabien auf Platz 169 von 180. Sollten saudi-arabische Behörden für das Verschwinden von Khashoggi verantwortlich sein, wäre endgültig eine "neue Eskalationsstufe" erreicht, sagt Sarah Leah Whitson, Nahost-Direktorin von Human Rights Watch.


Die Türkei und Saudi-Arabien sind zwei direkte Konkurrenten beim Ringen in der Region. Vielleicht mit noch mehr Reibung als mit dem Iran. Die Rollen sind nämlich da klar verteilt. Saudi-Arabien und die Türkei haben jedoch konfessionell gesehen einen Teller um den es geht (Sunniten/Salafisten). Der Iran hat da einen anderen Teller (Schiiten und die Übrigen - Christen, Drusen, Alawiten usw.)

Das Verhältnis zwischen Saudi-Arabien und der Türkei war bereits vor dem Fall Khashoggi angespannt. Beide Staaten ringen um Einfluss in der Region. Riad verdächtigt die türkische Regierung, Muslimbrüder zu unterstützen. Präsident Erdogan wiederum schlug sich im Konflikt zwischen Saudi-Arabien und Katar auf die Seite des Emirats. Es ist beinahe ausgeschlossen, dass die Türkei einen Mord auf türkischem Boden durch eine fremde Macht unbeantwortet ließe. Beobachter gehen davon aus, dass Ankara zumindest den saudi-arabischen Botschafter ausweisen, möglicherweise aber auch zu drastischeren Maßnahmen, etwa zu einem Wirtschaftsboykott, greifen würde.

Der Fall Khashoggi bringt auch den Westen unter Zugzwang. Gerade US-Präsident Donald Trump pflegt ein enges Verhältnis zu Kronprinz Mohammed bin Salman. Sollte sich der Mordverdacht bestätigen, müssen Europäer und Amerikaner Schritte gegen den Golfstaat unternehmen, um in der Region nicht noch weiter an Glaubwürdigkeit zu verlieren.

http://www.spiegel.de/politik/ausland/j ... 31990.html


Sollte Riad tatsächlich durch ein Killerkommando in der Türkei (ob Konsulat hin oder her) diese Tat durchgeführt haben, wäre das aus saudischer Sicht schon ziemlich "verwegen"...
Zuletzt geändert von King Kong 2006 am So 7. Okt 2018, 22:54, insgesamt 1-mal geändert.
Wenn man zuviel weiß, wird es immer schwieriger, einfache Entscheidungen zu treffen.
Wissen stellt eine Barriere dar, die einen daran hindert, etwas in Erfahrung zu bringen.
- Frank Herbert, Die Kinder des Wüstenplaneten
Audi
Beiträge: 3845
Registriert: Di 22. Mär 2016, 11:57

Re: Die Türkei nach dem Ende des Kalten Krieges - Vorderasien statt EU?

Beitragvon Audi » So 7. Okt 2018, 21:14

Was sagt die Bundesregierung dazu? Gibt es da schon etwas? Sanktionen? Embargo von Rüstungsgüter?
Benutzeravatar
King Kong 2006
Beiträge: 4950
Registriert: Di 3. Jun 2008, 10:41
Benutzertitel: Kongenial

Re: Die Türkei nach dem Ende des Kalten Krieges - Vorderasien statt EU?

Beitragvon King Kong 2006 » So 7. Okt 2018, 21:59

Audi hat geschrieben:(07 Oct 2018, 22:14)

Was sagt die Bundesregierung dazu? Gibt es da schon etwas? Sanktionen? Embargo von Rüstungsgüter?


Saudi-Arabien hat den Vorteil viel Geld zu haben und politisch schwach zu sein. Das macht die saudische Familie zu einem erhaltenswerten Pflänzchen. Wenn man sie irgendwann nicht mehr braucht wars das. Siehe Saddam, Schah Reza Pahlavi und Co. ;)
Wenn man zuviel weiß, wird es immer schwieriger, einfache Entscheidungen zu treffen.
Wissen stellt eine Barriere dar, die einen daran hindert, etwas in Erfahrung zu bringen.
- Frank Herbert, Die Kinder des Wüstenplaneten
Benutzeravatar
Kardux
Beiträge: 2651
Registriert: Fr 29. Mär 2013, 16:48
Benutzertitel: کوردستان زیندووە

Re: Die Türkei nach dem Ende des Kalten Krieges - Vorderasien statt EU?

Beitragvon Kardux » Mo 8. Okt 2018, 09:03

Audi hat geschrieben:Was sagt die Bundesregierung dazu? Gibt es da schon etwas? Sanktionen? Embargo von Rüstungsgüter?


Heiko Maas hat sich erst kürzlich für die entstandenen "Missverständnisse" gegenüber Saudi Arabien entschuldigt. Ob Deutschland nach dieser Entschuldigung eine neue Eskalation sucht, wage ich einmal stark zu bezweifeln. Und dann für einen Journalisten der ganz offen mit Jihadisten sympathisiert hat!

King Kong 2006 hat geschrieben:Das Verhältnis zwischen Saudi-Arabien und der Türkei war bereits vor dem Fall Khashoggi angespannt. Beide Staaten ringen um Einfluss in der Region. Riad verdächtigt die türkische Regierung, Muslimbrüder zu unterstützen. Präsident Erdogan wiederum schlug sich im Konflikt zwischen Saudi-Arabien und Katar auf die Seite des Emirats. Es ist beinahe ausgeschlossen, dass die Türkei einen Mord auf türkischem Boden durch eine fremde Macht unbeantwortet ließe. Beobachter gehen davon aus, dass Ankara zumindest den saudi-arabischen Botschafter ausweisen, möglicherweise aber auch zu drastischeren Maßnahmen, etwa zu einem Wirtschaftsboykott, greifen würde.


Aha, und welche Auswirkungen soll ein von der Türkei auf Saudi Arabien ausgehängter Wirtschaftsboykott haben? Da scheint wohl ein Komiker für den Spiegel zu schreiben.

Verwundert mich aber kaum, anscheinend dürfen ja auch pro-jihadistische Journalisten für den Spiegel schreiben, wie aus dem von Ihnen verlinkten Artikel hervorgeht:

Jamal Khashoggi, 59 Jahre alt, ist als Journalist weltweit geachtet. Er hat für verschiedene saudi-arabische und internationale Medien geschrieben, unter anderem für den SPIEGEL. Zwei Mal übernahm er die Leitung der angesehenen Zeitung "Al-Watan", zwei Mal musste er wegen seiner kritischen Berichterstattung gehen. Zu Beginn seiner Karriere sympathisierte er mit Islamisten und führte mehrere Interviews mit dem späteren Qaida-Führer Osama Bin Laden. Später wandte er sich liberalen Ideen zu und kritisierte die strikte Lesart des Islam durch die Salafisten, was ihn in Konflikt mit dem religiösen Establishment brachte.


Khashoggi hat übrigens nicht zu Beginn seiner Karriere mit "Islamisten" (man beachte die sanfte Wortwahl - es handelt sich hierbei um Jihadisten!!), sondern durchgehend mit Jihadisten sympathisiert. Er war/ist ein offener Unterstützer von Jaysh al Islam - einer pro-türkischen Jihadistengruppe in Syrien die ebenfalls einen Gottesstaat anstreben.

King Kong 2006 hat geschrieben:Saudi-Arabien hat den Vorteil viel Geld zu haben und politisch schwach zu sein. Das macht die saudische Familie zu einem erhaltenswerten Pflänzchen. Wenn man sie irgendwann nicht mehr braucht wars das. Siehe Saddam, Schah Reza Pahlavi und Co.


Ja, der Meinung schließe ich mich an. Aber solange das Öl weiterhin in diesen Ausmaßen fließt wird man die Diktatoren in Riad noch brauchen. Und ein wirtschaftlich gebeuteltes Land wie die Türkei kann sich schon einmal doppelt und dreifach keinen großen Disput mit den Sauds erlauben.
Zuletzt geändert von Kardux am Mo 8. Okt 2018, 09:14, insgesamt 1-mal geändert.
Make Kurdistan Free Again...
Benutzeravatar
zollagent
Beiträge: 55045
Registriert: Mo 8. Aug 2011, 11:21

Re: Die Türkei nach dem Ende des Kalten Krieges - Vorderasien statt EU?

Beitragvon zollagent » Mo 8. Okt 2018, 09:09

Audi hat geschrieben:(07 Oct 2018, 22:14)

Was sagt die Bundesregierung dazu? Gibt es da schon etwas? Sanktionen? Embargo von Rüstungsgüter?

Es gibt offenbar eine Menge Spinnereien dazu. Eine Meinung dazu wird man wohl haben. Aber sich in eine Affäre einzumischen, die einen selbst nicht betrifft, das ist international nicht üblich.
Wer an Absurditäten glaubt, wird Abscheulichkeiten begehen. (Voltaire)

Zurück zu „34. Türkei“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast