Rassismus, Fremdenfeindlichkeit & Verschwörungsmentalität in der Türkei

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Wasteland
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Rassismus, Fremdenfeindlichkeit & Verschwörungsmentalität in der Türkei

Beitragvon Wasteland » So 31. Jul 2016, 14:49

Als Diskussionsgrundlage sollen diese, aber auch gerne alle anderen Artikel passend zum Thema dienen.

Wir gegen den Rest der Welt

Vor dem Hintergrund zunehmender innen- und außenpolitischer Konflikte nehmen Fremdenfeindlichkeit und Verschwörungstheorien in der Türkei zu. Zu diesem Schluss kommen Experten einer aktuellen Studie der US-amerikanischen "Pew Research Foundation". Die Ergebnisse der Studie deuten sogar noch auf eine weitaus tiefergehende Angst vor dem Westen hin. Von Dorian Jones
Eine alte türkische Redensart besagt, dass "der einzige Freund eines Türken ein Türke" ist. Dieser Satz scheint sich aktuell zu bestätigen, wie es die überraschenden Resultate einer jüngst veröffentlichten Untersuchung der "Pew Research Foundation" zu belegen scheinen. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die überwiegende Mehrheit der Türken anderen Nationen gegenüber ablehnend eingestellt ist. Abgesehen von den üblichen Verdächtigen (Israel und die USA), sagten zwischen 70 und 80 Prozent der Befragten aus, dass sie Vorbehalte auch gegen den Iran, Russland, Saudi-Arabien und sogar Brasilien haben.
"Dies erklärt zum Teil die gegenwärtig große Welle von Fremdenfeindlichkeit in der Türkei, die scheinbar niemanden ausspart", glaubt Cengiz Aktar, Professor für Internationale Beziehungen an der Istanbuler Suleyman Şah Universität, dem man seinen Überdruss anmerkt. "Juden, Christen, Araber, Perser – eigentlich jeder, der kein Türke ist, wird als Fremder angesehen, wenn nicht sogar als Feind."


https://de.qantara.de/inhalt/politische ... t-der-welt

Sèvres-Syndrom

Das Sèvres-Syndrom (türkisch Sevr Sendromu)[1][2][3] ist die in der heutigen Türkei verbreitete[4][5] Annahme, dass „ausländische Mächte“[6][7][8][9] sich verschwören, um die Türkei zu schwächen und zu vernichten.[10] Der Begriff geht auf den Vertrag von Sèvres von 1920 zurück, der das Osmanische Reich zwischen Armenien, Griechenland, Großbritannien, Frankreich und Italien aufteilte und nur ein kleines Gebiet um Angora unter türkischer Herrschaft beließ; allerdings wurde der Vertrag wegen des Türkischen Befreiungskrieges unter dem Gründer des türkischen Staates, Mustafa Kemal Atatürk, nie umgesetzt.[11] Der türkische Geschichtswissenschaftler Taner Akçam beschreibt diese Einstellung als eine andauernde Sichtweise, dass „es Mächte gibt, die es ständig anstreben, uns zu zerstückeln und zu zerstören, und dass es notwendig sei, den Staat vor dieser Gefahr zu verteidigen.“[12]

https://de.wikipedia.org/wiki/S%C3%A8vres-Syndrom

Rechtsextremismus in der Türkei

Antisemitische Stereotype sind in allen politischen Richtungen der türkischen Gesellschaft weit verbreitet. Türkische Rechtsextremisten sind zudem minderheitenfeindlich.[6] Wichtiges Anliegen dieser Gruppierung ist die Situation der sogenannten „Auslandstürken“, damit sind die Uiguren in Xinjiang gemeint.

Der türkische Rechtsextremismus fußt auf einem Gefühl der Überlegenheit der türkischen Kultur und einer Verherrlichung des Türkentums. Ethnischer Rassismus wird geleugnet.


https://de.wikipedia.org/wiki/Rechtsext ... %C3%BCrkei

Empörung über China, dann Prügel für alle Asiaten
Türkische Nationalisten regen sich über angebliche Beschränkungen des Fastenmonats Ramadan in China auf. Mehrfach kam es zu Übergriffen. Dumm nur, dass "echte" Chinesen so selten zu finden sind.


http://www.welt.de/vermischtes/article1 ... iaten.html

Meine Frage ist, wie kommt es zu dieser Anfälligkeit für Verschwörungstheorien und fremdenfeindliche Ressentiments in gewissen Teilen der türkischen Gesellschaft? Das dies in erster Linie kein Religionsthema ist wird daran ersichtlich, das ebenfalls nationalistische und säkulare Kreise davon betroffen sind.
Wodurch entsteht nationalistische Paranoia, die Schuld für alles und jeden immer im Ausland sucht, aber niemals kritisch über sich selbst reflektiert? Warum werten manche Türken die Beschreibung dieser Zustände als persönlichen Angriff und reagieren wütend oder beleidigt?
Und wie wird sich die Türkei im Angesicht dessen international in Zukunft entwickeln?
Wird es eine Besinnung geben, oder wird Erdogan den nationalistischen Exzess bis zur Eskalation weiter aufpeitschen?
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Re: Rassismus, Fremdenfeindlichkeit & Verschwörungsmentalität in der Türkei

Beitragvon Wasteland » So 31. Jul 2016, 14:56

Weiteres Beispiel für eine in der Türkei kursierende Verschwörungstheorie (gerade erst neulich von einem Deutsch-Türken ernsthaft serviert bekommen).

Atatürk war ein versteckter Jude, dessen Auftraggeber die Türkei in den Abgrund führen wollten.

Türkei nutzt OSZE-Konferenz zur Selbstdarstellung:
Die Türkei ist frei von Antisemitismus

oder: Der Mond ist eine Scheibe


Eines der beliebtesten Themen ist die vermeintliche Beherrschung der Türkei durch die als Dönme (wörtlich: Konvertiten) bezeichneten Nachfahren der Anhänger des Sabbatai Zwi, jenes "falschen Messias", der vor über 300 Jahren Juden aus ganz Europa anlockte und schließlich in Izmir zum Islam konvertierte. Nachfahren dieser Dönme, die seit Beginn der türkischen Republik unter engagierten Journalisten und linken Intellektuellen stark vertreten sind, werden bis heute als Kryptojuden denunziert und angegriffen. Republikgründer Atatürk, dessen Geburtsstadt Saloniki eine Hochburg der Dönme war, wird in zahllosen Publikationen als Werkzeug von Freimaurern und Juden diffamiert.

Prof. Yalcin Kücük, der in der Türkei als engagierter Linker gilt, veröffentlichte 2003 das Buch "Sebeke -Gizli Yahudiler" ("Das Netzwerk - die Kryptojuden"), in welchem er die Beherrschung der Türkei durch die Dönme behauptet; innerhalb eines Jahres erschienen bereits vier Auflagen.

http://hagalil.com/antisemitismus/europa/tuerkei.htm
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Re: Rassismus, Fremdenfeindlichkeit & Verschwörungsmentalität in der Türkei

Beitragvon Atheist » So 31. Jul 2016, 15:22

Wer starke Verbundenheitsgefühle zu einem Kollektiv verspürt, der ist auch eher dazu geneigt, unbegründete Theorien für wahr zu halten oder zumindest diese zum Anlass nehmend sich zu fürchten oder zu zürnen. Das ist z.B. wie bei Eltern, vor denen jemand behauptet, dass deren Kinder entführt würden. Selbstverständlich würden sie in dem Moment emotional reagieren, ganz gleich ob die Behauptung zutreffend oder erfunden wäre!

Bei Verschwörungstheorien über feindliche ausländische Agitation gegen das eigene Gemeinwesen kommt zudem hinzu, dass Verschwörungen sowie politische Agitation und Propaganda der gewöhnlichen Realität entsprechen, denn die allermeisten Staaten auf der Welt folgen einer interventionistischen Außenpolitik. Wer hier Theorien aufstellt, hat es zugegebenermaßen leicht, denn er muss nicht erst die Tatsache beweisen, dass sich verschworen wird, sondern kann sich gleich der detailierten Beschreibung widmen, wer sich verschwört und auf welche Weise dies geschieht. Menschengruppen, die aufgrund von ideologischen, religiösen, ethnischen, sexuellen oder sonstigen biologischen oder anderweitig wahrnehmbaren gemeinsamen Merkmalen auffallen, eignen sich besonders gut als Protagonisten von Verschwörungstheorien, weil sie eben auf den ersten Blick auffallen.

Interessant ist übrigens das deutsche Medienecho zu Erdogans Behauptung, die Gülen-Bewegung stecke hinter dem Putsch. Bisher habe ich keinen Artikel gelesen, der sich damit eingehend auseinandersetzt - allerdings wohl auch aus dem Grunde, dass Erdogan bisher recht vage geblieben ist. Mal sehen, was da noch diesbezüglich kommen wird.
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Re: Rassismus, Fremdenfeindlichkeit & Verschwörungsmentalität in der Türkei

Beitragvon Wasteland » So 31. Jul 2016, 16:06

Atheist hat geschrieben:(31 Jul 2016, 16:22)

Wer starke Verbundenheitsgefühle zu einem Kollektiv verspürt, der ist auch eher dazu geneigt, unbegründete Theorien für wahr zu halten oder zumindest diese zum Anlass nehmend sich zu fürchten oder zu zürnen. Das ist z.B. wie bei Eltern, vor denen jemand behauptet, dass deren Kinder entführt würden. Selbstverständlich würden sie in dem Moment emotional reagieren, ganz gleich ob die Behauptung zutreffend oder erfunden wäre!

Bei Verschwörungstheorien über feindliche ausländische Agitation gegen das eigene Gemeinwesen kommt zudem hinzu, dass Verschwörungen sowie politische Agitation und Propaganda der gewöhnlichen Realität entsprechen, denn die allermeisten Staaten auf der Welt folgen einer interventionistischen Außenpolitik. Wer hier Theorien aufstellt, hat es zugegebenermaßen leicht, denn er muss nicht erst die Tatsache beweisen, dass sich verschworen wird, sondern kann sich gleich der detailierten Beschreibung widmen, wer sich verschwört und auf welche Weise dies geschieht. Menschengruppen, die aufgrund von ideologischen, religiösen, ethnischen, sexuellen oder sonstigen biologischen oder anderweitig wahrnehmbaren gemeinsamen Merkmalen auffallen, eignen sich besonders gut als Protagonisten von Verschwörungstheorien, weil sie eben auf den ersten Blick auffallen.

Interessant ist übrigens das deutsche Medienecho zu Erdogans Behauptung, die Gülen-Bewegung stecke hinter dem Putsch. Bisher habe ich keinen Artikel gelesen, der sich damit eingehend auseinandersetzt - allerdings wohl auch aus dem Grunde, dass Erdogan bisher recht vage geblieben ist. Mal sehen, was da noch diesbezüglich kommen wird.


Soweit ich das verstanden habe gibt es beschlagnahmte Chatkonversationen zwischen Gülen-Anhängern und andere Dokumente, die belegen das die Bewegung mindestens zum Teil dahintersteckt.
Es gab wohl auch weitreichende Ermittlungen und die Entlassung und Verhaftung vieler der Militärs, die am Putsch beteiligt waren standen kurz bevor. Das war gewissermaßen ihre letzte Chance zu handeln.
Scheint mir auch plausibel zu sein.
Was mir nicht plausibel erscheint ist, warum die fanatischen Erdogan-Fans nicht hinterfragen, warum Erdogan noch bis vor kurzem sehr eng mit Gülen verbündet war.
Was macht Gülen heute anders, das ihn vorher einen engen Verbündeten sein ließ und heute zum Terroristen macht? Da liegt doch der Hase im Pfeffer. Solange Gülen sein Handlanger war, war Erdogan jedes Mittel Recht, dass er heute zu Terrorismus erklärt. Die Menschen glauben, wenn sie sich Verschwörungstheorien bedienen, das sie komplexe und geheime Machenschaften in der Welt durchschauen.
In Wahrheit ist aber das Gegenteil der Fall, sie sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht. Und dieses reduzierte Weltbild ermöglicht ihnen mit simplen Parolen eine Welt zu erklären, die sie nicht begreifen.
Es macht sie aber sehr leicht manipulierbar. Das gilt für alle Verschwörungstheoretiker. Sie sind das Gegenteil von dem was sie glauben das sie sind.
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Re: Rassismus, Fremdenfeindlichkeit & Verschwörungsmentalität in der Türkei

Beitragvon Atheist » So 31. Jul 2016, 17:03

Wasteland hat geschrieben:(31 Jul 2016, 17:06)

Soweit ich das verstanden habe gibt es beschlagnahmte Chatkonversationen zwischen Gülen-Anhängern und andere Dokumente, die belegen das die Bewegung mindestens zum Teil dahintersteckt.
Es gab wohl auch weitreichende Ermittlungen und die Entlassung und Verhaftung vieler der Militärs, die am Putsch beteiligt waren standen kurz bevor. Das war gewissermaßen ihre letzte Chance zu handeln.
Scheint mir auch plausibel zu sein.


Man wird prüfen müssen, inwieweit sich die Vorwürfe erhärten lassen. Da Erdogans Umgang mit den mutmaßlichen Putschisten jedoch rechtsstaatlich zu beanstanden ist und er infolge dessen im verbündeten Ausland bereits massiv an Glaubwürdigkeit eingebüßt hat, sollte die Prüfung von unabhängigen Beobachtern überwacht werden. Auf den ersten Blick erscheinen seine Säuberungsaktionen jedenfalls als äußerst fragwürdig, denn wilde Enteignungen und umfassende Gleichschaltungen der Institutionen sind das genaue Gegenteil von dem, was hierzulande und andernorts als rechtens angesehen wird...


Was mir nicht plausibel erscheint ist, warum die fanatischen Erdogan-Fans nicht hinterfragen, warum Erdogan noch bis vor kurzem sehr eng mit Gülen verbündet war.
Was macht Gülen heute anders, das ihn vorher einen engen Verbündeten sein ließ und heute zum Terroristen macht? Da liegt doch der Hase im Pfeffer. Solange Gülen sein Handlanger war, war Erdogan jedes Mittel Recht, dass er heute zu Terrorismus erklärt. Die Menschen glauben, wenn sie sich Verschwörungstheorien bedienen, das sie komplexe und geheime Machenschaften in der Welt durchschauen.
In Wahrheit ist aber das Gegenteil der Fall, sie sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht. Und dieses reduzierte Weltbild ermöglicht ihnen mit simplen Parolen eine Welt zu erklären, die sie nicht begreifen.
Es macht sie aber sehr leicht manipulierbar. Das gilt für alle Verschwörungstheoretiker. Sie sind das Gegenteil von dem was sie glauben das sie sind.


Über so was kann man sich durchaus Gedanken machen, man muss es jedoch nicht. Putschen ist verboten - klingt lapidar, ist aber so. Da muss man prüfen und die tatsächlichen Putschisten im Rahmen geltender Gesetze und nach Beachtung europäischer Rechtsprinzipien wie dem Rückwirkungsverbot aburteilen.
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Re: Rassismus, Fremdenfeindlichkeit & Verschwörungsmentalität in der Türkei

Beitragvon apartofme » So 31. Jul 2016, 21:21

Wasteland hat geschrieben:(31 Jul 2016, 17:06)

Soweit ich das verstanden habe gibt es beschlagnahmte Chatkonversationen zwischen Gülen-Anhängern und andere Dokumente, die belegen das die Bewegung mindestens zum Teil dahintersteckt.

    "The MIT discovered the communications channel last winter and began the laborious process of decrypting the messages, which numbered in the millions. The agency eventually identified 40,000 names, including 600 senior military officers, suspected of connections with the group.

    None of the ByLock messages referred to a coup plot, senior Turkish intelligence officials said."

    http://www.wsj.com/articles/turkeys-pow ... 1469823062

Auch hier wieder nichts als heiße Luft.

Am Ende mag sich gar konstatieren lassen, dass die gesamte Ergenekon/Deep-State-Hypothese nichts weiter ist als eine riesige, strukturell antisemitische Verschwörungstheorie, der man selbst hier im Westen mitunter beinahe unhinterfragt auf den Leim geht.
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Re: Rassismus, Fremdenfeindlichkeit & Verschwörungsmentalität in der Türkei

Beitragvon Wasteland » So 31. Jul 2016, 23:52

apartofme hat geschrieben:(31 Jul 2016, 22:21)

    "The MIT discovered the communications channel last winter and began the laborious process of decrypting the messages, which numbered in the millions. The agency eventually identified 40,000 names, including 600 senior military officers, suspected of connections with the group.

    None of the ByLock messages referred to a coup plot, senior Turkish intelligence officials said."

    http://www.wsj.com/articles/turkeys-pow ... 1469823062

Auch hier wieder nichts als heiße Luft.

Am Ende mag sich gar konstatieren lassen, dass die gesamte Ergenekon/Deep-State-Hypothese nichts weiter ist als eine riesige, strukturell antisemitische Verschwörungstheorie, der man selbst hier im Westen mitunter beinahe unhinterfragt auf den Leim geht.


Ich kann das nicht beurteilen, aber es macht durchaus Sinn das Gülen dahinter steht. Die eine Mafia bekämpft die andere. Wer soll es sonst gewesen sein?
Der Zionismus wurde ja diesmal ausnahmsweise nicht als Strippenzieher benannt, oder irre ich mich da?
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Re: Rassismus, Fremdenfeindlichkeit & Verschwörungsmentalität in der Türkei

Beitragvon Jekyll » So 31. Jul 2016, 23:59

apartofme hat geschrieben:(31 Jul 2016, 22:21)
Auch hier wieder nichts als heiße Luft.

Am Ende mag sich gar konstatieren lassen, dass die gesamte Ergenekon/Deep-State-Hypothese nichts weiter ist als eine riesige, strukturell antisemitische Verschwörungstheorie, der man selbst hier im Westen mitunter beinahe unhinterfragt auf den Leim geht.

Kann es sein, dass deine Fixierung auf "strukturell antisemitische Verschwörungstheorie" selber eine paranoide Verschwörungstheorie ist?
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Re: Rassismus, Fremdenfeindlichkeit & Verschwörungsmentalität in der Türkei

Beitragvon Kardux » Mo 1. Aug 2016, 00:45

apartofme hat geschrieben:Am Ende mag sich gar konstatieren lassen, dass die gesamte Ergenekon/Deep-State-Hypothese nichts weiter ist als eine riesige, strukturell antisemitische Verschwörungstheorie, der man selbst hier im Westen mitunter beinahe unhinterfragt auf den Leim geht.


Den Tiefen Staat gab und gibt es weiterhin in der Türkei. Das ist keine Verschwörungstheorie, dafür gibt es Beweise. Der "Susurluk- Unfall" zählt u.a. dazu. Inwiefern Erdogan den Tiefen Staat reorganisiert hat erschließt sich mir noch nicht ganz, aber die extralegalen Hinrichtungen im Südosten existieren weiterhin und false-flag attacks gibt es ebenfalls noch. Das sind klare Indizien für den Tiefen Staat, nur jetzt in der Hand von Muslimbrüdern. Anhänger der MHP mischen da immer gerne mit und lassen sich sehr willig instrumentalisieren, ob das nun unter den Kemalisten oder Erdoganisten ist, spielt keine Rolle, hauptsache man darf "Feinde" willkürllich töten.
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Re: Rassismus, Fremdenfeindlichkeit & Verschwörungsmentalität in der Türkei

Beitragvon Wasteland » Mo 1. Aug 2016, 00:59

Kardux hat geschrieben:(01 Aug 2016, 01:45)

Den Tiefen Staat gab und gibt es weiterhin in der Türkei. Das ist keine Verschwörungstheorie, dafür gibt es Beweise. Der "Susurluk- Unfall" zählt u.a. dazu. Inwiefern Erdogan den Tiefen Staat reorganisiert hat erschließt sich mir noch nicht ganz, aber die extralegalen Hinrichtungen im Südosten existieren weiterhin und false-flag attacks gibt es ebenfalls noch. Das sind klare Indizien für den Tiefen Staat, nur jetzt in der Hand von Muslimbrüdern. Anhänger der MHP mischen da immer gerne mit und lassen sich sehr willig instrumentalisieren, ob das nun unter den Kemalisten oder Erdoganisten ist, spielt keine Rolle, hauptsache man darf "Feinde" willkürllich töten.


So sehr ich dich auch mag und sonst deine Sachlichkeit schätze Kardux, aber bei dem Thema schwingt immer eine gewisse Portion gründliche Abneigung gegen die Türkei und Türken bei dir mit.
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Re: Rassismus, Fremdenfeindlichkeit & Verschwörungsmentalität in der Türkei

Beitragvon apartofme » Mo 1. Aug 2016, 03:39

Kardux hat geschrieben:(01 Aug 2016, 01:45)

Den Tiefen Staat gab und gibt es weiterhin in der Türkei. Das ist keine Verschwörungstheorie, dafür gibt es Beweise. Der "Susurluk- Unfall" zählt u.a. dazu.

Der Susurluk-Unfall ist mir bekannt. Was genau beweist er deiner Meinung nach?

Ich meine jetzt mal ganz objektiv, und jenseits von Wishful Thinking.
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Re: Rassismus, Fremdenfeindlichkeit & Verschwörungsmentalität in der Türkei

Beitragvon apartofme » Mo 1. Aug 2016, 03:44

Jekyll hat geschrieben:(01 Aug 2016, 00:59)

Kann es sein, dass deine Fixierung auf "strukturell antisemitische Verschwörungstheorie" selber eine paranoide Verschwörungstheorie ist?

    Days later, on March 21, Turkish analysts saw a YouTube video that showed Mr. Gulen wearing for the first time a khaki robe the same green hue used by the army.

    Analysts at MIT believed he was signaling his followers in the army, but they had no idea what.

Das ist Paranoia und ungefähr so lustig wie die Freimaurer-VT mit dem Angela-Merkel-Dreieck.

Der unlustige Aspekt dabei ist aber, dass eine Zeitung mit dem Titel "Millionen türkischer Steuergelder auf paranoider Suche nach harmlosem Imam verbrannt" in der Türkei heute wohl keine 24 Stunden mehr überleben würde.

Bild (nicht klicken, könnte einen Militärputsch auslösen!)
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Re: Rassismus, Fremdenfeindlichkeit & Verschwörungsmentalität in der Türkei

Beitragvon apartofme » Mo 1. Aug 2016, 04:36

Wasteland hat geschrieben:(01 Aug 2016, 00:52)

Ich kann das nicht beurteilen, aber es macht durchaus Sinn das Gülen dahinter steht. Die eine Mafia bekämpft die andere. Wer soll es sonst gewesen sein?

Ich persönlich denke ja, dass es die Zeugen Jehovas waren. Der Verein war mir noch nie ganz geheuer.

Der Zionismus wurde ja diesmal ausnahmsweise nicht als Strippenzieher benannt, oder irre ich mich da?

http://www.haaretz.com/middle-east-news/1.639994

Erdogan: "There might be other countries involved as well. The Gülenist Terrorist Organzation also has another superior mind, if you will, and I think the time will come, when these connections will be decyphered, we have to be patient. And those superior minds are guiding them." [1]
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Re: Rassismus, Fremdenfeindlichkeit & Verschwörungsmentalität in der Türkei

Beitragvon Kardux » Mo 1. Aug 2016, 07:56

apartofme hat geschrieben:(01 Aug 2016, 04:39)

Der Susurluk-Unfall ist mir bekannt. Was genau beweist er deiner Meinung nach?

Ich meine jetzt mal ganz objektiv, und jenseits von Wishful Thinking.


Zunächst einmal ist es kein "wishful thinking" das es den Tiefen Staat gab/gibt. Es hat immerhin vielen Menschen das Leben gekostet. Aber es zu leugnen wäre eine Beleidigung an die Opfer. Der Susurluk-Unfall beweist die Verstrickungen zwischen Offiziellen und einer mafiösen Todesmaschinerie. Der stellvertretende Polizeipräsident von Istanbul (und das ist in der Türkei ein sehr mächtiger Posten), ein "kurdischer" Abgeordneter, und ein Auftragskiller und Drogenhändler, werden tot bzw. schwer verletzt in einem Auto vorgefunden. Die hatten zusammen in einem Auto nichts zu suchen. Das sagte alles aus, was man in Kurdistan bereits schon wusste. Der Auftragskiller (Abdullah Catli) war steckbrieflich gesucht, sogar von Interpol. Auch interessant dabei ist die ständige Assoziiierung der PKK mit Drogen, ohne jedoch erwähnen zu wollen wie der türkische Geheimdienst MIT aber speziell der Tiefe Staat im Drogenhandel involviert sind um seine schmutzigen Aufträge zu finanzieren. Abdullah Catli arbeitete für die türkische Konterguerilla. Und diese ist extrem breit gefächert. Da mischten ehemalige PKK-Abschwörer, Dorfschützer, türkische Spezialeinheiten, MHP-Idealisten, Kriminelle mit. Letztere konnten auch niemals gefasst werden. Sie waren tagsüber inhaftiert in Gefängnissen und bekamen Todeslisten. Abends durften sie dann aus dem Gefängnis heraus um Menschen kaltblütig hinzurichten. Das war in den 90er Jahren Alltag in Nordkurdistan.

Wenn Sie das Thema zum Tiefen Staat wirklich interessiert empfehle ich Ihnen das Buch "Türkische Konterguerilla: Die Todesmaschine" von Selahettin Celik der den Susurluk-Unfall aber noch viele weitere Beweise hat für die Verstrickungen des türkischen Staates mit Kriminellen. Es werden viele einzelne Vorfälle detailliert beschrieben welche natürlich fein säuberlich dokumentiert wurden.

Wasteland hat geschrieben:So sehr ich dich auch mag und sonst deine Sachlichkeit schätze Kardux, aber bei dem Thema schwingt immer eine gewisse Portion gründliche Abneigung gegen die Türkei und Türken bei dir mit.


Das verstehe ich jetzt nicht. Du hast doch immerhin diesen Strang eröffnet der u.a. den Rassismus thematisieren soll. Was auch richtig ist. Und ich habe in diesem Forum auch schon so oft die Gründe für den Rassismus innerhalb der türkischen Gesellschaft so gut es ging erläutert. Es geht nicht darum die Türken zu dämonisieren. Während dem Osmanischen Reich hielten sie sich zumindest nicht für eine edle Herrenrasse, auch wenn sie damals andere Völker knechteten. Der überhöhte Rassismus hat wie du es treffend nochmal aufgezählt hast (Sevres- Syndrom) seine Gründe. Da sitzt ein Stachel sehr fest im türkischen Fleisch. Aber was habe ich denn so Abneigendes geschrieben das du mir Unsachlichkeit vorwirfst? Waren meine Aussagen zum Tiefen Staat nicht korrekt?

Ich habe immer vom Ziel einer friedlichen Koexistenz auf einer Augenhöhe gesprochen. Von einer demokratischen Türkei profitieren nicht nur die Türken, sondern der gesamte Nahe Osten aber auch der Balkan. Was gerade in der Türkei geschieht ist ein sehr großer Rückschritt für den Nahen Osten, die muslimische Welt. Die Türkei war quasi das einzige Land wo es noch einen Funken von Rechtstaatlichkeit gab. Die Gewaltenteilung wurde zumindest aufrechterhalten. Davon entfernt sich die Türkei jedoch gerade. Und gleichzeitig demotiviert es demokratische Kräfte in anderen muslimischen Ländern.
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Re: Rassismus, Fremdenfeindlichkeit & Verschwörungsmentalität in der Türkei

Beitragvon Mirrorside » Mo 1. Aug 2016, 11:19

Wasteland hat geschrieben:(31 Jul 2016, 15:49)

Als Diskussionsgrundlage sollen diese, aber auch gerne alle anderen Artikel passend zum Thema dienen.

Wir gegen den Rest der Welt



https://de.qantara.de/inhalt/politische ... t-der-welt

Sèvres-Syndrom


https://de.wikipedia.org/wiki/S%C3%A8vres-Syndrom

Rechtsextremismus in der Türkei



https://de.wikipedia.org/wiki/Rechtsext ... %C3%BCrkei

Empörung über China, dann Prügel für alle Asiaten


http://www.welt.de/vermischtes/article1 ... iaten.html

Meine Frage ist, wie kommt es zu dieser Anfälligkeit für Verschwörungstheorien und fremdenfeindliche Ressentiments in gewissen Teilen der türkischen Gesellschaft? Das dies in erster Linie kein Religionsthema ist wird daran ersichtlich, das ebenfalls nationalistische und säkulare Kreise davon betroffen sind.
Wodurch entsteht nationalistische Paranoia, die Schuld für alles und jeden immer im Ausland sucht, aber niemals kritisch über sich selbst reflektiert? Warum werten manche Türken die Beschreibung dieser Zustände als persönlichen Angriff und reagieren wütend oder beleidigt?
Und wie wird sich die Türkei im Angesicht dessen international in Zukunft entwickeln?
Wird es eine Besinnung geben, oder wird Erdogan den nationalistischen Exzess bis zur Eskalation weiter aufpeitschen?



Das sind viele Fragen.

Das hängt mit vielen Faktoren zusammen. Die Geographie auf der die Türken leben wird ja von vielen begehrt. Nun Paranoya ist das nicht. Nun wirklich mussten die Türken ein Grossteil der Bevölkerung opfern um die Briten, Franzosen, Italiener, Griechen, Indier, Australier usw als Besatzer wieder loszuwerden und um ans Land bestehen bleiben zu dürfen. Die Gründung der Türkei an sich selbst ist bereits für gemütliche Euroäer als krankhaft zu bezeichnen. Aber die wenigsten Europäer wissen natürlich warum die Türkische Flagge rot ist. Wissen bei uns auch wenige is auch egal. Das ist so vergleichlich wie die Türkenglocke. Warum Hassen Österreicher die Türken? Berechtigte Frage denn die meisten Österreciher hassen Türken haben sogar Angst. Die Angst sitzt tief, ja fast genetisch verankert.

Nun wie auch immer Fremdenfeindlichkeit in der Türkei? Nonsens. Fremdenfeindlichkeit existiert in der Türkei nicht in der ausgeprägten Form wie in Deutschland. Fremde sind willkommen und ohnehin besteht die Türkei zur hälfte immer aus Fremden.

Ob nun bei gewissen kleinen Krisen Randalen gegen Chinesen stattfinden oder die Thailändische Botschaft gestürmt wird, kann als Statistik nicht auf 79.000.000 Menschen pauschalisiert werden. Diese Studie riecht nach Antitürking und wir erwarten in kommender Zeit noch mehr von diesem Bullshit.
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Re: Rassismus, Fremdenfeindlichkeit & Verschwörungsmentalität in der Türkei

Beitragvon Tom Bombadil » Mo 1. Aug 2016, 11:42

Mirrorside hat geschrieben:(01 Aug 2016, 12:19)

Nun wirklich mussten die Türken ein Grossteil der Bevölkerung opfern um die Briten, Franzosen, Italiener, Griechen, Indier, Australier usw als Besatzer wieder loszuwerden und um ans Land bestehen bleiben zu dürfen.

Was wohl am verlorenen Ersten Weltkrieg lag. Es besteht halt das Risiko, dass man bei imperialen Gelüsten einen auf die Fingerchen bekommt und danach das Imperium flöten geht, damit muss man leben, wenn man dieses Spiel spielt. Die daraus entstandenen Minderwertigkeitskomplexe mit Maulheldentum (Muslime haben Amerika entdeckt etc.pp.) und Rassismus zu kompensieren, ist allerdings keine so gute Idee.
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Re: Rassismus, Fremdenfeindlichkeit & Verschwörungsmentalität in der Türkei

Beitragvon Atheist » Mo 1. Aug 2016, 13:11

Tom Bombadil hat geschrieben:(01 Aug 2016, 14:01)

Ach deshalb heißt der Truthahn in den USA "turkey" LOL :D


Das könnte man durchaus sinnbildlich als die Einverleibung des, nun ja, "Amerikanischen Turkvölkerreiches" sehen. :D
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Re: Rassismus, Fremdenfeindlichkeit & Verschwörungsmentalität in der Türkei

Beitragvon apartofme » Di 2. Aug 2016, 08:50

Kardux hat geschrieben:(01 Aug 2016, 08:56)

Zunächst einmal ist es kein "wishful thinking" das es den Tiefen Staat gab/gibt. Es hat immerhin vielen Menschen das Leben gekostet. Aber es zu leugnen wäre eine Beleidigung an die Opfer.

Daherspekulierte Zusammenhänge zwischen Morden zu leugnen ist keine Beleidigung der Opfer, sondern allenfalls eine Beleidigung derjeniger, die aus dem Tod der Opfer politisches Kapital schlagen möchten.

Die Beleidigung der Opfer liegt darin, dass die Verbrechen, die zu ihrem Tode geführt haben, dazu missbraucht werden, um Teile des Landes (seien es die politische Führung des Landes, andere politische Parteien, oder religiöse Bewegungen) zu dämonisieren und somit den politischen Prozess und die natürliche Entwicklung von Zivilgesellschaft nachhaltig zu behindern.

Der Susurluk-Unfall beweist die Verstrickungen zwischen Offiziellen und einer mafiösen Todesmaschinerie. Der stellvertretende Polizeipräsident von Istanbul (und das ist in der Türkei ein sehr mächtiger Posten), ein "kurdischer" Abgeordneter, und ein Auftragskiller und Drogenhändler, werden tot bzw. schwer verletzt in einem Auto vorgefunden. Die hatten zusammen in einem Auto nichts zu suchen. Das sagte alles aus, was man in Kurdistan bereits schon wusste. Der Auftragskiller (Abdullah Catli) war steckbrieflich gesucht, sogar von Interpol.

Wie gesagt ist mir dies alles bekannt. Weshalb diese drei Leute, die gemeinsam in einem Auto tot aufgefunden wurden, nun ein Beweis dafür sein sollten, dass es eine "mafiöse Todesmaschinerie" gibt, bzw. dass diese eine Parallelstruktur bildet, die sich durch alle Bereiche des Landes zieht, bleibt hier allerdings im Verborgenen bzw. wird gar nicht umrissen. Dass es Korruption, Mafia und Auftragsmorde gibt - und dass Funktionäre in Politik und Polizei bisweilen geschmiert werden, ist überhaupt nichts Neues. Neu dabei ist allerdings, dass davon ausgegangen wird, dahinter stehe ein staatenähnliches Gebilde, eine irgendwie geartete organische Struktur mit bestimmten übergeordneten politischen Zielen. Der Susurluk-Unfall ist für den aufmerksamen Geist eher ein Indiz des Gegenteils, weil es hier offenbar um einen ganz normalen Korruptionsskandal ging. Das ist aber für die Verschwörungstheoretiker eine viel zu banale Interpretation. Sie wollen lieber implizieren, dass ein Auftragskiller in der politischen Nahrungskette höher steht als ein Vertreter der Polizei und ein Parlamentarier. Das ist aber falsch. Wer die Biographie von Catli kennt, der weiß, dass er zu dem Menschenschlag gehört, der fast unabhängig von der politischen Zielsetzung für Geld ziemlich viel macht.

Auch interessant dabei ist die ständige Assoziiierung der PKK mit Drogen, ohne jedoch erwähnen zu wollen wie der türkische Geheimdienst MIT aber speziell der Tiefe Staat im Drogenhandel involviert sind um seine schmutzigen Aufträge zu finanzieren.

Was bleibt - gerade nach der Abgrenzung zum MIT - vom "Tiefen Staat" denn noch übrig, wenn man für einen Moment auf die Terminologie verzichtet?
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Re: Rassismus, Fremdenfeindlichkeit & Verschwörungsmentalität in der Türkei

Beitragvon Wasteland » Di 2. Aug 2016, 10:59

Mirrorside hat geschrieben:(01 Aug 2016, 12:19)

Das hängt mit vielen Faktoren zusammen. Die Geographie auf der die Türken leben wird ja von vielen begehrt. Nun Paranoya ist das nicht. Nun wirklich mussten die Türken ein Grossteil der Bevölkerung opfern um die Briten, Franzosen, Italiener, Griechen, Indier, Australier usw als Besatzer wieder loszuwerden und um ans Land bestehen bleiben zu dürfen. Die Gründung der Türkei an sich selbst ist bereits für gemütliche Euroäer als krankhaft zu bezeichnen. Aber die wenigsten Europäer wissen natürlich warum die Türkische Flagge rot ist. Wissen bei uns auch wenige is auch egal. Das ist so vergleichlich wie die Türkenglocke. Warum Hassen Österreicher die Türken? Berechtigte Frage denn die meisten Österreciher hassen Türken haben sogar Angst. Die Angst sitzt tief, ja fast genetisch verankert.


Es handelt sich da in meinen Augen durchaus um eine ausgeprägte Paranoia, wenn hinter allem und jedem eine Verschwörung aus dem Ausland vermutet wird.
Die Wahrheit ist, dass Ausland zerbricht sich gar nicht so sehr den Kopf über die Türkei, wie es von dieser Paranoia betroffene Türken denken.

Mirrorside hat geschrieben:(01 Aug 2016, 12:19)
Nun wie auch immer Fremdenfeindlichkeit in der Türkei? Nonsens. Fremdenfeindlichkeit existiert in der Türkei nicht in der ausgeprägten Form wie in Deutschland. Fremde sind willkommen und ohnehin besteht die Türkei zur hälfte immer aus Fremden.

Ob nun bei gewissen kleinen Krisen Randalen gegen Chinesen stattfinden oder die Thailändische Botschaft gestürmt wird, kann als Statistik nicht auf 79.000.000 Menschen pauschalisiert werden. Diese Studie riecht nach Antitürking und wir erwarten in kommender Zeit noch mehr von diesem Bullshit.


Natürlich gibt es Rassismus in der Türkei. Und das nicht zu knapp. Schau dir alleine mal die MHP an und was die so über Kurden, Juden, Armenier und Griechen denken.
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Re: Rassismus, Fremdenfeindlichkeit & Verschwörungsmentalität in der Türkei

Beitragvon Kardux » Di 2. Aug 2016, 23:35

apartofme hat geschrieben:Daherspekulierte Zusammenhänge zwischen Morden zu leugnen ist keine Beleidigung der Opfer, sondern allenfalls eine Beleidigung derjeniger, die aus dem Tod der Opfer politisches Kapital schlagen möchten.


Politisches Kapital? Woraus? Etwa das Millionen Kurden in den Westen der Türkei oder nach Europa geflohen sind? Das Jahr für Jahr immer mehr Kurden assimiliert werden? In den 90er Jahren sind zehntausende Menschen in Kurdistan spurlos verschwunden oder wurden auf offener Strasse ermordet, das sind Tatsachen. Die Menschen wurden eingeschüchtert. Was für ein Kapital soll man daraus schlagen? Das Bestreben nach kurdischem Selbstbestimmungsrecht gab es schon seit dem 19. Jahrhundert, es benötigt keiner Menschenopfer um Kapital daraus zu schlagen.

apartofme hat geschrieben:Die Beleidigung der Opfer liegt darin, dass die Verbrechen, die zu ihrem Tode geführt haben, dazu missbraucht werden, um Teile des Landes (seien es die politische Führung des Landes, andere politische Parteien, oder religiöse Bewegungen) zu dämonisieren und somit den politischen Prozess und die natürliche Entwicklung von Zivilgesellschaft nachhaltig zu behindern.


Welche Zivilgesellschaft? Das müssen Sie jetzt erklären. Von welcher Zivilgesellschaft ist hier die Rede? Die Türkei befand sich ein paar Jahre auf einem guten Weg, aber Erdogan war nicht bereit den Konflikt langfristig zu lösen. Es läuft nämlich auf eine Dezentralisierung hinaus. Das akzeptiert diese türkische "Zivilgesellschaft" nicht. Weshalb wurde auch die Immunität von fast allen kurdischen MPs der HDP aufgehoben? Weshalb haben der Teile der CHP (rechter Flügel), die MHP, und die AKP da an einem Strang gezogen? In der Kurdenfrage ist man sich einig. Als der politische Prozess in Gang war, hat die AKP die Handbremse gezogen. Nicht die Kurden behindern die Entwicklung einer Zivilgesellschaft. Nicht die Kurden dämonisieren und entwürdigen das Leitvolk. Umgekehrt ist dies der Fall.

apartofme hat geschrieben:Wie gesagt ist mir dies alles bekannt. Weshalb diese drei Leute, die gemeinsam in einem Auto tot aufgefunden wurden, nun ein Beweis dafür sein sollten, dass es eine "mafiöse Todesmaschinerie" gibt, bzw. dass diese eine Parallelstruktur bildet, die sich durch alle Bereiche des Landes zieht, bleibt hier allerdings im Verborgenen bzw. wird gar nicht umrissen. Dass es Korruption, Mafia und Auftragsmorde gibt - und dass Funktionäre in Politik und Polizei bisweilen geschmiert werden, ist überhaupt nichts Neues.


Catli war ein Auftragskiller. Er saß mit einem mächtigen kurdischen Clanchef, der dem türkischen Staat dient in einem Auto, und dann auch noch mit dem stellvertretenden Polizeichef. So läuft das im Südosten ab. Der Staat erstellt Listen und Auftragskiller und kurdische Verräter führen dies aus. Ja, das ist nichts Neues. Das diese unaufgeklärten Morde in der Regel an Kurden verübt werden und dann auch in Kurdistan ist nicht weiter wichtig. Das ist natürlich reiner Zufall. Das Menschenrechtsaktivisten gezielt getötet wurden ist Zufall. Das hat nichts zu tun mit einer mafiösen Todesmaschinerie.

Abgesehen vom Susurluk- Unfall gibt es auch noch den Vorfall in der kurdischen Ortschaft Shemdîn, hierzu aus Wikipedia (welche nicht meine Quelle dieser Info ist):

Am 9. November 2005 explodierte in einem Buchladen in der Kreisstadt Şemdinli in der Provinz Hakkâri eine Handgranate. Es gab einen Toten und viele Verletzte. Passanten stellten drei Verdächtige. Zwei von ihnen gehörten der Gendarmerie an und einer war ein Überläufer der PKK. Der Staatsanwalt Ferhat Sarıkaya, der Verbindungen der Gefreiten Ali Kaya und Özcan İldeniz sowie des Überläufers Veysel Ateş zu hochrangigen Militärs aufzudecken versuchte, wurde seines Amtes enthoben.[14][15]

Die Täter wurden an der 3. Großen Strafkammer in Van angeklagt und am 19. Juni 2006 zu 30 Jahren 10 Monaten und 27 Tagen Haft verurteilt.[16] Im Mai 2007 hob die 9. Strafkammer des Kassationshofes das Urteil auf.[17] Die Richter der 3. Strafkammer in Van weigerten sich, das Verfahren an ein Militärgericht abzugeben. Sie wurden danach versetzt.[18] Nachdem das Verfahren an das Militärgericht in Van übergeben worden war, wurde hier die Freilassung der Angeklagten angeordnet.

https://de.wikipedia.org/wiki/Tiefer_Staat#Das_Ereignis_in_.C5.9Eemdinli

Ja, das ist natürlich auch kein Beweis.

apartofme hat geschrieben:Was bleibt - gerade nach der Abgrenzung zum MIT - vom "Tiefen Staat" denn noch übrig, wenn man für einen Moment auf die Terminologie verzichtet?


Natürlich grenze ich das ab. Der MIT ist in der Türkei der anerkannte Geheimdienst der nicht verdeckt operieren muss (tut er aber natürlich auch). Zum Tiefen Staat in der Türkei zählen der JITEM, die Spezialeinheiten, diverse Armee- Generäle, PKK- Abschwörer, Hizbollah- Anhänger, und türkische Rechtsextreme. Speziell der JITEM ist hier hervor zu heben. Sie wollen doch nicht ernsthaft behaupten das es keinen JITEM gab/gibt? Offiziell gab es ihn nicht. Und genau das macht einen "Tiefen Staat" aus. Abgesehen davon habe ich Ihnen ein Buch empfohlen in dem der Tiefe Staat in der Türkei sehr detailiert beschrieben wird. Falls Sie dies weiterhin ignorieren möchten, müssen Sie sich gedulden bis ich sehr detailiert aus diesem Buch zitiere.

Der Tiefe Staat in der Türkei wird nicht einmal von Türken geleugnet, also ich weiß echt nicht woraus Sie hinaus wollen...
Make Kurdistan Free Again...

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