Wie weiter mit Armenien ?

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Julian
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Re: Wie weiter mit Armenien ?

Beitragvon Julian » Mo 23. Apr 2018, 22:08

KarlRanseier hat geschrieben:(23 Apr 2018, 22:34)

Der Iran wird zwar in unseren Medien immer als "böse" dargestellt, weil das der große Bruder USA verkündet hat, unterhält aber sehr gute Wirtschaftsbeziehungen zu uns und hat, meines Wissens nach, im Gegensatz zu uns und unseren lieben Freunden seit Ewigkeiten kein Land mehr überfallen.


Ich glaube auch nicht, dass der Iran das Hauptproblem Armeniens ist; immerhin haben die Staaten sogar zeitweilig zu einem Bündnis gefunden.

Trotzdem ist der Iran allgemein gesehen kein Chorknabe, wenn er auch keine direkten Angriffskriege führen mag. Die jahrzehntelange Einflussnahme auf Syrien, den Libanon und Israel werte ich sehr negativ.

KarlRanseier hat geschrieben:(23 Apr 2018, 22:34)
Bergkarabach gehörte zu Aserbaidschan, hat sich aber für unabhängig erklärt und wird zu großen Teilen von Armenien besetzt. Die Schuld für den Konflikt kann man also beim besten Willen nicht Aserbaidschan in die Schuhe schieben. :rolleyes:


Das ist komplex. Es gab Grenzen, die mehr oder weniger willkürlich gezogen wurden und zu Zeiten der Sowjetunion keine große Bedeutung hatten. Soweit ich informiert bin, war Bergkarabach trotz seiner Zugehörigkeit zu Aserbaidschan mehrheitlich von Armeniern bewohnt. Wer da jetzt welche Schuld am Konflikt trägt, will ich gar nicht beurteilen; ich erinnere mich, dass das schon Ende der Achtzigerjahre ein großes Thema war.

Mir ging es mehr darum darzulegen, warum Armenien sich Russland gegenüber verbunden fühlt. Und das sind eben schlechte Beziehungen zu den muslimischen Nachbarn Türkei und zu Aserbaidschan, und natürlich die religiös-kulturelle Verbundenheit zu Russland und seine Rolle als Schutzmacht.
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Re: Wie weiter mit Armenien ?

Beitragvon DarkLightbringer » Mo 23. Apr 2018, 22:23

Das wird man bald sehen, ob das russisch-föderale Oligarchen-Imperium dem kleinen Bruder an die Gurgel geht oder aber einen Keks schenkt.

Die Leute tanzten bis in die Nacht hinein, die Hoffnungen in den Wandel scheinen groß zu sein.

Die angekündigte Rede des rebellischen Wortführers fand inzwischen statt.
In einer Rede vor mehr als 100 000 Menschen auf dem Platz der Republik versprach Nikol Paschinjan einen sanften Übergang und forderte Demonstranten und Sicherheitskräfte zu gegenseitigem Respekt auf. Den Angehörigen der alten Eliten versprach er, es werde keine Rache geben: "Wir bauen ein Land der Gleichheit und der nationalen Einheit", sagte er.
http://www.sueddeutsche.de/politik/arme ... -1.3955905

Das hört sich nach einem sehr friedvollen Übergang an, zumal sich teilweise Soldaten und Polizisten mit den Demonstranten solidarisierten.
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Re: Wie weiter mit Armenien ?

Beitragvon Julian » Mo 23. Apr 2018, 22:35

DarkLightbringer hat geschrieben:(23 Apr 2018, 18:49)

Wenn der Kreml Truppen schickt, wirst du mit dem Zählen antiarmenischer Beiträge gar nicht mehr nachkommen.

Wahrscheinlich wird schon mal nachgesehen, wo das Land liegt.


Russische Truppen befinden sich schon lange in Armenien, u.a. zur Grenzsicherung - die muss man nicht erst schicken.
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Re: Wie weiter mit Armenien ?

Beitragvon DarkLightbringer » Mo 23. Apr 2018, 22:38

Julian hat geschrieben:(23 Apr 2018, 23:35)

Russische Truppen befinden sich schon lange in Armenien, u.a. zur Grenzsicherung - die muss man nicht erst schicken.

Praktisch. Auf der Krim gab es ebenfalls ein Truppenstationierungsabkommen.
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Re: Wie weiter mit Armenien ?

Beitragvon Europa2050 » Di 24. Apr 2018, 05:59

DarkLightbringer hat geschrieben:(23 Apr 2018, 23:38)

Praktisch. Auf der Krim gab es ebenfalls ein Truppenstationierungsabkommen.


Man muss es aber realistisch sehen: Armenien ist nicht die Ukraine.

Für die Ukraine ist Russland/UdSSR (in diesem Zusammenhang erlaube ich mir mal die Gleichsetzung, die ich sonst vermeide) ein Ursupator, der in den letzten 150 Jahren die Entwickung nach Möglichkeit behinderte und heute einen Teil der Ukraine besetzt und einen Bürgerkrieg massiv sposort.
Zudem ist die Ukraine mit über 30 Mio, Meerzugang und Westgrenze und (außer RF) keinem feindlich gesinnten Nachbarn sehr gut selbst überlebensfähig.

Anders Armenien. Ähnlich den Kurden haben die Armenier einfach Pech mit dem Stück Erde,auf dem sie siedeln. Hier haben UdSSR/RF bereits mehrmals das blanke Überleben gesichert. Armenien mit 3 Mio, ohne Meerzugang und Westgrenze sowie mit zwei Nachbarn, die den Armeniern an die Gurgel wollen, braucht die russische Macht.

Dass das im Gefolge autokratische Oligarchen befördert und dieDemokratieentwicklung behindert, ist halt eine Binse.
In sofern wird es die Kunst sein, eine weltoffene, demokratische Entwicklung hinzulegen, und die Verbindung zu Russland nicht zu kappen. Historisches Beispiel: Finnland und Mannerheim.

Die Chancen sehe ich ehrlicherweise aber minimal :(
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Re: Wie weiter mit Armenien ?

Beitragvon DarkLightbringer » Di 24. Apr 2018, 08:22

Europa2050 hat geschrieben:(24 Apr 2018, 06:59)

Man muss es aber realistisch sehen: Armenien ist nicht die Ukraine.

Für die Ukraine ist Russland/UdSSR (in diesem Zusammenhang erlaube ich mir mal die Gleichsetzung, die ich sonst vermeide) ein Ursupator, der in den letzten 150 Jahren die Entwickung nach Möglichkeit behinderte und heute einen Teil der Ukraine besetzt und einen Bürgerkrieg massiv sposort.
Zudem ist die Ukraine mit über 30 Mio, Meerzugang und Westgrenze und (außer RF) keinem feindlich gesinnten Nachbarn sehr gut selbst überlebensfähig.

Anders Armenien. Ähnlich den Kurden haben die Armenier einfach Pech mit dem Stück Erde,auf dem sie siedeln. Hier haben UdSSR/RF bereits mehrmals das blanke Überleben gesichert. Armenien mit 3 Mio, ohne Meerzugang und Westgrenze sowie mit zwei Nachbarn, die den Armeniern an die Gurgel wollen, braucht die russische Macht.

Dass das im Gefolge autokratische Oligarchen befördert und dieDemokratieentwicklung behindert, ist halt eine Binse.
In sofern wird es die Kunst sein, eine weltoffene, demokratische Entwicklung hinzulegen, und die Verbindung zu Russland nicht zu kappen. Historisches Beispiel: Finnland und Mannerheim.

Die Chancen sehe ich ehrlicherweise aber minimal :(

Nun, zumindest von einem Demonstranten war zu vernehmen, man wolle keine russische Kolonie mehr sein. Zentraler Punkt ist die Korruption, die wohl mit dem "postsowjetischen Erbe" verbunden wird. Das war aber in der Ukraine auch so, es gab ebenfalls keinerlei Mehrheit, die sich einen NATO-Beitritt vorstellte und ein Überfall durch die "Brüder" war gar nicht denkbar. Man vergleiche auch die Vorläufer-Revolution "Ukraine ohne Kutschma".
Du hast recht, der Unterschied liegt natürlich in der geografischen Ferne zum westlichen Teil Europas, die Lage des Landes ist anders.

Vieles wird jetzt von diesem Anführer Nikol Pirgendwer abhängen, der Übergangsregierung und letztlich von den Wahlen.
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Re: Wie weiter mit Armenien ?

Beitragvon Julian » Di 24. Apr 2018, 08:32

Armenien hat drei Millionen Einwohner; Aserbaidschan, mit dem man im Krieg liegt, hat zehn Millionen Einwohner. Die Türkei, mit der sich viele Aserbaidschaner eng verbunden fühlen, hat 80 Millionen Einwohner.

Dies nur, um die Herausforderung für Armenien darzulegen. Gegenwärtig besetzt Armenien noch einen Teil des aserbaidschanischen Staatsgebietes, Bergkarabach und angrenzende, die Verbindung zu Armenien herstellende Gebiete. Zwar wohnen in Bergkarabach durchaus viele Armenier, dennoch möchten die Vereinten Nationen auf das Völkerrecht beharren und fordern Armenien auf, sich zurückzuziehen. Es wurden auch mehrere hunderttausend Aserbaidschaner vertrieben. Auf der anderen Seite ist den Armeniern nach Vertreibung und Völkermord nur ein relativ kleines Territorium geblieben, das auch noch geostrategisch prekär liegt.

Russland spielt auf der vollen Klaviatur und unterstützt sowohl Armenien als auch, in einem geringeren Maße, Aserbaidschan.
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Re: Wie weiter mit Armenien ?

Beitragvon DarkLightbringer » Di 24. Apr 2018, 09:00

2013 gab es "Stoppt Putin!"-Demonstrationen. Die strategische Lage und das Verhältnis zu Aserbaidschan ist das eine, was die Leute stört, das ist die Perspektivlosigkeit, die Vetterleswirtschaft der Oligarchen, die Korruption. Demokratie wird als Alternative wahrgenommen.
Man sollte auch nicht vergessen, dass gerade die jungen Leute, die Studenten, die Revolution tragen.
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Re: Wie weiter mit Armenien ?

Beitragvon DarkLightbringer » Di 24. Apr 2018, 09:14

"Wir wollen die Übergabe der Macht an das Volk" lautet eine der Forderungen des Protestführers Nikol Pashinian.

https://www.rferl.org/a/armenian-opposi ... 83436.html
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Re: Wie weiter mit Armenien ?

Beitragvon DarkLightbringer » Di 24. Apr 2018, 12:25

Heute gedachten die Armenier dem Völkermord von 1915 bis 1917.
Vor den Zeremonien haben Regierung und Protestbewegung zur Einigkeit aufgerufen.

Der Anführer der Protestwelle:
"Morgen werden wir zusammengehen, um unseren Märtyrern zu sagen, dass das Volk gewonnen hat, dass der Völkermord an unserem Volk der Vergangenheit angehört", sagte Paschinjan am Montagabend.


Für die Regierungsseite der Nachfolger des abgesetzten Premierministers:
Karapetjan forderte die Armenier auf, der Welt zu zeigen, "dass wir uns in schwierigen Zeiten zusammenschließen, Verhandlungen führen und Lösungen finden können".
http://www.donaukurier.de/nachrichten/t ... 76,3751760

Karapetjan steht für das alte System, aber es ist ja praktisch der Idealfall, wenn sich Vertreter der alten Ordnung mit Vertretern einer etwaigen neuen Ordnung an einen Tisch setzen und den Übergang im Sinne einer Samtenen Revolution verhandeln. Ein solcher Übergang hält die Stabilität aufrecht und legt letztlich das Schicksal des Landes in die Hände des Volkes.
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Re: Wie weiter mit Armenien ?

Beitragvon DarkLightbringer » Di 24. Apr 2018, 17:16

Julian hat geschrieben:(24 Apr 2018, 09:32)

Armenien hat drei Millionen Einwohner; Aserbaidschan, mit dem man im Krieg liegt, hat zehn Millionen Einwohner. Die Türkei, mit der sich viele Aserbaidschaner eng verbunden fühlen, hat 80 Millionen Einwohner.

Dies nur, um die Herausforderung für Armenien darzulegen. Gegenwärtig besetzt Armenien noch einen Teil des aserbaidschanischen Staatsgebietes, Bergkarabach und angrenzende, die Verbindung zu Armenien herstellende Gebiete. Zwar wohnen in Bergkarabach durchaus viele Armenier, dennoch möchten die Vereinten Nationen auf das Völkerrecht beharren und fordern Armenien auf, sich zurückzuziehen. Es wurden auch mehrere hunderttausend Aserbaidschaner vertrieben. Auf der anderen Seite ist den Armeniern nach Vertreibung und Völkermord nur ein relativ kleines Territorium geblieben, das auch noch geostrategisch prekär liegt.

Russland spielt auf der vollen Klaviatur und unterstützt sowohl Armenien als auch, in einem geringeren Maße, Aserbaidschan.

Außenpolitik spielt für die Protestler erstmal eine untergeordnete Rolle.

Zunächst geht es der Oppositionsbewegung um Veränderungen am Wahlsystem und um vorgezogene Neuwahlen, so dass sich die
Menschen besser in der Politik repräsentiert sehen. In ihren Augen bestimmen Oligarchen die Politik. Abgeordnete und Parteimitglieder
seien entweder selber Geschäftsleute oder durch und durch korrupt, sagen die Menschen seit Jahren.
http://www.tagesschau.de/ausland/armenien-193.html
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Re: Wie weiter mit Armenien ?

Beitragvon Orbiter1 » Mi 25. Apr 2018, 05:44

DarkLightbringer hat geschrieben:(24 Apr 2018, 13:25)

Karapetjan steht für das alte System, aber es ist ja praktisch der Idealfall, wenn sich Vertreter der alten Ordnung mit Vertretern einer etwaigen neuen Ordnung an einen Tisch setzen und den Übergang im Sinne einer Samtenen Revolution verhandeln.
Der Idealfall tritt nicht ein. Das erste Gespräch wurde bereits abgesagt.

„Nach dem Rücktritt von Armeniens Regierungschef Sersch Sargsjan hat der Führer der Opposition Nikol Paschinjan eine "vollständige und friedliche Machtübergabe" gefordert. Er signalisierte auch seine Bereitschaft, Regierungsverantwortung zu übernehmen. ... Als Reaktion auf Paschinjans Forderungen sagte Interims-Regierungschef Karen Karapetjan ein für Mittwoch geplantes Treffen ab. Paschinjan rief daraufhin zu neuen Protesten auf.“ Quelle: https://www.zeit.de/amp/politik/ausland ... n-proteste

Da sollte man sich nichts vormachen. Putin wird keine Regierung in Armenien zulassen, die seinen Interessen zuwiderläuft.
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Re: Wie weiter mit Armenien ?

Beitragvon DarkLightbringer » Mi 25. Apr 2018, 08:57

Orbiter1 hat geschrieben:(25 Apr 2018, 06:44)

Der Idealfall tritt nicht ein. Das erste Gespräch wurde bereits abgesagt.

„Nach dem Rücktritt von Armeniens Regierungschef Sersch Sargsjan hat der Führer der Opposition Nikol Paschinjan eine "vollständige und friedliche Machtübergabe" gefordert. Er signalisierte auch seine Bereitschaft, Regierungsverantwortung zu übernehmen. ... Als Reaktion auf Paschinjans Forderungen sagte Interims-Regierungschef Karen Karapetjan ein für Mittwoch geplantes Treffen ab. Paschinjan rief daraufhin zu neuen Protesten auf.“ Quelle: https://www.zeit.de/amp/politik/ausland ... n-proteste

Da sollte man sich nichts vormachen. Putin wird keine Regierung in Armenien zulassen, die seinen Interessen zuwiderläuft.

In dem Artikel steht u. a.:
Armenien ist von russischen Investitionen und Hilfen abhängig und leidet derzeit unter den wirtschaftlichen Schwierigkeiten Russlands.

Die Oligarchie ist also unter Druck.

Das Kreml-Medium "Sputnik" titelt humorig, die Proteste wendeten sich gegen "Betrüger", nicht jedoch gegen den Kreml. Im Vorspann eines Artikels heißt es dann einschränkend: "Zwar trägt der Protest antirussische Züge, in Form der Sponsoren und des selbsternannten Anführers etwa."
Da deutet sich also schon mal eine gewisse Kritik am Anti-Betrüger-Protest an. Gleich im ersten Satz des Vorspanns heißt es wiederum, der Protest sei "keinen Deut" mit dem Maidan in Kiew vergleichbar. Mit anderen Worten - sie haben Angst.

Hinter Paschinjan stehen die Massen, die Regierungspartei wird den Übergang verhandeln müssen.
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Re: Wie weiter mit Armenien ?

Beitragvon Orbiter1 » Mi 25. Apr 2018, 09:26

DarkLightbringer hat geschrieben:(25 Apr 2018, 09:57)

Hinter Paschinjan stehen die Massen, die Regierungspartei wird den Übergang verhandeln müssen.
Der Spiegel schätzt das anders ein. Die sehen eine starke Abhängigkeit Armeniens von Russland.

"Das Land ist durch seine Lage auf Russland angewiesen wie kein anderes. Mit dem weitaus größeren und reicheren Nachbarn Aserbaidschan befindet es sich seit dem Zerfall der Sowjetunion in einem unerklärten Krieg. Mit der Türkei ist es verfeindet, Nachbar Iran ist seinerseits isoliert. Nur Russland, die ehemalige Schutzmacht der Christen in der Region und Arbeitgeber für viele Armenier, kann Sicherheit garantieren. ...

um Geschäftswelt und Politik wieder zu entflechten, bräuchte die Opposition ein Programm. Das hat sie nicht. Sie feiert einen unerwarteten Erfolg, ohne zu wissen, wie es weitergehen soll. Nikol Paschinjan, der Anführer der Proteste, spricht von einem Weiterführen der "Revolution" bis zu ihrem logischen Ende, der Übergabe der Macht "an das Volk". Aber was heißt das? Der Ex-Journalist ist Abgeordneter der Oppositionspartei Elk, die im Parlament nur neun von 105 Sitzen hat. Die von Sargsjan geführte Republikanische Partei und ihr Koalitionspartner haben eine komfortable Mehrheit von 65 Sitzen. Das ist das Ergebnis von Parlamentswahlen im vergangenen Jahr, die die Opposition damals nicht angefochten hat. Kann sie sie jetzt anfechten?

Die Kräfteverhältnisse erklären, warum Sargsjans Rücktritt so verblüfft. Vermutlich hätte er die Proteste einfach aussitzen können, hätte sich nicht plötzlich eine Gruppe Soldaten in Uniform den Demonstranten angeschlossen. Die Kräfteverhältnisse zeigen aber auch, dass sich für das Land weniger ändern wird, als es zunächst scheint. Sargsjan kann weiterhin aus dem Hintergrund die Fäden ziehen. Und vermutlich bereut er, dass er sich nicht gleich dafür entschieden hat." Quelle: http://www.spiegel.de/politik/ausland/a ... 04491.html

Für micht ist klar dass Putin eingreifen wird falls seine Interessen ernsthaft in Gefahr sind.
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Re: Wie weiter mit Armenien ?

Beitragvon DarkLightbringer » Mi 25. Apr 2018, 10:15

Orbiter1 hat geschrieben:(25 Apr 2018, 10:26)

Der Spiegel schätzt das anders ein. Die sehen eine starke Abhängigkeit Armeniens von Russland.

"Das Land ist durch seine Lage auf Russland angewiesen wie kein anderes. Mit dem weitaus größeren und reicheren Nachbarn Aserbaidschan befindet es sich seit dem Zerfall der Sowjetunion in einem unerklärten Krieg. Mit der Türkei ist es verfeindet, Nachbar Iran ist seinerseits isoliert. Nur Russland, die ehemalige Schutzmacht der Christen in der Region und Arbeitgeber für viele Armenier, kann Sicherheit garantieren. ...

um Geschäftswelt und Politik wieder zu entflechten, bräuchte die Opposition ein Programm. Das hat sie nicht. Sie feiert einen unerwarteten Erfolg, ohne zu wissen, wie es weitergehen soll. Nikol Paschinjan, der Anführer der Proteste, spricht von einem Weiterführen der "Revolution" bis zu ihrem logischen Ende, der Übergabe der Macht "an das Volk". Aber was heißt das? Der Ex-Journalist ist Abgeordneter der Oppositionspartei Elk, die im Parlament nur neun von 105 Sitzen hat. Die von Sargsjan geführte Republikanische Partei und ihr Koalitionspartner haben eine komfortable Mehrheit von 65 Sitzen. Das ist das Ergebnis von Parlamentswahlen im vergangenen Jahr, die die Opposition damals nicht angefochten hat. Kann sie sie jetzt anfechten?

Die Kräfteverhältnisse erklären, warum Sargsjans Rücktritt so verblüfft. Vermutlich hätte er die Proteste einfach aussitzen können, hätte sich nicht plötzlich eine Gruppe Soldaten in Uniform den Demonstranten angeschlossen. Die Kräfteverhältnisse zeigen aber auch, dass sich für das Land weniger ändern wird, als es zunächst scheint. Sargsjan kann weiterhin aus dem Hintergrund die Fäden ziehen. Und vermutlich bereut er, dass er sich nicht gleich dafür entschieden hat." Quelle: http://www.spiegel.de/politik/ausland/a ... 04491.html

Für micht ist klar dass Putin eingreifen wird falls seine Interessen ernsthaft in Gefahr sind.

Paschinjan hält die Außenpolitik bewusst heraus, es gehe um nationale Veränderungen. Die Korruption hat allerdings ein gigantisches Ausmaß - jeder, der etwas zu sagen hat, ist geschäftlich involviert. Und wer nicht korrupt ist bzw. nicht korrumpieren kann, hat keinerlei Perspektive.

Paschinjan sieht Polen als Vorbild, wie es damals gegen die kommunistische Diktatur gekämpft hat.

Moskau wird natürlich sehr argwöhnisch sein müssen, der Kreml ist selbst korrupt bis ins Mark und die Oligarchen betrachten den Staat als ihre natürliche Beute, aus dem man Kapital quetscht, um es dann gewaschen zu transferieren.
Und wenn das Volk gegen "Betrüger" auf die Straße geht, wie der >>Sputnik<< fabuliert, dann kennen das die russischen Bürger doch und Spezialeinheiten sind genau auf diesen Fall vorbereitet. Letztlich ist doch das eigene Volk die größte Gefahr für Putin und Konsorten.

Kann schon sein, dass russische Truppen eingreifen werden. Wenn nicht jetzt, vielleicht später. Dazu aber zwei Anmerkungen. 1. Bei der Orangenen Revolution in der Ukraine griff man nicht ein, sondern setzte alsbald auf den korrupten Janukowitsch. 2. Sanktionen sind teuer, die russische Oligarchie ist bereits unter Druck.
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Re: Wie weiter mit Armenien ?

Beitragvon Excellero » Mi 25. Apr 2018, 10:23

Lasst sie mal machen die Armenier... ich hoffe jetzt stürmen nicht irgendwelche Frakträger das Land und wollen sie in die EU oder Nato buxieren... dann wäre Russland wirklich pissed.
Um fremden Wert willig und frei anzuerkennen, muß man eigenen haben.
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Re: Wie weiter mit Armenien ?

Beitragvon DarkLightbringer » Mi 25. Apr 2018, 10:37

Excellero hat geschrieben:(25 Apr 2018, 11:23)

Lasst sie mal machen die Armenier... ich hoffe jetzt stürmen nicht irgendwelche Frakträger das Land und wollen sie in die EU oder Nato buxieren... dann wäre Russland wirklich pissed.

Noch ist die Oligarchie weitgehendst unangetastet. Den Leuten geht es vor allem um die Korruption, was beim Maidan allerdings nicht sehr viel anders war.

Und "Sputnik" denunziert den Anführer der Proteste bereits als "antirussisch" und sieht - so wörtlich - "Sponsoren".
Da stellt sich schon die Frage, ob der Kreml nun Schutzmacht von Berg-Karabach oder nicht eher Schutzmacht der Korruption ist.
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Re: Wie weiter mit Armenien ?

Beitragvon Excellero » Mi 25. Apr 2018, 11:47

DarkLightbringer hat geschrieben:(25 Apr 2018, 11:37)

Noch ist die Oligarchie weitgehendst unangetastet. Den Leuten geht es vor allem um die Korruption, was beim Maidan allerdings nicht sehr viel anders war.

Und "Sputnik" denunziert den Anführer der Proteste bereits als "antirussisch" und sieht - so wörtlich - "Sponsoren".
Da stellt sich schon die Frage, ob der Kreml nun Schutzmacht von Berg-Karabach oder nicht eher Schutzmacht der Korruption ist.


Man sollte das nicht vergleichen mit "dem Maidan" der war von aussen initiiert die Eskalation provoziert und jetzt haben sie ne faschistische pseudo-Führerriege.
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Re: Wie weiter mit Armenien ?

Beitragvon Alexyessin » Mi 25. Apr 2018, 11:51

Excellero hat geschrieben:(25 Apr 2018, 12:47)

Man sollte das nicht vergleichen mit "dem Maidan" der war von aussen initiiert die Eskalation provoziert und jetzt haben sie ne faschistische pseudo-Führerriege.


Der Maidan war nicht von außen initiert. Keine Märchenstunde.
Der neue Faschismus wird nicht sagen: Ich bin der Faschismus. Er wird sagen: Ich bin kein Nazi, aber...
Baier is ma ned so - Baier sei is a Lebenseinstellung
Mia glangt das i woas das i kennt wenn i woin dadat
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Re: Wie weiter mit Armenien ?

Beitragvon zollagent » Mi 25. Apr 2018, 11:59

DarkLightbringer hat geschrieben:(23 Apr 2018, 16:04)

Soldaten laufen zur Protestbewegung über: http://www.tagesschau.de/ausland/armenien-183.html

Parallelen zu Ukraine werden sichtbar.
Wer an Absurditäten glaubt, wird Abscheulichkeiten begehen. (Voltaire)

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