Das russische Rentensystem

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SirToby
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Das russische Rentensystem

Beitragvon SirToby » Di 2. Aug 2016, 08:49

Dieser Strang soll sich mit der Thematik der russischen Altersversorgung beschäftigen.

Ich erachte dieses Thema für wichtig genug für einen eigenen Strang, weil es implizte Auswirkungen auf die russische Gesellschaft hat.

Zunächst zu den Eckdaten: Das russ. Renteneintrittsalter beträgt für Frauen 55, für Männer offiziell 60 Jahre, aber es gibt zahlreiche Ausnahmeregelungen, die ein früheres Ausscheiden ermöglichen. So liegt das Durchschnittsalter beim ersten Rentenbezug liegt bei 53 Jahren bei Frauen und 56 Jahren bei Männern.

"The average age at which Russians become eligible
for the pension is 53 for women and 56 for men—very
low by international standards. Only 39% of Russian
men aged 60–64 were employed in Russia in 2008, com
-
pared to 59% in the US. Despite efforts to increase the
real pension, wages were rising faster in the 2000s, so
the replacement rate—the pension as a proportion of
the average wage—was 35.7% as of 2010, which is in
line with international levels."

https://de.rbth.com/multimedia/infograp ... land_30817



Finanziert werden die Renten alleine durch den Arbeitgeber: dieser zahlt 22% des Lohns als Rentenabgaben, davon gehen 16% als direkte Ausschüttungen an die Rentner, 6% fliessen in den Rentenfonds, der als eine Art kapitalgedeckte Säule des Systems gedacht war, aber nun eher zum Löcherstopfen dient und wahrscheinlich bald aufgebraucht sein wird.

http://www.dekoder.org/de/article/mit-d ... onfisziert

https://de.rbth.com/multimedia/infograp ... land_30817



Da die Bevölkerung wie in den meisten Staaten eher altert, steht das russ. Rentensystem auf einer eher unsicheren Basis, frühere Versuche der Reformierung und der Anhebung des Eintrittsalters waren bisher nicht erfolgreich.

"Das russische Rentensystem wurde aus der Sowjetunion übernommen und weist daher im internationalen Vergleich einige Besonderheiten auf. So wurden die Renten ursprünglich nicht nach den individuellen Einkommen berechnet, sondern anhand der geleisteten Dienstjahre. Erst 2002 setzte Putin – gegen Widerstände aus der Bevölkerung – eine große neoliberale Rentenreform durch, die ein dreiteiliges Rentensystem einführte: Eine einzahlungsunabhängige und staatlich festgelegte Grundrente; eine obligatorische Komponente, die sich nach den geleisteten Rentenbeiträgen richtet (der Rentenversicherungsbeitrag liegt aktuell bei 22 %); sowie eine dritte, kapitalgedeckte Säule, bei der die Versicherungsnehmer freiwillig einen Teil ihrer Beiträge als vermögensbildenden Anteil in den staatlichen Rentenfonds oder an private Versicherungsträger übertragen. Diese Möglichkeit wurde anfangs nur wenig wahrgenommen, sodass 2009 das „1.000 + 1.000“-Programm aufgesetzt wurde, bei dem der Staat zu jedem einbezahlten Rubel in diese freiwillige Altersvorsorge (bis zu einem Betrag von 1.000 Rubel pro Monat) einen Rubel dazugab.1

Das russische Renteneintrittsalter liegt offiziell bei 55 Jahren für Frauen und 60 Jahren für Männer. Tatsächlich arbeiten jedoch viele Renter – 2007 waren es 27 %2 –, sofern es ihre Gesundheit erlaubt, auch nach dem Renteneintritt weiter, seitdem mit der erwähnten Rentenreform von 2002 sämtliche Beschränkungen diesbezüglich aufgehoben wurden. Vor dem Hintergrund, dass russische Männer im Durchschnitt nur 62 Jahre alt werden, wurde häufiger die Absenkung des Renteneintrittsalters diskutiert; aufgrund der Demografiekrise3 und der derzeitigen Wirtschaftskrise scheint dies jedoch wenig realistisch.

Ein Blick auf die Durchschnittsrenten zeigt, weshalb so viele Rentner arbeiten, denn die bezogenen Beträge reichen kaum zum Überleben: Bis 1999 sanken die Renten auf umgerechnet $ 16 pro Monat. Erst seit der wirtschaftlichen Konsolidierung unter Putin stiegen diese wieder an, überschritten 2006 erstmals die Marke von $ 100 und stiegen 2012 auf $ 300 US-Dollar an. Die gestiegenen Renten erklären Putins hohe Beliebtheit in dieser Wählerklientel, da diese den Hauptgrund für die über die letzten Jahre erfahrenen Verbesserungen in seiner Politik sieht."

http://www.dekoder.org/de/gnose/rentensystem
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Re: Das russische Rentensystem

Beitragvon HugoBettauer » Do 4. Aug 2016, 16:16

Die russische Altersvorsorge ist anders als du darstellst nicht bis 2002 am sowjetischen Modell nachempfunden. Schon in den 90er Jahren wurden viele Sachleistungen für Senioren wie kostenloser ÖPNV abgeschafft und teilweise durch Geldbeträge abgegolten.
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Re: Das russische Rentensystem

Beitragvon Cobra9 » Do 4. Aug 2016, 18:16

HugoBettauer hat geschrieben:(04 Aug 2016, 17:16)

Die russische Altersvorsorge ist anders als du darstellst nicht bis 2002 am sowjetischen Modell nachempfunden. Schon in den 90er Jahren wurden viele Sachleistungen für Senioren wie kostenloser ÖPNV abgeschafft und teilweise durch Geldbeträge abgegolten.


Das kann Ich wo nachlesen ? Weil Ich lese in anderen Quellen durchaus andere Meinungen.
Siehe

http://econpapers.repec.org/paper/frafranaf/167.htm
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Re: Das russische Rentensystem

Beitragvon Adam Smith » Do 4. Aug 2016, 18:32

Das kann man hier nachlesen.

http://www.aktuell.ru/russland/politik/ ... _2320.html

Und die Umstellung in Bezug auf Sachleistungen fand hier am 01.01.2005 statt.

Oder auch hier:

Moskau (Russland), 23.01.2005 – Seit Jahresbeginn ist in Russland die neue Sozialreform des Kreml in Kraft getreten, die den Ersatz der staatlichen Vergünstigungen durch direkte Geldzahlungen vorsieht. Diese Sozialreform bedeutet für viele Russen starke Einschnitte in ihre ohnehin schon schlechte Lebenslage, wenn staatliche Organisationen die Auszahlungen der versprochenen Mittel zurückhalten.

Rentner, Invaliden und Kriegsveteranen, welche bisher mit ihren Ausweisen kostenlos U-Bahn und Busse nutzen durften, müssen nun dazuzahlen. Seit dem 11. Januar, dem ersten Arbeitstag nach den verlängerten Silvesterfeiern reagieren Millionen minderbemittelter Russen, die „Lgotniki“ genannt werden, mit Massenprotesten.


https://de.wikinews.org/wiki/Starke_Pro ... n_Russland

Oder auch hier:

Das umfangreiche Gesetzpaket zur Sozialreform war in Russland zum Jahresbeginn in Kraft getreten. Es sieht vor, die früher weit verbreiteten kostenlosen Sozialdienstleistungen für Rentner, Behinderte, Kriegsveteranen und eine Reihe anderer Bevölkerungskategorien abzuschaffen und teilweise durch Geldzahlungen zu ersetzen. Die Regierung und Präsident Putin hatten versprochen, dass die Reform niemanden wirtschaftlich schlechter stellen würde. Bereits seit Anfang Januar protestieren vor allem Rentner landesweit gegen die Reform.


http://www.aktuell.ru/rupol0010/morenew ... ditem=2645
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Re: Das russische Rentensystem

Beitragvon SirToby » Fr 5. Aug 2016, 22:46

HugoBettauer hat geschrieben:(04 Aug 2016, 17:16)

Die russische Altersvorsorge ist anders als du darstellst nicht bis 2002 am sowjetischen Modell nachempfunden. Schon in den 90er Jahren wurden viele Sachleistungen für Senioren wie kostenloser ÖPNV abgeschafft und teilweise durch Geldbeträge abgegolten.


Die Sachleistungen wurden monetarisiert. Wo soll ich bitte geschrieben haben, das sei nicht der Fall?
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Re: Das russische Rentensystem

Beitragvon Cobra9 » Sa 6. Aug 2016, 06:32

Adam Smith hat geschrieben:(04 Aug 2016, 19:32)

Das kann man hier nachlesen.

http://www.aktuell.ru/russland/politik/ ... _2320.html

Und die Umstellung in Bezug auf Sachleistungen fand hier am 01.01.2005 statt.

Oder auch hier:



https://de.wikinews.org/wiki/Starke_Pro ... n_Russland

Oder auch hier:



http://www.aktuell.ru/rupol0010/morenew ... ditem=2645



Es ging mir eher darum das die russ. Rentenkasse nicht doch nach alten sozial. Grundsätzen gearbeitet hat. Bei Ländern der Ex-Sowjetzone ist genau das nämlich mehrteilig der Fall.
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Re: Das russische Rentensystem

Beitragvon Adam Smith » Sa 6. Aug 2016, 10:25

Cobra9 hat geschrieben:(06 Aug 2016, 07:32)

Es ging mir eher darum das die russ. Rentenkasse nicht doch nach alten sozial. Grundsätzen gearbeitet hat. Bei Ländern der Ex-Sowjetzone ist genau das nämlich mehrteilig der Fall.


Vor 2002 auf jeden Fall. Hier steht dass die Reform aus dem Jahr 2004/2005 (teilweise?) gescheitert ist.

2005 versuchte Putin, die Vergünstigungen durch Geldleistungen zu ersetzen (Monetarisierung), was jedoch aufgrund starken Widerstands gescheitert ist: Im ganzen Land gingen Rentner auf die Straße. So kam es zur ersten größeren Welle von Sozialprotesten unter Putin und seine Umfragewerte sackten erstmals seit seinem Amtsantritt deutlich ab.


http://www.dekoder.org/de/gnose/rentensystem
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Re: Das russische Rentensystem

Beitragvon Cobra9 » Sa 6. Aug 2016, 10:28

Adam Smith hat geschrieben:(06 Aug 2016, 11:25)

Vor 2002 auf jeden Fall. Hier steht dass die Reform aus dem Jahr 2004/2005 (teilweise?) gescheitert ist.



http://www.dekoder.org/de/gnose/rentensystem


Das Russ. Rentensystem ist eine mod. Version des alten sowje. Systems und bei weitem nicht ein ganz neues System wie mir Hugo wohl erklären wollte. Über das System an sich kann streiten wie bei jeder Rentenkasse. Ich bewzeifle aber auch das die russ. Rente noch lange so gut finanziert wird

http://www.focus.de/finanzen/news/neue- ... 17269.html
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Re: Das russische Rentensystem

Beitragvon HugoBettauer » So 7. Aug 2016, 08:16

SirToby hat geschrieben:(05 Aug 2016, 23:46)

Die Sachleistungen wurden monetarisiert. Wo soll ich bitte geschrieben haben, das sei nicht der Fall?

Ich habe nicht geschrieben, dass du das nicht geschrieben hast. Nur ging der Übergang bereits in den 90ern los und fand mit Putins damals "neoliberal" genannten Reformen eine abschließende Verschärfung. Das sowjetische Rentensystem war bereits in den 90ern Geschichte. Dein Artikel legt nahe, es sei bis 2002 mehr oder minder weitergegangen.
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Re: Das russische Rentensystem

Beitragvon SirToby » Do 11. Aug 2016, 19:24

Die Rentenerhöhungen waren ein wesentlicher Grund, mit denen sich Russland die Zustimmung der Krimbewohner "erkauft hat", doch die Sanktionen machen den Rentenplanern wegen der stark erhöhten Lebenshaltungskosten einen Strich durch die Rechnung.

Dmitri Medwedew wird unfreiwillig zum Kronangeklagten einer wütenden Rentnerin:

"Stellen Sie sich vor: Sie sind der russische Regierungschef. Vor zwei Jahren hat ihr Land den Ukrainern die Krim stibitzt. Der Bevölkerung dort hatten Sie und ihr Boss Wladimir Putin damals eine Angleichung an die russischen Lebensstandards versprochen, und natürlich konnten Sie ihr Versprechen nicht halten. Im Februar hat es eine Rentenerhöhung um vier Prozent gegeben, aber was tut das schon zur Sache? Lebensmittel sind teuer, ja, alles ist teuer."

http://www.loksh.org/2016/05/30/rlw54/

https://www.youtube.com/watch?v=WSq7oxM_fyo

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Re: Das russische Rentensystem

Beitragvon HugoBettauer » Mo 15. Aug 2016, 05:34

SirToby hat geschrieben:(11 Aug 2016, 20:24)

Die Rentenerhöhungen waren ein wesentlicher Grund, mit denen sich Russland die Zustimmung der Krimbewohner "erkauft hat", doch die Sanktionen machen den Rentenplanern wegen der stark erhöhten Lebenshaltungskosten einen Strich durch die Rechnung.

Dmitri Medwedew wird unfreiwillig zum Kronangeklagten einer wütenden Rentnerin:

"Stellen Sie sich vor: Sie sind der russische Regierungschef. Vor zwei Jahren hat ihr Land den Ukrainern die Krim stibitzt. Der Bevölkerung dort hatten Sie und ihr Boss Wladimir Putin damals eine Angleichung an die russischen Lebensstandards versprochen, und natürlich konnten Sie ihr Versprechen nicht halten. Im Februar hat es eine Rentenerhöhung um vier Prozent gegeben, aber was tut das schon zur Sache? Lebensmittel sind teuer, ja, alles ist teuer."

Lebensmittel sind auch teuer in Ukraine, wo Renten fast gar nichts mehr wert sind. Rentnerin regt sich unnötig auf. Typisch Wutbürger.
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Re: Das russische Rentensystem

Beitragvon SirToby » Di 16. Aug 2016, 15:11

Meines Wissens nach alimentiert Russland seine Rentner durch den Staatshaushalt. Die Frage ist, ob Russlands Rentner dann noch genauso zu Putin stehen, wenn der Staat sparen muss.

Warscheinlicher wäre allerdings eher eine kalte Enteignung über Inflation.
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Re: Das russische Rentensystem

Beitragvon HugoBettauer » Mi 24. Aug 2016, 10:48

SirToby hat geschrieben:(16 Aug 2016, 16:11)

Meines Wissens nach alimentiert Russland seine Rentner durch den Staatshaushalt. Die Frage ist, ob Russlands Rentner dann noch genauso zu Putin stehen, wenn der Staat sparen muss.

Warscheinlicher wäre allerdings eher eine kalte Enteignung über Inflation.

Es gibt keine relevante politische Gruppe, die ein für Rentner attraktiveres Rentensystem plant. Unter den "Liberalen" Neocons und Nationalisten in den 90ern brach der Rentenwert beispiellos ein. Das ist wie wenn man mit den Grünen hadert, weil sie nicht so grün sind wie man gern hätte. Es fehlen am Ende doch die gewünschten Alternativen, dann bleibt man beim Bewährten, wenn auch nicht so begeistert. Deine These, dass Russlands Rentner Kürzungen erleben, ist aber eher unwahrscheinlich angesichts der Stärke Russlands.
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Re: Das russische Rentensystem

Beitragvon SirToby » Mo 29. Aug 2016, 20:58

Ein älterer Bericht zur Lage der Rentner in Russland, das war noch vor der Zeit des Russlandjubels - und als der Ölpreis nocn hoch war:

http://de.sputniknews.com/zeitungen/201 ... t-ab-.html

"Russland ist in Sachen Lebensqualität für Senioren im Ländervergleich auf Platz 78 eingestuft worden, schreibt die Zeitung „Nowyje Iswestija“ am Mittwoch. Russland ist in Sachen Lebensqualität für Senioren im Ländervergleich auf Platz 78 eingestuft worden, schreibt die Zeitung „Nowyje Iswestija“ am Mittwoch. Das geht aus einem unter der Schirmherrschaft der Uno erstellten Ranking der Wohltätigkeitsorganisation HelpAge International hervor. Anhand von Daten der Weltbank und der Weltgesundheitsorganisation (WHO), der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) und der UNESCO wurde die Lebensqualität von Menschen ab 60 Jahren in 91 Ländern untersucht. Einkommen, Gesundheitszustand, Bildungsgrad, Beschäftigung, Umweltsituation und soziale Aktivitäten galten bei der Studie als Gradmesser. Auf den ersten drei Plätzen landeten Schweden, Norwegen und Deutschland. Ihnen folgen die Niederlande, Kanada, Schweiz, Neuseeland, USA, Island, Japan, Österreich, Irland und Großbritannien. Schlusslichter sind Pakistan, Tansania und Afghanistan. Russland steht in dem Ranking fast auf einer Stufe mit Nepal und Laos. Selbst in Weißrussland (Platz 60) und der Ukraine (Platz 66) ist die Lebensqualität der Rentner besser. Auch in allen anderen BRICS-Ländern (Brasilien, Indien, China, Südafrika) geht es älteren Menschen besser als in Russland, obwohl es in China und Indien überhaupt kein einheitliches Rentenversicherungssystem gibt und nur Beamte mit Renten rechnen dürfen."
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Re: Das russische Rentensystem

Beitragvon HugoBettauer » Di 30. Aug 2016, 12:28

Das ist ein älterer Bericht. Für politische Entscheidungen ist nicht der Vergleich mit dem mehr oder minder kommunistischen Ausland (Belarus) entscheidend, sondern damit was andere politische Richtungen vorschlagen. Ginge es nach der russischen KP, wären alle gleich arm. Das ist keine Option bei der Wahl.
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Re: Das russische Rentensystem

Beitragvon Cobra9 » Di 30. Aug 2016, 14:50

Die Rente in Russland ist nicht so super

21.04.2015
Rentner in RusslandSpürbare Not

Rentner in Russland haben wenig zum Leben - und mit der Krise ist es noch einmal schlimmer geworden. Viele von ihnen können sich nicht einmal eine warme Mahlzeit leisten und essen in Armenküchen. Doch auch da werden die Ressourcen knapp.

http://www.deutschlandfunk.de/rentner-i ... _id=317694
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Re: Das russische Rentensystem

Beitragvon SirToby » Mi 31. Aug 2016, 08:54

HugoBettauer hat geschrieben:(30 Aug 2016, 13:28)

Das ist ein älterer Bericht. Für politische Entscheidungen ist nicht der Vergleich mit dem mehr oder minder kommunistischen Ausland (Belarus) entscheidend, sondern damit was andere politische Richtungen vorschlagen. Ginge es nach der russischen KP, wären alle gleich arm. Das ist keine Option bei der Wahl.


Der Bericht ist aus 2013, also kurz vor der Krimkrise. Und man sieht: Auch mit hohen Ölpreisen und ohne Santionen, ging es den russ. Rentnern nicht gut. Die Zustände werden sich im Vergleich zu damals nicth verbessert haben, im Gegenteil.
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Re: Das russische Rentensystem

Beitragvon HugoBettauer » Do 1. Sep 2016, 19:00

SirToby hat geschrieben:(31 Aug 2016, 09:54)

Der Bericht ist aus 2013, also kurz vor der Krimkrise.

Ich sage ja, er ist alt.
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Re: Das russische Rentensystem

Beitragvon Zerberster » Sa 3. Sep 2016, 20:46

SirToby hat geschrieben:(29 Aug 2016, 21:58)

Ein älterer Bericht zur Lage der Rentner in Russland, das war noch vor der Zeit des Russlandjubels - und als der Ölpreis nocn hoch war:

http://de.sputniknews.com/zeitungen/201 ... t-ab-.html

"Russland ist in Sachen Lebensqualität für Senioren im Ländervergleich auf Platz 78 eingestuft worden, schreibt die Zeitung „Nowyje Iswestija“ am Mittwoch. Russland ist in Sachen Lebensqualität für Senioren im Ländervergleich auf Platz 78 eingestuft worden, schreibt die Zeitung „Nowyje Iswestija“ am Mittwoch. Das geht aus einem unter der Schirmherrschaft der Uno erstellten Ranking der Wohltätigkeitsorganisation HelpAge International hervor. Anhand von Daten der Weltbank und der Weltgesundheitsorganisation (WHO), der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) und der UNESCO wurde die Lebensqualität von Menschen ab 60 Jahren in 91 Ländern untersucht. Einkommen, Gesundheitszustand, Bildungsgrad, Beschäftigung, Umweltsituation und soziale Aktivitäten galten bei der Studie als Gradmesser. Auf den ersten drei Plätzen landeten Schweden, Norwegen und Deutschland. Ihnen folgen die Niederlande, Kanada, Schweiz, Neuseeland, USA, Island, Japan, Österreich, Irland und Großbritannien. Schlusslichter sind Pakistan, Tansania und Afghanistan. Russland steht in dem Ranking fast auf einer Stufe mit Nepal und Laos. Selbst in Weißrussland (Platz 60) und der Ukraine (Platz 66) ist die Lebensqualität der Rentner besser. Auch in allen anderen BRICS-Ländern (Brasilien, Indien, China, Südafrika) geht es älteren Menschen besser als in Russland, obwohl es in China und Indien überhaupt kein einheitliches Rentenversicherungssystem gibt und nur Beamte mit Renten rechnen dürfen."


Der Opposition werden die Rentner nichts bringen.


„Furchtbar, doch so musste es kommen in einem Land, in dem 40 Prozent der Menschen derartig arm sind, dass sie selbst die ohnehin schon viel zu niedrig angesetzte offizielle Armutsgrenze unterschreiten. Keinem blieb verborgen, dass sie Demokraten nie den Zugang zu diesem Teil der Bevölkerung gesucht, ja sogar jeden Kontakt beflissentlich vermieden haben. Sie dienten sich vielmehr den Reichen sowie den Vertretern der im Entstehen begriffenen Mittelschicht an, wollten das Privateigentum schützen und die Interessen der neuen Eigentümer verteidigen. Arme besitzen nun einmal kein Eigentum, also wurden sie von den Demokraten irnoriert. Die Nationalisten waren schlauer. Deshalb wandte sich der arme Teil der Bevölkerung von den Demokraten ab.“
Anna Politkowskaja: Russisches Tagebuch, Frankfurt am Main 2008, S. 18f
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Re: Das russische Rentensystem

Beitragvon SirToby » So 4. Sep 2016, 06:12

Putin wird von seinen Verehrern ja immer gerne als weitsichtiger Führer gepriesen, der vor schwierigen Entscheidungen nicht zurückschreckt. Sobald es aber mal an unpopuläre Themen geht, sieht man doch einen erstaunlichen Unwillen, diese anzugehen. 2011 gab es schon mal eine ähnliche Diskussion über die Anhebung des Renteneintrittsalters in Russland. Damals wurde die Rente für sakrosankt erklärt und die Diskussion für die nächsten Jahre auf Eis gelegt. Aber die schmelzenden Reserven des Staates bringen das Thema jetzt wieder auf die Tagesordnung.

Ebenso wie bei den Maierlassen zeigt sich halt eben immer wieder, dass Putin halt eben kein Visionär ist sondern einfach nur ein Populist, der das Blaue vom Himmel verspricht.

"Heraufsetzung des Eintrittsalters auf 63 Jahre? In der Regierung gibt es pro und contra

Russland und sein ewiger Sonderweg. Das Rentensystem zum Beispiel. Seit 1932 hat sich das Renteneintrittsalter nicht mehr verändert und gehört mit 60 Jahren für Männer und 55 Jahren für Frauen zu den niedrigsten der Welt. In der Krise ist der Streit um seine Erhöhung neu aufgeflammt. Und sogar Präsident Putin hat ihn nicht gleich im Keim erstickt.

Mit der Rente könnte einmal alles stehen und fallen. Die ganze schöne soziale Stabilität. Vielleicht sogar das Vertrauen in den Präsidenten. Zumindest aber ein Lebensmodell, das über Jahrzehnte Bestand hatte. Das könnten viele übelnehmen. Und auf dieser Flanke riskiert die russische Staatsführung lieber nichts. 2011 erklärte Wladimir Putin, der damals zwischenzeitlich Premierminister war, die unpopuläre Diskussion um eine Anhebung des Rentenalters sei für die nächsten fünf Jahre tabu. Frühestens 2016 wolle man zu der Frage zurückkehren, wenn überhaupt.

Ähnlich hat sich Putin dann auch im Präsidentschaftswahlkampf geäußert, bevor er wieder in den Kreml einzog. Doch das war vor der Krim, vor den Sanktionen, vor der Wirtschaftskrise. Und schon damals warnten Experten wie der von Putin geschätzte ehemalige Finanzminister Alexej Kudrin, Russland werde um ein steigendes Rentenalter nicht herum­kommen und damit eine Entwicklung nachvollziehen, die andere Industrie­staaten längst durchgemacht haben.

Bisher gilt in Russland ein Renteneintrittsalter von 60 Jahren für Männer und von 55 Jahren für Frauen. In den nördlichen Regionen sind es wegen der erschwerten Lebensbedingungen noch fünf Jahre weniger. Außerdem gelten zahlreiche Ausnahmen für bestimmte Berufsgruppen.

Das Eintrittsalter gilt unverändert seit Einführung des Rentensystems im Jahr 1932. Damals war die Lebenserwartung noch erheblich niedriger, inzwischen liegt sie auch in Russland bei 71 Jahren. Schon deshalb halten Kritiker eine Anpassung längst für überfällig. Und zu den Standardargumenten wie dem Bevölkerungsschwund und dem Defizit in der Rentenkasse hat sich nun auch noch die prekäre wirtschaftliche Lage gesellt, die Finanzreserven wie den Nationalen Wohlstandsfonds dahinschmelzen lässt. Neue Einnahmequellen zu erschließen, kann vor diesem Hintergrund weder kurz- noch langfristig schaden.

...

Nach Expertenprognosen könnte es in Russland bereits 2035 so viele Rentner geben wie Berufstätige. Das hält kein Rentensystem aus. Schon heute haben die Belastungen für die Rentenkasse kritische Ausmaße erreicht. 2010 sprengte das Defizit erstmals die Marke von einer Billion Rubel und konnte auch durch die Erhöhung der Sozialabgaben von 26 auf 34 Prozent nur teilweise ausgeglichen werden. Im Jahr 2015 sind Transferleistungen aus dem Haushalt in den Rentenfonds in Höhe von 2,8  Billionen Rubel geplant (umgerechnet rund 50 Milliarden Euro). Eine gigantische Summe, fast doppelt so hoch wie die Gesamtausgaben für die Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi. Kritiker dieser Praxis rechnen vor, dass eine Angleichung des Renteneintrittsalters für Männer und Frauen auf dem Niveau von maximal 63 Jahren bis 2030 die Zahl der Rentenempfänger von 41,1 auf 35  Millionen Menschen senkt. Damit könnte zumindest die Schieflage des Rentensystems reduziert werden.

Präsident Putin hat die Diskussionen zugelassen, ohne sich selbst daran zu beteiligen. Dafür meldete sich immer wieder der sogenannte „soziale Block“ der Regierung um Vizepremier Olga Golodez zu Wort und erteilte sämtlichen Reformplänen eine Absage. In „näherer Zukunft“ gebe es nichts zu erörtern, sagte sie neulich. Stattdessen würden die Rahmenbedingungen verbessert, damit Berufstätige auch nach Erreichen des Rentenalters weiter arbeiten könnten.

..."

http://www.old.mdz-moskau.eu/streit-um- ... ittsalter/
Daniel Patrick Moynihan: "Sie haben ein Recht auf ihre eigene Meinung! Sie haben kein Recht auf ihre eigenen Fakten!"

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