Blick nach Russland Sammelstrang

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Cobra9
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Re: Blick nach Russland Sammelstrang

Beitragvon Cobra9 » Di 29. Mai 2018, 13:00

schokoschendrezki hat geschrieben:(29 May 2018, 13:48)

Ich hatte mir übrigens kürzlich bei einer Wartezeit auf einem Bahnhof, da mein Digitalzeugs grad keinen Strom hatte, einfach mal eine Ausgabe des COMPACT-Magazins von Chefredakteur Jürgen Elsässer gekauft, um mir einen schnappschussartigen Eindruck zu machen. Mal abgesehen davon, dass es anstelle einer als "Ethnopluralismus" getarnten neurechten Ideologie völlig offenen unverhüllten Rassismus gab ("Wer abends in Deutschland ins Bett geht, wacht mit dem Morgenmagazin auf einem anderen Kontinent wieder auf. Nur noch Moderatoren aus Afrika, Nahost und Asien. Schwarze Haare, braune Haut. Blondinen mit blauen Augen, das war früher. Als wir noch nicht fremd im eigenen Land waren.") ... hat mich eines denn doch überrascht: Dass anstelle einer "gewissen Russlandaffinität" schlicht und einfach massiv und gefühlt in fast jedem Beitrag reine Kremlpropaganda und Putinhuldigung zu lesen war.


Schade eigentlich. Manchmal hatte der Autor ganz gute Stories. Langer her
Leben ist das was passiert, während du beschäftigt bist, andere Pläne zu machen.
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SirToby
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Re: Blick nach Russland Sammelstrang

Beitragvon SirToby » Di 29. Mai 2018, 17:53

schokoschendrezki hat geschrieben:(29 May 2018, 13:48)

Ich hatte mir übrigens kürzlich bei einer Wartezeit auf einem Bahnhof, da mein Digitalzeugs grad keinen Strom hatte, einfach mal eine Ausgabe des COMPACT-Magazins von Chefredakteur Jürgen Elsässer gekauft, um mir einen schnappschussartigen Eindruck zu machen. Mal abgesehen davon, dass es anstelle einer als "Ethnopluralismus" getarnten neurechten Ideologie völlig offenen unverhüllten Rassismus gab ("Wer abends in Deutschland ins Bett geht, wacht mit dem Morgenmagazin auf einem anderen Kontinent wieder auf. Nur noch Moderatoren aus Afrika, Nahost und Asien. Schwarze Haare, braune Haut. Blondinen mit blauen Augen, das war früher. Als wir noch nicht fremd im eigenen Land waren.") ... hat mich eines denn doch überrascht: Dass anstelle einer "gewissen Russlandaffinität" schlicht und einfach massiv und gefühlt in fast jedem Beitrag reine Kremlpropaganda und Putinhuldigung zu lesen war.


Wundert Sie das wirklich? Elsässer hat während des kalten Kriegs Kremlpropaganda gemacht, und jetzt halt wieder...
Daniel Patrick Moynihan: "Sie haben ein Recht auf ihre eigene Meinung! Sie haben kein Recht auf ihre eigenen Fakten!"
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schokoschendrezki
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Re: Blick nach Russland Sammelstrang

Beitragvon schokoschendrezki » Mi 30. Mai 2018, 07:51

SirToby hat geschrieben:(29 May 2018, 18:53)

Wundert Sie das wirklich? Elsässer hat während des kalten Kriegs Kremlpropaganda gemacht, und jetzt halt wieder...

Wenn es mal so einfach wäre ... Radikaler als eine Wandlung von einer Leitfigur der Antideutschen zu einem Ultranationalisten gehts kaum noch. Ist auch nicht mit der einfachen Gleichung extrem ist eben extrem zu lösen.

Aber mit Bezug auf Russland: Wie alle Nationalismen wird auch der deutsche pro-russische Nationalismus mit dem Widerspruch fertig werden müssen, dass er dann Ausschlussmythen erstellen muss. In "Mein Kampf" hatte Hitler noch die Japaner als "nicht kulturschöpferische Rasse" gebrandmarkt. Im 2. WK wurden sie dann zu "Ehrenariern" ernannt. Den Querfront-Nationalismus vom Typ Elsässer kann man u.a. auch durch seinen Opportunismus entlarven. Er stellt sich als ehrlich, ehrenhaft, identitär usw. dar, laviert aber eigentlich immer je nach machttaktischen Gegebenheiten.
"Ich kann keine Nation lieben, ich kann keinen Staat lieben, ich kann nur meine Freunde lieben." Hannah Arendt
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Re: Blick nach Russland Sammelstrang

Beitragvon Sole.survivor@web.de » Mi 30. Mai 2018, 08:16

Vorweg: Wenn dieser kleine Exkurs in die deutsche Politik den Rahmen sprengt, bitte ausgliedern und nicht einfach entsorgen.

schokoschendrezki hat geschrieben:(30 May 2018, 08:51)

Wenn es mal so einfach wäre ... Radikaler als eine Wandlung von einer Leitfigur der Antideutschen zu einem Ultranationalisten gehts kaum noch. Ist auch nicht mit der einfachen Gleichung extrem ist eben extrem zu lösen.

Das nicht, aber es zeigt ein ähnliches Problem der Zuspitzung der Antinationalen Ende der 80er/Anfang der 90er zu den sogenannten Antideutschen, wie es auch schon der sowjetische Internationalismus sich ins Haus holte: Wer die Nation und den Nationalismus zum Bezugspunkt macht, der kommt dem Nationalismus nicht aus.

Konkret lassen sich bei Elsässer zwei Handlungsstränge erkennen:

1) Die ursprünglich undifferenzierte Sorge um "die einfachen Leute" (Bahro sprach von Underdog-Klientelismus) kauft sich typisch sozialdemokratische, auf die bestehende Nation und Ordnung bezogene Handlungsalternativen, Abwägungen und Problemfelder ein. http://www.umweltdebatte.de/klientel-bahro.htm
Daraus wird dann in der krisenhaften Zuspitzung die Mobilisierung der Volksgemeinschaft nicht nur gegen "die da oben" sondern auch "die da draußen".

Zweierlei Ausprägungen:
* Die da oben wollen die da draußen unsere Jobs machen lassen, schaffen unsere gute deutsche Arbeit ins Ausland für Einsparungen. Das dürfen die nicht, der Ausländer kann das nicht, wir haben ein Recht auf unsere deutschen Arbeitsplätze hier in Deutschland.(dominant ca 1995-2005)
* Die da oben wollen die da draußen für ihre Zwecke reinlassen, wollen uns verdrängen, verdünnen, ersetzen, zerstören unsere Kultur. Der Ausländer darf nicht rein, er ist nicht wie wir, er bringt rückschrittliche Kultur und Gewalt mit (vor allem 2005-heute)

2) Die Völkersolidarität, bevorzugt natürlich mit irgendwann ehemals progressiv, sozialistisch oder sonst wie angemalten Handlungssubjekten, hat ebenfalls Kollektive als Bezugspunkt, nicht Individuen und deren Schicksal. Wer so eingestellt ist, konnte im sowjetischen Tun bei aller Kritik an Macht- und Blockinteressen anerkennenswertes finden und hatte auch am eigenen Land, Verbündeten und USA genug zu kritisieren. Dass es dabei stellenweise etwas arg unkritisch gegenüber den unterlegenen Volkssubjekten und deren Repräsentanten, Diktaturen und Terrorgruppen vorwiegend, zuging, ist nicht spezifisch für Elsässer oder für Linke. Sowas haben wir heute mit der kritiklosen Tibetverhätschelung auch - Wir wollen hier nicht China aus der Kritik nehmen, es geht genau nur um den Blick auf die unterlegene Seite. Jedoch hat Elsässer diesen Fehler weitergesponnen zu einem Imperativ, jedes noch so unerhörte Mittel der Auseinandersetzung zu ergreifen, um nur nicht zu unterliegen. Für Europa denkt der dabei eine graduelle Interessengemeinsamkeit gegen den Orient schlechthin, jedoch klar auf Deutschlands Wohlstand bezogen. Da muss der einzelne Einwohner, der eben nicht holzschnittartig deutsch oder nichtdeutsch ist, mit allerlei Geboten, Verboten und Einordnungsbemühungen leben, wenn er nicht ausgeschlossen sein will. Das ist schon ziemlich hässlich, aber auch nicht so weit von manchem weg, das dümmere CSU-Denker an schlechten Tagen ausrufen oder aufschreiben.

Elsässer ist ein gutes schlechtes Beispiel und ein lehrbuchhaftes Anschauungsobjekt. Leider, denn das zeigt, dass er so singulär nicht ist.

Aber mit Bezug auf Russland: Wie alle Nationalismen wird auch der deutsche pro-russische Nationalismus mit dem Widerspruch fertig werden müssen, dass er dann Ausschlussmythen erstellen muss.

Das ist für den Nationalismus der Russen in Deutschland oder der Deutschen mit Sympathie für russischen Nationalismus kein ernstes Problem. Es gibt genug Gegnerbilder, die sich anbieten für solches.

In "Mein Kampf" hatte Hitler noch die Japaner als "nicht kulturschöpferische Rasse" gebrandmarkt. Im 2. WK wurden sie dann zu "Ehrenariern" ernannt. Den Querfront-Nationalismus vom Typ Elsässer kann man u.a. auch durch seinen Opportunismus entlarven. Er stellt sich als ehrlich, ehrenhaft, identitär usw. dar, laviert aber eigentlich immer je nach machttaktischen Gegebenheiten.

Es ist ein operativer Nationalismus des Tagesgeschäftes, der sich von Lehrbuchweisheiten emanzipiert. Damit kriegst du Elsässer nicht zu fassen, denn seine Fans interessieren sich nur mittelbar für tiefere Theorien. Sie interessieren sich für eine Welterklärung, in der sie gegenüber dem heute zu zornigen und unerhörten Handlungen und Forderungen berechtigt sind, in der die Außenwelt an dem nagt, das sie als ihr gutes, wohlverdientes Anrecht begreifen wollen. Ob sowas die Geschichte sauber abdeckt oder ob der operative Nationalismus des Elsässer vor 10 Jahren abwich, ist aus dieser Perspektive vollkommen gleichgültig. Das sind dann eben weitere Verrate der Außenwelt an unserer Gutmütigkeit, weitere Enttäuschungen, die unser Ausländer-Raus und unsere alternative Weltpolitik leider unumgänglich machen. Du kannst eine aktive Religion nicht durch Schrift-Exegese begreifen und so ist es auch mit Elsässers Wechselwirkung mit dem deutschen Protestklientel.
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Re: Blick nach Russland Sammelstrang

Beitragvon schokoschendrezki » Mi 30. Mai 2018, 13:54

Sole.survivor@web.de hat geschrieben:(30 May 2018, 09:16)
Zweierlei Ausprägungen:
* Die da oben wollen die da draußen unsere Jobs machen lassen, schaffen unsere gute deutsche Arbeit ins Ausland für Einsparungen. Das dürfen die nicht, der Ausländer kann das nicht, wir haben ein Recht auf unsere deutschen Arbeitsplätze hier in Deutschland.(dominant ca 1995-2005)
* Die da oben wollen die da draußen für ihre Zwecke reinlassen, wollen uns verdrängen, verdünnen, ersetzen, zerstören unsere Kultur. Der Ausländer darf nicht rein, er ist nicht wie wir, er bringt rückschrittliche Kultur und Gewalt mit (vor allem 2005-heute)

Prägnant formuliert. Alle Achtung.

Einer der Artikel in Compact 05/18 (und wahrscheinlich inzwischen auch online verfügbar) ist mit "Widerstand! Was tun?" überschrieben und beinhaltet ein Gespräch Elsässers mit Götz Kubitschek. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Anspielung auf Lenins wichtigste Pulbikation "Что делать?" (Was tun?") bewusst gewählt wurde. In beidem geht es um das strategische und taktische Bündnis-Schmieden. Bei Lenin sollte durch ein Bündnis der Arbeiterklasse mit dem Bildungsbürgertum eine "Avantgarde des Proletariats" entstehen. Als Keimzelle einer "Partei neuen Typs". Bei Elsässer/Kubitschek gehts um ein Bündnis "Bosbach bis Bachmann" und Personen wie die (im Artikel abgebildete) Vera Lengsfeld sollen das "Bildungsbürgertum" dabei sein.

Und selbstverständlich ist der Syrien-Konflikt Thema in der Ausgabe. Gleich im Editorial: Putin befiehlt seinen Truppen in Syrien "Zurückhaltung". Und bewahrt die Welt vor einem Dritten Weltkrieg. Klar. Und natürlich ist auch die Skripal-Affäre und die Fußball-WM in Russland Thema.

Zu Skripal übrigens noch eine ziemlich absurde Randgeschichte. Maria Sacharowa, die Sprecherin des russischen Außenministeriums, konterte Vorwürfe gegen Russland in diesem Fall mit dem Gegenargument, schon die Ermordung des Wunderheilers und Zarenvertrauten Rasputin sei im Auftrag des britischen Außenministeriums erfolgt. Nun wurde gerade wieder die Autobiographie des damaligen britischen Gesandten George Buchanan veröffentlicht und besprochen. Hätte sie dort mal nachlesen sollen. http://www.deutschlandfunk.de/george-william-buchanan-meine-mission-in-russland.1310.de.html?dram:article_id=418742
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Re: Blick nach Russland Sammelstrang

Beitragvon unity in diversity » Di 5. Jun 2018, 14:55

https://www.idowa.de/inhalt.oesterreich ... b1000.html
Stammgast Putin in Östereich.
Wer die Zeichen der Zeit nicht erkennt, wird von den Ereignissen überrollt.
Für jedes Problem gibt es zwei Lösungsansätze:
Den Falschen und den Unsrigen.
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